auf den dieser Tage zur Veröffentlichung kommenden Bericht aufmerksam und warnen vor einem voreiligen Urtheil. Die Berechnung der Regierung ist nach der Versicherung des Berichte: stattcis ganz falsch.
Wiesbaden, 14. October. In der heutigen 56. Sitzung des Nassamschcn Landtags wurden 3 wichtige Gesetzesvorlagen von der Kammer angenommen, näm- M 1) das Gesetz über Einführung einer Kapitalsteuer; 2) dasLGesetz über Einführung einer progressiven Einkommensteuer; 3) das von der Leipziger Eomiuiision ausgearbeitete deutsche Wechselgesttz.
Das letztere Gesetz wurde ohne alle Aenderung angenommen: bei den beiden andern Gesetzeutwürscn sind zwar Veränderungen angebracht worden, aber keine solche, welche wesentliche genannt werden könnten.
Das Nähere in der nächsten Nummer.
Nächste Sitzung: Montag den 16. October.
-+- Vom Fuße des Westerwaldes. In Ihrem geehrten Blatte vom 7. d. M. findet sich ein Artikel, in welchem als Deputirte für die am 15. d. M. zu Frankfurt Statt findende Versammlung der Lehrer des westlichen und südlichen Deutschlands aus der Zahl der der für die allgemeine Leserversammlung in Wiesba. den erwählten Abgeordneten die Herren Welker, Lang, Riehl, Prärorius, Kring und Hermanni als „vorzugsweise geeignet" vorgeschlagen werden.
Wir erkennen es dankbar an, daß insbesondere die Herren Welker, Riehl, Prätorius und Kring bei den Verhandlungen in Oranienstern einen wohlthätigen Einfluß auf den Gang der Debatten auSübten und sich daS Vertrauen der anwesenden Lehrer erworben haben (Hr. Hermanni hat sich, soviel wir uns erinnern, zu wenig bemerklich gemacht, um unë eh Urtheil über denselben zu erlauben), können ahr doch nicht umhin, gegen. die Annahme dieses Vorschlags Mancherlei einzuwenden. Als Repräsentanten der Lehrer Naffau's können diese Herren, da dieselben nur für die Versammlung in Wiesbaden durch Vorschlag und A-ckamation gewählt waren, nicht gelten. Auch liegt in jenem Vorschlag eine Unbilligkeit gegen die sechs anderen Abgeordneten, die, als minder bedeutend, in den Hintergrund gestellt werden. Und zuletzt möchten wir noch an einige Lehrer erinnern, die, wenn auch nicht in Oranienstcin anwesend, sich durch gediegene Bildung so apszeichnen, daß wir sie ungern bei den Versammlungen in Frankfurt vermißten. Wir nennen vor Allen den allgemein verehrten Lehrer Johannes Becker in Cronberg, die Herren Thielmann und Anthes in Wiesbaden und Ohlenburger in Herborn. Unser Vorschlag wäre der: Da eine Wahl wegen Kürze der Zeit nicht mehr ausführbar ist, und eine eigentliche Vcitrctuug der Lehrer Naffau's deßhalb nicht Statt finden kann, möchten sich möglichst viele Lehrer an jenem Cong-eß betheiligen und dort, wenn auch nicht als mitstimmende, doch als mitberathende Theilnehmer zur Erreichung d-s vorgestecktcu Zieles, Einigung der Lehrer Deutschlands, mitwirkeri.
Frankfurt, 13. October. Die Abgeordneten Blum, M. Hartmann, Fröbel, Boczek und Trambusch sind heute nach Wien abgereist. Sie überbringen dorttin folgende, von etwa 130 Mitgliedern der Nationalversammlung unterzeichnete Adresse:
„An die Wiener! Eure großartige Erhebung hat unsere ganze Bewunderet g erregt. Der blutige Kampf, den Ihr so glorreich bestanden habt, ist auch für uns, Eure Brüder, bestanden Wokden. Wir wissen, daß Ihr auch ferner wie bisher foitfahren werdet in Euren Bestrebungen, und daß Ihr dem übrigen Deutschland voraiiieuchtcn werdet durch Mannes Muth und Energie. Wir senden Euch.fünf unseier Freunde, um unsere Hochachtung und unsere innige Dankbarkeit für Eure Verdienste um die Freiheit auszudri cken."
Frankfurt, 14. Oct. Das heute erschienene Reichs- Gesetz Blatt Nr. 4 enthält f lgende Verordnung, be- tnffenb die Beschaffung von 5,250,000 fl. (3,000,000 Thaler) für die deutsche Marine; vom 10. Oct.
1848: „Der Reichs Verweser in Ausführung des Beschlusses der Reichsversammlung vom 14. Juni b. I., verordnet wie folgt: §. 1. Zum Zwecke der Begründung eines Anfangs für die deutsche Marine soll mittelst Umlage nach der bestehenden Bundcömatcikel vorläufig eine Summe von fünf Millionen Zweihun- dertfüufzigtauscnd Gulden (Drei Millionen Thaler) verfügbar gemacht werden. §. 2. Das Reichsministerium der Finanzen ist mit der Vollziehung dieser Verordnung beauftragt. Frankfurt, den 10. October 1848. Der Reichöverweser Erzherzog Joha nun. Der Reichsminister der Finanzen v. Beckerath."
Mannheim, 11. Oct. Es wurden im Laufe des gestrigen Nachmittags hier arretirt: Wirth Barth, Martin Wimmer, Holzhändler, und der prakt. Arzt Dr. Welcker, Sohn des Reichstagsgesandten. Die drei Verhafteten wurden nach Weinheim gebracht, sie sollen der Demolirung der Eisenbahn zwischen Großsachsen und Weinheim beschuldigt sein. — Sicherem Vernehmen nach ist die Untersuchung gegen Struve geschlossen. Assessor Winter in Lahr, welchem dieselbe aufgeüagen war, hat Bruchsal schon wieder verlassen; Struve soll ertast haben, die Verbrechen, welche ihm znr Last gelegt wurden, seien bekannt, er leugne sie nicht. Deine Mitverschwornen werde er nicht nennen, und überhaupt über das ganze Unternehmen keine Auskunft geben. Der Schwager Struve's, Schriftsetzer Dusar, Literat Blind und Eonsorten, sollen indessen bereits Gestandn sse gemacht haben. (MH. M.)
Freiburg, 11. Oct. Vorgestern sind 45 gefangene Freischärler, die sich an dem letzten Ausstande betheiiigt hatten, wohib wacht auf der Eisenbahn von hier nach dem Ceutraigefängniß zu Bruchsal abgeführt worden. Damit sind nun diese Ablieferungen beendigt, und es b.finden sich jetzt (außer Frau Struve) keine Gefangenen aus dem September-Aufstande mehr hier. (Fr. Z.)
Dessau, 6. Occhr. (Landesbeschlüsse.) Der Verewigte Dessauer La> dtag ist wieder dem deutschen Volke mit einigen wichtigen Beschlüssen aus der Bahn der Freiheit und Humanität verangegangen. In seiner Sitzung vom 6. October kam das Gesetz über Abschaffung der Todesstrafe zur Berathung. In einer ausgezeichneten Rede entwickelte Minister Habicht die Gründe, die das Ministerium bewogen hätten, der Ansicht der Commission beizutreten, daß auch im Kriege und bei Belagerungszuständen die Todesstrafe nicht zu vollstrecken sei. Zu solchen Zeiten biete freilich die Bewahrung und Bestrafung von Verbrechern ihre Schwierigkeit, das Ministerium habe sich aber gedacht, daß solche Verbrecher dann ganz wie Kriegsgefangene zu halten und zu behandeln seien. Der §.: „Die Todesstrafe ist ohne alle Ausnahme abgeschaffr" ward einstimmig angenommen, ebenso die Abschaffung des sogenannten „bürgerlichen Todes" und der Bermögensconfiscation. An die Stelle der Todesstrafe soll die Freiheitsstrafe treten, doch über das Maß derselben hat sich die Versammlung die definitive Bestimmung in dem Versassungögesetz vorbehalten.
— Hierauf kam das Gesetz über das Verhältniß der Kirche zum Staat an die Reihe. Daß eine vollständige Religionsfreiheit votirt wurde, so wie auch die Freiheit des Individuums, sich irgend einer Religionsgesellschaft anzuschließen oder nicht, versteht sich von selbst. Die meisten Bedenklichkeiten erhoben sich gegen den ersten Theil des Satzes: Jede Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbstständig, bleibt aber, wie jede andere Gesellschaft im Staate den Staats- gefe^en unterworfen." Man besorgte, es möchten Viele der Geldopfer wegen zu gar keiner Religionsgesellschaft gehören wollen und, so manche Gemeinden ohne Religion leben. Gleichwohl ward auch dieser Satz von dem Landtage angenommen.
Mecklenburg-Schwerin. (Raber und Bölte.) Das demokratische Prinzip hat einen der glänzendsten Siege erfochten. Vor wenigen Jahren wohnte zu i Hagenow Dr. Raber, welcher sich durch seine uneigen
nützige und liebevolle Behandlung der Armen, durch seinen offenen und biedern Charakter das allgemeine Vertrauen erworben hatte. Da er, schon damals, zu sagen wagte, was er dachte, da er der Regierung an- zeigte, daß durch die Nachlässigkeit des Amtsarztes jährlich viele Menschen geopfert würden, da er eS sogar einmal wagte, ein unschuldiges und fröhliches Kinderfest anzuordnen, so mißfiel er dem Bürgermeister Bölte, welcher — Bürgermeister war, d. h. Spion der vertrautesten Familienverhältnisse, allmächtiger und gefürchte, ter Gebieter zu Hagenow. Er wollte — und es geschah; Raber wurde mit seiner Frau aus Hagenow verwiesen. Er requtrirte bei der Regierung, vergeblich, denn Bölte berichtete. Raber bezog das Dorf Lehsen und behandelte von dort auS seine Kranken, aber Bölte wollte daS nicht und die Regierung verbot Raber jeden Aufenthalt und Besuch zu Hagenow. Vergebens sup- plizirte Raber bei der Regierung und dem Landtage, vergebens bat er nur um eine Untersuchung, die doch dem Diebe und Mörder bewilligt wird. Raber, den eine humane Regierung vergöttert hätte, weil er ohne Furcht und Rücksicht die entsetzlichsten Mißbräuche entdeckt und angezeigt hatte, Raber wurde auf Befehl Boltes verstoßen. Von Kumm r über die Erkrankung seiner Gattin, von Hunger und Armuth gezwungen, sah sich der unschuldige Märtyrer endlich genöthigt, auszuwandern. Die Regierung, wahrscheinlich froh, den beschämenden Anblick ihres Sündenbocks los zu werden, verstand sich dazu, Raber dreihundert Thaler Reisegeld zu bewilligen und so schiffte er sich mit seiner Frau und Schwägerin am 6. Sept. v. I. ein, um in Teras die Heimath zu suchen, die ihm in Deutschland ungerechter Weise geraubt war. Aber Gott sprach: Es werde Licht und es ward Licht und — Bölte reiste sehr eilig, sage sehr eilig, von Hagenow ab, denn es wüthete zur Zeit eine ganz eigenthümliche Krankheit in Mecklenburg: die Bürgermeisterseuche. Da ließ der Reisende Julius aus Fürstenberg eine energische Aufforderung an die Freunde Rabers im freimüthigen Abendblatts drucken und es zündete. Der Aovokat Boldt, der selbst weidlich unter dem alten Regime geduld t hatte, veranstaltete eine Sammlung und Raber ist -zurückgekehrt, was manchem Pieper-Vogel nicht lieb sein mag. Raber — und das ist eben die Hauptsache — ist sogleich Bürger und Abgeordneter für unsern Landtag geworden. Möge der arme Flüchtling nun die ersehnte Ruhe in seinem Vaterlande finden, möge er aber auch als Abgeordneter feines eigenen Schicksals eingedenk sein und stets mit Gut und Blnt dafür kämpfen, daß die Despotie der Bürgermeister gebrochen werde, und daß das Licht der Freiheit in alle Hütten dringe.
Berlin, 10. October. (Amnestie für die Polen.) Der in der gestrigen Sitzung der constktuirenden Versammlung von dem Ministerpräsiventen vorgelesene Erlaß, die Amnestie für alle in der Provinz Pochn bis zum 1. Juli d. J. begangenen politischen und damit in Verbindung stehenden Vergehen und Verbrechen betreffend, lautet:
Nachdem die letzte Jnsurrection im Großherzogthum Posen völlig gedämpft worden, will Ich zum Zwecke der Herbeiführung einer gänzlichen Pacification der Provinz und Versöhnung der beiden dieselbe bewohnenden Volksstämme und mit Rücksicht auf die in dem Berichte des Staatsministeriums »om 9. d. M. hervorgehobenen sonstigen Motive für alle in der Provinz Posen bis zum 1. Juli d. I. begangenen politischen und damit in Verbindung stehenden andern, insbesondere die zum Zwecke oder bei Gelegenheit der Unterdrückung des Aufstandes begangenen Vergehen und Verbrechen Straflosigkeit und Verzeihung hiermit eintreten lassen. Gegen unmittelbare Staatsbeamte, so wie gegen Offiziere, Geistliche und Lehrer an öffentlichen Schulen, welche sich bei der Insurrektion beteiligt haben, soll zwar die gerichtliche Untersuchung eingeleitet und beziehungsweise fortgeführt,
höchsten schleudern konnte, war der Bravste, er wurde belacht und belobt. Nirgends äußerte sich auch nur ein Laut einer zu scheuenden Absicht gegen die Ausländer oder die Stadt, in dem beständigen „Bratzi! bratzi!“ (Brüder) lag vielmehr eine unverkennbare Gutmüthigkeit, kurz, von gehcimmßvollcn, die Gemüther beängstigenden Beschuldigungen und Drohungen war keine Spur vorhanden. So war wahrhaft die Stimmung der Masse, ich rede als gewesener Zeuge.
An der diesseitigen allgemeinen Heiterkeit, auf dem Senatsplatze, nahmen allerdings die Führer dieser Partei nicht Theil. Für sie stand in diesen Stunden Alles auf dem Spiel. Die um wfnig Minuten verspätete Besetzung des Winterpalais, verfehlte nicht, von vorn herein in ihren Muth eine Besorgniß wegen des Ausgangs ihres Unternehmens zu mischen. Die unschlüssige Macht der Garden, ihrem Häuslein gegenüber, erhielt zwar noch ihre Hoffnungen, aber dies Schweigen sagte ihnen anch die Möglichkeit, daß es in eine Konspiration gegen sie überschnellen könne. Nur ihre Entschlossenheit wirkte auf ihre Truppe, daß sie den ganzen Tag auf dem Platze Stiche hielt.
Ein beherzter Angriff, gleichviel von welcher Seite, hätte für jede derselben einen günstiger Erfolg errungen, aber keine traute sich das Eis zu brechen. Die Revolutionäre waren ihrer Masse sicher, nur der Mangel an Zuwachs von andern Regimentern machte sie stutzend, die ihnen an Zahl überlegenen Leiter des Gegenparts
hingegen konnten sich auf ihre Soldaten nicht verlassen, daher wurde auf beiden Seiten gezögert und aufgeschoben, an einer entschlossenen ausgebildeten Taktik fehlte es ganz.
Wer kann sagen, ob Nicolaus Pawlowitsch, der seine Huldigung befohlen hatte, früher, als er es that, den Revolutionären entgegen gegangen sein und für sein Recht, die Krone zu tragen, auch wohl das Leben eingesetzt haben würde, wenn er nicht Gatte und Vater gewesen wäre? Er hat ein liebendes Herz für Gemahlin und Kinder, ja er ist der Glückliche, das höchste Gut des Lebens, das häusliche Glück, auch trotz des Thrones zu genießen. Nicolaus ist sich darin immer gleich verehrungs- werth geblieben. Er blieb an jenem Morgen des Gewitters, welches über seinen noch nicht befestigten Thron Heranstieg, zur Beruhigung der Seinigen im Palais, und betete eben so flehentlich wie diese zur Gottheit um Abwendung der Gefahr.
In einer deutschen Zeitschrift heißt es: „Als er (Nicolaus) Stirn gegen Stirn den Empörern entgegen trat, die an seiner Seite den Miloradowitsch fällten". Vielfach ist von dem Heldeumuth die Rede gewesen, mit dem der junge Kaiser sein Leben der Todesgefahr ausgesetzt haben soll. Ist dies wahr?
Nein' Nicolaus setzte sich erst, und doch noch sicht- bar befangen, zu Pferde, nachdem er die Gewißheit hatte, daß die Garden den Glauben an die Ankunft des Cä- i sarewitsch aufgegeben hatten, von dessen Thronentsagung ! überzeugt wären, und nunmehr auf der Seite Nicolaus
Pawlowitsch ständen. Er hielt auf der Promenade vor der Admiralität in der Entfernung, daß ihn eine Flin- teukugel zwar hätte erreichen können, allein kein Gewehr wurde gegen ihn angelegt, hatte man doch früher den Lauf abgeschlagen, der gegen den Großfürst, Michael von einem Verschworenen gerichtet worden war.
Die Erklärung der Kameraden für Nicolaus machte die Mitglieder der durch daS ganze Reich angelegten Verschwörungen zaghaft, Manche verschwanden.
Es war drei Uhr vorüber, die Dämmerung stellte sich ein. . Kanonen rasselten heran. Sie wurden gegen die aufgewiegelte Masse gerichtet. Noch war cs Zeit für diese, einen Coup der Verzweiflung zu wagen, sich der Kanonen zu bemächtigen, die dicht vor den Ausrührern standen. 9lod) schrie Küchelbecker, den Degen schwingend, das Hurrah für Konstitution, und die Hoffnung, unter Begünstigung der 9?ad)t sich größere Vortheile zu verschaffen, als der Tag geliefert hatte, hielt noch von einem ernstlichen Angriff ab.
Da krachte der erste Kanonenschuß, die ersten Kartätschen flogen in die dichtgckeilte Masse und an den Senat. Von Widerstand keine Spur. Wie gescheuchte Rehe flohen augenblicklich Schuldige und Unschuldige nach drei Stellen zu, auf die Eisdecke der Newa, in die Galeerenstraße und auf den Krukowkanal zu.
(Fortsetzung folgt.)