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Freit Zttlung.

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J^ 209 Wiesbaden. Freitag ^13. October 18L8.

DieFreie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. Der Shbonnementsprets beträgt vi crreljährig hier in Wiesbaden 1 fl. 45 kr., auswärts durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von wirksamem Erfolge. Die Jnserationsgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.

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± Nassauer im NeichsministerLum.

Nassau hat ohne Zweifel Glück. Unter sämmtlichen kleinen Staaten hat eS, nächst Baden, die meisten Per­sonen in das Reichsministerium geliefert. Nur fällt es auf, daß zwischen den Personen, welche Baden in das Reichsministerium lieferte, und zwischen denjenigen, welche unserm Ländchen entnommen worden sind, ein Unterschied obwaltet, welchen wir einen diametralen zu nennen versucht sind.

Baden hat lauter Kämpen der parlamentarischen Opposition geliefert, einen Mathp, Welcker, Bas­sermann, Männer, die schon seit Jahrzehnten als Vorkämpfer der bürgerlichen Freiheit (wenngleich, wie sich nunmehr ergeben, nur eines sehr beschränkten Maaßes von bürgerlicher Freiheit), aufgetreten sind und alS solche nicht nur in Baden, sondern in ganz Deutsch­land. bekannt waren, Männer, welchen das deutsche Volk durch die Wahl in die Nationalversammlung ein laut redendes Zeugniß seines Vertrauens (wenigstens seines damaligen Vertrauens) gegeben hat, Männer end­lich von bürgerlicher Herkunst, Männer aus dem Volk.

Bei Nassau ist es anders. Wir haben zwei Leute von altfreiherrlicher Abkunft geliefert, nämlich:

1) den Freiherrn Maximilian von Gagern als Unter-Staatssekretär im Ministerium des Auswärtigen,

2) den Freiherrn Friedrich Damian von Schütz zu Holzhausen alö Sekretär im Mi­nisterium des Innern.

Man kann selbst bei dem besten Willen von Beiden nicht behaupten, daß sie Männer aus dem Volke seien, noch viel weniger, daß sie jemals für Vorkämpfer der bürgerlichen Freiheit, auch nur in einem beschränkten Maaße, gegolten hätten.

Max von Gagern ist ein Bruder des Präsiden­ten der Nationalversammlung Heinrich von Gagern und des bei Kandern gefallenen Generals Friedrich von Gagern. Er lebte früher als akademischer Lehrer (für Geschichte und Staatswissenschaften) in Bonn, ging dann in Wien aus der protestantischen Kirche in die katholische über und war darnach als nassauischer Lega­tionsrath in Haag accreditirt. Sein Talent und seine wissenschaftliche Bildung sind anerkannt. Dagegen war sein Glaubenswechsel nicht geeignet, ihm Spmpathieen zu erwecken, besonders da man hinzufügt, daß er mit den Schildknappen Metternichs^, einem Hurter, Jarcke u. s. w., in dem intimsten Verkehre stehe. Allerdings hat ihn ein nassauischer Wahlbezirk zum Ab­geordneten in die Nationalversammlung gewählt. Allein er hat dies nur den in diesem Punkte zusammenwirken­den Anstrengungen der katholischen Geistlichkeit und des dermaligen Ministerpräsidenten Hcrgeiihahn zu verdanken. Ein Empfehlungsbrief deö letzteren für Gagern ist von der Kanzel verlesen worden. Von

*) Nur keine Mißverständnisse! Nicht des Germain Metternich, sondern des Clemens WeuzeSlauS Lothar Fürst von Metternich ,

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Nicolaus Pawlowitsch,

Selbstherrscher aller Reußen.

(Ausder neuen Zeit")

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(Fortsetzung.)

Mit dem Anfang des Winters 1825 begann eine neue Epoche für das junge großfürstliche Ehepaar. Von da erst bekommen die Namen Nicolaus nnd Michael Bedeutung, weil ihnen die beiden ältern Brüder den Wirkungskreis abtraten, von dem sie zeither ganz aus­geschloßen gewesen waren, von da aus hat man auch erst einen Anhaltepunkt, von dem man in Beurtheilung Nicolaus I. ausgehen kann, da bis dahin das Leben desselben für Rußland selbst ohne alles Interesse, und der Residenz nur durch Erzählungen von seinem Unbelicbt- scin bei der Garde bekannt war.

Die Botschaft aus Taganrog,der Kaiser ist todt," setzte die beiden Häupter des Landes, Moskau und Pe­tersburg, in Bestürzung. Die Kaiserin-Mutter war der Cemralstern, um den sich die betrübten Herzen der gan­zen Familie schlossen, die Kaiserin Elisabeth, die Gute, war fern, der letzte Blick des Scheidenden hatte ihr ge­golten, sie^vie einzige Zeugin aus der kaiserlichen Familie bei dem Aobe des Gatten empfand auch den Schmerz am tiefsten. Das treueste Herz Alexanders L, der Ge- ncisll Dibietjch, floß über in einem Schreiben an die

seinen Wählern kannte ihn vor der Wahl. Niemand, auch nur bem Namen nach.

Herr von Schütz war Amtsaccessist, Negierungs- accessist, Kammerjunker. Er mußte wohl einen Ver­stoß bei Hof gemacht haben, denn er legte plötzlich seine hohen Würden nieder, wurde Advokat und nahm eine bürgerliche Frau. Nach kurzer Aovpkatenpraris, die sich durch Nichts auSzeichnete, wurde er im Mai d. I. in die Abgeordnetenversammlung des Herzogthums ge­wählt. Seine Wahl, die er ebenfalls lediglich den Bestre- bungen der katholischen Geistlichkeit zu ver­danken, welche sich, gestützt auf das von Herrn von Schütz abgelegteGlaubensbekenntniß", eine große Thä­tigkeit für ihre Plane versprach. Herr von Schütz hat indeß in der Abgeordnetenversammlung weder eine Thä­tigkeit dieser Art, noch irgend eine andere Thätigkeit hervorragender Art gezeigt. Er hat zwei Motionen gestellt, welche wohl Niemand wichtig schienen, als Herrn von Schütz, nämlich

1) darauf, daß die Kammer sich die Landtagöver- Handlungen der übrigen deutschen Staaten an­schaffen möge,

2) darauf, daß die Besoldungen der in der Kammer sitzenden Beamten auf die Hälfte reduzirt werden möchten.

Beide Anträge fielen durch. Wir haben noch von Niemand gehört, daß Herr von Schütz bedeutendes Talent oder umfassende wissenschaftliche Bildung be­sitze, wohl «verspät er ein gewandtes und leichtes Aeußcre.

Die Nachricht, daß er als Sekretär in dasReichS- ministertum des Innern berufen sei, fand Anfangs bei Niemanden Glauben, bis sie durch ein halbossizielles Blatt bestätigt wurde.

Das ist der Antheil Naffau's an dem Neichs- ministerium!

Nassauischer Landtag.

55te Sitzung vom 12. October.

Zuerst steht auf der Tagesordnung die Bewilligung für die Kosten der Hofhaltung bis zum 1. Januar 1849.

Die Regierung forderte 90,000 fl. Die Kammer bewilligte 60,000 fl. und weitere 15,000 zur Vollen­dung angefangener Bauten. Dies geschieht mit der Erklärung der Kammer, daß in dieser Bewilligung keineswegs ein Präjudiz (Vorentscheidung) für die spä­tere Firirung der Civilliste enthalten sei.

Die Kammer schreitet hierauf zur Berathung des Antrags von Preiß, die Vertagung der Kammer für einige Wochen betreffend.

Die Kammer erklärt sich vorerst damit einverstanden, eine Beurlaubung auf einige Wochen überhaupt. eintre­ten zu lassen.

Ein Antrag v. Eck's vor dem großen Urlaub, erst noch einen kleinen von einer Woche eintreten zu lassen, wird abgelehnt.

Seinen im Gefühl des Schmerzes der Kaiserin lind seines eigenen Wehl's. Alexanders Name hatte einen werth- vollen Klang im Reiche.

Nur stundenlang konnte der Tod von dem Hofe als Geheimniß bewahrt werden, am neunten Decembermorgen durchlief die Gewißheit die Residenz.

Was doch die Despotie über die Gemüther erringt! Selbst die empfundene Trauer über einen geliebten Mo­narchen wagte nicht, sich öffentlicb auszusprechen. An Sklavensinn gewohnt lehnte nur scheu sich ein Mund an des Andern Ohr,hast Du gehört? der Kaiser ist todt," ein Auge fragte schüchtern aus der Straße das andere, weißt Du eS auch schon?" Die Thränen, die bei der Todeskunde wie Bäche geströmt sein sollen, perlten nur in den Zeitungen und andern, Papier, die Beklemmung, die sich der Gemüther bemächtigt hatte, hielt die Bewässer­ung in den Augen ab.

Das ist die gallenbittere Frucht aller Despotie, an der sich die Erben derselben belehren müßten, der Erb­schaft zu entsagen, wenn nicht die Verderber wären, die Fürsten zu Despoten hinanschmeichckn, die lügen nnd im Gefühl eigener Nichtigkeit sieb selbst für die Boten hal­ten, welche die Krone der Alleinherrschaft unmittelbar aus Gottes Händen zum Heil der Menschen brächten.

Bestürzung und Beklemmung wäre auf der Physiog­nomie der Residenz zu lesen gewesen ? Allerdings, denn an die Todesnachricht band ssich gleichzeitig die Frage: wer ist Thronfolger? .

Der zur Prüfung des Preiß'schen Antrags niederge­setzte Ausschuß beantragt sodann:Die Kammer solle, ehe sie sich auf einige Zeit beurlaube:

1) die Kapital- und progressive Einkommensteuer;

2) Das Wechselrecht;

3) Den Negierungsvorschlag rücksichtlich des Zehnt- , gestyes,

erledigen. Mit pos. 1 und 3 erklärt sich die Kammer einverstanden.

Großmann beantragt weiter sodann, die Kam­mer solle ans 4 Wochen, nach Erledigung der eben aufgezählten Gegenstände, ihre Sitzungen aussetzen. Die Kammer tritt dem Antrag mit 19 Stimmen bei.

Lang beantragt: man möge den zurückbleibenden Ausschüssen die Befugniß ertheilen, erforderlichenfalls den Urlaubjnoch urn^14Tage zu verlängern. Dieser Vorschlag wird mit 18 Stimmen gutgeheißen.

Ferner wird von der Kammer beschlossen: die Kammer wählt aus den Mitgliedern der Aus­schüsse für die Begutachtung des Strafgesetzes und des Gesetzes über die Geschwornengerichte außer den 2 Berichterstattern, noch je 2, welche während der Zeit deö Urlaubs, in Wiesbaden bleiben, um diè genannten Gesetzeèvorschläge zu begutachten. Hierauf erstattet Präsident Wirth Bericht über den Austritt des Abg. Hatzfeld. Die Mehrheit des Ausschusses will ihn auffordern, seinen Sitz in der Kammer wieder einzu­nehmen ; die Minderheit (H e h n e r und Lang) meint, man solle den Austritt genehmigen und Niemanden moralischen Zwang anthun. Der Antrag der Mehr­heit wird mit 19 Stimmen angenommen. (O eilen Sie, Herr Hatzfeld, in die Arme der Blau-orangen, welche Sie mit ^Sehnsucht erwarten!)

(Nächste Sitzung: Samstag den 12. Oktober.)

Nationalversammlung zu Frankfurt.

93. Sitzung.

Nach Verlesung und Genehmigung des Protokolls verliest Zimmmermann von Stuttgart folgende Ver­wahrung:Wir Endesunterzeichnete verwahren uns hierdurch vor unsern Wählern und vor der ganzen deut­schen Nation gegen die durch das Gesetz über den Schutz der Nationalversammlung vom heutigen Tage geschehenen Eingriffe in die durch die März-Revolution errungenen Volksrechte. Das Versammlungsrecht unter freiem Himmel wurde dadurch für den Umfang von 78 Quadratmeilen und für das ganze Territorium mehrerer selbstständigen deutschen Staaten gänzlich auf­gehoben. Die Preßfreiheit wurde in ihrem wichtigsten Moment, der freien und rücksichtslosen Kritik der Na­tionalversammlung und der Vertreter des Volks, durch harte Strafbedingungen illusorisch gemacht. Der Grund­satz der Gleichheit und der Aufhebung aller Privilegien wird im Interesse der Unfreiheit durch eine bevorzugte Stellung der Abgeordneten in Bezug auf die gegen "sie verübten Vergehen verletzt. Die Bedeutung politischer

Constantin ?

Hn! kalt länft es über den Rücken!

Nicolaus ?

Die Kälte nimmt zu!

So war die Stimmung wirklich bei dem Blick in die Zukunft. _ Die Ungewißheit legte ssich bei der Bekannt­machung, daß Großfürst Nicolaus seinem Bruder Constan­tin als Zar gehuldigt habe. Behörden und Militär schworen diesem. Eilboten flogen mit diesem Hnldignngseide nach Warschau zum neuen Zar und in die Provinzen.

In Petersburg wußte man nicht, was zu gleicher Zeit in Warschau geschah. Der Cäsarewitsch Constantin, welcher die Nachricht vom Tode des Kaisers um zwei Tage früher hatte, entsagte dem Zarenthrone, vollzog die Huldigung für Nicolaus als Kaiser, und behielt sich nichts vor als den ihm vom Vater verliehenen Titel. Er blieb in Warschau.

Schon 1823 war hauptsächlich durch Vermittelung der Kaiserin-Mutter die Thronfolge im Testamente Alexan­ders 1. dergestalt geordnet, daß der bei der Mutter we­nig beliebte eigentliche Thronfolger Constantin Pawlowitsch, der besonders durch seine zweite Vermählung mit der Polin Anstoß dazu gegeben hatte, vom Besitz des Throns ausgeschlossen, und die Krone Nicolaus Pawlowitsch und dessen Decsendenz übertragen worden war. In der Kaiser­familie war dies so wenig wie andern Nichtmitgliedern ein Geheimniß geblieben.

(Fortsetzung folgt.)