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Artie Zeitung.

âeiheiL und NeeHL!"

^2OS, Wiesbaden. Donnerstag, 12. October 18â8.

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Das Recht auf die Arbeit und das Recht der Arbeiter.

Eine Frage von der höchsten Wichtigkeit beschäftigt eben die französische Abgeordneten - Kammer und das ist die Frage über das Arbeitsrecht. Ohne darauf einzugehen, wie und auf welche Art dieser Gegenstand behandelt und daselbst aufgegriffen, und von den bei­den Haupt-Parteienden Socialisten und den Bour- geoisisten" ausgebeutet wird, wollen wir das nur darü­ber ins Klare zu bringen suchen, welcher Wirksamkeit von Seiten deS Staates wir diese Frage fähig halten, und welche Bedeutung im Leben ihr beizumessen sein wird. Darauf könnte man sogleich antworten: es gibt nichts Wichtigeres in der Jetztzeit, als gerade dieser Gegenstand: cs ist die Frage unserer politischen Existenz.

Unter demRecht auf Arbeit" verstehen wir: daß von Seiten des Staates alle diejenigen Bedingungen erfüllt werden müssen, die jedem Staatsbürger die Möglichkeit an die Hand geben, seine Existenz vor Ar­muth und Elend sicher zu stellen. Jeder, der nur eine Ahnung vom Wesen des Staates hat, der nur einer ober­flächliche Vorstellung deS WortesMenschenwürde" fä­hig ist, wird dieses unbedingt zugeben müssen. Die Frage des Arbeitsrechts erscheint uns daher kategorisch mit einer unabsprechlichen Pflicht des Staates, sie er­scheint uns somit identisch mit der Aufgabe, denGe. fahren der Verarmung vorzubeugen."

Um allen Mißverständnissen übrigens zu entgehen, wollen wir unsere Definition noch durch ein Beispiel erläutern.

Wir behaupten nämlich, daß der Staat an sich solche Bedingungen stellen müsse, die Jeden, wer eS auch sei, vor Armuth und Elend sicher stellen können, das heißt, die ihn, wenn er seine Kräftegeistigen oder körperlichen" anwenden will vor dem Ver­luste seine Eristenz bewahren, und ihn nicht dem Elend überliefern. Der Staat soll sich also nicht in die Gefahr begeben den unmittelbaren Versorger abgeben zu müssen, zu dem man trotzend herantritt und die Trägheit und Faulheit durch die Worte:Ich habe keine Arbeit, gebt mir solche oder ernährt mich" ent­schuldigt, sondern er soll durch wirksame Mittel dem drohenden Uebel der unbeschäftigten Armuth vorbeugen, er soll dasRecht auf Arbeit" durch Eröffnung der Quellen des nachhaltigen Arbeiö,lohns-Er- werbs anerkennen.

Das ist das Recht auf Arbeit und wir sprechen es ganz frei heraus: hie Arbeiter haben ein Recht, daß dieses Prinzip vom Staate anerkannt und inö Leben eingeführt werde. Allein hier stoßen wir auf Hinder­nisse, und auf Reactionen, hier erblicken wir einen Damm, ein aufgethürmtes Chaos vomVorurtheil Aber­glauben und schmutzigem Egoismus. Wer wird ihn zu durchbrechen wagen?

Was ruft die Bourgeosie zähneknirschend aus, ihr wollt das Proletariat emancipiren, ihr wollt eine Pro­letariats-Aristokratie schaffen, die uns knebelt und an

den Bettelstaab bringt, wer soll uns dann, wenn ihr diese Menschenklaffe höher stellt, än Taglohn arbeiten, wer soll uns dienen u. s. w.

Ja! freilich ohne Salariat seine Bourgeoisie, und jenes aufheben, heißt diese vernichten. Obwohl der alte Staat diesem vorhin erwähnten Prinzip nur sehr untergeordnet Berechtigung zugestanden hat, so negirte er es keineswegs, allein er erkanrte es nur vom Prin­zip der Religion in den Ausdrückmöffentliche Wohl­thätigkeit und Privatwohlthâtigkrit" an, und somit re, duzirte sich die nachhaltige Existenz des Arbeiters nur auf etwaigeeigene Ersparnisse" die selten oder nie zu erlangen waren, oder er war genöthigt, eine Heirath einzugehen, um durch herangezogene Kinder im kraftlosen Alter ein elendes Leben zu fristen. Aber kann der demokratische Staat auf solche Voraussetzungen hin die Existenz desArbeitenden" garantiren wollen? Nein! er hat eine höhere Pflicht: er muß neben diesen auch Anstalten inS Leben rufen, die auf die ganze Gesellschaft alle Lebenskräftigung bekun­den. Es handelt sich nicht blcs darum, Arbeit zu verschaffen und diese mäßig oder auch gut zu belohnen, denn dieses wäre leicht zu erreichen, sondern es handelt sich darum, wie eine beständige Lebensquell, e erschaffen werde. Für den jungen, gesunden und kräf­tigen Arbeiter, so lange er dieses ist, wäre mit dem bloßen Arbeitgeben allerdings geholfen, allein wie sieht's in einer Zeit aus, wo der junge starke Arbeiter alt und schwach geworden ist? Hieraus wird sich dann die Nothwendigkeit ergeben, daß die arbeitende Bevöl­kerung auf den Ackerbaubetrieb vorzugsweise geleitet werde, und damit sich nun hieraus kein landwirthschaft- liches Proletariat bilde, müßte ein wohlberechnetes Credit- system *) u. s. w. errichtet werden.

Eigenthum, Freiheit, Concurrenz, diese so beliebten Potenzen, erschaffen nicht allein den Nationalwohl- stand, sie können ihn sogar alteriren, wenn nicht dem Interesse der Produzenten auch ein Interesse der Con- sumenten das Gleichgewicht hält.

Darüber nächstens ein Mehreres.

Nassauischer Landtag.

54te Sitzung vom 10. October.

Die Kammer nimmt die zweite Durchsprechung deS Gesetzes über die Gemeindebürger auf.

Die 88. 117 bleiben ohne Aenderung.

Zu §. 18 beantragt der Abg. Wimpf das Amen­dementdas Aufnahmegeld in den Gemeinden, beträgt höchstens 20 fl.; in den Gemeinden, wo Almenden zur Vertheilung kommen, wird das Aufnahmegeld um einen nach der Größe der zu vertheilenden Almenden, be­stimmenden Antheil erhöht."

Dieses Amendement, welches nach einer Vereinigung mit dem des Abg. Hehn er im Einzeln näher bestimmt

*) Nicht das Leisler'sche. A. d. Eins.

wird: wird gegen 11 Stimmen (Gergens, v. Gödecke, Hehner, Jung, Justi, Lang, Leisler, Müller II., Wen- kenbach L, Raht und Wimpf) abgelehnt.

Der Präsident hatte namentliche Abstimmung ver­langt,damit man die kennen lerne, welche die Frei­heit der Gemeinde wollen."

Sie erlauben uns wohl, die ganz untertänige Be­merkung zu machen, daß wir bereits wissen, wer die Freiheit will oder nicht.

Der Abg. Siebert stellt den Antrag, den ursprüng­lichen Entwurf der Regierung zum Gesetz zu erheben.

Für diesenrechten" Antrag stimmen: Bellinger, Prof. Bertram, v. Eck, Dr. Fresenius, Gergens, Dr. Großmann, Habel, Karl Keim, Joh. Heim. Krämer, Dr Leisler, Philipp Müller L, Siebert, Weilbacher, Wenkenbach 11, Wirth, Zollmann und auch Herr Schlem­mer von Montabaur, der in der Regel viel schweigt, aber recht aufmerksam zuhört.

Der Antrag Sieberts erhält ebenfalls die hinläng­liche Unterstützung nicht.

Der Antrag von Born welcher das Maximum des Aufnahmegeldes auf 60 fl. festsetzt wird von der Kammer endlich angenommen.

Gegen diesen Antrag stimmten: Bellinger, Prof., Bertram, v. Eck, Dr. Fresenius, Dr. Großmann, Ha­bel, Carl Keim, Joh. H. Krämer, Müller I., Siebert, Wenkenbach II, Wirth, Zollmann und endlich auch Kas­par Schlemmer.

Die 88- 18, 19, 20, 21 (bei welchem Fresenius vergeblich eine Aenderung beantragte) und 22 werden beibehalten. Bei §. 23 wird aus den Antrag des Ab­geordneten Rath genauer firirt, wohin dieHeimath­losen" von der Regierung zu verweisen seien.

Bei der Debatte über die vorgeschlagencn Aende­rungen des Abg. Rath bereichert der Abg. Carl Keim die deutsche Sprache um ein funkelneues Wort:be- heimathet". Man kann jetzt z. B. ohne allen Anstand sagen:Ein jenseits der Lahn deheimatheter Dekan." Die 88. 24 32 bleiben ohne Aenderung. Bei 8- 33 wird auf Langs Antrag stattAusländer" Nicht­deutscher gesetzt. 88. 31 und 35, und ebenso auch 8. 86, bei welchem der Abg. Schmidt ein Amende­ment, die Aufnahmsgebühr der Staatsdiener betreffend, gestellt hatte.

Das ganze Gemeindegesetz wird nunmehr zur Ab­stimmung gebracht, und das Gesetz über Verfassung und Verwaltung der Gemeinde einstimmig, das über die Rechte und Pflichten der Gemeindebürger gegen eine Stimme, angenommen.

Reg.-Com. Werren theilt der Kammer noch mit, daß die Garnisonskompagnie auf der Festung Marr- bnrg aufgelöst sei, und macht für die Hütterfüllung der Rheinuferbauten eine Geldanforderung.

Vor Schluß wird Carl Keim mit 23 Stimmen an die Stelle des ausgetretenen v. Schütz zum Se- kretär_erwählt.

Anschauung.

Das deutsche Herz, blutet, die Lippeu erbeben: Allüberall' das gehäßigste Streben, Und groß ist, die Reaktion.

Das Mutterland duldet, es tönen die Klagen; Seit unsrer Erhebung jüngst in den März-Tagen,

War Freiheit nur eiteler Ton,

Zu früh' war der Jubel, zu früh' war der Brand, Der Freudenfener im Vaterland.

Der Frühling ist hin nun, der Sommer verschwunden

Statt grünender Hoffnung, nun bittere Wunden: Die Einheit ist leider entfloh'n.

Wer jetzt sich erkühnt ein Begehren zu wagen

Den werden die tapferen Reichstruppen schlagen;

Den Fremden ist Deutschland ein Hohn.

Zu srüh' war der Jubel, zu früh' war der Brand, Der Freudenfener im Vaterland.

Stirbt jetzt unser Glauben? die Hoffnung? das Streben? Das Drängen des Fortschritt'» wird nie sich ergeben, @inb Ketten, sind Fesseln auch da! Millionen erheben verjüngend sich wieder, Die Einigung unsrer geschiedensten Glieder, Mit Bürger und Truppen ist nah

Erhebend zum Ziele, entfacht dann den Brand; Der Freudenfener im Vaterland.

Gleich Gold, das geläutert durch Feuer und Flammen, So schmiegen uns Stürme nur edler zusammen, Die Einigkeit schaffet die Noth.

Ein VaruS konnte den Rhein überschreiten, Doch wie er das Sclaventhum wollte verbreiten;

Fand seine Gewalt ihren Tod Verbrüdernd umschling uns das Trübsal als Band Stets zäher und fester im^Vaterland!

Diez, den 4. October. Anton Knauff.

Nicolaus Pawlowitsch, S e l b st h e r r s ch e r a l l c r Reußen.

(Ausder neuen Zeit")

(Fortsetzung.)

Die beiden jünger» Brüder waren als Jünglinae dem sogenannten bloßes Frontdienste anheim gefallen, und ihnen m ihren Commâ'S freie Hand vom Kaiser Alexander gelaßen. Das heftig aufwallende Blut, von dem sich unter den Brüdern nur Alexander nicht fort- fluthen ließ, fand in der harten Dressur des russischen

Soldaten Nahrung, oft genüg bis zum Siedepunkte zu steigen. Die Großfürsten Nicolaus und Michael ließen bis zum Gipfel der Ermüdung die Soldaten in den Kasernen exerciren, das glänzende Uhrwerk mit Mcnschcn- râdern, Stiften und Federn, das auf ihr Wort ging und stand, war die ganze Aufgabe ihres Seins, und daher wußte die Residenz und das Reich nur aus dem Kalen­der, daß die beiden Großfürsten auf der Welt waren.

Der militärische Despotismus setzte sich in diesen Prinzen um so leichter fest, da dte beiden ältern Brü­der leibst darin befangen waren. Der Erfolg war nur verschieden. Alexander und Constantin besaßen die Liebe des Militärs in vollem Maße, weil sie, besoders der Letztere, den Zügel so locker hielten, daß nicht nur Offi­ziere, sondern auch gemeine Soldaten für die frechste Elite im Reiche angesehen werden konnten. Was ließe sich vorzüglich von Constantins Gardeuhlanen erzählen, be­schirmt vou einem Chef, der Recht, Gesetz, Tugend und Unschuld nach seiner Laune knetete!

Nicolaus und Mickael hatten wegen ihrer beschränk­ten Macht nichts in Händen, womit sie den Druck, de» sie durch Ermüdung und scharf ungezogene Zügel auf die ihnen angewiesenen Regimenter übten, wie Constantin z. B. durch Zudrücken der Augen bei dem entscylichcu Unfug, zu ihrem eigenen Borcheil hätten ausgleichen können. Sie wurden daher mehr gehaßt als geliebt und ihr Erichen,en in einer Kaserne runzelte die Stirn der Soldaten. Wie sollte auch ein Gefühl von Anhang-