Frtit^tilung.
„âeiheLL und NeeüL!"
^ 207. Wiesbaden. Mittwoch, 11. Setober 18L8.
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Napoleon und das Jahr 1848.
5 Von der Weil. Napoleon — welcher Zauber liegt in diesem Namen! Seit den Märztagen taucht derselbe plötzlich wieder überall auf, als ob dieser Name dabei sein müßte, wenn der Genius der Menschheit erwacht und weltgeschichtliche Thaten vollbringt! „Wenn Napoleon gewonnen hätte, dann wären wir den Zehnten längst los," wie viel hundertmal ist dieser Satz wohl von unsern Landleuten seit dem März ausgesprochen worden! Und in Frankreich sehen wir überall, selbst in den liberalsten Departements, den Namen aus den Wahlurnen hervorgehen! Ja viele Franzosen glauben steif und fest, Napoleon sei nicht todt, er lebe und werde bald da sein, und das große Problem, an dem sich Frankreich abärbeitet, mit Einem Male lösen! Ihr habt Recht, ihr Guten, Napoleon ist nicht todt, er lebt und wird ewig leben! Ihr „Armen am Geiste" habt hier wieder einmal recht vor so vielen unserer Hochge- gcbildctkn „Patrioten" und Poeten, die Wunder meinten, was sie thäten, als sie in den sogenannten Freiheitskriegen „den Bluthund aus den Grenzen jagten", um uns der heiligen Allianz und dem Metternich zu überliefern.
Napoleon war einer von den außerordentlichen Männern, die eine welthistorische Mission zu erfüllen haben: worin bestand diese Mission? „Die französische Revolution wird die Tour um die Wett machen," — dieser Ausspruch wurde grade durch ihn, den vermeintlichen Unterdrücker der Revolution, erfüllt. Mit seinen siegreichen Heeren marschirte zugleich die Armee der revolutionären Ideen, die Anerkennung der allgemeinen Menschenrechte, der gleichen Berechtigung aller Menschen. Er, der scheinbar die Revolution bändigte, er war selbst ihr Produkt; er, der vom „kleinen Korporal" zum „großen Kaiser" geworden war, er war selbst das aller- revolutionärste Faktum. Er haßte die „Ideologen", wie er sie nannte, die über der demokratischen Form das Wesen vergaßen; aber das Wesen der Sache nahm er in sich auf und schleuderte es in das faule Europa hinein, als den Keim der Verjüngung. Er, der selbst nur durch seinen Werth „der große Kaiser" geworden war, der in seinem Volke, in seiner Umgebung, in seiner Armee nur den Werth und das wahre Verdienst anerkannte, der mit dem gemeinen Soldaten auf dem Fuße der Gleichheit verkehrte, er verbreitet überall das Gefühl und die Anerkennung der Gleichheit, als einen Hellen Lichtstrahl, der die düstern, mittelalterlichen Uebel
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Nicolaus Pawlowitsch,
Selbstherrscher aller Reußen.
(Aus „der neuen Zeit")
(Fortsetzung.)
Wo ist der scharfsichtigste Monarch, der nicht irre geführt worden wäre, welcher Solon getraut sich die zarischen Thronstufen zu besteigen und ju sagen r „Mich hintergcht Niemand!?"
Einige Belege nur, bis zu welchem Grade das Barometer der Frechheit ministerieller und anderer Größen steigt, sobald bekannt ist, daß noch nichts von dem Inhalte ihrer Vorträge zur Kenntniß des Kaisers gekommen ist.
Zwei Gutsbesitzer streiten sich, ein schelmisch reicher und ein ehrlich verarmter. Der Reiche will durchaus des Armen Gut fressen. Er hat Geld, und viel, und folglich bedarf cS nur eines Processes. Der Arme gewinnt in zwei Instanzen, sein Recht schwamm sichtbar wie das Oel auf dem Wasser, man mochte es schütteln wie man wollte. Wer entschied des Armen Recht? Der Senat. Dann ist die Welt ehrlich geworden, und der jüngste Tag »sieht bevor! Gemach, ein Großer nimmt das Recht in sein Portefeuille, er hält auf die Auferstehung , er reicht es umgewandclt in Unrecht, aber recht
des Wahnes und der Privilegien verscheuchte. Das war die That des Genie's, das sich niemals, auch in seiner spätesten schlimmsten Periode, nicht ganz verleugnen konnte. Und darin liegt der ganze Zauber seines Namens. Daß er dem entsprechende Institutionen schuf, und überall die Erde von dem Wüste des Mittelalters säuberte, versteht sich von selbst. Und das war eben seine Mission: die Ideen und die Institutionen der Gleichheit über die civilisirte Welt zu verbreiten, das war seine welthistorische Aufgabe.
Man hat Napoleon oft mit Alexander dem Großen verglichen und das mit vollem Rechte. Wie Jener, so zerstörte auch dieser die demokratischen Formen und nahm die Ideen, aus welchen jene Formen hervorgewachsen waren, so zu sagen, alle zusammen in seine, des Einen, des Alleinherrschers Hand, um sie auf diese Weise desto rascher und gewaltiger über die Erde zu verbreiten. Alexander, der „Tyrann", nannte den Aristoteles, in welchem bie ganze griechische Bildung gleichsam culminirte, seinen „geistigen Vater", er war der verkörperte hellenische Geist. So lange die Menschheit ihren Höhepunkt nicht erreicht hat, gelten oft die Majoritäten nichts, werden die weltgeschichtlichen Thaten ost nur durch Einen Willen, durch einen Mon-Archen, vollbracht. Vor dem Gerichtshof der Weltgeschichte werden die Stimmen nicht gezählt, sondern gewogen.'
So verbreitete sich mit Alexanders siegreichen Heerei» griechischer Geist, griechtHe Bildung und Sitte, ja selbst griechische Sprache über die damalige civilisirte Welt, und wenn auch die damaligen „Barbaren" ihre nationale Freiheit verloren, so gewannen sie. dafür die Freiheit des Geistes und wurden so für das Christenthum vorbereitet. Ohne Alexander den Großen wäre die Ausbreitung des Christenthums nicht möglich gewesen. Selbst die Sprache des Evangeliums ist die Sprache Alexanders, desGüechen!
Ohne Napoleon wäre die jetzige 1848r revolntionäre Bewegung nicht möglich gewesen. Ach, daß er doch nicht so früh unterlegen wäre! Ach, daß er doch noch einmal gesiegt hätte! Wäre ihm der russische Feldzug gelungen, wahrlich wir wären weiter, als »vir sind, und unsere Märzrevolution hätte nicht eine so klägliche Wendung genommen! hätte er, wie er im Falle der Ueberwindung Rußlands sicher gethan habe»» würde, in Deutschland kräftig mediatisirt, den Feudalismus, die Frvhuden, Zehnten und all' den mittelalterlichen Unsinn mit seinem Schwerte weggefegt, und das zerrissene Land zu einer kräftigen Centralisa
klug, verschmitzt und verfälscht, dem Kaiser dar, und dieser stempelt das Unrecht.
Der nahe Verwandte eines Gouverneurs hat nach dein Tode seiner Stieftochter ein ansehnliches Vermögen zu hoffen. Sie ist schwächlich, verkrüppelt, er sucht durch Mißhandlungen ihr Leben zu verkürzen, aber sie lebt ihm doch zu lange. Er fährt zu einem Freunde mit ihr, bleibt einige Tage kehrt ohne sie zurück. ES heißt er habe die Tochter krank zurückgelasscn. Bald darauf kommt die Nachricht, sie sei gestorben. Er hat sie aber mib eigener Hand erschlagen und verscharrt. Ein Bauer- weib, welches Pilze suchte, war Zeuge des Verbrechens, es wagte sich jedoch nicht mit Hülfe hervor, aus Furcht von dem Räuber ebenfalls erschlagen zu werden. Die Leiche wurde gefunben, aber der Thäter nicht entdeckt, denn dieser war in seinem bereitstehenden Wagen vom Orte der gräßlichen That geeilt, und eine Excellenz mit Sternen wird ja doch im Walde Menschen nicht todtschlagen. Nach Jahren erst folterte das Gewissen den Kutscher, den Mitwisser des Mords. Er wurde fcbwer- müthig. Sein kluger Herr merkte den Grund und gab ihm Gift. In der Todesangst vertraute er umständlich das ganze Verbrechen einem ehrlichen Bauer und dessen Weibe, die in den letzten Stunden um ihn waren. Diese entflohen in der Absicht, sich weit bis Moskau durcbzu- schleichen, um dort den Thäter anznzcigen, und ihre Einfalt bedachte nicht, daß sie durch die Flucht ihr Hughies unb die Rettung des Mörders bereiteren. Sie wurden
tion, dieser Grundbedingung einer raschen Volksentwicklung, hingeführt, dann hätte das Jahr 1848 einen ganz anders vorbereiteten Boden gefunden! —
Die s. g. Freiheitskriege, sie waren im Grund genommen ein reaktionärer Kampf Deutschlands mit den Todfeinden seiner Einheit und Freiheit, mit England und Rußland im Bunde! In Deutschland selbst nicht das gesammte Volk mit Begeisterung kämpfend, sondern hauptsächlich nur der Norden, hauptsächlich jenes Stockpreußenthuin, welches jetzt wieder der Reak- tionspartei die schöne Aussicht eröffnet, daß es dereinst einmal als eine deutsche Vendee gegen die Freiheit kämpfen wird; sodann die ganze Schaar der Aristokraten und Junker, der Idealisten und Romantiker, die den Ruhm des deutschen Volkes in seinen Eichwäldern und seinen blauen Augen erblicken, die da meinten, Deutschland sei frei, wenn auf seinen Gymnasien kein Französisch mehr gelehrt werde! Das waren die „Freiheitskriege". Es fehlte schon damals, auch in unserm Nassau, nicht an Männern, welche dies erkannten, welche jede Botschaft von einer neuen Niederlage Napoleons mit Trauer erfüllte! Sie bemühten sich nachher, den wüsten Trauin der Romantik zu verscheuchen und der deutschen Bewegung einen würdigern Inhalt zu geben. Sie mußten als „Demagogen" in die Kerker wandern, unb ihr letztes Wort war: „Hätte Napoleon nur noch einmal gesiegt!"
Von Demokraten, von Republikanern wurde dem Unterdrücker der Republik der Sieg gewünscht! Sonderbares Spiel der Weltgeschichte! Doch der große Sohn der Revolution büßte auf dein einsamen Eiland des Oceans, die deutschen Demagogen in den deutschen Festungen! Die Restauration begann und hatte leichtes Spiel. Die „Freiheitskämpfer" wollten ja selbst re* stanriren, wollten selbst die „alte deutsche Herrlichkeit" wieder herstellen.
„Süße (!) Lehnspflicht, Mannestreue,
Alter Zeiten sichres (!) Licht (!!),
Tauscht ich nimmer um dar- Nene,
Um die welsche Lehre nicht!"
So sang der „tapfre Degen" Mar von Schenkendorf; so sangen alle diese Porten und „Freiheitskämpfer" mit den heißen Herzen und den wüsten phantastischen Köpfen. Im Bunde mit ben Aristokraten und Jesuiten zogen sie wieder ein, restaurirten die „gute alte Zeit" und lullten daS Volk in einen dreißigjährigen Schlaf ein! —
eingefangen, zurückgcliefert, eine Theilnahme am Straßen- raube aufzubürden, war nicht schwer, und der Kaiser, überführt durch Gouverneur und Gerichte unterzeichnete in seiner Unschuld das Urtheil, . welches völlig Unschuldige nach Sibirien verdammte.
Einem Ausländer wurde in Petersburg sein Kind gestohlen. Polizei und Behörden gerieten in die Enge, dem strengen Spruch des Kaisers wegen Bestechlichkeit von Seiten der Diebe zu verfallen. Der Minister des Innern Perowski riß die Sache an sich, trug dem Kaiser^ eine freche, derbe Lüge vor, und der Ausländer mußte auf kaiserlichen Befehl das Land verlassen.
„ Rußlands stinkend fauler Fleck ist die Verwaltung der Justiz, das ganze Land wimmelt von Ungerechtigkeiten wie Maden in einer eiternden Wunde, aber nur der Unverstand höbe den Stein gegen den Kaiser auf.
Er will Gerechtigkeit für feine Leibeigenen und adeligen glcbae. adstrictos, er will das Recht aus moralischer Ueberzeugung. Man entgegne nicht gleich, daß dies im Widerspruch stehe mit der Erhaltung der Sklaverei und anderer Trübsale in seinem Reiche. Ich rede vom Menschen und noch nicht vom Zar.
Wenn diesem gerechten, ernsten und festen Charakter auch die anziehende Güte, die einen Himmel um sich schafft, die Milde, die den Segen spendet im Lichte der Weisheit, angeschaffen worden wäre, welch ein Vorbild wäre NicolauS für alle Kronenträger! Wer ben Werth eines kraftvollen Charakters zu schätzen weiß, wird sich