wenn der aus ihm hcrvorgegangeuc Baum eine andere Frucht als die der Entwürdigung des Menschen und seiner Verdummung trüge.
Gießen , 2. Okt. (Fr. I.) Wir haben wieder eine sehr unruhige Nacht gehabt. Nachdem schon Samstag Abends ein lautes Singen oder vielmehr ein Schreien um die Stadt herum, darauf ein Angriff auf das Arresihaus mit Steinen, wenigstens gegen die Fenster, mit Vivats für Hecker stattgefunden, wurde gestern Abend 11 Uhr plötzlich durch alle Straßen Generalmarsch geschlagen und erklangen zugleich die Trompeten für die reitende Bürgergarde. Massen Menschen wälzten sich nach dem Arresthause zu. Als Erklärung wurde angegeben, die Regierungskommission habe die Che- vaurlegers von Butzbach kommen lassen, um die Gefangenen abzuholen nach Mainz. Es herrschte eine furchtbare Aufregung, so unwahrscheinlich es war, daß die Behörden gegen ihr „amtlich" verpfändetes Wort gehandelt hätten. Der wahre Sachverhalt soll der sein. Es waren gestern früh zwei Briefe an das Criminal- gericht und den Regierungsrath Küchler eingelaufen, daß dasArresihaus Abends 11 Uhr gestürmt werden solle. Darauf hat Küchler die Chevaurle- gers bis an das Weichbild Gießens (nicht weiter) rücken lassen. Um 11 Ubr sing der Spektakel an, aber — nun ist es ungewiß, ob er durch die bemerkten Patrouillen der Chevaurlegers erst Hervorgcrufeu, oder ob die Tumultuanten, da sie die Chevaurlegers in der Nähe wußten, dieß nur als Vorwand der Aufregung nahmen. Der Generalmarsch, das Blasen, das Schreien in der Stadt und ihren Umgebungen dauerte eine Stunde, die Unruhe in der Vorstadt bei dem Arresthause natürlich viel länger.
Koburg, 24. Sept. (Der Landtag eröffnet.) sFr. 3.] Vorgestern wurde (worauf man im Lande längst mir ^Sehnsucht harrte) unsere Ständekammer eröffnet. Es Hießen ihr eine Menge schwieriger Aufgaben zur Lösung vor: Die Einführung einer Einkommensteuer, die Aufhebung der Patrimomälgcrichte, die Ablösung der Feudallasten, die Vereinigung des Fürstenthums Koburg mit dem Herzothume Gotha 2c. Möge es den Berufenen gelingen, ihre Aufgabe ganz dem Wunsche ihrer Mitbürger gemäß zu lösen!
Altenburg, 30. Sept. Einlassen oder Nichteinlassen, das ist die Frage, um die sich gegenwärtig hier Alles drebt. Bekanntlich soll auch in unserm Herzog- thuin ein ständiges Lager zusanimengezogen werden. Altenburg und die Umgegend wird zunächst von sächsischem Militär besetzt werden, die Stadt allein zwei Bataillone Infanterie und eine Batterie Geschütz erhalten und Generalsstabsquartier werden. Erklärlicherweise mußte diese Maßregel die höchste Aufregung Hervorrufen. Der nächste Schritt, den die hiesigen Volksführer in der Angelegenheit thaten, war ein durch sie veranlaßter Protest des Landtags an die Nationalversammlung zu Frankfurt gegen die militärische Besetzung des Landes. Darauf ward in einer außerordentlich zahlreich besuchten Sitzung des Vaterlaudsvereins die Angelegenheit weiter besprochen. Nachdem sich manche Stimmen für eine gewaltsame Abwehr der Militär. Einlage ausgesprochen hatten, wurde von Hrn. Pelz auf die Unzugänglichkeit der der Militär. Gewalt ertgegen- zustellenden Macht hingewiesen, worauf Hr. Erbe dringend von jeder Gewaltmaßregel abätth, und den einquartierten Truppen mit Freundlichkeit entgegenzu- kommen empfahl, indem er bei vorhob, daß man auf sie mit der Macht des Wortes einzuwirken suchen müsse.
Freiburg, 3. Oct. Die Reichsregierung hat bekanntlich verfügt, daß zur schleunigen Unterdrückung der wiederholten Aufstaudsversuche der Republikaner einige Heeresabtheilnngen ausgestellt werden sollen. Wir vernehmen nun aus sehr guter Quelle, daß die zu diesem Zwecke zu verwendende Militärmacht aus 60,000 Mann bestehen und in folgender Weise aufgestellt werden wird: In den obern Theil des Großherzogthums Baden kommen 12,000 Mann Reichstruppen, mit dem Hauptquartier Freiburg, und in den untern Theil des Großherzogthums ebenfalls 12,000 Mann mit dem Hauptquartier Mannheim. Ferner kommen 12,000 Mann nach Oberschwaben, mit dem Hauptquartier Memmingen; dann 12,000 nach Sachsen, mit dem Hauptquartier Altenburg, endlich 12,000 Mann nach Frankfurt und die Umgegend.
Sigmaringen. Zum Präsidenten der in Siegmaringen eingesetzten Republik ist der Advokat Würth (Bruder des Hofgerichts-Advokaten in Konstanz) ernannt worden, den die öffentliche Stimme dahier als einen überspannten, keineswegs willenSkräf- tigen Mann, wie man zu sagen pflegt, als einen „Haspel" bezeichnet. (Übrigens seien die Bauern und die Bürgerwehr in Sigmaringen ganz gut organisirt, und zwei Tausend Mann seien entschlossen, die neue Regierungssorm aufrecht zu erhalten.
Wien, 29. Sept. Mit den ungarischen Zeitungen kam heute ein merkwürdiges Aktenstück uns zu, ein gedrucktes Blatt, das aufgefaugene Briefe von merkwür- digkni Inhalte enthält. Zuerst ein Schreiben Jel- lachich's an den Kriegs minist er Latour aus dem Hauptquartier Killity am Plattensee, vom 23. September, in welchem er ihm für empfangene Gelder dankt und um weitere 600,000 Gulden Münze bittet, die er sehr benot hige, um
der Suche Oesterreichs den Sieg zu verschaffen. Zweitens ein durch das k. k. Plaßkommando in Wien zu befördernder Brief Jellachich's an den Baron Franz Kulmer in Wien, worin Jellachich bittet, der Kaiser möge nur recht schnell daS Manifest zur Einstellung der Feindseligkeiten erlassen, damit das fatale trop tard nicht eintrete. Auch beklagt er sich, daß man dem Versprechen, ihn kräftig mit Brük- kenequipage und 12pfünd. Batterie - Kavallerie- Geschütz zu unterstützen, noch nicht nachgekommen. Er erklärte, daß er abgehalten wurde, eine Zusammenkunft mit dem Palatinus zu haben. Uebrigens meint er, sei es nicht seine Natur, zu unterhandeln, um so mehr, als der Reichstag und das Ministerium hernach Alles desavoulren könnten. Er bittet wiederholt um Gold und erwähnt eines Artikels, den er schon früher für ein Wiener Zeitungsblatt ein- gesandt. Drittens folgt ein Brief des Majors Rodern an seinen Onkel, den Kriegsminister Latour vom 23. Sept, aus dem Feldlager Si'ofok, worin er nur seine Furcht ausspricht, die Armee möchte bei ihrem E-'n- rücken in Pesth den Demagogen-Konvent schon aufgelöst finden und die Leiter nicht werden festnehmen können.Unter den Leitern versteht er Kossuth und Kons. Viertens ein Brief I llachich'ö an das österreichisch-illyrische Generalkommando-Präsidium mit dem Danke für inStok- kerau verfertigte 4000 Mäntel und der Bitte um Tuchhosen und Holzmüßen. Fünftens und sechstens Brief und Armeebefehl Jellachich's an das Regierungs- kommando und Regiment Cress um Vereinigung mit seinen Truppen zum Heile der erlauchten Dynastie. Siebentes ein Brief des Rittmeisters An. Jellachich an seinen Hauptmann in Agram, wo er erzählt, daß alle Waffengattungen Jellachich aufforderten, zur Unterhandlung mit dem Palatinus nicht aufs Dampfschiff zu gehen, und bedauerte, daß Plünderungen vorkommen. Nun folgen noch einige Briefe von Offizieren, aus denen bloß die Anhänglichkeit der Truppen an Jellachich und eine ungemeine Geringschätzung für den Pa- latmus zu ersehen ist — Diese Briefe haben hier in allen Kreisen eine ungemeine Erbitterung erzeugt. Die Perfidie des Kriegöministeis, des dem Reichstage verantwortlichen Ministers, wird wohl im Reichstage zur Sprache kommen, und die bessern Mitglieder ds Ministeriums werden sich Glück wünschen können, wenn Latour dadurch zum Austreten gezwungen wird. Aber es bleibt jedenfalls die Frage ungelöst, woher die Geldsummen genommen wurden, die an Jellachich Übermacht wurden und ob sie aus den Taschen der Kamarilla oder aus den Kalsertaschen, also Staatskassen kommen. Das Letztere ist um so wahrscheinlicher, als sonst der österreichische Kriegsminister sich nicht damit zu befassen gehabt hätte. Sollte nebst vielen andern Ursachen auch diese den Hru. Finarzmi- nister Kraus verhindert haben, das Budget en détail vorzulegen und um eine Bewilligung in Bausch und Bogen zu bitten? Die Ausrede 'einer Fälschung oder Mystifikation wird wahrscheinlich aus der Klemme helfen müssen. Die Zukunft wird uns hoffentlich darüber Aufklärung geben. — Der Reichstag wusde heute durch eine gesprungene Gasröhre gezwungen, die Sitzung aufzuheben, wodurch sich das falsche Gerücht in der Stadt verbreitete, das Ministerium sei in einer kurzen stürmischen Sitzung gestürzt worden.
Der evangelische Geistliche H urban, der in Oberungarn mit einer Schaar aus Böhmen eingerückt ist, befindet sich hier. — Es haben sich über die vor dem Stubenthore angebrachte telegraphische Communikations- liiiie, wo sich auch zahlreiche Gruppen einfanden, verschiedene unrichtige Gerüchte verbreitet, so auch eineS: daß dadurch eine Verbindung zwischen der Artillerie- und Salzkrieskaserne beabsichtigt wird. Wir können dieses Gerücht nun dahin berichten, daß im Ministerium des Innern eine Centralisation der Telegraphenlinie vorgknommen wird, wozu jene Vorrichtung vor dem Stubenthore dient.
Wien, 30. Sept. Wir erfahren soeben, daß zwischen Ungarn und Jellachich ein Waffenstillstand auf 24 Stunden abgeschlossen sein soll. — Ohne Zweifel haben Sie schon durch direkte Mittheilungen erfahren, was in Bucharest vorgefallen ist. Das Volk, mit dem Metropolitan an der Spitze, hat die russische Organisationsacte auf öffentlichem Markte verbrannt, und der Erzbischof darauf die neue Constitution ein gesegnet. Mehrere türkische Truppenabtheilungen waren auf dem Wege nach Bucharest. _ , ' (A. Z.)
— Entsetzliche Nachrichten trafen soeben aus Pesth vom 28. Nachts ein. Der furchtbare Kossuth war aus Szolnok, von wo er 12,000 Landstürmer ankün- digte, zurückgekehrt, und hatte in der Reichstagssitzung durch seine Redekraft seine Anhänger aufs Höchste fa- nat'sirt. Das kais. Manifest, welches F.-M.-L. Graf Lamberg überbrachte, wurde verworfen, nicht zur gesetzlichen Publikation zugelaffen und durch Kossuth eine provisorische Regierung von 6 Mitgliedern ernannt. Graf Bathyanyi hat seine Stelle niedergelegt und Vay sollte dieselbe übernehmen. Unterdessen rückt der Banus unaufhaltsam vor, und man hört schon Kanonendonner, der von Velemze her dröhnt. In Pesth wird er von den Gutgesinnten mit Sehnsucht erwartet. Man fürchtet eine Plünderung der Reichen durch das wüthende Gesindel. 1 )
Wien. Der Constitutionsausschuß hat den Entwurf der Grundrechte der österreichischen Völker und Staatsbürger veröffentlicht. Die wesentlichsten Punkte sind
- folgende: Standesvorrechte und Adelsbezeichnungen sind abgeschafft und dürfen nicht mehr verliehen werden; die Todesstrafe wird abgeschafft; — das Petitonsrecht ist unbeschränkt; — Volksversammlungen unt r freiem Himmel dürfen nur in Fällen dringender Gefahr untersagt werden; — kein bewaffnetes Corps darf über politische Fragen berathen oder Beschlüsse fassen; — eine Staatskirche gibt es nicht; — die Civilehe wird eingeführt;
— die Preßfreiheit darfweder durch Censur, noch durch Cautionen und Stempel beengt werden; — die Gleichberechtigung aller Nationalitäten ist ein unveräußerliches Recht derselben; — Majorate und Fideicommisse hören auf; — das Heer uutei steht den bürgerlichen Gesetzen und Gerichten. Diese hcrauSgehobeneu Cardinalpunkte werden die lebhaftesten Debatten veranlassen; man glaubt indeß schon jetzt, daß in den Abtheilungen der Staub von den redicalen Schmetterlingsflügeln dieser Anträge zum großen Theil weggeblasen werden dürfte. (L. Z.)
Köln, 3. Okt. Heute stand (11 Düsseldorf einer von den Lieblingen der Musen vor den Assisen; heute sollte der erste Litteratur-Prozeß von besonderer Bedeutung seit unserer Revolution entschieden werden: Freiligrath wurde vorgeführt, seines Gedichtes: „Die Todten an die Lebendigen" wegen. Von allen Seiten waren die Fremden der Stadt zugeströmt; cs hatte sich daselbst eine Volksmenge versammelt, wie wir es seit langer Zeit bei solchen S'tzungen nicht gewährten, außer bei der Procedur ds Lassalle. Wir bedauerten es sehr, daß wir den Verhandlungen nicht von Anfang bis zu Ende ununterbrochen beiwohnen konnten; die Hitze im Saale war, wie das Gedränge, unerträglich. Der Ausgang des Processes war sehr leicht vor- auszubestimmen; denn die Presse hatte sich des Dichters angenommen und die Volksstimme sprach sich ganz entschieden für ihn aus, so, daß es wahrscheinlich zu Erzessen gekommen wäre, wenn die Verhandlungen den andern Weg eingeschlagen hätten. Freiligrath mußte freigesprochen werden; er wurde es. Vertheidigt wurde er von seinem Jugendfreunde, dem Dr. Meier von hier, und dem Avv.-Anwalt Weiler II. in Düs- seldvrf. Jener plaidüte ausgezeichnet. Er bewies, daß der Dichter nicht darnach gestrebt, das Volk möge die bestihende Verfassung stürzen; dieser ließ im Anfänge etwas kalt, später aber wurde sein Vortrag warm, später bewegte er Aller Herzen. Er wies nach, daß Schiller und andere Dichter sich desselben Vergehens schuldig gemacht, ohne daß man solche Maßregeln gegen sie ergriffen. Freiligrath saß unberührt da; ihn faßte keine Bewegung. Er fühlte es, daß er vom deutschen Volke geliebt sei, wie auch die Würfel fallen mögen; er schien, während seine Advokaten für ihn sprachen, die Geschichte zu vergessen, er schien zu dichten. Frei- lichrath ist ein großer Mann, Alle sagten es, die ihn da sitzen sahen. Und wie sie riefen, wie sie jubelten, als das verhängnißvolle Wort ausgesprochen wurde! Und wie man aufspielte, wie man ihn bekränzte, wie die Tücher aus den Fenstern wehten, als ihn die Bür- grrwehr nach Hause begleitete, und der unaufhörliche Zug des Volkes, das jubelnd hinter ihm drein zog! Heute erlebte der Dichter seinen schönsten Tag! Alle kleinen Dichter, die anwesend waren, haben ihn gewiß mit mit beneidet. —
(Hört, wie die schwarz-weiße' Kölnische Zeitung die deutsche Einheit auffaßt!) Unserer Regierung liegt ein Auforvern der provisorischen Central-Gewalt vor, die preußischen Gesandten von den fremden Höfen zurückzuziehen und die Gesandten des Auslandes heimzuschicken. So lange eine definitive Reichsverfassuug, worin dem preußischem Volke und seinen begründeten Ansprüchen Rechnung getragen, nssch nicht zu Stande gekommen ist, stoßen hier alle durchgreifenden Anfoidenmgkn der provisorischen Central- Gewalt auf manigfache Bedenken, und — wir dürfen uns das nicht verhehlen, auf um so größere, da es sich derinalcn von einer Centralgewalt handelt, an deren Svitze ein österreichischer Prinz steht, und in deren Namen ein österreichischer Minister des Innern meistens in so wenig rücksichtsvollem Tone schreibt. Die Bedürfnisse der provisorischen Centralgewalt müssen aber, wie sich von selbst versteht, und wie auch bisher, und namentlich in den letzten Tagen der Gefahr mit aller Bereitwilligkeit geschehen ist, berücksichtigt werden. Aus diesem Conflicte der Interessen und Anforderungen dürfte nun, was die vorliegende Frage betrifft, wohl der Ausweg gefunden werden, daß an einigen fremden Höfen die deutschen Angelegenheiten durch die preußische Diplomatie, an anderen hingegen die preußischen Angelegenheiten durch die Gesandten der proviforischen Centralgewalt besorgt würden.
Ungarn.
Pesth, 28. Sept., Abends. Ich schreibe Ihnen, während die Stadt sich in der größten Aufregung befindet. Heute Mittag wurde, so erzählt man sich'S, in die Sitzung des Repräsentantenhauses die Nachricht gebracht, daß'der königl. Commissär Graf Lamb erg, in Ofen angekommen sei, was eine außerordentliche Aufregung heivorgcbracht habe. Es sollen sogleich einige Deputirte die Sitzung verlassen haben, um sich seiner zu bemächtigen, wozu sie das Volk aufriefen. Um halb zwei Uhr sah ich eine Masse mit den ver- schiedersten Waffen versehenes Volk über die Brücke stürmen; in der Mitte traf diese Masse mit einer andern, die von Ofen herüber drängte, zusammen; cs bildete sich rin dichter Knaul, in dessen Mitte ich einen