M Ztltung.
„âeiheiL und NeehL!"
j^ ZsKL. Wiesbaden. Mittwoch, 27. September 18^8.
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V Die Wirkungen des 18, September.
Es ist der Eindruck der Frankfurter Ereignisse, unter welchen wir schreiben, und der uns veranlaßt, einen Blick auf die Zukunft .unseres Vaterlandes zu werfen. Wir a-stehen, daß wir mit blutendem Herzen und bebender Hand schreiben. Die Ereigmpc veS 18. September sind verbaugnißveUe für Deutjchland, mögen sie in ihrem Entstehen noch so unbedeutend, in ihren Zah Un / unb Maffenverhaltnissen noch so geringfügig ge- ""Nach"allen Nachrichten von den verschiedensten Seiten und nach den verschiedensten Gesichtspunkten, von der Frankfurter Oberpostamtozeltung auf der einen Seite an bis zu der Neichstagszeltung von Blum und Günther auf der anderu, nach allen mündlichen und brieflichen Mittheilungen, die uns jetzt darüber geworden sind, steht es wohl »echt außer Zweifel daß mag von Seiten der Aufständischen noch so sehr aefeh't worden sein, das Reichöiuinister.uin seiner Seils den Aufstand, dem es zeitig mit Auswendung brr aerinasten, in Frankfurt selbst bereit liegenden Mitteln vollständig und leicht hätte vorbeugen tonnen, unter seinen eigenen Augen hat wachsen und sich zu einer solchen Erheblichkeit hat vergrößern lassen, daß sich die Anwendung ausgedehnterer mUttarsichcr Mapregetn entschuldigen , wenn auch nicht rechtfertigen ließ, daß das NeichSministcrium das Anerbieten eines StraßenkampfeS bereitwillig entgegengenommen, und daß es militärische Kräfte entfaltet hat, welche ihiem Umfang nach nothwendig das nächste Ziel — nämlich die Unter diückuug des Aufstandes — weit über schreiten, und eine Bedeutung erhalten werden, deren Tragweite sich setzt noch gar nicht absehen läßt. ~
Ueberblicken wir die Folgen des Straßenkampses, so finden wir vor Allem seine bedenklichsten Spuren in den darauf folgenden Sitzungen der Nationalversammlung. Wir wollen hier einmal die Mäßregeln des Rcichs- ministeriums, die Erklärung des Belagerungszustandes, die Proklamation des Kriegs, cchts, die Auflösung der Vereine, die noch immer fortdauernde Herbeiziehung enormer Truppen,nassen nach Frankfurt und der Umgegend, ganz außer Acht lassen, obgleich sich sehr bezweifeln läßt, ob alle diese Maßnahmen nach vollständiger Besiegung, ja Vernichtung des Aufstandes nothwendig, nützlich oder nur entschuldbar sind, wir wollen
uns blos an die Ereignisse in der Nationalversammlung selbst halten, wie wir solche nicht den Berichten dieses oder jenes von einer beherrschten Tendenz beherrschten Blattes, sondern den parteilosen authentischen stenographischen Protokollen entnehmen.
Die Nationalversammlung hat dem Reichsministerium ihre Zustimmung vvtüt für die schnelle und energische Wiederherstellung der Ordnung und für den Schutz der Versammlung, sie hat den deutschen Reichs- truppen für die von ihnen bei Unterdrückung des Aufstandes bewiesene Hingebung den Dank des Vaterlandes ausgesprochen, sie hat endlich dem Reichsministerium erklärt, daß sie es bei seinen zur Erhaltung der Einheit Deutschlands noch ferner zu ergreifenden Maßregeln auf das kräftigste unterstützen werde.
Diese wichtigen Beschlüsse hat die Nationalversammlung gefaßt nach einer verworrenen, leidenschaftlichen, haltlos hin- und herschwankenden Diskussion von einer halben Stunde; sie hat sie gefaßt während und trotz dem, daß in dem Schooße der Versammlung selbst, wie aus der Debatte klar hervorgeht, die abweichendsten Ansichten über das Ziel, die Veranlassung und die Veranlasser, sowie über die Größe und die Bedeutung des Aufstandes einerseits, und über die Nothwendigkeit, den Umfang und die A, Wendungsart der dagegen her- beigtzogeneu Streitkräfte andere.seils obwalteten. Sie hat sie gefaßt, während es für alle diejenigen Mitglieder der Versammlung, welche sich nicht während des Ausstandes selbst auf der Straße herumbewegt haben, (und das werden wohl bei weitem die Wenigsten gethan haben), noch eine thatsächliche Unmöglichkeit war, über den wahren Sachverhalt zuverlässige und vollständige Aufklärung zu haben. Sie hat endlich dem Ministerium ein an Übertragung der schrankenlosesten Diktatur gränzendes Vertrauensvotum gegeben, demselben Ministerium, welches 14 Tage vorher gekürzt wurde, weil es die Ehre Deutschland,s hatte vernachlässigt.
Sodann hat ein Mitglied der Nationalversammlung einen ihn und seine Partei in scharfen Ausdrücken tadelnden Zeitungsartikel in der Nationalversammlung vorgelesen, er hat die heftigste Leidenschaft der Partei, er chat die Hülfe der ganzen Nationalversammlung in die Schranken gerufen gegen — einen Zeitungsartlkel, er hat geradezu eine Beschränkung der Preßfreiheit verlangt, wenigstens für die Aeußerungen der
Presse über die Nationalversammlung und deren Mitglieder. Und die Mehrheit der Nationalversammlung ist verblendet genug gewesen, um in der leidenschaftlichen Aufregung des Augenblicks einen solchen Auftritt, der nicht nur mit der Geschäftsordnung in entschiedenem Widersprüche steht, sondern auch alle parlamentarische Würde mit Füßen tritt, zuzulassen und zu billigen. Selbst ein Dahlmann hat sich zu einer rein persönlichen und mit den Verhandlungen des Reichstags nicht in dem entferntesten Zusammenhang stehenden Journal-Polemik in der Paulskirche Hinreißen lassen und nicht bedacht, daß das Volk seine Abgeordneten z^ ganz andern Zwecken in die constituirende Versammlung geschickt hat, als NIN in derselben Zeitungsfehden auszuklopfen.
Endlich hat ein Mitglied der Nationalversammlung beantragt, die Nationalversammlung möge eine Ansprache an das deutsche Volk erlassen, worin der Verlaus der Ereignisse geschildert, gegen die Bestrebungen der Vereine vermahnt und Versicherungen über die guten Absichten der Nationalversammlung für die Freiheit und die Einheit Deutschlands gegeben werden sollen. Diesem Antrag ist die Mehrheit der Nationalversammlung beigetreten, — trotzdem, daß es klar ist, daß man durch Mehrheitsbeschlüsse wohl Gesetze machen, nicht aber beschließe» kaun, diese oder jene Thatsache habe sich so oder anders zugetragen, — trotzdem, daß der Antragsteller behauptet hat,
„die Nationalversammlung dürfe es nicht zugeben, „daß die Vereine sich heralisnehmen, Urtheile zu „fällen, ob die Beschlüsse der Nationalversamm- „lung dem Vaterlande zuträglich sind oder nicht."
Siehe das stenographische Protokoll. Seite 2204. Spalte 2.
(wodurch also alle Beifalls- und Mißfalls-Adressen, alle Proteste, aller Tadel und alle Anmerkung, kurzum alle Kritik polizeilich verboten würde), — trotzdem, daß alle Versicherungen der Nationalversammlung über ihren eignen guten Willen und ihre Thätigkeit nichts helfen werden, wenn nicht das Volk endlich, endlich einmal klare, handgreifliche, entschiedene und entscheidende Thaten sieht; denn: „an ihren Früchten will es sie erkennen."
Das sind die Ergebnisse der beiden Sitzungen der Nationalversammlung (vom 20. und 21. Septembers, welche dem verhängnißvollen Ereignisse folgten. Mit
Frankfu rt.
(Aus den Liedern eines kosmopolitischen Nachtwächters.)
Motto: Frankfurt kann uns nicht als Vorbild dienen.
Der Abgeordnete Lang in der Sitzung vom 26. September.
„Nun das haben Sie getroffen,
Eben ist die Messe offen,
Werden blaue Wunder sehen.
Wenn Sie durch die Gassen gehn."
Und ich suchte nach dem Wunder,
Fand aber nur Waaren-Plunder, Lange Waaren, kurze Waaren,
Und Verkäufer, ganze Schaaren.
Alle Häuser voll Affichen,
Geld auf allen WechSlertischen,
Jeder Winkel eine Bude, Und die dritte Nas' ein Jude.
Schreien hört' ich, keuchen, laufen:
Herr, hier könn'n Sie AlleS kaufen, Gontard bietet seid'ne Tücher, Jügel abgestand'ne Bücher,
Bing Krystalle, Gläser, Lacke,
Breul so Rauch- wie Schnupf-Tabakke,
Kriegesfelder Rock und Hosen, Und Frau * * die Franzosen.
Hol' der Teufel solch' ein Schachern,
Feilschen, Mauscheln, Mäkeln, Prachern,
Kurze Waaren, lange Waaren Mögen sie zum Henker fahren!
Wahrlich, hier kann wieder gelten
Jenes Afrikaners Schelten:
Feiles Nest, wenn nur zur Stunden
Sich ein Käufer eingefunden!
Deutschland, ja auch Du hast dein Rom;
Diese freie Stadt am Mainstrom
Ist, beschnitten und getauft,
Längst lebendig ausverkanft!
Gedanken über den deutschen Volks- Charakter.
(Aus Dr. Karl Hagens „Fragen der Zeit.")
(Fortsetzung.)
Eine Academie der Wissenschaften, wie sie die Franzose» haben, welche das Reglement für Sprache und
Literatur bestimmte, wäre bei uns gar nicht denkbar. Wenn etwa Versuche dazu gemacht wurden, bestimmte Regeln für Poesie, Literatur und Sprache zu geben, waren sie doch nur Privatunteruchmungen, die eben kein anderes Schicksal hatten, als diese zu haben pflegen.
Diese Richtung auf das Individuelle, Besondere tritt nun aber nicht bloß bei den Einzelnen hervor: sie bewährt sich auch in größeren Kreisen. Ich meine hier die verschiedenen deutschen Volksstämme. Unsere Volksstämme repräsentiren die verschiedensten Eigenthümlichkeiten. Es ist wahr: auch bei andern Nationen tritt innerhalb derselben eine gewisse Abwechslung des Natio- nalcharakters hervor: nirgends aber, möchte ich behaupten, so mannigfaltig, ja so entgegengesetzt, wie bei uns. Man kann wohl sagen, daß die verschiedenen Charaktere der europäischen Nationen von unseren einzelnen Stämmen repräsentirt werden. ES ist hier nicht meine Absicht, tiefer in die Eigenthümlichkeiten unserer Stämme einzugehen: ich mache nur auf den außerordentlichen Unterschied aufmerksam, der zwischen dem Norden und Süden von Deutschland statt findet. Wer vom Norden nach dem Süden oder umgekehrt vom Süden nach dem Norden kommt, befinbet sich in einer csanz andern Welt: so auffallend ist die Verschiedenheit in Leben, Sitte, Ansicht.
Eben diese Mannigfaltigkeit nun dcS individuellen Lebens erzeugt bei uns die Universalität: es gibt außer lins kaum eine Richtung, der nicht eine analoge in un-