Freie Zeitung.
„âeiheLL und NeeHt!"
^U 193» Wiesbaden. Sonntag, 2a. September IMS.
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Die Turnvereine und ihr Antheil an der Demokratie.
X Göttingen. Als im vorigen Jahrhundert Pestalozzi austrat, und an die Stelle der bisherigen orthodoxen und geisteötödtenden Schulbildung eine rein menschliche zur wahren Humanität führende und auf ihr beruhende Erziehung setzte, da suchte man auch nach einem Mittel, den so lange vernachlässigten Körper wieder zu Ehren zu bringen, und fand es in dem Turnen. GutSmulhs gebührt das Verdienst, die Turnübungen zuerst in Deutschland heimisch gemacht und sie in die Jugendbildung ausgenommen zu haben. Es konntt nicht lange dauern, daß die Turnübungen aus der Schule sich ins Leben verpflanzten, nachdem man erst deren praktischen Werth hatte würdigen lernen. Attmälig entstanden öffentliche Turnplätze, hervorgegangen und getragen von der gereistercu Jugend, die bereits der Schule entwachsen war. Der junge, strebsame Keim fand einen fruchtbaren Boden, was damals kleine Pflanze war, ist zum herrlichen Baum hcrangcwachscn, und die Turnvereine stehen jetzt fest für immer, und sind verbreitet im ganzen Vaterlande. Das Turnen ist eine Frucht des deutschen VolkSgeistcs, es entstand in einer Zeit, wo die menschliche Ausbildung auf das Gräßlichste vernachlässigt war, es ging Hand in Hand mit den neuen großartigen Ideen einer zur wahren Humanität und Freiheit führenden Geistesbildung. Das Turnen ist hervorgegangen auS nationalem Boden, und feine Berechtigung liegt in dem Geiste, den es vertritt, in dem Drange, den freien Menschen mit selbstbewußter Sittlichkeit zu gebühren. - Darum erfüllt es alle Erfordernisse der neuen oder modernen Zett, darum hat cs eine unwiderstehliche Kraft und unbesiegbare Existenz, darum ist es ächt demokratisch. Die Geschichte der Turnvereine gibt uns darüber Rechenschaft. Am Anfang konnten diese keinen andern Zweck haben, als den Ideen der neuen reinmenschlichen Erziehungsweise den Durchbruch zu verschaffen. Aber bald erweiterte sich der Horizont, aus dem Kreis der kleinen Gemeinde in das große Garze des menschlichen Lebens und des StaateS. Das deutsche Volk hatte mit der wieder- errungenen geistigen und körperlichen Kraft einen Blick auf seine trostlose und erbärmliche Lage gewonnen, es fing an, wieder zu seinem Selbstbewußtsein zu gelangen, und sich seiner Existenz zu schämen, und der erste Funke von Nationalität erwachte in ihm. Wir sagen Natio
nalität und freuen uns darüber, denn nur in ihr vermag ein Volk zu eristiren, nur auf ihrem Grund ver- mag es, sich zu freier, männlicher Kraft hinanzuschwingen, und einen Platz in der Gischichte zu erkämpfen. Zu den Ideen aber, wie sie die Nation selbst erzeugte, gest Uten sich die, welche die erste französische Revolution in die Welt schleuderte, und halfen das allmälige Erwachen des deutschen Volksthums befördern. Doch mußte die Nation erst allen Schlamm einer sittlichen Erniedrigung durchwaden, sie mußte ihrer Selbstständigkeit beraubt werden, bevor der junge Volksgeist seine Flügel erprobte, und zum erstenmale zu großartigen Thaten hindrängte. Es waren die Jahre der Befreiung von der französischen Fremdherrschaft, wo nach langer Zeit der Schmach und innern ZersaUenheit die deutsche 3tas tion sich wieder einen ehrenwerthen Platz erfocht unter den Völkern Europa's. Und damals waren es die Turnvereine, die auch zum erstenmale ihren wahren Geist bethätigten, die zum erstenmale die Gelegenheit benutzten, für die Grundsätze kämpfend anfzutreten, denen sie ihrem innersten Wesen nach ergeben waren. Aber den Jahren einer glorreichen Erhebung des deutschen Volks folgten wieder länge Jahre der Schmach. Das Volk war noch nicht reif für die Freiheit, in vollem Maße, es hatte noch nicht die Kraft, die einen kurzen Moment lang errungene innere Freiheit zu wahren, vielleicht kam auch die Abspannung der langen Kriegsjahre hinzu. Die nationale Ehre nach Außen war gerettet; im Innern wüthete die alte Knechtschaft fort. Wer mußte dies bittrer empfinden, als die, die in Gedanken schon weit vorausgeeilt waren, die nothwendig und der Natur der Sache nach das letzte Ziel nur in der vollen Frei- He t, in dem vollen Menschenthum sahen, wer erbitterter gegen die neue Knechtschaft zu Felde ziehen, als die Turnvereine? Darum schloß man die Turnplätze, oder man gestattete das Turnen nur in der Schule, wo es von den Dienern der Despotie sorgsam überwacht wurde, und wo es keinen Boden finden konnte, weil sein einziger Boden die Freiheit ist, und weil ihm sein Geist genommen war. Freilich hatten sich schon damals manche Mißstande in das Turnen eingeschlichen. Ein nationaler Geck und Charlatan hatte der Turnerei eine verderbliche Richtung gegeben, einen Körper ohne Seele, eine Form ohne Inhalt geschaffen. Mag dem „alten Vater" Jahn immerhin das Verdienst zustehcn, die Turnübungen zuerst in ein vollständiges System gebracht zu haben, so geschieht dem ein ungeheuer großer Abbruch
durch die Fehler und Mißgriffe, die er begangen. Lag die Kraft uud Bedeutung des Turnens bisher etwa in dem kunstgerechten Gehen aus den Hüften, im geübten Klettern, in den Purzelbäumen am Reck und Barren? War das der Geist des Turnens, daß die Jugend übergelegte Hemdkrägen und schwarze stehende Röcke trug, daß sie ein spezifisches Turnerthum herausblß, daß sich in einer übermüthigen Verachtung gegen die „Philist er" (d. h. gegen jeden Nichtturner) und in einer maßlo en Grobheit kundgab? Nein, der Geist, den Vater Jahn heraufbeschwor, der Geist einer längst überwundenen Vergangenheit, der alten Ahnen und der altdeutschen Nationalität, daö war nicht der Geist der Turnvereine: denn die wollten sich ihre Nationalität erst erobern durch die Freiheit, dre wollten nichts wissen von einer Vergangenheit, welche ihnen nichts von alledem darbot, was sie suchten, die klammerten sich nicht an alte abgethane Erinnerungen, sondern eine neue Zeit mit neuen Schöpfungen, eine neue Nationalität auf den Grundlagen der Freiheit und wahren Menschenwürde leuchtete ihnen entgegen. Doch half der gesunde Sinn der Jugend diese krankhaften Auswüchse bald wieder beseitigen. Die Meisten fangen jetzt an einzuschen, was die Klarer- skhendcn schon lange wußten, daß die Bedeutung des Turnens nicht in hohlen Aeußerlichkeiten besteht, nicht darin, daß es eine gute Muskelnatur zu erziehen vermag, — sondern in dem Geiste, wie ihn die Jmandt und Struve verkündet, in dem Geiste, der nichts ist, als eine nothwendige Fortentwicklung aus den Eutste- Hungsgründen der Turnvereine. Der Nimbus, mit dem der Name „Jahn" so lange umkleidet war, ist hinweg- geiiommen, und es ist nichts übrig geblieben, als eine geistlose Fratze. Doch kehren wir wieder zur Hauptsache: Den jungen Keim wollte man ersticken, die Turnvereine für alle Zeit unterdrücken. Aber es gelang nicht. Der Geist war zu mächtig geworden, als daß er den Machtsprüchen der Despotie hätte weichen sollen. Der Keim trieb wieder neue Blüthen, und selbst die ärgste Polizei konnte die immer größer werdende Verbreitung der Turnvereine nicht verhindern. So wurden dann die Turnvereine herrliche Pflanzschulen des freien deutschen Sinnes, in sie retteten sich Alle, die noch die Hoffnung einer bessern Zukunft in der Brust trugen, sie führten einen beständigen Krieg mit dem freiheits- mörderischen System. Freilich durften sie ihren vollen Zweck nicht aussprechen, sic mußten ihn verstecken hinter körperliche Uebungen — aber das geistige Element,
Wisperwind.
(AuS den Gedichten von F. Freiligrgth.)
Der Wisperwind, der Wisperwind, Denn kennt bis Oestrich jedes Kiud! Des Morgens früh von vier bis zehn, Da spürt man allermeist sein Wehn! Stromauf ans Wald und Wiesengrund Haucht ihn der Wisper kühler Mund!
Ja, immer, immer nur stromauf Fährt er mit Pfeifen und Gcschnauf; Von unten jetzt und allezeit Brans't er nach oben, kampfbereit; Nie mit der Welle geht sein Strich, Nur ihr entgegen stemmt er sich!
Er macht sich aus, wo Hütten stehen; Wo Hütten stehn und Mühlen gehn.
Der Bauern Strohdach ohne Ruh' Schickt ihn der Burg des Fürsten zu; Anfährt er trotzig, sagt mein Ferg, Schloß Rheinstein und Johannisberg.
Er saus't und wüthet um sie her, Frisch und gradaus wie keiner mehr;
Er schiert den Teufel sich um Gunst, Er pfeift was auf den blauen Dunst, Der trüb um ihre Zinnen hangt — Er pfeift, bis klar der Himmel prangt.
Ja, heiter wird auf ihn der Tag; Drum braus' er, was er brausen mag! Er selbst und noch ein Wisperwind: —• Ein neuer Tag der Welt beginnt! Die Hähne krähn, der Wald erwacht. Ein Wispern hat sich ausgemacht!
Von unten keck nach oben auch Zieht dieser andere Wisper Hauch; Auf aus den Tiefen zu den Höhn Erhebt sich frisch auch dieses Wehn; Strohdach und Werkstatt ohne Ruh' Schicken der Fürstenburg es zu!
Da hangen trüb die Nebel noch;
Geduld nur,"es verjagt sie doch! Wie zornig sie auch dräu'n, wie wirr, Es läßt nicht ab, es wird nicht irr! Mit krâft'gem Blasen, Ruck auf Ruck, Macht es zunichte Dunst und Druck!
Hab' Dank, du frisch und freudig Wehn ! Hab' Dank, hab' Dank — 0, wär' es Zehn! Ja, Zehn und rings der Himmel rein!
Jetzt, mein' ich, wird eö Sechse sein! — Der Wisperwind, der Wisperwind, Den kennt bis Oestrich jedes Kind!
Politik an einer Wirthstafel.
Ein Freskobild.
(Aus den „Studien und Skizzen" von Friedrich Giehne.)
(Fortsetzung.)
Der Bayenspekulant erhob sich und ging hinaus, wie eine Schauspielerin, die einen „Abgang" hat. Sein Mitredner sah ihm bewunberungsvoll nach. „Ein feiner Kujon, das," sagte er nachrâhmend. „Ein Hauplkujon!"
Hr. Zulper wurde beinahe eifersüchtig über diese Lob- fpriicbe; denn wenn man es beim Licht betrachten wollte, so war er denn doch vornweg der entschiedenste Schwer- nöthcr von Liebenswürdigkeit unter den Tischgenossen. Er schmatzte mit Eleganz, wie ein Franzose, erekutirte nach jedem Schluck 2Lem, den er schlürfend in sich gesogen, einen hübschen Schnalzer mit der Zunge, ließ in müßigen Augenblicken die Gelenke an den Fingern knacken, daß es eine Lust war, und trommelte zu der Tafelmusik mit Kennermiene seinem Nachbar den Takt auf