1
Frtit Ztitung.
- I—Mew I
„âeiheLL und NeeßL!"
■^■^^^^BMHgMSffBHBBHMB"""»"—»—*—*1**^^—l—«—»MM^^;L;g!!^^^Bimiw,|IBIt
>« 1OÜ. Wiesberöen. Donnerstag, 21» September I8â8.
©w „Frere Zeitung" erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags, in einem Bogen - Bestellungen darauf beliebe man zu machen in Wiesbaden in den Buchbandlunaen von H Fischer und H. W. Ritter; auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern. - Der Abonnements-Preis vom 1. Juli an beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 kr halbjährig 8 fl. 30 tr.; auswärts durch die Post bezogen innerhalb des ganzen HerzogthumS Nassau vierteljährlich 2 fl. 12 fr., halbjährlich 4« «a fr m örofifTnoathum^ mt™ freien Stadt Frankfurt, der Landgrafschaf. Hessen-Homburg, sowie der Kurhessischen Provinz Hanau,-iertcljährig 2 fl. 13 fr.; halbjährig 4V&1?, Ä® «ta’ffi« Ä und TariS'schen Postbezirke 3 fl. - ZJnserate werden bereitwillig ausgenommen. - Die JnserationS-Gebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 8 Kreuzers ’
Mit dem 1. October beginnt ein neues Vierteljahrs-Abonnement. Wer von da an neu einzutreten wünscht, beliebe seine Beftelluna frühzeitig zu machen, damit die Zusendung von genanntem Tage an regelmäßig erfolgen kann. Ueberdies müssen wir bemerken daß stets nur wenige Eremplare über den feslbestellten Bedarf gedruckt werden, und wir aus diesem Grunde späteren Bestellungen keine vollständigen Eremplare garantiren können.
Vergleich zwischen den europäischen und nordamerikanischen Zuständen.
(Schluß.)
Bei den Völkern Europa's ist dies Alles umgekehrt. Hier ist die vollziehende Gewalt die höchste, reprâsentirt durch erbliche, nicht verantwortliche Flusten und deren Minister; ihr untergeordnet ist die gesetzgebende, die thcilweise sogenannten Bolköabgeordncten übertragen ist, welche meist nicht vom Volke selbst, sondern nur durch Einzelne, an die das Volk sein Recht abZtben mußte, gewählt sind, die oft sogar durch Geburt oder Wahl der Fürsten zu dieser Stelle berufen sind. Auch die richterliche Gewalt ist der ersten unterthânig und sehr häufig im abhängigsten Zustand.' — Dadurch kommt es, daß der Wille einer kleinen Minderheit sonst immer über den der Mehrheit siegt, daß die vollziehende Gewalt als die höchste sehr häufig die gesetzgebende und richterliche zu ihren Zwecken benutzt, und so Fürsten, Adel, Bürokraten und Bourgeois häufig sich als Ziel der Welterschaffung betrachten und das Volk nur als Mittel in diesem Zweck; daher kommt es, daß die Meisten in Armuth und Elend darben, während Einzelne vom Schweiße des Volks prassen, daher kommt es aber auch, daß alle europäische Staaten krank sind, da der Kopf natürlich nicht gedeihen kann, wenn nicht auch Brust, Unterleib und GU-vern sich des gehörigen Wohlseins erfreuen. — Durch die genannten Einrichtungen ist in Amerika bei jedem Staat und bei jedem Einzelnen die Achtung vor den Gesetzen auf's Höchste ausgebildet; das Volk selbst hat sich ja dieselben gegeben, sind nach dem Willen und zum Vortheil der größern Mehrzahl entworfen; deßhalb wacht auch das Volk nebst einem unabhängigen Richterstand über deren Handhabung; es braucht dazu keinen unzähligen Beamtenstand, keine drückende PolizeiwiUkühr, keine stehenden Heere, keine Staatskirchc; Jeder fühlt sich befugt, die Gesetze aufrecht zu erhalten, zu deren Entstehung er selbst mitgewirkt hat; kein Staat sucht sich von der Centralgewalt unabhängig zu inachen, es wird kein Versuch zum Umsturz der Verfassung angestellt, die sich nun schon unverändert 59 Jahre in ihrer Vorzüglichkeit bewährt hat. In Europa ist das nicht so; die ost im Interesse einer kleinen Minderheit entworfenen Gesetze, zu denen der große Theil des Volkes nicht mit- gewirkt hat, und die häufig noch durch einen abhängigen Richterstand zu Gunsten weniger Bevorzugter
ausgelegt werden, betrachte das Volk als ihm aufge. drungen; es hält daher für erlaubt, ja oft durch Pflicht und Ehre geboten, gegen dieselben anzukämpfen; es muß sich deshalb die vollziehende Gewalt, nämlich Fürsten und Minister, auf einen mächtigen Erbadel, auf ein zahlloses Beamtenheer, auf Tausende von Soldaten, selbst auf den Einfluß der Geistlichkeit stützen, um den Gesetzen Achtung zu verschaffen, und so deren und somit ihre eigne Eristenz zu schirmen und vor dem Umsturz zu bewahren. In Amerika geschieht kurz gesagt Alles durch das Volk und Alles für das Volk; in Europa mit wenig Ausnahmen Nichts durch das Volk und Nichts für das Volk; dort hat die demokratische Republik und hier die constitutionelle Monarchie ihren Thron aufgeschlagen. Das wären ungefähr die allgemeinen Umrisse beider Welttheile; man kann daraus schließen, weß Geistes Kind ist, der diese oder jene Zustände lobt oder tadelt. —
Noch eine Glosse zum Gesetzentwurf über das Strafverfahren.
— Vom Westerwald, 15. Septbr. Aus dem Artikel in der heutigen Nummer Ihres geschätzten Blattes über das von der Regierung vorgelegte Gesetz „die Competenz der Geschichte zur Untersuchung und Bestrafung von Verbrechen und Vergehen betreffend" habe ich mit Verwunderung, ja fast möchte ich sagen mit Schrecken ersehen, daß das Ministerium der Kammer die Zumuthung gemacht hat, diesen Entwurf, wie er da ist, ohne Berathung schlechtweg anzunehmen. Abgesehen davon, daß dieß mit der Kammer Komödie gespielt wäre, und daß jeder Entwurf von der Kammer doch wenigstens geprüft und diScutirt, und, selbst wenn er der trefflichste wäre, dann doch wenigstens als trefflich anerkannt werden muß, abgesehen davon ist der vorliegende Entwurf durchaus nicht der Art, daß er als eine den Anforderungen der Zeit entsprechende legislative Arbeit und als eine vollständige und rückhaltlose Erfüllung der Zusicherungen vom 4. März angesehen werden kann. Ich hatte mir Vorbehalten, dies in einer fortlaufenden Reihe von Artikeln an den einzelnen Theilen deS Entwurfs systematisch nachzuweisen, allein die Nachricht von der der Kammer gestellten Zumuthung und die vielleicht nicht ungegründete Befürchtung, daß sie geneigt sein
möchte, auf diese Zumuthung einzugehen, nöthigen mich, diesen Plan aufzugeben, bei welchem ich riscirte, mit einer nachzügelnden Kritik hinter der vollendeten Thatsache des Kammerbeschluffes hintendrein zu kommen, und ich will statt dessen, um eine möglichst schnelle Ausbildung der öffentlichen Meinung über das Ungenügende und Mangelhafte des Entwurfs herbeizuführen und um eiligst vor dem Gewitter zu läuten (welches in Folge eines blind übereilten, prüfungslosen Kammerbeschlusses über uns hereinbrechen würde) bloß auf den Theil des Entwurfs Hinweis, n, welcher nächst dem Titel V. (wodurch die Zusammensetzung der Geschworenengerichte aus der Beamten- und Geldaristokratie durch die Bürokratie angeordnet wird), der für die Volksfreiheit verderblichste und am meisten zur Gefährdung der Errungenschaften des 4. März geeignete ist.
Dieser Theil ist der Eingang deS Entwurfs, welcher die Competenz der Gerichte zur Untersuchung und Bestrafung der Verbrechen regelt.
Um von vornherein dem Vorwurfe zu begegnen, unsere Ansichten wühlerisch und unsere Ergebnisse mit dem „Wesen der konstitutionellen Monarchie" nichtvereinbar, erklären wir zur Beruhigung aller Freunde von „Freiheit, Gesetz und Ordnung", daß wir durchaus auf conservativem Boden stehen und auf t^r positiven Grundlage des historischen Rechtes ^ußen. Wir gehen -taun lich zurück auf die Forderunge,. und VerwilliPurgen deS 4. März. Die sechste Forderung heißt: „Oeffentlichkeit, öffentliches mündliches
Verfahren mit Schwurgerichten."
Wir wissen es auS bester Quelle, daß, als man die Forderungen der Nassauer in Wiesbaden berieth, man hierunter Oeffentlichkeit des gesummten Staatsorganismus verstand. Oeffentlichkeit und Mündlichkeit aller richterlichen Verhandluugey und Schwurgerichte in allen Straf- und Untersuchungssachen. Man wolltè mit einem Wort eine vollständige und ra* dicale Reorganisation der gesammten Justiz und Verwaltung in einer Form, welche die beständige Controle und Mitwirkung des Volkes bei allen öffentlichen Angelegenheiten in der Rechtspflege sowohl als in der Administration sicherte. Wir erinnern uns noch sehr wohl deS Abends vom 1. März, da die Revolution anfing, sich zu entwickeln. Es war in den „Vier Jahreszeiten" in Wiesbaden. H e r g c n h a h n stand auf einem Tische und um ihn Tausende. Er redete und
Die Julitage.
Erzählung eines Pariser Hampelmanns.
(Nach einer französischen Schnurre von Ludwig Desnoyer.) Aus den „Studien und Skizzen" von Friedr. Giehne.
(Schluß.)
Ich also wieder hinauf, immer, vier Stufen auf einmal, kleide mich um, und will mich gerade wieder auf den Sprung machen, da höre ich, wie die Milch, welche meine Fran am Feuer flehn hatte, so eben überkocht und in die Mche läuft: dsssiii!.... dsssiii.... dsssiiii!.... Ich nicht faul, springe bei, thue die Milch vom Feuer, und blase, nwè ich kann: fffhhh!.... fffhhh!.... fffhhh! .... Darüber kommt Ihnen meine Frau wieder heim. Ja, jetzt wäre cs eine Kunst gewesen, nüchtern ins Feld zu rücken! Ich ergebe mich also darein, erst Etwas zu frühstücken; kurz entschlossen.....Haud oder naud.... da beißt keine Maus einen Faden davon ab ..... Nn gut also, aber glauben sie wohl, daß ich kaum eine Schnitte von dem gestrigen Hammelsbraten zu mir ge- nommen hatte, da geht ein neuer Randal auf der Gasse los... Ich horche näher hin ... War's die Marseillaise ... ^Ultznü^eâis — de la — patri — e . TrUaladom.— didom — dadomderadada!
Jetzt faßte mich ein Enthusiasmus, daß ich's Ihnen gar mcht beschreiben kann..... (>ö lupfte mich ordent- lich in die Höhe, ;o begeistert war ich!.... Das Louvre
war genommen! Wir waren Sieger! Sieger auf der ganzen Linie! Und was die Hauptsache war, Sieger binnen drei Tagen!.... Aber, um uns Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, cs durfte einen nicht wunder nehmen ..... Sie können sich wohl vorstellen, wenn sich so Alles und Alles ins Geschirr legt....
Aber Das ist jetzt einerlei! Und e i n Umstand war dabei, der mir mein Lebtage gedenken soll.....er geht mir noch heute im Kopfe herum.....das war jene verteufelte Flinte, Sie erinnern sich?.... mit ihrem pwinn!.....pwinn!,.... und dergleichen. Ja, Herr, sehen Sie, das war so eine von den Unerklärlichkeiten, die in dem ganzen Lebenslauf eines Menschen unvergeßlich da stehen.... Könnten Sie's erklären?.....
Politik an einer Wirthstafel.
Ein Freskobild.
(Aus den Studien und Skizzen von Friedrich Giehne.)
„In was reisen Sic?" fragte mich mein Nachbar, als ich mich an der dichtbescyten Wirthstafel niederließ. Es war ein elegant gekleideter Herr, wohlgcpflegtcn Bartes, fein im Weißzeug, mit einer schweren Goldkette über der Weste und verschiedenen Ringen an den roth- braunen Händen, die er bald auf diese bald auf jene Art zur Schau legte, um die Kleinode blinken zu lassen.
Beiläufig gesagt, mit den Handschuhen ist die Mode nichts weniger als aristokratisch, da dieselben eines der wesentlichsten Kennzeichen des Unterschiedes der Stände zudecken. Hätte mein Nachbar Handschuhe ««gehabt, so wäre mir seine gebräunte, durch keine Pflege der Kunst entweihte Hand nicht zu Gesicht gekommen.
„„Ich bin kein Reisender"", erwiederte ich, und Dies war in seinem Sinne richtig, obwohl ich erst vor einer halben Stunde aus dem Wagen gestiegen war.
— Schade, sagte mein Nachbar; sonst hätten Sie gleich eine Streitfrage entscheiden können, die ich da mit dem Isidor habe. Aber cs thut Nichts, denn ich habe doch Recht.
--Nichts als Flausen, fiel sein Gegenmann ein. Wir verstehen den Rummel auch; wie wollen Sie leugnen, was in der Zeitung steht?
— Gchn Sie mir weg mit Ihrer Zeitung. Im Tarif muß es sichen, nicht in der Zeitung.
Das Gespräch schien bereits eine Weile im Gang zu fein; ich merkte, daß cs sich um Zollangelcgenheiten handle.
__ Und da machen Sie mir den Gaul nicht scheu, fuhr mein Nachbar fort. Mit einer Aenderung des Ta- rifs ist es Nichts; daS können die Oestcrreicher schon gar nicht; da ist erstens die Mauth entgegen, und zweitens erlaubt es die Politik nicht.
--- Allerdings erlaubt eS die Politik, denn in