Freit Zeitung.
„âeiheLL und NeeHL!"
M 180
Wiesbaden. Samstag, 9» September
1848
Die Dreie Zeitung" erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags, in einem Bogen — Bestellungen darauf beliebe man zu machen in Wiesbaden in den Buchhandlungen von S Fischer und H.' W. Ritter; auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern. — Der Abonnements-Preis vom 1. Juli an beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fl. 43 fr., dalbiâbria 3 fl. 30 kr.; auswärts durch die Post bezogen innerhalb des ganzen Herzogthumö Nassau vierteljährlich 2 fl.12 kr., halbjährlich 4fL 23 fr., des Großh-rzogthumS Hessen, der freien Stadt Frankfurt, der Landgrafschaft Hessen-Homburg, sowie der Kurhesitschen Provinz Hanäu vlcrtchahna 2 fl. 13 kr.; halbjährig 4 fl. 30 fr, innerhalb aller übrigen Thurn- und Taris'schkN Postbezirke 3 fl. - Inserate werden bereitwillig ausgenommen. — Die JnseraUonS-Gebuhren betragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.
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Zur Empfehlung unseres Blattes noch etwas zu sagen, halten wir für überflüssig. Die Zeitung liegt vor, und hat sich seit der kurzen Zeit ihres Bestehens schon einen so ausgedehnten, freundlichen und festen Leserkreis erworben, daß dies als der beste Beweis für die Gediegenheit des Blattes gelten muß. — Namentlich in neuerer Zeit hat unsere Zeitung sich eines ungewöhnlichen Beifalles zu erfreuen, und ist es 'das eifrige Streben der Redaction, sich diesen Beifall auch fernerhin zu erhalten, und namentlich durch gediegene leitende Artikel den Werth des Blattes stets zu erhöhen. Hie Expedition der freien Zeitung,
Die Nationalversammlung und das deutsche Volk.
^ Aus Hannover, Ende August. Die Nationalversammlung hat nun auch den Allerkurzsichtigsten darüber belehrt, was man eigentlich von ihr zu erwarten habe. Sie hat den Prinzen von Preußen in Schutz genommen, und den ersten Mann des Volkes verleugnet, weil er die Republik in dem Einzelstaat einführen wollte, sie hat des deutschen Volkes Einheit wieder auf einen todten Klotz vertröstet, wohlwissend, daß aus ihren Beschlüssen nimmermehr die Einheit hervorgehen könne. Sie hat das Volk verleugnet, aus dem sie hervorgegangen. Sie hat den Demokraten den Krieg erklärt, und sich verbündet mit den Hülfsmitteln der Reaktion. Eö lassen sich mancherlei Möglichkeiten denken, wie die Nationalversammlung einen andern Weg einschlagen werde, — aber es laßt sich nicht Eine denken, wie dies aus eigirrm Antrieb geschehe. Entweder sie wird duich die Ereignisse von Außen, über die sie nicht gebieten kann, überflügelt und dann mitgeriffen, öder sie wild durch eine energische Volksdemonstration zum Nachgeben veranlaßt, oder die Linke tritt aus, weil sie nicht mehr mit Denen zusammenberathen mag, die ihre eigne Mutter, ihr eignes Prinzip verleugnet haben, und sie verbindet sich dann mit dem demokratischen Theil der Nation, dec bisher schlecht oder gar nicht vertreten war. Letzteres wäre wahrscheinlich die Fackel zum Bürgerkrieg. Weder das Erstere noch das Letztere steht aber unmittelbar in des Volkes Macht: eS hat keinen andern Weg, als die Nationalversammlung moralisch zu zwingen. Das Volk soll es keinen Augenblick unterlassen, der Nationalversammlung gegenüber seinen Willen zu manifcsliren; es soll ihr zeigen, daß eS selber der Ausfluß aller Macht, und daß sie nur die Vertreterin seiner Souveränität ist. ES soll nicht immer und ewig mit Vertrauen nach Frankfurt blicken, wo so viel Gründe zum Mißtrauen da sind, nach Frankfurt, von wo noch nicht ein einziger Akt auSgegangen ist, der das Volk in sei
nem innersten Marke gepackt, der überall mit unge- thkiltem Jubel ausgenommen wäre; es soll wissen und begreifen, daß das Mißtrauen gegen die obersten Behörden daö erste Gesetz namentlich eines noch nicht politisch erfahren Volkes sein soll, indem es eine sorgsame Ueberwachung derselben hervorruft; eS soll Acht haben auf die Schlauheit seiner Gegner, wie aus die Schwächen seiner Vertreter; es soll nicht in Einem fort vertrauen, wo das Vertrauen bisher immer nur unser Unglück und unser Verderben gewesen ist. Ja, deutsches Volk, zeige Denen, die da in Frankfurt sitzen, deinen Willen, sordere sie entschieden auf, dich zu hören, tritt einmal wieder achtunggebietend aus in deiner Macht und deiner Größe, damit man sie nicht vergessen lernef In unserem Lande hat man nachstehende Ansprache an die Versammlung in Frankfurt entworfen und es wäre zu wünschen, daß dieselbe auch in andern Theilen unseres Vaterlandes unterschrieben und sofort nach Frankfurt geschickt würde,
Das deutsche Volk an seine Vertreter in Frankfurt.
„Als Ihr vor vier Monaten in Frankfurt zusammen- tratct, da hatten wir gehofft, daß Ihr den Bau unserer Einheit schnell in die Höhe führen, unsere Freiheit für ewige Zelten schützen, und unsere Ehre gegenüber dem Ausland wahren würdet. Aus unserer Einheit ist bis jetzt nichts geworden: Ihr, die aus der eignen Macht- vollkomlnenheit des Volks hervorgegangene republikanische Behörde, habt uns mit eineur Oberhaupte beschenkt, das uns nicht verantwortlich ist, und das den Fürsten näher steht, wie dem Volke. Die Eifersucht der Fürsten ist rege geworden, schon lehnen sie sich allenthalben gegen ihr Oberhaupt auf; die größeren Staaten drohen selbstständig zu werden, und die kleinern werden mit Hülse von „Bundestruppen" des Nejchvcrrvesecs unter wo. fen. Man treibt ein unschönes Spiel mit uns, die Kvutissen werden vor unsern Augen vorgezogen, und beim unvermeidlichen Kampfe des einigen Volkes gegen seine Feinde, die es von Neuem zerreißen und hinhalten wollen, wissen wir nicht, ob wir
uns aus Seite des Reichsvenvesers zu schlagen haben, da wir bis jetzt noch nicht wissen, m t wem er es hält. Wir sind der Ansicht, daß in der Unverantwortlichkeit eines Neichsoberhauptes auch unsere Freiheit gefährdet sein könne, denn schon erlauben sich die Einzelregierungen die größten Unterdrückungen, vernichten das Recht der freien Bereinigung und der persönlichen Sicherheit, ohne daß von Seiten der Zentralgewalt die geringste Einsprache dagegen geschähe. Wir verlangen darum namentlich, daß die künftige definitive Zentralgewal' völlig unabhängig von den einzelnen Fürsten und Regierungen handle, denn die Einzelregierungen haben sich den Beschlüssen des einigen Volks unbedingt zu unterwerfen.
Wie mit unsrer Einheit und Freiheit, so steht es aber auch mit unsrer Ehre gegenüber dem Ausland. Das um seine Freiheit und Selbstständigkeit ringende Polen ist zum vierten Male getheilt worden, das freie Italien wird von einem österreichischen Soldaten unterjocht, und in Schleswig treibt eine kleine Nation, wir wissen nicht, ob zur geheimen Freude unsrer Fürsten, schon seit Monaten ihr Spiel mit uns. Die Soldaten aber, die jetzt zur Unterdrückung der polnischen und italienischen Freiheit gebraucht werden, sind nachher in Zeiten der Gefahr herrliche Waffen in den Händen der Despotie. Wir fordern darum die sofortige Wiederherstellung der Unabhängigkeit und Freiheit Polens, die sofortige Räumung Italiens durch die österreichischen Truppen, und eine kraftvolle Führung des Krieges in Schleswig.
Wir fordern Bruderbund mit allen freien Völkern, den Franzosen, den Italienern, den Polen, mit denen wir vereint dem russischen Despotismus, der ja seine Anhänger auch in unserm Vaterland zählt, widerstehen werden.
Vertreter der Nation, hört auf die Stimme des einigen Volkes, das seine heiligsten Herzenswünsche vor Euch darlegt! Rechtfertigt sein Vertrauen, damit nicht die Saat des Mißtrauens einen immer
Die Freiheit.
Sonnet von Georg Herwegh.
O Freiheit, Freiheit! Nicht wo Hymnen schallen, In reichgeschmückten fürstlichen Arkaden — Freiheit! Du wohnst an einsamen Gestaden, Und liebst die Stille, wie die Nachtigallen.
Du fliehest das Geräusch der Marmorhallen
Wo trunkene Schlemmer sich int Weine baden,
Du läßt in Hütten dich zu Gaste laden,
Wo Thränen in die leeren Becher fallen.
Ein Engel nahst Du bei verschlossenen Thüren,
Stellst lächelnd Dich an Deiner Treuen Belte, Und horchst der himmlischen Musik der Kette.
Nicht stolze Tempel wollen Dir gebühren, Drin wir als Opfer unsern Stolz Dir bieten — W ärst Du die Freiheit, wenn wir vor Dirk nie eten?
Eine Präsidentenwahl.
Ans Gcrstäckcr'S Missisippi-Bildcr.
(Fortsetzung)
Die Aussichten für Henry Clay verringerten sich mehr und mehr - schon sah man auf Seite der Whigs
mit banger Furcht einer Entscheidung entgegen; dagegen wurden die Demokraten immer übermüthiger und zuversichtlicher, und häufige Zänkereien, die nicht selten sogar ■ ein blutiges Ende nahmen, verriethen, wie die Gemü- ■ ther mehr und mehr gegen einander erbittert wurden.
Da brach der verhängnißvolle Tag der Entscheidung ! an. Die Post war gekommen — die Briefe wurden auSgegeben, und siehe da — Herr Rehbein glaubte, der Schlag rühre ihn — James K. Polk war Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika, — Henry Clay hatte aufs Neue der Majorität weichen müssen. Die demokratischen Blätter triumphirten; frühere, ans Polk und General Jackson gesungene Spottlieder, wurden umgedreht und Pasquille auf die besiegten Feinde daraus gemacht; Proceffionen zogen durch die Straßen, mit Neger-Mußkanten voraus, die den Jaukce-Dvodle spielten, und flatternde Fahnen und bunt colorirte Sinnbilder, wie die lauten Hnrrah's und das Jubelgeschrei der Menge, verkündeten die ganze ausgelassene Fröhlichkeit der jauchzenden Schaar.
Die Whigs dagegen verhielten sich sehr ruhig und wichen, so viel sich das irgend thun ließ, solchen Zügen aus, da eS nicht selten vorkam, daß sie von den Übermüthigen auf das Gröbste beleidigt würden. Herr Rehbein besonders, der die Rache der Sieger fürchtete, schloß sich in sein Haus ein und gab Befehl, Niemanden, wer cs auch sei, einzulassen. Der erste Sturm, der erste Freudenrausch der siegreichen Parthei sollte so vorübcrgehcn,
nachher hoffte er die Gemüther ruhiger zu finden, und beschloß dann auch mit seinen amerikanischen Freunden zu bereden, welche Schritte jetzt gethan, welche Maßregeln ergriffen werden müßten, das Unvermeidliche zu ertragen, und einer neuen Niederlage in Zeiten zu begegnen und vorzubeugen.
Mehrere Wochen verstrichen so und der „Demokratische Whig-Adler" war in letzter Zeit noch besonders thätig gewesen, die demokratische Parthei falschen Spiels — ungesetzlicher Wahlen :e. rc. zu beschuldigen, so daß Heer Rehbein selbst einige Male crschrack, als er solche Artikel mit „Joseph Rehbein, verantwortlicher Redacteur" un- terzeichnet fand, die man ihm auch nicht einmal, weder im Manuskript noch in der Correetur, vorgelegt hatte. Als er aber seinen jungen „Mitarbeiter", wie er ihn nannte, eines Morgens zur Rede setzen wollte, war dieser nirgends zu finden und auch, sonderbarer Weise, feiner seiner frühern Gänger und Freunde, bei denen er sich nach ihm zu erkundigen gedachte, zu Hause, obgleich cs draußen stürmte und wetterte, daß man nicht gern einen .Hund auf die Straße gejagt hätte.
Joseph Rehbein merkte zwar noch immer nichts, er hatte keine Ahnung, daß er jetzt von Denen verlassen sein sollte, die ihn erst E wenigen Wochen fast auf Händen- getragen, .und--doch k-Mn jetzt Beweise auf Beweise, die ihn zuerst nur stutzig machte», bald aber die unabwciö- lichc Überzeugung aufbringen mußten, daß sein Reich vorüber »nid er selbst blos vor der Wahl, als Einschiebsel