Frtit Zeitung.
„âeiheit und Nerht!"
^ 179< Wiesbaden. Freitag, 8. September 18418.
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Mtein letztes Wort in der Zehntfrage.
$ Von der Weil, 2. Sept. Ich habe schon so viel über die Zehntfrage geredet und geschrieben, daß man denken sollte, meine Ansichten seien gegen jedes Mißverständlich und jede Verdrehung geschützt. Indessen, wer durch Parteileidenschaft blind gemacht ist, der sieht auch am Hellen Mittage das Licht der Sonne nicht; es gilt vielmehr der Verständigung mit der großen Masse der nichtzehntpflichtgen Bevölkerung unseres Landes, welche man jetzt gegen diejenigen, welche eine prinzipmäßige Losung der Zchntfrage wuujch- ten, und damit überhaupt gegen die Partei, die nach Prinzipien handelt, d. h. gegen die entschiedene Fortschrittspartei, einzunehmen und aufzureizen und so zu reaktionären Zwecken zu mißbrauchen sucht. Ein Schmah- Artikel, welcher offenbar diese löbliche Tendenz hat, und sogar schon siegesfroh mit der „Nemesis" des Volkes droht, findet sich in No. 140 der „Nassauischen Allg. Zeitung". Der Hr. -s-Correspondent „von der Werl", der sich dort erpektorirt, und dem das von unserer Kammer angenommene Zehntablösungsgeseß nicht gefallt, (welches aber begreiflicher Weise mir auch nicht gefallt) gibt mir die Schuld an diesem Gesetze, da ich „und kein Anderer zuerst öffentlich die unentgeltliche Abschaffung aller Grundlasten und Zehnten gepredigt" habe, „unsere Abgeordneten" aber (durch ihr Gesetz) „ihre Abhängigkeit von dem TageSgötzen des Eigennutzes auf eine klägliche Weise bekundet" hätten. Mein Herr Kolleg „von der Weil" erweist damit mir, dem er doch Einfluß und „Geistesanlagen" abspricht, eine große Ehre! Ich muß jedoch für solche Ehre höflichst danken, da ich, wenn ich in der Kammer gesessen hätte, Höchst wahrscheinlich gegen das Zehntablösungsgesetz gestimmt haben würde! — Es standen nach meiner Ansicht nur zwei Wege offen, auf welchen zu einer prinzipmäßigen Lösung der Zehntfrage zu gelangen war; ich habe sie beide, einen nach dem andern, in der Presse betreten, wenn auch ohne den gewünschten Erfolg.
Erster Weg. Die Zehntfrage wird nicht gesondert für sich, sondern nur als integrirender Theil der Frage über die Besteuerung und Belastung der Staatsbürger überhaupt betrachtet und gelöst, d. h. es werden alle allgemeinen Lasten und Abgaben, mögen sie Steuern ober Zehnten oder Grundzinsen, oder sonst wie, heißen, aufgehoben und in Einen Topf geworfen, um als ein neues besseres Gebräu, als eine einzige Steuer mit progressiver Skala (nach dem wirklichen Vermögen und Einkommen) wieder daraus hervorzugehen. Auf diese Weise würde ein neues Prinzip, der Grundsatz: „Welchem viel gegeben ist, von dem wird viel gefordert",
also das Prinzip wahrer Gerechtigkeit in das gejammte Besteuerungssystem gebracht. Da dieses Prinzip der progressiven Skala nun schon achtzehn Jahrhunderte lang von den Kanzeln herab gepredigt wird, so glaubte ich, daß es doch nun wohl Zeit sei, dasselbe statt des entgegengesetzten, auf welchem das alte Besteuerungs- systcm beruht, statt des Grundsatzes: „Wer da hat, dem wird gegeben, daß er die Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem wird auch genommen, das er hat", ins Leben einzuführen. Daß zur Durchführung dieses Prinzips der Gerechtigkeit die Zeit gekommen sei, das zu glauben war ich um so mehr berechtigt, da wir zugestandenermaßen eine Revolution gehabt haben, und da eine Revolution machen nichts Anderes heißt, als: die alten vergriffenen und verschiedenartigen Münzen in den Schmelzliegel werfen, um eine neue zweckmäßige Komposition daraus hervorgehen zu lassen. Mit solchen Augen sah ich die Zehntfrage an, und wenn man mir entgegnete: „das ist leicht gesagt, aber schwer gethan": so dachte ich: man macht eben keine Rivolutwn, um das Leichte zu thun, sondern grade um das Schwere zu vollbringen, um ganz neue Prinzipien in das Staats- kben einzuführen Steifte man sich auf die herkömmliche Distinktion zwischen den eigentlichen Steuern und Grundlasten, so konnte mich das nicht irre machen, da ein neues Prinzip, indem es auf das Wesen der Sache tiefer eingeht, die alten abstrakten Begriffe flüssig macht und auflöst. Trat man mir mit dem Bedeuten entgegen, daß eine folche radikale Reform in der Verthci- lung der öffentlichen Lasten in einem kleinen Ländchen nicht ausführbar sei, sondern nur, wenn die sämmtlichen deutschen Staaten sich dazu vereinigten; so war grade dies mein Gedanke: ich wollte die Abschaffung der Grundlasten in ganz Deutschland bewerkstelligt sehen, ich wollte die Zehntfrage von der deutschen Nationalversammlung als Handhabe benutzt sehen, um dem Ungethüm des Pauperismus einen gewaltigen Schlag, wenn auch nicht den Todesstoß, zu versetzen. D.c Sache wurde von mir in diesem Sinne betrieben, so lange man noch solche Hoffnungen von dem Parlament hegte. Als dasselbe zusammengetreten war, und als es sich aus seinen ersten Verhandlungen und Beschlüssen herausstellte, daß solche Heilmittel von ihm nicht würden augewendet werden, als zugleich unsere Kammer in ihrer großen Mehrheit eine entschiedene Abneigung dagegen an den Tag legte; gab ich die Hoffnung auf und schlug den zweiten Weg ein, welcher, wenn auch nur für unser kleines Ländchen, und nur für die Klasse der Zehntpflichtigen, zn demselben Ziele zu führen versprach.
Zweiter Weg. Die Zehntfrage wird gesondert
für sich betrachtet und gelöst. Das Prinzip der höhern Gerechtigkeit der Grundsatz der progressiven Skala, wird zum Gesetz der Ablösung selbst erhoben, d. h. es wird eine Klassifikation dec Zehntpfl chtigen nicht nach dem Maße ihres Grundbesitzes, sondern nach ihrem reinen Einkommen überhaupt aufgestellt: die unterste Klasse, die große Menge derjenigen, die nur ihren kargen Lebensunterhalt haben, wird ohne Entschädigung von der Zehntpflicht entbunden, die zweite Klasse zahlt eine geringe, die dritte eine höhere Entschädigung und so fort hinauf bis zur höchsten Klasse, welcher die Entrichtung des vollen 25fachen Betrages auferlegt wird. Hat man gegen eine solche Art der Zehntablösung eingewendet, es sei zu schwierig, das reine Einkommen zu konstatiren, so muß man erwidern: grade bei den Grundbesitzern ist dies am leichtesten, und was bei Einführung der Einkommen- und Vermögenssteuer doch geschehen muß, das könnte auch hier, und zwar mit geringerer Schwierigkeit, geschehen. Es ist unendlich zu bedauern, daß es nicht geschehen ist! Man hat eine Gelegenheit, wie sie nicht alle Tage kommt, um ein großes Prinzip in Anwendung zu bringen, um, zu einem Erempel für ganz Deutschland, einen großen Akt der Gerechtigkeit zu üben, unbenutzt vorübergehen lassen Man ist wieder zurückgesunken auf den alten, von der Zeit überwundenen, Standpunkt, welcher (als ob das die „Gleichheit" wäre!) den Armen mit demselben Maße mißt, wie den Reichen; man hat den Weg der traurigen Mitte, den Weg der Prinziplofigkeit, eingeschlagen; man hat dem Starken eine Waffe in die Hand gegeben, wodurch er nur noch übermächtiger wird, während der Schwache diese Waffe^ die man ihm zu schenken gedachte, nicht gebrauchen kann, weil sein Arm die Kraft dazu nicht mehr hat! Möchten alle an diesem eklatanten Beispiele lernen, daß der Weg der s. g. rechten Mitte (der Jüstemilieuweg) niemals zum Heil führt.
Blickt der Leser nun auf diese meine Auseinandersetzung zurück, so ist ihm gewiß Nichts klarer und in die Augen springender, als daß die beiden Wege, auf welchen ich die Zehntfrage gelöst haben wollte, einzig und allein im Interesse der Armuth eingeschlagen wurden und auch wirklich zu einer wesentlichen Erleichterungen der Arinen geführt haben würden. Der erste Weg würde den Armen und Heruntergekommenen in allen Standen, der zweite wenigstens den kleinen Bauern eine Hilfe gebracht haben. Und dennoch wagt es der ch Korrespondent „von der Weil," in die Welt hinkinzuschreiben, bei der ganzen Zehntagitation sei „die Sorge für das Wohl der ärmeren Klassen" nur eine „heuchlerische Maske" gewesen. Unfähig, das Princip
Cr.
Aus den Liedern eines kosmopolitischen Nachwächters.
Seh'n Sie, Bester, dort um's Eck
Jenen prächt'gen Wagen rollen?
Wer das war? — Nur keinen Schreck, Wenn Sie's wirklich wissen wollen!
Das war ER — Ich nenn' ihn nicht, Deutschland weiß schon, wen ich meine, Unser Hort und unser Licht, Er, der Einzle, Einz'ge, Eine!
Glauben nicht, was so ein Mann Alles unsrer guten Stadt frommt, WaS er will und was er kann, Ganz vornehmlich, Wenn's in'S Blatt kommt
Und wie er bei Jud' und Christ
Für jedwede fremde Noth mild
Stets bereit zu helfen ist, kuter Patriae, von Rothschild.
3«, wie er ganz fein und fern
Selbst im Großen für die Welt sorgt, Weil et kriegslustige» Herrn
N'cht sogleich sein schönes Geld borgt.
Ach! unb die enorme Pracht Seiner Gärten, Parks und Villen, Schlafzimmer, nicht für die Nacht, Nur zum Seh'n um Gotteswillen!
Bilder unter schwarzem Flor, Dieses conservirt sie besser, Und an jedem Eisenthor Drei gewichtige Hängeschlößer!
Seh'n Sie! Wieder dort ums Eck! Die Livree, der Staat von Federn, Rappen mit 'nem weißen Fleck, Englisch All's bis zu den Räder»!
Und dem Kutscher hat heut früh Frau Baronin noch gerathen: Halt' dich schepp, dann meinen sie, Wir sein von den Diplomaten.
Eine Präsidentenwahl. Aus Gerst âcker'S Missisippi-Bilder.
(Fortsetzung.)
Er kannte allerdings die nähern Behältnisse nicht, wußte nicht, daß Rehbein nur dahingestellt war, mit
seiner eigenen Kasse die größten Kosten zn decken unb den bekannten dentschen Namen herzugeben, da eS sich voranssehen ließ, daß wenig Deutsche darauf eingehen würden, wenn ein Unbekannter — ein Amerikaner — das Ganze geleitet hätte. Der junge Mann übrigens, der die w i rkliche Redaction des „Demokratischen Whig- Adlers" übernahm, war mit dem Bankdirector von Etons- vitte nahe verwandt und förderte, im Interesse der Whigs mehr noch das eigene — wodurch er ihnen volle Bürgschaft leistete, der Sache mit allem nur möglichen Eifer vorzustchcn. Dabei versäumten sie aber nicht, den: guten Rehbein bei jeder nur möglichen Gelegenheit in all' seinen kleinen leicht abgemerkten Schwachheiten zu schmeicheln. Er wurde in ihre Gesellschaft gezogen, dort drängten sich die Damen um ihn und dankten ihm, daß er jo wacker unb unerschrocken für die rechte Sache kämpfe — in allen englischen Whigblätter stand sein Lob, der „demokratische Whig-Adler" wurde überall auf das dringendste empfohlen und Rehbeins Name fast mehr genannt, als der deS zukünftigen, wenigstens noch zu hoffenden Präsidenten.
Vor seinen Augen eröffnete sich jetzt eine ganz neue Carriere ; er gewann Selbstvertrauen — er mußte eS ja gewinnen, wenn er nur die Hälfte, nur den zehnten Theil von Dem glauben wollte, was man ihm Alles sagte, waS man an ihm AllcS pricS, und er fing schon an, eS ganz wahrscheinlich zn finden, daß er sobald die WhigS gesiegt und Henry Clay in das weiße HauS zu