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„âeiherL und Neeht!"
JE 178
Wiesbaden. Donnerstag, W September
1848.
Die „Freie Zeitung" erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags, in einem Bogen. — Bestellungen darauf beliebe man zu machen in Wiesbaden in den Buchhandlungen von H Fischer und H. W. Ritter; auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern. — Der Abonnements-Preis vom 1. Juli an beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fl. 43 fr, halbjährig 3 fl. 39 fr.; auswärts durch die Post bezogen innerhalb des ganzen Herzogthums Nassau vierteljährlich 2 fl. 12fr., halbjährlich 4(1. 23fr., des Großh.rzoqthums Hessen, befreien Stadt Frankfurt, der Landgrafschaft Hessen-Homburg, sowie der Kurhessischen Provinz Hanau vierteljährig 2 fl. 13 kr.; halbjährig 4 fl. 30 kr, innerhalb aller übrigen Thurn- und Taris'schen Postbezirke S fl. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen. — Die Jnscrations-Gebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Rapm 3 Kreuzer.
Die Reaction unter der nassanischen Geistlichkeit.
T Aus der Provinz. Nachdem schon so lange die Wahl der Presbyter vorgenommen worden ist, fragt man sich allgemein, warum denn mit der Einberufung der Kreissynoden so sehr gezögert wird. Die Ueber- Häufung der Geistlichkeit mit Geschäften kann kein Grund sein, denn gerade (e^t hat dieselbe die beste Zeit, alle ihre Kräfte einer so wichtigen Angelegenheit zu widmen; Mangel an Vorarbeiten kann auch keinen Grund abgeben, denn die Kreissynoden sollen ja erst den Stoff zu den Vorarbeiten liefern, sie sollen der Verordnung gemäß erst den Willen des Volkes kundthun , nach dem sich der nachherige Entwurf zu richten hat; der Wunsch, erst die politische Gestaltung der Dinge abzuwarten, ehe man die Reform der Kirche vornehme, kann eben so wenig als Grund gelten, denn politische und kirchliche Entwickelung müssen gerade Hand in Hand gehen, die eine hangt ganz von der andern ab. Es bleibt daher keine andere Ursache der Verzögerung mehr übrig, als die bekannte reactionäre Tendenz eines großen Theils der Geistlichkeit selbst, man will wahrscheinlich die ersten für fieberhaft geltenden Gelüste nach kirchlicher Freiheit vorübergehen lassen; man will erst die religiöse Ebbe abwarten, um hintenher hübsch — Alles beim Alten zu lassen. Diese Reactionsversuche auf kirchlichem Gebiete haben sich leider bei der Wahl der Presbyter schon vielfach kundgethan; manche Geistliche haben sich gar keine Mühe gegeben, ihren Gemeinden den Zweck der Presbyterien und Synoden auseinanderzusetzen; sie haben es vielfach gerne gesehen, wenn dieser Zweck mißvei standen und falsch ausgelegt wurde, und so manche Gemeinde auf die Idee kam, gar keine Wahl vornehmen zu wollen. Hatte man doch alsdann die schönste Gelegenheit, dem Volke allen Sinn und somit auch die Reife für kirchliche Freiheit abzusprechen! hatte man doch die Hoffnung, zukünftig wieder in der Hand des Pfarrers allein die süße Herrschaft vereinigt zuseheu! glaubte man doch der Gefahr entronnen zu sein, sich in Zukunft der fatalen Wahl der Kirchengemeinde unterwerfen zu müssen! Aber auch nach vollendeter Wahl kann sich die Oberbc- hörde noch nicht zur Einberufung entschließen; sind vielleicht die Herren Geistlichen in und um Wiesbaden der Meinung, ein Theil der niedern Geistlichkeit und das gesammte Volk würden sich nach und nach von Picsby- terien, Kreis- und Generalsynoden abbringen lassen, um hintenher mit einem durch ein Consistorium vcrfunf- oder versiebenfachten Bischof abgefertigt zu werden? Nein, das sind eitle Träume! Wir werden nicht mehr abgehen von einer freien Kirchenverfassung, die von unten
mit einer freien Kirchengemeinde beginnen muß, gerade wie die politische Freiheit nicht ohne selbstständige Gemeindeverwaltung gedeihen kann, wir werden uns nicht mehr durch einige veränderte Namen in Schlaf lullen lassen, denn wir haben eingesehen, wozu das bisherige System geführt hat. Wir haben gesehen, wie dadurch, daß der Gemeinde alle kirchliche Mitwirkung versagt war, wie dadurch, daß die Kirche zu einer Regierungsanstalt herabgewürdigt wurde, nach und nach aller religiöser Sinn im Volke erstickt worden ist, wie mit dein Sturze der politischen Gewalt auch die Kirche zu einem Nichts herabsank. — Solche Zustande dürfen nicht wie- derkehren; die Reform muß schleunigst begonnen, die Kirche muß frei werden von jeder Regierungsgewalt; das allein wird. dem Protestantismus, der seine Basis in der Vernunft hat, kim gebührende Stellung sichern, nur dadurch wird er in Stand gesetzt, allen etwaigen Stürmen zu trotzen, ganz im Gegensatz zum Katholicismus, der nur durch starre Formen ulid feste Dogmen sich erhält und hierzu stets einer äußern Gewalt bedurfte, der auch durch die beanspruchte Selbstständigkeit schwerlich gefördert, sondern vielmehr höchst wahrscheinlich seiner Auflösung entgegen geführt wird, und dadurch, daß er diese Feuerprobe nicht aushielte, nur beweist, daß er blos eine Uebergangsperiode gebildet, die eben nach allen geschichtlichen Gesetzen nicht von ewiger Dauer ist. — Wir müssen daher im Interesse des Protestantismus die Regierung ernstlich bitten, durch schleunige Einberufung der Synoden den Weg zur kirchlichen Reform anzubahnen, damit die Generalsynode noch zur Zeit der Landstände in Wiesbaodu anwesend sein könnte, mit denen sie doch wohl Manches gemeinschaftlich erörtern müßte; und sollte die Regierung durchaus keine Zeit oder keinen Willen zu diesem Schritt haben, so fordere ich alle Kreissynoden auf, bis zu einem bestimmten Termin auch ohne Einberufung zusammenzutretcn, und fo mit der Grundsteinlegung zu diesem erhabenen Gebäude zu beginnen.
Ein Fond für Sineknristen.
A Wir müssen unS vor allen Dingen zu einer Desuunon herablassen. und verstehen demnach unter einer Siurknre eine solche Staatsdieneestelle, die unter oberherrlichem Schutze, aller Wissenschaftlichkeit zum Trotze, für solche Menschen besteht, oder für solche Individuen geschaffen ist, die eine ehrenvolle Prüfung auf dem Felde der (Konnexionen bestanden haben, und nun vorzugsweise berufen worden sind, ohne Arbeit und ohne Kopf ein süßes Schlaraffenleben trage hinwegzuträumen.
— Das nennt man eine Sinekure und die glücklichen Inhaber derselben nennt man Sineknristen. Sie sind die eklen Geschwüre, die ein faulender Staatskörper unausbleiblich erzeugt, sie sind die sichtbaren Zeugen der tiefsten Erniedrigung und der thatsächlichen Korruption, in denen sich ein Staat befindet, den eine absolute Familienkaste regiert, es sind die mit Schmach behafteten Dokumente einer kürzlich ins Grab gesunkenen trüben Vergangenheit.
An diese Vorbetrachtung schließt sich ein Resums an: das nämlich, daß wir die Erschaffung und Herstellung einer Sinekure für eine Verschwörung und Empörung gegen den Staat als solchen und für einen Versuch des Selbstmords halten, indem das Vernunftrecht hierdurch ausdrücklich vernichtet wird.
Fragen wir, worin der weitere Grund liege, daß sich bisher eine Menge von Staatsdienerstellen vielfältig in den Händen solcher, außerhalb einer ehrlichen Staatsgewalt stehender Sinekuristcn- Subjekte befindet: so findet diese Frage in der obigen Betrachtung ihre Erledigung und entscheidet neben dieser für eine durchaus fehler- und lückenhafte Verwaltung des Staats.
Fragen wir weiter, ob solche Sinekuren dermalen in Nassau bestehen, ob deren noch neue geschaffen — die alten gestürzt worden sind — so müssen wir uns einen Augenblick bedenken: nicht, daß wir im Zweifel wären; keineswegs — sondern weil diese Frage genau mit einer andern zusammenhängt, nämlich mit der: ob die jetzige Staatsgewalt endlich ihre Verpflichtung kennen, dieser Verpflichtung entsprechenden Rechte üben und darnach handeln gelernt habe?? — !!
Diese Frage erklären wir für eine offene und wenden uns nun dem eigentlichen Gegenstände unserer Betrachtung, nämlich der Untersuchung zu, wie der endlosen Klasse derjenigen Staatsdicner- Emporkömmlinge, die im Strudel der Revolution auf ihren himmlischen- Posten überrascht, ihrer anfänglichen Stütze beraubt, nunmehr rathlos dastehen, wie diesen geholfen und vor dem ferneren Elend bewahrt werden könne?! Sie haben keine wohlerworbenen Rechte, sind unfähig zur Handarbeit und gewöhnlich mehr als kopflos: sie müßten also nothwendigerwcise dem irrenden, hungernden Proletariat verfallen, wenn die Barmherzigkeit, in diesem Falle die einzige menschliche Tugend, die sich für sie anrufen läßt, sich ihrer nicht annehmen wollte! Ein Staat soll zwar keine Religion haben, allein in diesem einzigen Falle müßte er sich vorzugsweise hierzu herablassen und sorgen für eine MenschenUasse, die ihm
2> Auszug aus dem Briefe eines Israeliten, die jüngsten Zeitereignisse betreffend. —
Es ist unbegreiflich, wie es noch immer Menschen gibt, die nicht cinzusehen vermögen, daß ein höheres Wesen die Welt regiert, da es doch klar wie die Sonne ist, daß die Menschheit nach einem weisen Plan dem Ziele der Veredlung immer näher gebracht wird. Wer hätte noch vor einem Jahr geblaubt, daß die Schranken, die tausendjährige Vorurtheile um uns gezogen, in so kurzer Zeit fallen würden. Die Neuzeit hat die ewigen Rechte der Menschheit sicher gesielt, und beim Anblick unsrer Kinder ergreift uns nicht mehr das schmerzliche Gefühl, daß die unschuldigen Wesen schon durch ihre Geburt zurückgesetzt sind.
Dem Aufbau der neuen deutschen Zustände kann der Segen Gottes nun nicht mehr fehlen, denn die bethätigende Liebe legte den Grundstein, und so wie ein Tropfen Haß den Segentrank in Gift zu verwandeln vermag, so bringt hinwiederum ein Akt des Wohlwollens überall fröhliches Gedeihen.
Aus Millionen Herzen steigen Dankgebete zum Himmel, sowohl für die Erlangung politischer Rechte als auch sur die moralische Erhebung, welche dieselbe bedingt. Mochten nun auch im Leben alle Vorurthcile immer mehr schwinden; dazu ist cs aber nöthig, daß ein Jeder nach Krasten selbst mitarbeite, möchten u n s r c G l a u b e n s- genosfen Iid) bemühen, das Geschenk dcrFrci-
Heit, welches sie erhalten, auch würdig zu benützen und möchten sie sich bestreben, sich in j e d e r B ü r g c r t u g e u d z u v e r v o l l k o m m n e n, dann wird die ausgesprochene Emanzipation auch bald in die Herzen einziehen, denn wenn ein jeder Christ nur dem ihm liebgewordenen Israeliten die Hand reicht, so bleibt gewiß kein Einziger von der Versöhnung ausgeschlossen. Wenn wir die Gefühle des Wohlwollens in uns aufnehmen, ist es für die Menschheit gewiß ein größerer Gewinn, als wenn wir dem Haß und dem Separatismus noch «immer eine Stätte unter uns gestatten. G.
Eine Präsidentenwahl.
Aus Gerstäcker's Missiflppi-Bilder.
(Fortsetzung.)
„Und das ginge die armen Leute dann gar nichts an" — unterbrach ihn lachend der Gärtner — „cs kommt selten vor, daß ein armer Mann etwas an einer fünfzig Dollar-Note verliert, und die Reichen, i. e. die Whigs wären allein dabei interessirt. Aber Sie vergessen, Herr Rehbein, daß die Demokraten haupsäcklich deshalb gegen eine Bank der vereinigten Staaten sind, weil sie nicht wollen, daß der Präsident, und wenn er auch von ihnen selbst gewählt worden, Schwert und ©clt^uf zu
gleicher Zeit in der Hand trägt. Das wäre aber bei ; alle dem noch das Wenigste — ich, meines Theils be
greife gar nicht, wie ein Deutscher, der cs wirklich mit den Interessen seiner Landsleute hält, eine Sache vertheidigen kann, die alle Ausländer, vorzüglich aber grade die Deutschen, unter die Füße zu treten sucht. Die „Natives", wie sie sich selbst nennen, sind sämmtlich Whigs und was ist ihre Absicht mit den Einwandercu? sie wollen, daß Ausländer erst ein volles Mündigkeitsalter in den vereinigten Staaten erlangen, daß sie sich volle vierzehn Jahre darin aufgehalten haben sollen, ehe sie Bürger werden und damit die Rechte amerikanischer Bürger gewinnen können; sie wollen, zu Gunsten der hier Ge bornen, die Fremden drängen und drücken, und doch sind es grade nur die Fremden — nur fremde Häude, nur fremdes Gold, dem Amerika seine gewaltigen Bauten — seinen ungeheuren Verkehr und dadurch leinen Reichthum verdankt. GrößtentheilS Deutsche und Jä-län- der arbeiten in allen Kohlenbergwerken, an allen «Straßen, an allen Kanälen und Eisenbahnen — im hohen Norden, an den von eisigen Winden durch tobten Prärieen, wie im Süden, in den warmen pesthauchcndcn Sümpfen der Niederungen. Ausländer waren cs sogar größten- theils, die damals, in den Schlackteu der Revolution, die amerikanische Freiheit mit erkämpfen halfen und somit ihren Landsleuten ein volles Recht erwarben, Theil an den segenbringendcn Folgen derselben nehmen. Ich brauche Ihnen hier nur die Namen von Lafayette, Kos-