„âeiHett und Reept!«
M 177.
Wiesbaden. Mittwoch, 6. September
1848.
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Dee Wafferrstiüstand.
-j- Wiesbaden. Es ist geschehen, der Waffenstillstand mit Dänemark ist abgeschlossen und zwar auf eine Art, wie es sich erwarten ließ: das heißt, wenn man schon zuvor einsah, daß die Diplomatie der Zentralgewalt sich in nichts von der alten, der berüchtigten, unterscheide; ein Waffenstillstand mit Bedingungen, als ob wir die Besiegten seien. Juble, stolzes England, Frankreich, lasse dein Hohngelächter erschallen, und du, knechtisches Rußland, schwinge triumphirend deine Knute: denn bange machen gilt noch. Aber wir Deutschen, wir armen, von der Mutter Politik verwaisten Kinder, was sollen wir dazu sagen? insbesondere, wenn wir uns haben täuschen lassen, von den prächtigen, imposanten Truppenmärschen, von dem kampflustigen Ausrücken deutscher Truppen nach dem frechen Norden. Aus welchem Grunde, wozu haben wohl die kostspieligen Ausrüstungen dienen sollen? Wir glauben dies errathen zu können und nicht neben daS Ziel zu schießen, indem wir als ersten wohl nicht zu bestreitenden Satz aufstellen, die Zentralgewalt in Uebereinstimmung mit den Höfen oder vielmehr unter dem Einfluß derselben, war gewillt, unter jeden Bedingungen den Waffenstillstand anzunehmen. Warum aber, wird man alsdann fragen, wurde jener nicht längst abgeschlossen, wenn dies sich so verhält? Wir wollen dies kurz nach unserm Gutdünken entwickeln. Die Begeisterung, welche die Schleswig-Holsteinische Frage schon vor Jahren in Deutschland erweckte, war den Diplomaten, den deutschen Höfen, ein Dorn im Auge, sie wurde es um so mehr, sobald letztere, durch die Revolution erschüttert, dem Volkswillen einmal nachgeben und zur That schreiten mußten. Die Schleswig-Holsteinische Frage war ein P. obirstetn der deutschen Einheit geworden, an ihm erstarkte der Gemetnsinn, erwachte ein edles Gefühl, das sprach: wir lassen fürder nicht einen Bruderstamm verhandeln, oder von Fremden uns entreißen, wir stehen Alle für Einen. Dieses Gefühl hatte sich begeisternd durch Deutschland verbreitet, und darum erklang daS Lied „Schleswig-Holstein meerumschlungen", darum zogen Freischaaren in diesem Frühjahr, dem Frühling der That, aus allen Gegenden nach Norden zu dem gemeinsamen Zwecke, von einer Triebfeder geleitet. Man sah von gewissen Seiten ungern diese Bewegung, doch ihr Unterdrücken war nicht möglich; ja man begünstigte sie scheinbar, wohl berechnend und lauernd, wann der Moment kommen würde, um Alles auf die entgegengesetzte Seite zu wenden. Der Augenblick kam und war der, wo Schleswig, wo immerhin viel Dänen-Gesinnung sein mag, des Kriegs über-
drüßrg, Hamburg und die Ostsceküste materiell zu lerden anfingen. Es fehlte den feinen Diplomaten nun Nichts mehr zur Ausführung ihres Planes, jetzt, nachdem an dem Heerde selbst das Feuer zu erlöschen begann, als in ganz Deutschland eine Mißstimmung in derselben Sache herbeizuführen. Es war dies nicht schwer. Nachdem scheinbar die frühere Truppenmacht nicht ausreichte, den Krieg zu Ende zu bringen, während es doch nur die die Energie Wrangels lähmende Diplomatie war, welche ein günstiges Ende verschlug, befehligte man Truppen aus allen deutschen Staaten nach Norden. Wozu diese zerstückelte Heeres-Abtheilungen? Vielleicht sagt man, damit jeder deutsche Staat thätigen Antheil an dem Gegenstand seiner Begeisterung nehmen kann. Ich kann dies aber nicht glauben, bin vielmehr der Ueberzeugung, daß dies darum geschah, um in allen Gegenden Mißvergnügen über die begonnene Sache zu erwecken. Daß Truppenausmärsche dies immer thun, zum wenigsten bei den Angehörigen, wird Niemand leugnen, der dies mit angesehen hat, umsomehr mußte dies hier der Fall sein. Man erwartete, daß eine treue Politik mit diesem Frühjahr beginnen würde, daß dadurch ein wahrer Völkerfriede zu erlangen sei, der die drückenden Lasten der stehenden Heere vermindern würde, statt dessen daS Gegentheil. Außerdem ermüdet man durch stete Märsche die Truppen, ohne zum Schlagen zu kommen; die schlechte, wenigstens ungewohnte Kost verfehlt auch nicht, das Ihrige zu wirkend Mit dieser Mißstimmung nun werden wir sie nach Hause kommen sehen, und wird sich jene durch sie auftviele andere verbreiten und wir können nur bedauernd ausrusen: Es ist ihnen ge- lungeu. Aber, ihr ReaktionLrs, freut euch nicht zu sehr eures Triumphes; ihr sagt wohl gar noch spöttisch: es ist doch schade, wenn der deutsche Patriotismus durch einige magere Linsengerichte abgekühlt wird, bedenkt jedoch, daß man hinter eure Karten schaut, und so wahr, wie jetzt der Winter naht, so wahr ist eS, daß auch Frühjahr wieder kommt.
Amerikanischer Spiegel für die deutsche Gegenwart.
V> Aus der Provinz, 25. August. Da man sich von allen Seiten her, wo die Reaction noch Wurzel schlägt und Lebenskräfte hat, — und dieser Orte sind leider nicht wenige, — unablässig bemüht, die dynastischen Sonderinteressen des Hauses Hohenzollern, welches auf dem Throne von Preußen sitzt, mit den Interessen derjenigen Deutschen, die das preußische Staatengebiet bewohnen, zu identificiren, und diese Sonderinteressen
theils zu rechtfertigen, d. h. als vollkommen berechtigt, natürlich und patriotisch darzustellen, theils wenigstens zu entschuldigen, d. h. als begreifliche und nicht übel auslegbare Folgen allzugroßer und allzuauffallender Zurücksetzung und Ehrenkränkung erscheinen zu lassen, so wird es an der Zeit sein, einmal ein klares Schlaglicht auf diese Verhältnisse fallen zu lassen, welche man absichtlich in den tiefsten Abgrund babylonischer Sprachverwirrung hinabzuziehen sucht.
Wir finden den entscheidenden Mittelpunkt, um welchen es sich hier handelt, am leichtesten, wenn wir auf völlig gleiche Verhältnisse einer früheren Zeit zurückge« hen, in welcher Preußen denselben Zweck, welchen eS dermalen immer noch verfolgt, wirklich erreicht hat. Die Zeit, welche wir meinen, ist die, nach den Befreiungs- kriegen, in welcher es sich ebenfalls darum handelte, eine neue Form zu finden, in welcher sich die deutsche Zersplitterung leidlich vereinigen sollte. Man schuf damals den „deutschen Bund", welcher, wie man sich in drei und dreißig Jahren zur Genüge überzeugen konnte, keinerlei Anforderungen genügte, nicht einmal denjenigen der Fürsten (d. h. der kleineren), viel weniger denjenigen des Volks.
Wie im Jahre 1815 die deutsche Reichsverfassung, die Rheinbundverfassung u. s. w. in Trümmern lagen, und es galt, etwas Neues zu schaffen, so liegt nun die bisherige Bundesverfassung in Trümmern, und es gilt, ein neues Staatsgebäude aufzuführen' Aber wie damals die größten und kleinsten Sonderinteressen und Privatangelegenheiten in bunkern, wirrem Gemisch sich kreuzten und das große Werk zu hindern suchten und auch wirklich gehindert haben, so geschieht dies auch jetzt, und es ist Pflicht eines jeden gesinnungstüchtigen Deutschen, dein alten Drachen der Zersplitterungswuth und der kleinlichen Eifersüchtelei, wo er ihn immer finden mag, mit Macht entgegenzutreten.
Um nun unsere Leser auf die richtigen Gesichtspunkte zu leiten, damit sie in dem Spiegel der Vergangenheit, d. h. in der Geschichte der Constituirung des „deutschen Bundes", erkennen mögen, was von den dermalen königlich preußischen Bestrebungen zu halten sei, heben wir einige Reflexionen aus dem Werke „Europe in 1821 by A Everett“ hervor, in welchem die Verhältnisse des Jahres 1815 in einer Weise beleuchtet werden, die auf den Zustand und die Eventualitäten der Gegenwart ein fast erschreckend Helles Licht wirst.
Der Verfasser Henry Alexander Everett ist Bürger der Vereinigten Staaten von Nordamerika und war damals (1821) als chargé d’affaires seines Vaterlandes am niederländischen Hofe accreditirt. Er
Russische Kindererziehung.
+ Wiesbaden. Wir halten es für unsere Pflicht eine Sache hier in Anregung zu bringen, die sowohl unser Interesse als Entrüstung verdient. Bedauern müßen wir jedoch zugleich, noch nicht in Allem ganz zuverlässige Aufschlüsse geben zu können, vielmehr wünschen mir, daß die Sache, einmal vor der Ocffentlichkeit angeregt, eben dadurch, daß sich weitere Eröterungen daran knüpfen mögen, nach und nach ihr Gcheimnißvolles vor den Augen der Welt verliere und bemerken ausdrücklich, daß wir nur als Berichter, nicht als Kritiker, dessen, was wir gehört haben, dastehen wollen, ja daß wir zur Ehre der Menschheit wünschten, daß wir im Ganzen, wie im Einzelnen gründlich eines Andern belehrt werden könnten, im entgegengesetzten Falle jedoch treffe die Schuldigen dje ganze Verachtung Aller, die ein Gefühl für die Menschenwürde haben. —
2>or jetzt beinahe vierzehn Tagen starb in Biebrich e'ne utwerheirathetx Gräfin, russischer Nationalität, Na- ™ .^âwanoff. Bei ihr fand sich ein etwa fünfjäh- ngkv Mädchen, welches der Gegenstand unsrer und aller Ausmerk,amkcit werden soll. Wer dieses Kind sey, wußte
Niemand anzugeben, nur sagte eine Leibeigene der Verstorbenen aus: daß dieses Kind vor vier Jahren als Findel von ihrer Herrschaft in Mailand aufgehoben worden sey; wie es sich damit verhält davon später. Mehr augenblickliches Interesse mußte der Zustand erregen, in dem man die von aller Welt Verlassene fand. Schon früher waren dunkle Gerüchte umhergelaufen, daß erwähnte Verstorbene jenes Mädchen auf eine unmenschliche Art behandele, so namentlich in vergangenem Winter, wo die Verstorbene hier in Wiesbaden das Haus Her- genhahn's bewohnte; auch soll man damals jener Vorwürfe deßhalb gemacht haben, jedoch ließ man es dabei bewenden; mehr menschliche Gefühle zeigte ein Bedienter jener Gräfin, ein Deutscher, der jenes Unwesens halber aus ihren Diensten trat und vor der Polizei dieserhalb die Anzeige machte. Dessen Aussagen nach soll Gräfin Mamanoff jenes Kind oft bis auf das Blut gepeitscht haben; stets habe es sich in den verschloßenen Zimmern aufhalten müßen, sey wahrhaft geknebelt worden und habe schlechte Kost erhalten, so daß er und der Koch der Gräfin mit List dem armen Kinde bessere Nahrung zu- kommen zu lassen, sich bewogen gefunden hätten. Von Polizei wegen wurde darauf hin zwar verfügt, jedoch sehr spät; (in andern Dingen ist sie doch so fix). Ein Tag nach dem Ableben der Gräfin erst kam ein begutachtender Arzt. Warum forderte man «denn keine Rechenschaft von dem Hausarzt jener hohen D^ime? Herr Medizinal- | rath Haas von hier war es; er kam oft zu ihr und |
muß hier die „russische Erziehungsart" mitanzusehen Gelegenheit gehabt haben. Sicher geht dies aus seinen eigenen Worten hervor, deren er sich einer Dame gegenüber bediente, die Theil an dem unglücklichen Geschöpfe nahm und Herrn Haas um sein Wissen in dieser Sache befragte: „Sie müssen wissen, entgegnete er, es war ein eigenes Verhältniß zwischen der Dame und dem Kinde, außerdem ist russische Erziehungsweise sehr verschieden von der u»srigcn."^Außerordentlich verschieden besonders in dem vorliegendem Fall; aber ich als Deutscher würde mir es zur Ehre ungerechnet haben, Barbareien auf deutschem Boden nicht zu dulden, wo ich sie hätte verhüten können. — Doch unsre Leser werden Einiges über den Zustand des Mädchens wissen wollen, so wie darüber, ob nicht, was Gerüchte hier unb da, so wie, was wir selbst bringen, übertrieben ist. —
Leider ist nur zuviel wahres daran. Die Unglückliche hatte bei dem Ableben der Gräfin, wo ich jene zu sehen Gelegenheit hatte, ein bleiches verkümmern tes Aussehen, war furchtsam in allem ihrem Thun, obgleich sic von Temprament lebhaft ist; beides Folgen der harten Behandlung, der engen Stubenluft, der fd^ed). teil Kost, die cs genoß. . Au seinen Aermchen sah man mit Blut unterlaufene Ringe, die auch jetzt nach vier- zehntägiger Befreiung noch nicht ganz verschwunden find, die Muskulatur des Armes war dadurch sichtlich beeinträchtigt, fast atrophirt zu nennen; im klebrigen ist daS Kind von gutem und schwnen Körperbau. Vcrnachläßi-