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Wiesbaden. Dienstag, 3. September
1848
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Hannoverische Zustände.
^ Aus Hannover, Ende August. Wenn es irgend ein Land gibt, wo der Despotismus, namentlich der Beamten, gewüthet hat, so ist eS Hannover. Man sprach von ditsem Lande immer nur mit Schaudern, und in der That, hier war es so weit gekommen, daß nicht mehr wie zwei Leute -zusammen aus einer Spinn, flute fitzen durften. Die Minister Strahlenheun und Falcke haben hier einen ähnlichen Klang, wie Metternich in Oestreich — sie machten dem freisinnigen Bürgermeister von Osnabrück Platz. Feinere Beobachter woll- ten allerdings dem neuen Ministerium Stüve keine lange Lebensdauer voraussagen, obgleich es mit dem größten Jubel im ganzen Lande ausgenommen wurde. Und dennoch haben diese die Stärke des Volksgeistes nur etwas zu hoch angeschlagen, indem sie glaubten, ein Ministerium, auS den verschiedenartigsten Elemeu- ten zusammengesetzt, das nicht mit des Volkes Wünschen in Einklang stehe, müsse bald fallen. Denn die Popularität des neuen Ministeriums, dessen erste Verordnung das berüchtigte Tumultgesetz gegen die unruhigen Bauern war, war nur von äußerst kurzer Dauer. Es hatte sich gleich Anfangs mit den alten Ständen umgeben, die noch unter dem Einflüsse des bureaukratischen Systems gewählt waren, nach einem Wahlgesetz, daS sogar Minoritätswahlen zuläßt. Mit diesen Ständen glaubte es daS Land regieren zu können, und eS ist ihm auch bis auf den heutigen Tag gelungen, trotz den unzähligen Widersprüchen, in die eS sich verwickelt, trotz den unzähligen MißttauenSadressen aus allen Theilen deS Königreichs, trotz dem ungeheuern Miß. fallen der ganzen Bevölkerung. Denn schon ist es so« we t gekommen, daß selbst der gewöhnliche Spießbürger das Ministerium Stüve nicht zu vertheidigen wagt. Und woher rührt dies? Es rührt daher, daß noch nicht einmal die konstitutionelle Monarchie in Hannover verwirklicht ist, daß das Ministerium seine Stütze nicht in der Bourgeoisie, dein Geldbürgerthum, sucht, jondern in der Büreaukratie, in der Polizei- und Beamten« Herrschaft. Hannover ist noch kein konstitutioneller Staat, sondern es ist nach wie vor der alte Beamten- staat. Das Ministerium hat nur den Namen gewechselt, Stüve, die berühmte Autorität aus den Jahren der VerfassungSkämpft, war der Köder, mit dem man das Volk zu beruhigen dachte. Die Stände aber hat er durch seine Autorität und durch seine Schlauheit an sich gefesselt, sie zu seiner Leibgarde herangebildet — während dieselben mit den Gesinnungen ihrer Wähler durchgängig im grellsten Widerspruche stehen. Sturz Stüv?ö und seiner Leibwächter! Das ist darum die
Eine Präsidentenwahl.
AuS Gerstäcker'S Missisippi-Bilder.
(Fortsetzung.)
„Das ist gar keine Entschuldigung, junger Mann," unterbrach ihn hier, froh einmal im Gleis zu sein, der Erhitzte „das ist gar keine Entschuldigung — ich weiß recht gut was Sie wollen, ohne daß sie vorher eine lange Reden halten — Sie wollen meine Tochter — Sie wollen meinen Glauben — Sie wollen mich selbst von Pflicht und Recht abtrünnig machen — Sie sind ein Verführer. Doch ich bin Gott sei Dank Mann genug, um zu wissen was ich zu thun habe — noch in dieser Woche soll die Stadt erfahren, w i e ich denke und welche Kraft ich dem, was ich denke, zu geben weiß — und was meine Tochter betrifft —"
»Aber bester Herr Rehbein —"
»Lassen Sie mich anöreden, Herr!" — schrie der Pofamentir, der sich jetzt in eine förmliche Ertase hin- nngcarbenct hatte — „und was meine Tochter betrifft '"" hiermit sagen daß ich sie keinem ä werde, der da mir nichts, Dir nichts und Wit seinen democratischen Prin- ' "ftillc Tochter ist für einen ruhigen 2 „ ^^ '"""""": °" - «°r â» Singen
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Zauberformel, die das Land in beständiger Unruhe und Vibration erhält, die auch zu einer baldigen neuen Erhebung des Volkes führen muß. Uud tu der That, was ist nicht schon geschehen, um den Stein, der Aller Herzen drückt, wieder abzuwälzen! Die Stände hatte man durch die sogenannten Kondeputirten, welche von allen Hannöverischen Städten gesendet wurden/volks- thümlich gemacht. Die Kondeputirten verlangten eine gründliche Umgestaltung der Verfassung, namentlich aber an die Stelle der Atelökammer und der Stände eine einzige Volkskammer — und sie gingen auseinander im Vertrauen, daß die Stände und das Ministerium sich fügen würden. Aber die Stände thaten nichts, die Kondeputirten kainen von Neuem wieder zusammen, verlangten nun ein neues Wahlgesetz auf demokratischen Grundsätzen, und solglich eine neue Kammer. Vom König, vom Minister und von den Ständen wurden aber ihre Bitten mit Hohn zurückgewiesen, — da schickte man zwei, den Syndikus Büeren und den Dr. Ellissen, Republikaner, nachFrankfurt zumFünfzigerauSschuß, welche dort eine getreueSchiloerung von derReaktion machten.Das war das Mißtrauensvotum der Städte, die loyale Residenz Hannover ausgenommen; es fruchtete nichts. Seitdem hat man unaufhörlich an dem Sturz des Ministeriums gearbeitet, man hat keine Gelgenheit vorübergehen lassen, ihm sein Mißfallen auszudrücken; namentlich hat man den Widerspruch desselben gegen die Beschlüsse der Centralgewalt ausgebeutet; aber das Ministerium trotzt allen Bitten und Beschwerden, allen Mißtrauensadressen — es trotzt so lange, bis wieder die Trommel des Aufruhrs im Lande gerührt wird, bis von allen Seiten wie. der die Massendeputationen in Hannover ankommen. Denn ein anderes Mittel, es zu stürzen, wird es wohl schwerlich geben. So stehen die Dinge jetzt. Dies ist auch der Grund, warum es noch keine eigentliche Par- theisonderung zwischen Demokraten und Constitutionellen in Hannover gibt. Die Vorbedingungen sind noch nicht da, ein wirklicher konstitutioneller Zustand fehlt noch. Die eigentlichen Demokraten können sich aber darüber freuen. Sie sind jetzt noch mit dem ganzen Volk verbündet, und stehen dem Heer der Negierungsbeamten gegenüber. Sie sind fast überall, weil sie die meiste Energie haben, Leiter der Bewegung. (Büeren in Emden, Weinhagen in Hildesheim, Ellissen in Göttingen re.) Sie werden in die neue Kammer gewählt werden, und wenn hier eine constituirende Versammlung zu Stande kömmt, so kann man sicher darauf rechnen, daß drei Viertheile ächt demokratisch gesinnt sind. Die demokratische Partei hat fast in allen Städten das Ruder in der Hand, die Unentschiedenen werden ihr in die Arme getrieben, weil Alle von der Bürokratie nichts
weiß, was er seinem neugewählten Vaterlande schuldig ist — der einsieht, daß wir nur durch eine Nationalbank de» Handel und den gesunkenen Credit des Landes wieder heben können und nicht gerade im Gegentheil trotzig daran arbeitet, Alles das wieder umstoßen, was treuherzige und wackere Patrioten, selbst mit Aufopferung ihres eigenen Interesses, gethan haben."
Der Pvsamentirgchülfe, der sich draußen vor der Stubenthür, mit dem Ohr gegen das Schlüsselloch gelegt hatte, rieb sich schmunzelnd die Hände und wurde vor Freude ganz roth im Gesicht. —
. »Mein guter Herr Rehbein," nahm jetzt, als sich dieser würdige Mann erschöpft ob der langen Rede auf einen Stuhl geworfen hatte, Jener ruhig das Wort — „es ist ein altes Capitel, was wir schon so oft und so zwecklos durchgedroscheu haben, daß es sich kaum der Mühe verlohnte noch einmal damit zu beginnen; ich komme wegen ernsterer Angelegenheit hierher — Ich liebe Ihre Tochter, habe mein gutes Auskommen — werde von ihr wieder geliebt und halte hier förmlich und rechtschaffen nm ihre Hand an. Was unsere politische Meinung an- betrifft, ,o wollen wir die viel lieber ruhen lassen als daß sie meinem Glücke ein Hinderniß werden sollte'; — td) bin allerdings mit Leib und Seele Demokrat — wol. len Sie aber Whig sein — auch gut — es muß über- diee' eine zweite Parthei geben, sonst fiele ja die ganze ~ Position weg und Opposition ist, wie Sie recht gut wissen, die Seele der vereinigten Staaten. Später hoffe
wissen wollen. Osnabrück und Stade, Hildesheim und Göttingen sind die Brennpunkte der Bewegung. In Göttingen, dem „Hexenkessel der Demokratie, aus dem die Molche, Kröten und Drachen an's Tageslicht gefördert werden", hat die Bürgerversammlung sitzt einen Aufruf an das ganze Land erlassen, worin sie dies auffordert sich bei einer Adresse an daS Ministerium zu be- -heiligen, welche von demselben die sofortige Zusammenberufung dec alten Stände, Vorlage eines auf dem Grundsatz direkter Volks wählen beruhendenden Wahlgesetzes, und alsbaldige Auflösung und Berufung neuer Kammern fordert. Dies würde den Sturz des Ministeriums herbeiführen und nothwendig eine constituirende Versammlung gebären. Das Ministerium wird sich freilich hüten, sein eigenes Grab zu graben, aber der immer größer werdende Widerspruch desselben mit her ganzen Bevölkerung führt dann nothwendig entweder zu einem großartigen Volkszug nach der Residenz, oder zu einer revolutionären Versammlung freigewählter Volksmänner vielleicht in einer andern Stadt. Dies ist tue natürliche Folge der Dinge, die politische Logik, und jo wird es kommen, wenn nicht andere unvorhergesehene Ereignisse dazwischen treten, und dem Ganzen eine andere Wendung geben. Dann gilt es, den großen Augiasstall auszumisten: die erste Kammer, die ihren Namen Adelskammer blos gewechselt hat,—denn die reichen Grundbesitzer, aus denen sie künftig bestehen soll, sind gerade derAvel, — muß aufgehoben werden; die leitenden politischen Beamten, namentlich die höheren Ad- ministrativbeamten, die mit dem Anbruch der neuen Zeit ihre Grundsätze nicht verändert und, nach wie vor im alten System wirthschaften, müssen sofort fihrcs^mtcS enthoben wekden, die Trennung des Militärs vom Bürgerstande, namentlich der Quasizölibat der Offiziere, muß fallen, die Domänen, die jetzt in ungeheuern Quoten an die Reichen verpachtet werden, müssen in kleinere Parzellen getheilt, den unglücklichen Hcuerleuten und Hollandsgängern in Ostfriesland, im Osnabrück'schen muß durch eine agrarische Umgestaltung ausgeholfen werden. Und wie Vieles bleibt dann noch in der Reform des, Beamtenstandes der Stätte- und Gemeinde- Veifassung rc. zu thun übrig?
„Haniiov.-r hat keine Märztage gehabt, das ist sein Unglück!"
Bon der Abfassung eines Preßgefetzes.
O Vom Taunus, Ende August. Wenn man daS Wort Preßgesetz aussprechen hört, so denkt man sogleich an die ehemalige preußische Bestimmung, welche
ich dann auch noch einmal die Zeit zu erleben, wo Sie von Ihrem Irrthum —"
„Nun hab' ich's satt!" — platzte auf einmal Herr Rehbein heraus, der indessen wie auf Nadeln gesessen zu haben schien und unwillig anfsprang. „Herr! Sie sind ein unverschämter Mensch, und je eher Sie sich wieder entfernen, desto angenehmer ist mir's. WaS meine Irrthümer anbetrifft — die gehen Sie — thun Sie mir den Gefallen und besuchen Sie mich auf ein ander Mal."
Herr Rehbein brach hier kurz ab, und wandte kein wirklich überraschten Werber den Rücken.
„Aber Herr Rehbein," sagte Gärtner nach kurzer Pause — „ich frage Sie ja nicht nach Ihrer politischen Meinung — ich bitte Sie um die Hand Ihrer Tochter, und dieser wird eS wahrlich gleichgültig sein, ob der, den sie liebt, für Clay oder Polk stimmt."
„Aber mir ist es nicht gleichgültig, Herr!" fuhr hier Herr Rehbein wieder auf, „mir, ihrem Vater, mir, der auf ihr einstiges Wohl zu sehen hat^ und einen Mann, der so verblendet gegen die Interessen der vereinigten Staaten ist, daß er für einen Menschen wie diesen Polk stimmen kann, den halte ich auch nicht für fähig, meine Tochter glücklich zu machen. Also wie gesagt, mein Herr, besuchen Sie —"
„Wenn ich also meine Meinung änderte" — unterbrach ihn hier Gärtner, „wenn ich das Whigticket stimmte — würde das Sie bewegen, mir Ihre Tochter zu geben?"