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âriheit und NecHL!"

Ji: 171

Wiesbaden. Samstag, 2. September

1818

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Die Reaktion.

(Schluß.)

Indessen die Reaktion beschränkt sich vielleicht, ihre Ohnmacht in erster Beziehung fühlend, auf die Hem­mung und Ablenkung der unser Zeitalter bewegenden Kraft, weil diese etwa zu heftig wirkt, oder auf den Umsturz alles Bestehenden, des Guten, wie des Schlech­ten gerichtet ist? Sehen wir doch nicht, daß unsere Regie­rungen wenigstens dem geistigen Fortschritt direkt entgegen treten. Fördern sie doch vielmehr die geistige Entwickelung durch Gründung von Bildungs- und Erziehungsanstalten. Es müßte also, wenn hiernach zu schließen wäre, und der Begriff der Reaction auch auf diese Regierungen ausgedehnt werden darf, die bewegende Kraft wirklich entweder zu heftig wirken, also daß sie der Mäßigung bedarf, wenn nicht größeres Unglück durch unzeitige Re­formen entstehen soll: und dann ist die Reaction ganz in ihrem Recht, oder sie wirkt blindlings, also daß sie der Lenkung bedarf, wenn nicht abermals durch den Umsturz des Guten mit dem Schlechten größeres Un­glück entstehen soll; und dann ist die Reaction wieder in ihrem Recht, und verdient statt Tadel nur Lob. ES bedarf keines Beweises, daß dies die allerwärts und bei jedem Angriff vorgebrachte Rechtfertigung aller Re­action ist. Prüfen wir dann, ob sie auch stichhaltig sei, oder vielmehr, ob die Reaction sich dieselbe aneignen dürfe, denn daß sie entlehnt ist, wird Jedermann als­bald merken. Sie schließt, und das ist allerdings statt­haft, von der Wirkung auf die Ursache: die unser Zeit­alter bewegende Kraft hat schon an manchen Orten zum Umsturz der bestehenden, auch guter Einrichtungen, zu mancherlei Unordnungen, ja zu Gräueln und Verbre­chen geführt; also ist sie. Wir können und wollen die Thatsachen der Geschichte nicht leugnen das Alles ist wahr allein wenn man von der Wirkung auf die Ursache schließen will, warum gibt man denn nicht auch die Bedingungen an, unter welcher die be­wegende Kraft ausschweift und verderblich wird, oder bekennt offen: diese Kraft ist nicht etwa eine zu heftig oder blindlings wirkende, sondern eine an sich verderb­liche, die man nicht etwa zu mäßigen und zu lenken hat, sondern ganz zu unterdrücken? Denn das ist doch ge­wiß, eine Kraft, die unbedingt verderblich wirkt, ist auch eine an sich verderbliche. Nun gibt es allerdings eine Partei, welche dies offen eingesteht, und die man daher die ehrliche nennen müßte, wenn sie unter Verderben nicht etwas ganz Anderes verstünde, als Volksverderben; es ist die, welche stets das alte Lied singt: die Refor­mation ist an Allem Schuld; allein dieses Räsonnement ist doch zu dumm und pfâffisch - einfältig, als daß die Klügeren und Feinen miteinstimmen, und nicht wenig­

stens allen Schein einer Verbindung mit den Ersteren sorgfältig vermeiden sollten. Nein, diese Klugen lassen jene Ehrlichen fein für sich gewähren, machen wohl gar sehr vornehme Mienen gegen dieseiben; freuen sich da­bei heimlich, daß ihnen jene so vortrefflich in die Hände arbeiten, und stempeln unterdeß die ganze Bewegung unserer Tage als blind und tobsüchtig. Das der Be­trug , den sie fortwährend vor den Augen der Welt spielen möchten. Indessen die hier so listig verschwie­genen Bedingungen, unter welchen jene Kraft ausschweift und verderblich wird, also daß die Negierungen ein- schreiten müssen wir werden sie finden, und zugleich die nothwendige gegen diese Ausschweifungen gerichtete Reaction von der schlechten, diese Ausschweifungen selbst verursachenden Reaktion unterscheiden lernen, wenn wir einmal jene Argumentation umkehren und von der Ur­sache auf die Wirkung schließen. Die unser Zeitalter bewegende Kraft ist, wie die Klugen selbst zugeben, nicht eine an sich verderbliche, sondern eine in der Natur des Menschen begründete, mithin doch wohl eine gute, also muß sie auch, da jede Kraft nach bestimmten Gesetzen wirkt, und das wirkt, waS sie kann, Gutes hervorbringen. Gleichwohl führt sie zu Unordnung und Verderben. Woher dieß nun? ES bleibt, wenn man nicht Alles und Alles für schlecht und verdorben erklären will wie gewisse Leute, die allein Verstand haben und in die Tiefe der Erkenntniß eingedrungen finb es bleibt nichts anderes übrig, alS sie ist in ihrer gesetzlichen Wirksamkeit gestört werden. Von wem? Von der Re­aktion selbst; von ihr, welche die nach ewigen Gesetzen wirkende Kraft für eine allzuheftig oder blindlings wir­kende erklärt, unter diesem Vorgeben, eigentlich aber, weil ihr dieselbe Gefahr droht, sie auf alle mögliche Weise hemmt und stört. Das die Bedingung, unter welcher jene Kraft ausschweift und verderblich wirkt; das die Ursache alles Unheils und alles Verderbens. Man frage die Geschichte, und man wird, wenn man nur den BegriffReaction richtig faßt, auf allen Blät­tern die Bestätigung für diese Wahrheit finden. Was hat die Greuel der ersten französischen Rero'ution hcr- vorgebracht? Die Verhöhnung und Mißhandlung aller Menschenrechte von Seiten des Adels und der Geistlich­keit, gegen welche denn auch vorzüglich die wüthende Erbitterung gerichtet war. Es lebte in dem Volke die Idee, daß der Mensch gewisse unveräußerliche von dem Staat zu gewährleistende und nicht zu unterdrückende Rechte habe. Man hat sie verhöhnt und mißhandelt, daher Raub und Mord ganz die natürliche Rückwirkung einer solchen Behandlung. Was hat den Communismus der letzten französischen Revolution erzeugt? Das schlechte, auf die Bereicherung Einzelner berechnete Verwaltungs- System Louis Philipps.

Es lebte in dem Volke die Idee, daß der Staat eine Anstalt sei zur Beförderung der allgemeinen Wohl­fahrt, und nicht eine Erzgrube, welche Einzelne zu ihrem Vortheil auSbeuten. Man hat sie verhöhnt und ver­lacht; daher der Communismus, die ganz natürliche Rückwirkung solcher Staatsspeculationen aus den Geld­beutel des Volks. Was hat in unserm deutschen Lande Baden jene beklagenswerthe republikanische Demonstra« tion hervorgerufen. Die Verleugnung des kurz vorher einmüthig aufgestellten, von den Fürsten selbst aner­kannten demokratischen Prinzips. - ES lebte in dem Volke, besonders in dem politisch gebildeteren badnischen Volke, die Idee, daß die Fürstengewalt nicht ein un­mittelbarer Ausfluß der göttlichen Souverainetät sei, sondern ein Ausfluß der Volkssouverainetät, und daß es bei diesem stünde, sich selbst eine Regierungsform zu geben. Man hat sie, kaum geboren, wieder erstickt und einen Wechselbalg untergeschoben. Daher jene traurige Verirrung. Das sind freilich unangenehme Wahrheiten, allein die Geschichte lügt nicht; und alles, was geschieht, sowohl in der Menschenwelt, als in dem Reiche der Natur, muß eine Ursache haben, welcher die Wirkung genau entspricht. Alle Wendungen und alle Greuel der Revolutionen sind die Wirkungen der Reak­tion. Es mußte so kommen, und wird noch ost so kommen, Jo lange die Ursache fortbauert.

Und so wäre es denn entschieden, durch Thatsachen entschieden, daß die Reatkion, weit entfernt dem Ve - derben, wie sic vorgibt, zu steuern, dasselbe vielmehr herbeiführt, und nebenbei, welche Regierung etwa reak­tionär genannt zu werden verdient. Ziehen wir nur aus diesem Allen den Schluß, so folgt mit unumstöß­licher Gewißheit, daß jener Saß, die unsere Zeit be­wegende Kraft wirke blindlings oder allzuheftig, nichts sei, als ein künstlich verstrickter Trugschluß, hinter wel­chem die Reaktion ihre eigentliche Absicht, jene Kraft selbst zu unterdrücken, verbergen zu können meint. Ja, so ist'o! Und wirds ihr nur gelingen? Die Antwort ist bereits gegeben. Sie wird sich, wenn nur das Volk die Augen aufhält sie wird sich ewig umsonst bemühen, den Strom der Menschen und Zeiten bewegenden Ideen zur Rückkehr nach seiner Quelle zu zwingen, und die Damme, welche sie ihm entgegensetzt, damit er nicht über ihre Parks und Lustgärten dahinbrause, werden keinen andern Erfolg haben, als neue Ausbrüche, welche um so reißender und furchtbarer, je höher jene, nicht blos ihre Besißthümer verwüsten, sondern auch den Acker und die Hütte des friedlichen Landmannes. Fluch, Fluch über euch, wahnsinnige Rückschrittömänner, welche nicht blos an der Menschheit srevelt, sondern auch die Wahrheit lästert! Aber Heil auch den Regierungen, welche die unser Zeitalter bewegenden, ewigen Ideen

Rnr noch etwas fehlt.

Hört, Ihr Männer, hört Ihr Frauen, Wie'S mit unsrer Freiheit steht Braucht nicht ängstlich aufzuschauen, Muthig vorwärts nur! es geht, Lest nur einmal diese Zeilen, Freiheit bringt Euch jedes Wort; Nur zum Schluß dürft Ihr nicht eilen, Denn da ist die Freiheit fort.

Freiheitstabak, Freiheits-Pfeifen, FreiheitS-Kaffee, FreiheitS-Thee, Freiheits-Bänder, Freiheits-Schleifen, FreiheitS-Kugeln von der Spree, Freiheits-Nadeln, Freiheits-Töchter, FreiheitS-Lieder, FreiheitS-Sang, Freiheirs-Stöcke, Freiheits-Bücher, Freiheits-Reden, ellenlang.

Freiheits-Hüte mit Cocarden, Freiheits-Quasten, Freiheits-Schnur, Freiheits-Fahnen und Standarten, Freiheits-Mânner? wen'ge nur,

Freiheits-Farben, die der Gute Metternich so sehr verpönt, Und die man mit keckem Muthe Sich zu tragen jetzt gewöhnt.

Freiheits-Flaggen, Freiheits-Bäume, Freiheits-Ketten, um mit Macht Zu vernichten jene Träume, Die uns jüngst so froh gemacht. FreiheitS-Aemter, wo man gerne Freie Männer hin versetzt, Wo man von den Freunden ferne Sicherlich sie glücklich schätzt,

FreiheitS-Westen, Freihe'tS-Rutheii, Freiheits-Kerker, wo ja fast . Jeden Tag noch Opfer bluten, Weil sie Sklaverei gehaßt Freiheits-Söldner, stels gewärtig Zu verrathen was man spricht, Alles ist schon fir and fertig Nur die Freiheit ist's noch nicht.

Diez, im August. 1848.

A. P.

Eine Präsidentenwahl.

AuS Gerstäcker'S Miffisippi-Bilder.

(Fortsetzung.)

Allerdings erstreckte sich^ seine ganze Kenntniß der Politik und überhaupt der Literatur einzig und allein auf daS in Etonville erscheinende streng demokrati­sche Volksblatt, aber and) selbst dem entsagte er, als er sich auf die entgegengesetzte Parthei schlug, weil er erklärte,solche Lügen und Verlânmdungcn" nicht länger durch sein Abonnement unterstützen zu wollen.

Er war jedoch nur Whig dem Namen nach, machte cS wie tausend der übrigen, die zu beobachten er jeden Tag Gelegenheit hatte, pries den eigenen Candidaten und lästerte die Gegenparchei. Darin lag auch weiter nichts Außerordentliches, und cs gab zu viel seines Gleichen in der guten Stadt, als daß solche Aeußerungen hätten auffallen können; seine politische Meinungsänderung lenkte jedoch die Augen der Whigs auf ihn und sie glaubten bald, in ihm daö Ideal eines Mannes gefunden zu haben, wie cs vollkommen in ihre Pläne paßte.

So geschah cs, daß er eines Morgens einen zwar unerwarteten, aber ihm ungemein schmeichelhaften Besuch erhielt; dieser bestand nämlich auS drei der reichsten und angesehensten Bürger der Stadt, in deren KreiS er sich bis jetzt vergebens bemüht hatte zu gelangen. Mit un-