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âeihelt und NeehL!"

JW 172. Wiesbaden. Donnerstag, 31. August 18â8.

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Die Nothwendigkeit der Parteinahme.

Aus der Provinz, 23. August. Man hat über jenen Packträger gelacht, welcher während der Frankfurter Rcvvlutionetage rief:Wir wollen Alles, wir wollen Preßfreiheit und Censur." Und eben­so ist jener Nassauische Soldat, welcher bei dem Aus- marsch nach Baden rief:Die Republik soll leben und der Herzog daneben!" der Gegenstand viel­fachen Spottes geworden. Leider aber steht eine große Zahl unserer Bevölkerung in Deutschland auf demselben Standpunkte wie jener Frankfurter Packträger und dieser nassauische Soldat. Obgleich die ganze Entwick­lung unser politischen Zustande fast gewaltsam auf die Gegensätze Hiudrängt, obgleich überall dasEntweder Oder/ (das sogar von dem Chef des Reichsmi- nisteriums, dem Stiefbruder der Königin Viktoria von England, Fürst Karl von Leiningen zu seiner Parole gemacht worden ist, eine Parole, an welche ihn sei­ner Zeit zu erinnern, wir uns die Freiheit Vorbehalten) obgleich also diesesEntweder Oder" überall mit unabweisbarer thatsächlicher und logischer Nothwendig­keit hervortritt; so ist doch nach dem kurzen Taumel einer fieberhaften Aufregung wieder ein solcher Grad von Starrkrampf, Schlafsucht bei einer großen Zahl der Deutschen eingetreten, daß sie, statt diesen Gegen­sätzen klar in daS Gesicht zu schauen und eine feste Stellung denselben gegenüber anzunehmen, bas Beispiel deS bekannten Vogel Strauß nachahmen und lieber den Anblick der Gefahr scheuend und ihren Kopf in den Sand versteckend, das Dasein der Gefahr überhaupt leugnen. Sie scheinen eS nicht zu wissen, daß man durch das Ableugnen der Gefahr nicht die Gefahr ent­fernt, sondern die Gefahr vergrößert, sie scheinen ver­gessen zu haben, daß über das Schiff jenes Capitäns, welcher den das Herannahen des Oreans verkündenden Sturmvogel todtschoß, der Sturm mit einer durch keine Vorkehrungen gehemmten und Verderben bringenden Heftigkeit daherbraustk.

Jene Verblendeten leugnen die Gegensätze, bloß tu der Absicht, sich aus der augenblicklichen Verlegenheit zu retten, welche für sie aus der nothwendigen und un- abwtiölichen Wahl einer festen und unveränderbaren Stellung diesen Gegensätzen gegenüber entspringt. Sie wollen (ähnlich dem Frankfurter Packknecht) auf der einen Seite eine starke und unwiderstehliche Centralge­walt für ganz Deutschland, auf der andern Seite aber doch auch die bisherige Machtvollkommenheit der bis­herigen deutschen Dynastien. Sie wollen die deutsche Einheit als höchstes und nothwendigstes Ziel unserer ganzen Bestrebung, aber sie wagen es zugleich doch nicht, dem Separatismus der Einzelregie- I

rungen, der verschiedenen Stämmen, der verschiedenen Kasten, den Sonderinteressen der einzelnen Haupt- und Residenzstädte unseres Vaterlandes entgegenzutreten. Sie suchen sich absichtlich zu täuschen, und wenn sie dabei sich als Täuschungsnüttel Sophismen aus der Rüstkammer der Hegelschen Logik herholen müssen, (wie dies jüngst der bekannte Oderschulrath Friedemann in einem Artikel derNassauischen Allgemeinen Zeitung" unter dem Titeldie Allgemeinheit und die Besonder­heiten" gethan hat.) Aber diese Täuschung wird kurz sein, es ist der Augenblick vor der Thür, wo Jeder, der überhaupt Anspruch darauf macht, eine politische Ueberzeugung zu haben, Partei nehmen muß für Deutsch­land oder für irgend ein kleineres Interesse, das gleich dem Frosch in der Fabri sich ausblahen unb die Stelle Deutschlands einnehmen will, mag dies kleinere In­teresse nun Preußen oder Oesterreich oder Nassau oder sonstwie heißen. Die Zeit des so wohlfeilen allgemei­nen Patriotismus der schwarz-roih-golbenkn Kokarden und Bänder, der allgemeinen Wohlwollenheit undall­gemeinen Begeisttkung für den Fortschritt im Allge­meinen", kurz, die Zeit jener allgemeinen Komödie ohne bestimmtes Ziel und daher ohne bestimmte Gegensätze und Feinde ist Gott sei Dank in Deutschland sowohl wie in Nassau vorbei, es ist die Zeit des Kampfes, es gilt Partei nehmen. Die farblosenAll­gemeinen", welche Vereine gründen, um einerseits dem Rückschritt (Reaktion benannt) und andererseits dem Fortschritt (sonderbarer WeiseAnarchie" benannt) gleich sehr entgegenzuarbeiten, diese ÄUerweltsfreunde, sie wer­den am aUerschlimmsten in die Brüche fallen, sie wer­den, während sie sich zwei Stühle zu sichern glauben, zwischen beiden hindurch zur Erde plumpen.

Darum Partei! Paitei! Schwarz oder Weiß!

Rechts oder Links!

Rückschritt oder Fortschritt!

Nur keine Farbkosigkeit, keine Mittelmäßigkeit (ge­nanntCentrum"), keine graue Fbe,ar kein piovisori- schesHangen und Bangen in s chwebender Pein"!

Zu Jenen, welche sich dieser Forderung nicht fügen, wird der gewaltige Geist der Zeit sprechen mit den ver­nichtenden Worten der Bibel:

Wehe Euch, die Ihr weder kalt noch warm seid, ich werde Euch ausspeien aus meinem Munde!"

Der Einfluß der Kunst auf das Volksleben.

Z Wiesbaden, 29. August. Unsere Abgeordneten haben heute, indem sie ihren Beschluß vom 24. b. M. dahin erläuterten, daß sie auch über den 1. Januar

1849 hinaus eine Verwilligung für das hiesige Theater eintreten lassen wollten, falls das Domanialvermögen es gestattete, der mit der Verbannung bedrohten Kunst wenigstens Bedingungsweise ihre Freistätte in unserm Vaterlande erhalten. Haben sie wohl daran gethan, können sie es verantworten in einer Zeit, deren Druck so schwer auf einzelnen Classen der Bevölkerung lastet? Wir tragen kein Bedenken, di se Frage zu gejahen. Nicht deshalb allein und hauptsächlich, weil Wiesbaden eine namhafte Unterstützung, die den Curort der gefähr­lichen Concurrenz gegenüber schützt, in Aussicht bestellt ist, nicht deshalb weil eine Anzahl Künstlerfamil en ge­gen augenblickliche Verlegenheiten gesichert ist, nicht deshalb weil dem Nahrungs- und Gewerbstande Wies­badens eine Quelle deS Verdienstes erhalten wird, end­lich nicht einmal deshalb, weil der Wohlstand der Haupt- stabt sich immer in zahllosen Strömen auch in das üb­rige Land ergießt, nein darum, weil die Berechtigung der Kunst im Staate anerkannt ist, weil auch der Macht in dem materiellen Treiben des Tages eine Stelle angewiesen ist, welche, das Leben des Volkes nährend und befruchtend, es zum Lichte emporhebt. Der Zweck der Kunst, also auch der dramatischen, ist durch die innige Vereinigung der Geistes- und Sinnen­welt belebend und veredlend auf Geist, Herz und Willen zu wirken, den Sinn für Schönheit, das Gefühl für das Große und Edle zu erwecken, den Geschmack zu lautern und so das menschliche Dasein zu schmücken unb zu verschönern. Wer kennt nicht den Einfluß ber Kunst auf die geistige und sittliche Gestaltung des Volks­lebens ? Aber sie hat auch noch einen andern höher» Zweck, der sie in eben so nahe Verbindung mit dem Volke bringt. Der Freiheit ist sie entsprossen und sic soll auch die Pflege, in der Freiheit sein. Gemein 'chaft- lich mit ihrer Schwester, der Wissenschaft, soll sie das Gefühl für Freiheit beleben und stärken und jenen Ge­meingeist bewirken, der alle Genossen des Staates fähig macht, Großes und Herrliches zu vollbringen, wenn das Vaterland es gebietet. Aus dem Volke stammend führt sie so ihre Segnungen dem Volke wieder zu. Wer wollte so ungerecht sein, der Kunst diesen Einfluß zu bestreiten?

Wohl hat die Kunst nicht immer diese ihre Aufgabe erkannt und gelöst; sie hat als unnatürliches Kind ihren Erzeuger, den Volksgeist, verläugnet; sie hat sich dem Eigennutze oft verkauft, sie ist eine Dienerin frivoler Unterhaltung geworden, die den Geist abstumpft und die Gesinnung verdirbt, sie hat sich zur Sclavin der Reichen und Großen erniedrigt. Man denke nur an den gegenwärtigen Zustand der deutschen Schaubühre in den meisten Städten. Um so schöner und würdiger ist die Aufgabe unserer Regierung, welche die Rror-

Die Jungen und die Alten.

(Aus den Gedichten eines Lebendigen.)

Du bist jung, Du sollst nicht sprechen!

Du bist jung, wir sind die Alten!

Laß die Wogen erst sich brechen

Und die Gluten erst erkalten!

Du bist jung, Dein Thun ist eitel!

Du bist jung und unerfahren!

Du bist jung, krânz' Deinen Scheitel

Erst mit unsern weißen Haaren!

Lern', mein Lieber, erst entsagen, Laß die Flammen erst verrauchen, Laß Dich erst in Ketten schlagen, Dann vielleicht kann man Dich brauchen!"

Kluge Herren! Die Gefangnen

Möchten ihres Gleichen schauen;

Doch, ihr Hüter deS Vergangnen, Wer soll denn die Zukunft bauen?

Sprecht, was sind euch denn verblieben, Außer uns, für wackre Stützen?

Wer soll eure Töchter lieben?

Wer soll eure Häuser schützen?

Schmäht mir nicht die blonden Locken,

Nicht die stürmische Geberde!

Schön sind eure Silberflocken,

Doch dem Gold gehört die Erde.

Schmähet, schmäht mir nicht die Jugend,

Wie sie auch sich laut verkündigt!

O wie oft hat eure Tugend

An der Menschheit still gesündigt!

Eine Präsidentenwahl.

Aus Gerst acker's Missisippi-Bilder.

In Etonsville einem ziemlich bedeutenden Han­delsplatz am Ohio war Sonntag, jeder Laden ge­schlossen, jede Kirche geöffnet, und die Stadt lag so still, so ruhig an dem leise vorbcimurmclndcnschönen Strom"'"'), daß fast anssah, als ob sich auch die Bewohner des guten Etonsville eben so friedlichen und sonntäglichen Herzens des wunderklaren Herbsttages cr- freuttu, und das äußere Leben grade so sanft und schmei­chelnd an ihrer Seele vopüberglitt, wie der im heitern

*) Oh-oy-o schöner Strom der indianische Namen für den Obio.

Sonnenlicht funkelnde Strom, an der sorgfältig gepflaster­ten Dampfbootlandung ihrer Stadt.

In Etonsville war Sonntag, und die sauber geklei­dete Matrone und zierlich geputzte Jungfrau, ja hier und da selbst ein männlicher Bürger der kleinen Stadt im schwarzen Frack und etwas nach hinten gedrucktem Hut schritten langsam über den Marktplatz hinweg, dein aus rothen Backsteinen errichteten Bethause zu. Auffallend aber war es, wie verhâltuißmäßig wenig Män- ner heute an dem Gottesdienst Theil zu nehmen schienen, da sie doch sonst manchmal sogar die Mehrzahl der An-, dächtigcn bildeten (es gehörte nämlich in Econeoille mit zum guten Ton, sich irgend einer Seele auzuschließen, denn nicht allein die Andacht, sondern auch die Mode hat in der Kirche ihre Vertreter). Ja selbst im kenl- schen Theil der Bevölkerung konnte das nickt unbemerkt bleiben, und manches grclfrothe Tuch mit hohem, blumen geschmücktcm Hut schritt heute allein zur Kirche, in des­sen Begleitung man sonst fast stets den langen blauen, bis auf die Knöchel gehenden Tuchrock, und den ausge­schweiften Filz gesehen hatte.

Aber wer biegt dort um jene Ecke, im braunen ehr­würdigen Kleive, mit dem frommen Antlitz und den an­dächtig niedergeschlagenen Augen, mit dem breitrandigen schwarzen Hut und der schneeweißen Halsbinde? Es ist der Prediger der Baptistenkirche, der seinem Bethause zueilt; keinen Menschen scheint er zu sehen, rechts und links nur neigt er sich hinüber, wenn er die Bewegung