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„âeiöeit und Ueeht!"
JYo 169» Wiesbaden. Sonntag, 27. August _ IMS»
Die „Dreie Zeitung" erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags, in einem Bogen — Bestellungen darauf beliebe man zu machen in Wiesbaden in den Buchhandlungen von H Fischer und H.' W. Ritter; auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern. — Der Abonnements-Preis vom I. Juli an beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 ff. 43 fr, halbjährig 3 fl. 30 kr.; auswärts durch die Post bezogen innerhalb des ganzen Herzogtums Nassau vierteljährlich 2 ff. 12 fr., halbjährlich 4fl. 23 kr., des Großherzoathums Hessen, der freien Stadt Frankfurt, der Landgrafschaft Hessen-Homburg, sowie der Kurhesstschen Provinz Hanau vierteljährig 2 ff. 15 kr.; halbjährig 4 fl. 3« kr, innerhalb aller übrigen Thurn- und TariS'schen Postbezirke 3 fl. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen. — Die Jnserattons-Vebuhren betragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.
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Das Bedenkliche unserer gegenwärtigen Lage.
Ein Wort zur Verständigung an die Bourgeoisie.
0 Vom Taunus, 16. August. Wir kommen in Deutschland immer mehr auf die alte Ordnung der Dinge zurück. Selbst viele von denjenigen, welche den deutschen Staatswagrn, da er einmal iu raschen Gang gekommen war, bisher ein wenig hemmen zu müssen geglaubt hatten, werden bedenklich und hören auf, gegen die „Wühler" und „Anarchisten" loszuziehen. Am Ende haben diese Wühler gar noch nicht genug gewühlt? Am Ende geht es gar wieder, wie im Jahr 1830, daß trotz allen Wühlens kein dauernder Erfolg errungen wird? Ja es scheint sogar in mancher Beziehung jetzt schneller rückwärts zu gehen, als damals. Damals hatten wir lange Zeit hindurch vor unsern Augen den erhebenden Anblick eines mit dem größten Heldenmuthe für seine Freiheit kämpfenden Volkes, eines Volkes, welches die ungetheilten Sympathien der ganzen civilisirten Welt für sich hatte, weil es gegen den Erzfeind aller Civilisation und Bildung, gegen den russischen Czaaren, kämpfte: dadurch wurde der VvlkSgeist stets wach erhalten. Jetzt fehlt uns diese moralische Hilfe. Italien, welches jetzt ebenso, wie damals Polen, den gerechten Kampf für seine nationale Unabhängigkeit kämpft, erfreut sich nicht der allgemeinen Sympathie von Seiten des deutschen Volkes, schon deswegen nicht, weil hier der Unterdrücker selbst ein deutscher Staat ist. Irland scheint durch Hunger und tziend so demo- rasssirt zu sein, daß cs nicht mehr den Muth und die moralische Kraft zu einer Revolution besitzt; das grüne Erin, die „Niobe der Nationen," (eS ist unendlich schmerzlich, es aussprechen zu müssen!) scheint nur noch die Resignation übrig zu haben, die ruhige Ergebung in den Hungertod, diese letzte der menschlichen Tugenden, zu deren Ausübung, da die Kartoffelfeuche dort wieder sehr bösartig auftreten soll, der nächste Winter reichliche Gelegenheit geben wird! Dahin hast tu es mit einem ganzen Volke gebracht, fluchbeladene englische Aristokratie. Und unter uns kann man es noch wagen, dieses „stolze Altengland" als Musterstaat aufzustellen? Doch was wagt man nicht schon Alles, wieder im „wiedergebornen deutschen Reiche!" Hier weigert man sich offen, dem Reichsverweser zu huldigen, dort macht man solche sonderbündlerische Vorbehalte, daß die deutsche Einheit nur noch ein leeres Wort bleibt! In dem einen Staate verfolgt man die freie Presse auf eine Weise, daß die Censur fast noch wün- schenswerther wäre, in dem andern vernichtet man die Associationsfreiheit, indem man die demokratischen Ver
eine geradezu verbietet! In Preußen predigen viele Beamten die Wiederherstellung der alten Ordnung dec Dinge, in Würtemderg, Baiern u. s. w. darf eine rohe Soldateska wehrlose Bürger niedersäbeln! Die willkürlichen Verhaftungen, Haussuchungen und geheimen Untersuchungen mehren sich von Tag zu Tage! Die deutschen Gefängnisse sind so vollgepfropft, das Ausland ist mit politischen Flüchtlingen so ungefüllt, wie das noch niemals, selbst nicht zur Zeit der Mainzer Untersuchungscommission, der Fall war! Und die materiellen Lasten, in weichen das arme gedrückte Volk vor allen Dingen Erleichterung gehofft hatte, — sie werden statt dessen täglich schwerer, indem man fr,sch drauf weg eine Flottensteuer dekretirt, indem man bald hierhin, bald dorthin ohne erhebliche Ursache fremde Truppen einquartirt, indem man endlich — wer hätte das im Mä>z gedacht? — die stehende Heere noch um ein Bedeutendes vermehrt, während die Bürgerwehr schon hier und da entwaffnet ist! Dahin find wir also gekommen nach all den Anstrengungen des Volkes, nach all den blutigen Kämpfen des März, nach all den Verheißungen der Regierungen! Man verhehle sich'ö nicht länger, unsere Lage fängt nachgerade an, sehr bedenklich zu werden. — Und wer ist schuld an diesem schnellen unerwarteten Rückgang? Noch ist es Zeit sich wieder aufzuraffen und dem drohenden Verderben entgegenzuwirken; aber dazu ist vor Allem erforderlich, daß man dre Ursachen des schlechten Ganges der öffentlichen Angelegenheiten erkennt. Und so laßt uns eö Denn unverhohlen aussprechen, die Hauptschuld des gcgenwär« Rückgangs tragen die Bourgeois und die Doctri- närs, als die geistigen Führer der ersteren., Man höre uns ruhig an!
Wir wollen Niemanden beleidigen und Keinem Unrecht thun; dazu ist unsere Lage viel zu ernst, dazu ist die Eintracht viel zu nothwendig: wir bedienen uns nur jener fremden Parteioezeichnungen, weil avir keine so bezeichnenden deutschen Ausdrücke haben. Die Bourgeoisie — das heißt diejenige Klasse der Städtebevölkerung, welche seit 1830 Die Einheit Deutschlands, die Preßfreiheit, Schwurgerichte re. stets gewünscht und angcstrrbt, welche daher in den Märzkämpfen mehr oder weniger mitgekämpft, dann aber sich hat „bange machen" lassen vor den „Kommunisten", „Anarchisten" u. s. w„ welche auf Diese Weise in eine thörichte Angst um ihren Besitz, um ihr Geld hincingcrathe» ist. Die Doktrinärs — daö heißt die Klasse der Stubengelehrten , welche früher für „liberal" galten, auch deswegen zum Theil Verfolgung erlitten und darum jetzt mit der Glorie des „Märtyrerthums" umgeben dastehen, deren ganzer Liberalismus aber nie in etwas Anderem bestand, als in einer Doktrin der Schule, in
I einem abstrakten, ganz unausführbaren System, welches I sie sich in ihrer Entfremdung vom Volke und in ihrer Nnbekanntfchaft mit Hessen wirklichen Bedürfnissen auf ihren Studirstuben auSgeheckt hatten — Männer also, welche nur so lange alö liberal gelten konnten, so lange das Volk schwieg und in politischem Schlafe lag, so lange der Liberalismus in bloßen Worten und in geschriebenen s. g. Konstitutionen bestand, die aber als völlig unbrauchbar sich erwiesen, sobald die Zeit kam, wo die liberalen Ideen in'S Leben eingeführt werden sollten, wo es sich darum handelte, endlich wirklich ein freies und einiges Deutschland zu schaffen und gegen alle Reaktionsgelüste zu sichern. Man thut daher diesen Doktrinärs sehr unrecht, wenn man sie des Abfalls von ihrem früheren Glaubens beschuldigt. Nein, sie wollen heute noch, was sie immer wollten, z. B- kon- stürltipnelle Verfassung, Preßfreiheit:c., aber sie wollen nicht die Belebung des Volksgeistes, nicht die Garantien und Institutionen, wodurch allein jene Güter gesichert und zu Wahrheiten gemacht werden können, sie wollen jene Güter nur als abstrakte Begriffe, nur als em ganz ungefährliches, mithin auch nutzloses Spiel- werk, sie schrecken daher zurück, vor der Anwendung der Mittel, durch welche allein eine wahre „deutsche Einheit", ein wahres „konstitutionelles Leben", eine wahrhaft „freie Presse" :c. errungen werden kann. Sie wollen^ das Bestehende beibehalten wissen, auch da, wo dasselbe mit den Volksrechten im W dersp:uche steht und dieselben nothwendig früher oder später wieder vernichten oder illusorisch machen muß. Es f.hlt ihnen der Muth zu allen durchgreifenden (Maßregeln. Der letzte Grund des Doktrinarrömus aber liegt in der falschen philosophischen Weltanschauung, in dem Mangel des Vertrauens auf die absolute Macht der Idee (der Wahrheit), in der Meinung, daß die (politische) Wahrheit ein abstraktes Schulsystem sei, welches dem „gemeinen Volke" nicht so ohne Weiteres zugänglich gemacht werden können. Der Doktrinarismus ist die exclusive verkrtzerungssüchtige politische Orthodoxie, das Spiegelbild Der kirchlichen.
(Fortsetzung folgt.)
Nassauischer Landtag.
Sitzung vom 24. August.
(Fortsetzung.)
Abgeordneter Zoll mann: Ich kann mich nur für den Antrag des Abgeord. Creutz erklären und muß den der Abgeordneten Justi und Wimpf verwerfen. Wenn man bedenkt, — kein Künstler wird sich dafür hergeben — das kommt mir vor, wie ein Taglohns-
Er und seine Söhne.
Von Wilhelm Müller.
(Schluß.)
Der Inhalt beschied ihn nach jener Stelle wo er die bleiche Leidende gesehen. Des Lebens letzte Täuschung sagte ihm, daß jenes Schreiben ein Ruf der Ersehnten sei, er eilte hin und — —
Der Knabenräuber war todt, aber seine Mitschuldigen lebten ,noch; sie fürchteten, daß die Theilnahme, welche der arme Findling erregte, die Werke der Nacht an das Licht des Tages ziehen würde. Verbrechen sollte das Verbrechen decken ; Der ehemalige Wächter Caspars wurde zu dem Morde auserkohren. Der Mann war in der Zeit, wennauch nicht besser, doch alt geworden; der Stoß mißlang der schwachen bebenden Hand, Caspar gcnaß wieder und die vereitelte Unthat lenkte auf's neue die Aufmerksamkeit auf den vergessenen Caspar. Die For- schungen nach der Urquelle dieses Geheimnisses begannen abermals ; die Bösewichter bebten in ihren verborgenen Freistätten. Das Leben hat tausend Töne des Vcrrathcs, leine Zunge; es warb daher beschlossen, den , "sinnen Versuch noch einmal zu wiederholen. Dies- kinen Meuchler, dessen Hand nicht bebte, " . ^wissen keine Stimme mehr hatte: Paskal war o)icne. ^hm war der Antrag willkommen, Denn
dieser gehörte ja mit zu der Lösung seines Knabeneides. Als der Sündensold bestimmt und Alles wohl überlegt war, särbte er Haare und Braunen und bcgab sich auf die Reise. In Ansbach angekommen, schrieb er an Hauser den Zettel, in welchem er ihn aufforderte, in dem Garten zu erscheinen, mit klopfendem Herzen las Der Getäuschte diese Zeilen! endlich, endlich sollte es Licht werden, endlich sollte er erfahren, wonach er so lange und so schmerzlich sich gesehnt hatte. Cr eilte zu jenem Orte, wo er einst die Fremde erblickt hatte, in jener Laube hoffte er den Himmel seines Daseins zit empfangen und fand den Dolch des Mörders *1.
Der Verwundete lag auf Dem Sterbebette, ruhig, entsagend ; in seinem kindlichen Gemüthe war kein Haß, kein Groll mehr; der Tod läuterte seine Fehle, er war wieder das reine, »«entweihte Wesen, wie damals, als er aus seinem Kerker trat. Die letzten Augenblicke waren die reichsten seines Lebens. Er hatte vergessen, was er gelitten, er hatte vergessen, daß man ihm einst weh gethan ; in seinem Gedächtniß war Alles vertilgt, nur nicht die Erinnerung an das Gute, das er einst empfangen. Er gedachte nicht mehr, daß Die brennende Todeswunde, an der er litt ihm eine Menschenhand geschlagen, und die Worte,
*) Den 14. Dezember 1833.
welche er in seiner letzten Stunde sprach: „Warum sollte ich einen Menschen hassen, hat mir doch Niemand etwas Boses gethan?" geben den reinsten Lichtblick in das Ge- müth des Geopferten. Dennoch konnte diesem Dulder der Verdacht werben, daß sein ganzes Leben, selbst sein Sterben nur eine Frevettüge gewesen?
Die tiefe Wunde, welche Der Mörder ihm geschlagen, begann weniger schmerzlich zu brennen; vor seinen Blicken entschwanden die Gegenstände der Außenwelt, das Jenseit leuchtete schon in seine Erdennacht hinein, der Friede Gottes kam über ihn; er schloß die Augen, um nicht mehr die Thränen der fremden Menschen an seinem Sterbebette zu sehen. Da stand vor seinen auf immer geschlossenen Blicken, die ersehnte Erscheinung der Unbekannten ; aber ungleich milder, verklärter, aus ihren Augen war das irre Feuer des Wahnsinns verschwunden nnd nur das reine Lickt der Mutterliebe leuchtete in denselben. In Caspars Innern war cs jetzt deutlich, wer dieses Wesen war; er hauchte fast unhörbar „Mutter," neigte das .Haupt und entschlief. Er war gestorben! die Mutter hatte ihm Wort gehalten, noch ch' Der Christabend erschienen war, lag er an Dem Herzen des Vaters. *)
Uncrforsckliches Walten, warum sind Deine Wege für den Blick des Sterblichen so unergründlich? warum umnachtcle Dein Schleier so finster das Dasein dieses Unglücklichen? warum nahmst Du ihm die Seligkeit des
’) C. H. starb am 17. Dezember Abends 10 Uhr.