Fmc Zeitung.
„âeiöeit und NeeÜL!"
M 163 Wiesbaden. Sonntag, 2«. August 18418.
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Der Beschluß der National-Bersammlung zu Frankfurt vom 15. Juli 1848.
Wiesbaden, 18. August. Es wird hier als gewiß seit einigen Tagen e> zählt, daß unsere Regierung nunmehr damit umgehe, den Beschluß der Nationalverjamm- lung zu Frankfurt vom 15. Juli 1848, die Vermehrung der stehenden Heere betreffend, aufs schleunigste, ins Leben überzuführen. Da uns also jetzt die Sache" so nahe gelegt wird, und da viele gutmüthige Menschen jetzt erst zu begreifen ansangen, welche wichtige oder richtiger drückende Bedeutung dèr genannte Beschluß für ganz Deutschland habe, lst eö wohl an der Zeit, den lctztern einer nähern Betrachtung zu unterziehen.
i Der Beschluß geht dahin, daß die gesammte deutsche Streitmacht nach beut Satze von 2 Prozent der jetzigen Bevölkerung zu vermehren sei.
Bisher war nämlich jeder deutsche Bundesstaat nach dem iprozentigen Satze und zwar mit Zugrundelegung der Volksmenge von 1819, sein Truppenkontingent zu dem allgemeinen deutschen Bundesheere zu stellen verbunden.
Durch den Beschluß der Reichsversammlung wird. also eine höchst beträchtliche Vermehrung der stehenden Heere in Aussicht gestellt, und bei einer so belangreichen Maßregel ist gewiß die Frage, welche Gründe sie zu ihrer Rechtfertigung habe, sehr natürlich. Herr von Auerswald von Breslau, welchen der Ausschuß für die Wehrangrlegenheiten zum Berichterstatter erwählt hatte, gibt in seinem Berichte die Stärke der deutschen Heeresmacht, welche in den stehenden Heeren concentnrt sei, aus 510,000 an, und beantragte anfänglich, daß diese Zahl noch weiter um 340,000 Soldaten vermehrt weroe, schloß sich aber später dem Anträge des Herrn vo» Ra- dvwitz, der dahin ging, die Truppen nach dem 2prvzcn- tigen Satze auszuhrben, an.
Wenn nun auch schon bisher neben dem 1 Prozent noch Va an Reserve und % an Ersatzmannschaft, in Allen, also 4% Prozent eigentlich von den einzelnen Regierungen -u heben waren, so wird doch, ganz ab? gesehen von der weitern Zufügung von noch y2 Prozent, die Truppenzahi um deswegen besonders namhaft vergrößert, weil die Prozente nach der j'tzigen.Einwohnerzahl, nicht aber in Gemäßheit der Bundesmatrikel von 1819 festges tzt werden Denn 1819 nahm man die Einwohnerzahl Deutschlands in runder Summe mit 30 Millionen an, während man sie sich jetzt aus 45 Millionen berechnet, und während nach der früher zu Grunde gelegten Volksmenge das Bundesheer 403,000 Mann zählte, wächst es nach dem Maßstab der jetzigen - Bevölkerung nach einer Berechnung von Radowitz bei 1 '/s Prozent schon auf 700,000 Mann an.
Wir wiederholen nun die Frage: wie läßt sich diese bedeutende Vermehrung der stehenden Heere rechtfertigen und wir richten sie zunächst an die Rechte der deutschen Nationalversammlung: denn sie war es, welche die Vermehrung verfochten und auch siegreich durchführte. Wir erhalten durch ihre Redner zur Antwort: eine allgemeine Wehrfassung, welche die Verschmelzung der Linie mit der Bürgerwehr enthalten, müsse man zwar anbahnen, allein die Zeit zu ihrer Einführung sei noch nicht gekommen. Ein Krieg könne aber über Nacht kommen, und da müsse man gerüstet sein. Aus Allianzen könne man sich aber auch nicht verlassen, man müsse auf eignen Füßen stehen wollen.
Die Linke focht diese Argumente und die durch sie bedingte Vergrößerung des deutschen Bundesheers aaf'ö heftigste an.
Und gewiß that sie dies mit vollem Recht.
Was soll denn eigentlich unsere sogenannte Volksbewaffnung bedeuten, wenn neben ihr die stehenden Heere noch vergrößert werden? hat sie das deutsche Volk nicht verlangt grade um von den gewaltigen Kosten, welche die stehenden Heere im Gefolge haben, und haben müssen, befreit zu werden? Muß sich nicht unsere Bürgerwehr neben der kolossalen Truppenmasse als höchst überflüssig herausstellen, wird das Ansehen der ersteren nicht ganz untergraben?
„Wenn Sie, ruft daher der Abgeordnete Wiesner aus, wenn Sie zu gleicher Zeit höhere Steuern behufs derTrup- Penvermehrung verlangen und auf der andern Seite große Opfer für die Volksbewaffnung in Anspruch nehmen, so ersticken Sie die Sympathie für eine Volks- wehr im Keime, und das Volk wird dann sagen wir haben ohnehin genug zu zahlen And sollen auch hier noch Opfer bringen; wir können es nicht thun, wir sind bereits erschöpft," Während man das erste Aufgebot, wie Einige wollten, mit höchst geringen Kosten, ähnlich wie in Frankreich hätte mobtlisiren können, zog man es vor, dem Volk weitere Lasten aufzuwälzen.
Es ist nur zu wahr, wenn General von Radowitz sagt: „die, Aufgabe dec Wehrhaftmachung soll gelöst werden, indem man zwei Bedingungen festhält: die eiste ist, geringe Kosten im Frieden, die zweite, geringste Störung der bürgerlichen Thätigkeit." Ec aber selbst mit der Rechten hat diese Bedingungen keineswegs festgehalten.
Wenn man von der enormen Tcuppensumme liest, so sollte man denken, ein ungeheurer Kiicg sei im Anzuge. Wenn wir aber auch nach allen Grenzen unsre Blicke richten, so stoßen wir auf keinen Feind dermalen, als den winzigen Dänenkönig, dessen Königreich man । jetzt beinahe vor lauter Reichsnuppen nicht mehr sieht, jenen Jnselkönig, welchen der deutsche Michel schon
lange hätte zu Paaren treiben können, wenn er hätte einig sein wollen, wenn er sich nicht hätte gänglln lassen.
Aber die Rechte, die immer von rothen Hosen und rothen Mützen spricht, wittert ft^ Unrath aus Westen. Wenn sie jedoch offen wäre, so würde sie sagen: wir sehen leider mit Bedauern, daß der bleiche Franzos keinen Krieg mit uns will, daß er sich zu viel mit sich selbst zu schaffen macht, sehr lieb wäre es uns, wenn wir mit diesen Republikanern anbinden könnten. An greifen freilich mögen wir nicht — dazu sind wir ~— ?u gutmüthig. — — Einen interessanten Blick in die Absichten der Rechten läßt uns namentlich die Aeußerung des Herrn von Mayern thun, der da sagt: wenn ohne auswärtige Beihilfe jede Reaktion und jede Republik beinahe zur Lächerlichkeit wird, so kann doch mit auswärtiger Hülfe beides gefährlich werden.
Herr von Mayern fürchtet also, die Franzosen möchten über den Rhein gehen und uns die Republik bringen, deßhalb Krieg mit Frankreich. Da habt Ihr die Politik der Rechten! Die Linke meinte: es sähe vielmehr feig als muthig aus, wenn man sich in Frieden bis an die Zähne bewaffne und man solle eher einen mächtigen Bundesgenossen suchen, als grade durch die Bewaffnung feindselige Gesinnungen aufrühren. Die Linke will als Bundesgenossen Frankreich, die Rechte will Frankreich von Herzen nicht und schämt sich Rußland zum Bundesgenossen vorzuschlagen. Bon England aber sagt General von Radowitz: es könne keine unmittelbare Vertheidigung übernehmen, wiewol ein Bündniß mit ihm sehr heilsam sein werde. So bewaffnet sich dann die Rechte und ist bereit „mit aller Welt die Fehde zu beginnen."
Das Volk will aber keine Vermehrung des stehenden Heeres, sagt der Abgeordnete Schulz von Darm- stadt, und lagt er es nicht mit Recht?
Das Vock hatte kaum einen sehnsüchtigern Wunsch, als die stehenden Heere, „diesen an unseren Finanzen nagenden Krebsschaden", wenn nicht ganz aufgehoben — denn dieß wäre im Augenblick die größte Thorheit — so doch wo möglich vermindert, am wenigsten aber, und zwar ohne Noth vermehrt zu sehen.
Und nun gibt ihm als Antwort auf seinen Wunsch die deutsche Nationalversamm.ung den Beschluß: die stehenven Heere werden um mehr als die Hälfte vermehrt! So ruft denn auch der Abgeordnete Staatsrath Römer den Volksvertretern zu: „Ich bin überzeugt, daß mit leichter Mühe ein Heer von 700,000 Mann ausgestellt werden könne, allein haben Sie auch erwogen, wie viel Geld hierzu auftuwenden wäre? Wenn die Noth droht, wenn die Gefahr vorhanden
Er und seine Söhne.
Lon Wilhelm Müller.
(Fortsetzung.)
Am scchözehntcn October y landete der Kaiser an der Felscninfcl, welche die Weltgeschichte nicht nennen würde, wenn sie nicht sein Gefängniß gewesen, so wie seinen dortigen Kerkermeister das traurige Vorrecht geworden, bedeckt mit der Verachtung aller Völker, selbst der seiner eignen Landsleute, nur durch Napoleon in die Pforten der Unsterblichkeit einzutreten.
Und eS war am scchszehnten August, an demselben Tage, als Napoleon sein Grab bestieg, wo in einer ärmlichen Hütte deS UngarlanDeS ein fremdes Weib auf einem elenden Lager lag und sich mühte, noch an den Gott zu glauben, dessen Barmherzigkeit ihr dunkles Dasein nicht mehr erhellte. Verzeihlich war der große Zweifel, welcher jetzt in der Brust der Schmerzreichen entstand. Der Sohn ihrer Liebe und ihrer Sünde, der gc= liebte Knabe, an den sie alle Hoffnungen ihres Lebens, al c pelzen Entwürfe knüpfte, war ihr geraubt worden, ^ie konnte die Urheber des Verbrechens ahnen, aber sie ar hilflos, ohnmächtig gegen die Macht der Räuber,
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V *) 1815,
ringend und leibend in dem Fluche, welchen der Schöpfer über den Fehl des ersten Weibes sprach. Endlich gc- naß sie deS zweiten Knaben, dessen Dasein finsterer noch als seine GeburtSstunde war. Sein Athem war Kerker- luft, die Lichtblicke seiner Seele wurden gewaltsam niedergedrückt, beinahe dreizehn Jahre wurde der grausamste Geistcömord an ihm verübt, und als endlich die Kerker- thore brachen und der geistige Mensch ein Bewußtsein errang, ereilte ihn der Mencheldvlch und machte einem dunkeln Leben ein dunkles Ende.
Stepanida erwachte and einem dumpfen Schlummer, da war es ihren ermatteten Augen, als wenn eine graue Nebelgestalt zu der Hütteuthüre hinaushnsche, und als wenn ein matter Klagelant deS Jüngstgebornen an ihr Ohr verhalle. Die Bewohner der Hütte feierten den Festtag in der Schenke: sic war allein, verlassen von aller menschlichen Hilfe und zu schwach um daS Haupt, 'Die Hand nach ihres KindeS Lager zu erheben. Draußen ertönten die wilden Ausbrüche der rohesten Freude: die harten Laute einer fremden unbekannten Sprache um= schrillten sie, aber in der Hütte selbst blieb eS stille und die bange Furcht steigerte ihre Angst so hoch, daß sie daS Beben ihres klopfenden Herzens nicht den Athem ihres Kindes hörte. Jetzt dunkelte der Abend, und mit seinem Schatten wuchsen die Wahnbilder der Angst; gaukelnde Nachtphantome schufen eine Welt noch schrecklicher als die der Wirklichkeit. Endlich kehrten die trunkenen Ungarn in ihre Hütte wieder; kaum war es der Kranken
möglich, ihnen ihr Verlangen verständlich zu machen. Ein junges Weib, den Säugling am Bufe», verstand, wenn auch nicht ihre Worte, doch ihre Angst; sie trat an DaS Bett vcö Steugebornen — der Mutter ängstliche Ahnung wurde Gewißheit, die Wiege war leer, wie einst Der Larg des Erlösers. Auch das zweite Kind war geraubt ! Armes unglückliches Weib, ärmere unglücklichere Mutter! DaS Schicksal, welches über ihr waltete, wurde nun barmherzig ; eS umnachtete mit Wahnsinn ihre Sinne, Denn feit jener Zeit ward der Unglücklichen ivahrfchciiilich kein Lichtblick des Geistes mehr.
Frankreichs Geschichte kennt zu jener Zeit zwei Männer, gleich mächtig gleich reich an Fehlern wie an kräftigem Geiste. Beide waren durch den Verbannten auf Sanct Helena empor gehoben, beide hatte ihn verrathen und waren abermals zu ihm zurückgekehrt, als ihm des Glückes Sonne noch einmal lächelte. Bei seinem Sturze huldigten sie wiederum dem alten Königsstamme, aber sie wußten auch, daß sie von diesem kein Vertrauen fordern konnten, denn der Eine hatte einst für den Mord Ludwig des Sechszehn teu gestimmt während der Andere jeder Regierung willig geschworen und jeder meineidig geworden ivar. Dunkel sind die Fäden, welche Die Unthat spann, ihre finstern Jrrgängc ruft keine Weltgeschichte an das Licht; Nacht bedeckt die Werke der Nacht: ihren Einfluß, ihre gehäuften Schätze wollten Die Treulosen sich unter jcDer Regierung sichern, ein Pfand wollten sie haben, DaS sie vereine mit Dem noch immer Furcht-