Freit Ztilung.
„âeihert und Recht!"
Wiesbaden. Samstag, !»♦ August
1818
tu- ^Mfuttâ“ erscheint täalich, mit Ausnahme des Montags, in einem Bogen. — Bestellungen darauf beliebe man zu machen in Wiesbaden in den Buchhandlungen von f. »iftfieruttb L W Ritter: auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern. — Der Abonnements - Preis vom 1. Juli an beträgt vierteljährig hieran Wiesbaden 1 ff. 45 kr., balbiäbria 3 ff an kr ; auswärts durch die Post bezogen innerhalb des ganzen Herzogtums Nassau vierteljährlich 2 fL 12 fr., halbjährlich 4fl. 23 kr., des Großherzogthums Hessen, der freien Stadt Frankfurt der Landarafschaft Hessen-Homburg, sowie der Kurhessischen Provinz Hanau vierteljährig 2 fl. 15 kr.; halbjährig 4 fl. 30 kr., innerhalb aller übrigen Thurn- und TaxiS'schen Postbezirke S fl — Inserate werden bereitwillig ausgenommen. - Die Jnserations-Gebuhren ^tragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.
An unsere Leser!
Heut zu Tage, wo unbefangene Urtheile immer seltener werden, und die eine gesunde Meinung unmöglich machende Leidenschaftlichkeit in politischen Dingen immer riesenmäßiger anschwillt, heutzutage ist es wahrlich keine leichte Sache, sich an die Spitze eines politischen Blattes zu stellen, und sich so der maaßlosen Beurtheilung eines Jeden, wer er auch sei, preiß zu geben. Weil wir jedoch durchdrungen sind von der hohen Bedeutung, welche die Tagespreise für die Volksbildung und das Volkswohl hat, so haben wir nicht gezaudert, die Leitung dieses Blattes, dessen bisheriger Redakteur von Wiesbaden uäch Weilburg versetzt, letztere nicht mehr führen konnte, zu übernehmen und schicken uns hiermit an, wie solches die hergebrachte Sitte heischt, die Grundsätze, welche wir verfechten werden, und die Art und Weise, wie wir dieß thun wollen, dem verehrten Lesekreise kurz darzulegen, und so gleichsam, wie sich ein hochgeachteter Lehrer bei einer ähnlichen Gelegenheit ausdrückt, vor dem Publikum unsere Verbeugung zu machen.
Wenn wir nun auf die Frage, was wir wollen? wie manche andere gethan haben und thun, glatt weg antworteten: „wir wollen die Wahrheit um jeden Preiß und werden sie um jeden Preiß rücksichtslos knndthun," so könnten uns hierauf wol die schlauen Köpfe erwiedern: diese Antwort sage entweder zu viel oder zu wenig. Da wir nun selbst den letzten Einwand für nicht unbegründet erachten müssen, so wollen wir ihn hiermit vorweg abschneiden, und unsre Absichten klar und und bestimmt entwicklen.
Wir wollen vor Allem beitragen zur Herstellung und Festigung eines einigen und freien Deutschlands und so namentlich bezüglich unsres engern Vaterlands Nassau, dahin zu wirken suchen, daß sich die Bewohner des letztern recht innig als Mitglieder des großen starken Vaterlandes begreifen lernen möchten.
Ein Vaterland ohne Freiheit deucht uns aber mit jenem theuren Namen Hohn treiben: wir werden daher mit nie ermüdenden Argusaugen darüber wachen, daß die Freiheiten, welche dem Volke nach dem ewigen Rechte, welches mit unaustilgbaren Lettern in der Brust eines jeden Menschen geschrieben stehen, nimmer entzogen worden. Am besten scheint uns die Freiheit durch demokratische Institutionen gewahrt zu sein und so werden wir die Grundsätze dec Demokratie oder Volksherrschaft mit allen nothwendigen Folgerungen vertheidigen: und wenn auch im Augenblick die Waage der Demokratie gleich leichter Waare hoch fit die Luft geschnellt zu fein scheint, wir zweifle» nicht, daß die rasch sich entwickelnden Zeitereignisse noch schwer auf sie herabdrücken werden und so gewiß sind wir von dem Siege der Demokratie überzeugt, als der Satz wahr ist, daß die Menschheit zum Glück geboren sei.
Die politische Freiheit ist aber nicht Selbstzweck, sondern nur ein, freilich nothwendiges Mittel für das materielle, oder damit uns die wackren Leute vom Lande verstehen, leibliche so wie geistige Wohl deS Volkes. So also, da ein armes uno unwissendes Volk auch unmöglich hinwiederum den köstlichen Schatz der Freiheit zu schätzen vermag, werden wir uns die Aufgabe setzen:
„Zur Hebung des Wohlstandes und zur sittlichen Kräftigung, wie geistigen Durchbildung des Volks nach Kräften beizutragen und zum Zweck der Veredlung und Erziehung für die Begriffe Freiheit, Recht und Vaterland eine heilige Begeisterung anzufachen und zu nähren."
Fragt man uns nun, wie wir unsere Grundsätze vertheidigen werden: so lautet hierauf kurz die Antwort: „Nur das für wahr Erkannte werden wir verfechten;" aber das wahr Erkannte werden wir auch ganz und ohne jeglichen Rückhalt darzulegen.
Im Uebrigen sind uns Klatschereien zuwider, und greifen wir Personen an, so litten wir zu bedenken, daß wir dieß nur der Sache wegen thun, die Sache aber in einer Person sich gleichsam verkörpert und eine falsche Idee oft am nachtheiligsten in dem Träger dieser Idee bekämpft wird.
Mit Zähigkeit und Ausdauer wollen wir redlich unsere Zwecke verfolgen und hierbei uns oftmals des Vorbilds jenes Atheners erinnern, welcher ein feindliches persisches Schiff, nachdem er es erst mit zwei Armen zurückgehaleen, und der rechte Arm abgehauen war, noch mit dem linken umklammerte, und als auch der letzte ab- gelöst, mit den Zähnen so lange das Schiff fistelt, bis fein Haupt vom Rumpfe getrennt war.
Wiesbaden, den 18. August.
J. Oppermann.
Nekrolog weiland Frau Vielregiererin.
Vor Allem hielte dieselbe es für nöthig, der Geistlichkeit ausschließlich die Leitung des öffentlichen Unterrichts, nach Konfessionen getrennt, wieder anzlwertranen, und den abgeschafften Teufel aus seiner Verbannung znrückzurnfcn, weil kleine und große Kinder vor diesem am meisten sich fürchten. Aller Vermittlung der Extreme abhold, empfahl sie, den geistlichen Stand der Staats-Regierung zu koordiniren, und - in den höher» Schulen die Knaben, außer den zum Staatsdienst nöthigen Kenntnissen, mit Ernst anzuhalten, lateinische, griechische und hebräische Verse zu kompo- niren, und den hohen und höchsten Herrschaften devote Glückwünsche in einer dieser todten Sprachen, besonders in der letzter» zu ihren Geburts- »»d Namenstagen zu überreichen, wenn solche auch als Stiimperarbeiter in dem praktischen Leben von keinem Nutzen seyen. Es werde dadurch wenigstens der wichtige Zweck erreicht, die naseweise Jugend frühzeitig zu gewöhnen, Alles zu thun, was ihr befohlen worden und sie in einem Grade beschäftigen, daß ihr keine Zeit übrig bleibe verderbliche Verbindungen anzuknüpfen und ruchlose Schriften $U Turnen erklärte sie für Sciltänzerkunst, fü^rc tlc -^"öeud zerstreue und auf schlimme Gedanken
Dav von der hohen Verblichenen abgelegte politische
Glaubensbekenutniß über die damals bestandenen sogenannten konstitutionellen Staatsverfassungen verdient besonders beherzigt zu werden. Sie hegte eine besondere Vorliebe für das Zweikammersystem und einen hohen Wahlcensus. Nnr aus reinem Adel werde die erste Kammer gebildet. Diese sei eine unüberwindliche Barrikade gegen alle Neuerungen, ein goldner Hemmschuh, welcher den Staatswagen vor dem Herabstürzen be- wahre. Von ihr sei zu erwarten, daß sie nicht gegen die Regierung stimme, wenn ihr gegründete Hoffnung auf mancherlei Vortheile in Aussicht gestellt werde. In die zweite Kammer müsse man außer einigen Mitgliedern der Geistlichkeit und des Lehrcrstandcs, eine Zahl gefügiger Männer wählen, und den Führern der Opposition den Bürgermeisterbecher vor Augen halten. Im vertrauten Kreise äußerte sie, es sey ihr nicht möglich an einer, konstitutionellen Regierung Geschmack zu finden, weil diese im freien Gebrauch der Gewalt von allen Seiten Hemme, Heuchelei und theure Bestechungen nöthig mache, und höchstens das einzige Gute biete, alles Nebele, besonders Abgabeuvermehrung, den Ständen allein Schuld zu geben. Das höchste Meisterstück der Staatskunst — meinte sie — bestehe darin, ein Helldunkel (chiire-obscure) über die Verwaltung zu verbreiten, welches durch Zersplitterung ihrer Zweige unter korridirte Kvmmissioüeu am leichtesten zu erreichen sey, weil deren Wirken und Ikichtwirken nie eine genaue Uebersicht gewähre und zugleich in der dadurch
nöthige» Vermehrung der Beamten, die Zahl der Anhänger der Regierung vergrößert werde. Auch sey dieses durch Verleihung von Titeln und Steigen in den Ranglisten zu bewirken. Sehr zweckmäßig fand sie es, daß die Fürsten die lustigen Räthe vulgo Hofnarren abgeschafft hatten, weil diesen Schlingeln erlaubt war, ungestraft die Wahrheit zu sagen, und das Lächerliche lächerlich zu machen. Schooskind und erklärter Liebling der Verblichenen war die Polizei. Sie allein konnte, nach ihrer Ansicht, das Bestehende erhalte», sogar den Rückschritt befördern. Ohne Vertraute und Späher bleibe sic schwach und lahm. Daher ermahnte sie die Staatsbehörden, in der Auswahl der Vertrauten beiderlei Geschlechts, die größte Vorsicht anznwendcn, weil diesen Vertrauten, ungeachtet ihrer Klugheit, nicht immer zu trauen sey. Um diesen wichtigen Zweig der Verwaltung nicht übermäßig kostspielig zu machen, gab sie den wohlgemeinten Rath, statt die auserkornen Vertrauten mit Geld, nur mit Versprechen und Hoffnungen auf Vortheile nöthigeufalls mit Zusicherung von Straflosigkeit für verübte oder künftige Vergehen zu bezahlen, wie ehemals der Pvlizeilieutenant Sartine that. Das war aber den Obigen nicht immer einleuchtend, diese verlangten klingende Münze, über deren Verwendung eine Rechnnngsablagc nicht nöthig und nicht möglich war, und wobei als eine Gattung von Mäusefraß und Schrumpf ein artiges Sümmchen zurückblieb. Da man aber ausser den geheimen Agenten noch offciisible unentbehrliche