Freit Zeitung.
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„Freiheit und Neeht! ^^
^ IGO« Wiesbaden. Donnerstag, 17. August 18L8.
Die Dreie ^eituna" erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags, in einem Bogen. — Bestellungen darauf beliebe man zu machen in Wiesbaden in den Buchhandlungen von H Fischer und H.' W. Ritter; auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern. — Der Abonnements-Preis vom 1. Juli an beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fl. 43 kr., halbjährig 3 fl. 30 kr.; auswärts durch die Post bezogen innerhalb des ganzen Herzogthums Nassau, des Großherzogthums Hessen, der freien Stadt Frankfurt, der Landgrafschaft Hessen- Hombura sowie der Kurhessischen Provinz Hanau vierteljährig 2 fl. la kr.; halbjährig 4 fl. 30 kr, innerhalb aller übrigen Thurn- und Taris'schen Postbezirke S fl. —
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Pariser Zustände.
„Der Untersuchungsausschuß über die Mai- und Juni - Insurrektion beantragte, folgende Volksvertreter in Anklagestand zu versetzen: Caussidière, Ledru- Rollin, Louis Blanc, Proudhon. Die größte Gâhrung herrschte in der Versammlung."
Und mit Recht, die Kammer sah nun ganz vollkommen in ihr eigenes, schauderhaftes, model iges Lci- chenangesicht. Die Kammer muß nun cinschen, was sie ist, wie sie nur ein konstitutionelles Puppenspiel auf dem sozialen Rechtsboden, eine bleiche Larve aus der Zeit des alten Königsthums ist, die wie ein Alp auf dem Lande liegt, wie Frankreich trotz ihrer Bemühungen eine wahre, eine soziale Republik werden will und wird.
Das Verbrechen dieser Männer soll sein, daß sie die Kammer kannten, daß sie dem Proletariat verriethen, daß es von diesen.Mammonsrittern nichts zu.erwarten, hätte. Daß sie den Betrug von 1830 ohne Krone und Paraplui, ohne königliche Birne, nicht noch einmal wollten aufführen lassen.
Die Stellung Cavaignac's und seines Ministeriums ist mit nichts zu vergleichen. Hier handelt es sich nicht um Tory uud Whig's, nicht um die alte Bergpartei und das Thal, eine Revolution sitzt zu Gericht über die andere, eine hat die andere unter ihre Füße gebracht, ja die Februarrevolution hat sich selbst beim Haise gepackt. Cavaignac hat seinen afrikanischen Säbel dem Gkidsäckel der Bourgeoisie geliehen, und keine Rache ist so furchtbar, keine Despotie so drückend, als die ihre, wenn man an ihre Svuverainsd'or, ancihre Doublonen und Thaler gegriffen hat. Das kann und will dieser Hamburger Senat in Paris, diese erbgeses- sene Bürgerschaft nicht vergessen, die wohl einem Louis Philipp grollen, aber nie an die Befreiung der untern Classe^auch nicht im Traume denken wollte.
Es war schon etwas Unheimliches an dieser übereilten Diktatur Cavaignac's, an dieser Bereitwilligkeit, die kaum errungene republikanische Freiheit, die Negierungslast an einen Soldaten los zu werden. Es war etwas Widriges an diesen Verhaftungen in Masse, an diesem Einsperren eines halb geschlachteten Volkes. Es war kein Sieg einer Partei mehr, — Larmartine, Louis Blanc keine Conventsglieder, keine Jakobiner, keine Bluthunde, daher auch für Cavaignac und seine Minister kein Raum, die Thcrmidorien's zu spielen.
Aber fühlen müssen sie jetzt, wo sie bis nach den ersten Männern Frankreichs greifen, fühlen müssen sie jetzt, wo sie die Hand an Männer legen, die Frankreich und Europa in kaum mehr als 48 Stunden retteten, die Frankreich undIEuropa mit Staunen ansah
und pries, wo selbst bis an Lamartine der Schatten des polizeilichen^Verdachtes streift, daß sie nicht mehr an Persönlichkeiten, daß sie an eine Revolution, an die Februarrevolution selbst, die Hand legen, daß sie die furchtbarste Reaction vollbringen, die je ein Volk auS- geführt oder eine Krone versucht hat, ja fühlen müssen sie, daß ein freudiges Hohnlächeln sich auf Louis Philipps und Metternich's Gesichtern versteinern muß, die mehr als gerächt sind, die so etwas weder zu hoffen wagten, noch zu vollbringen für möglich hielten.
Eine furchtbare Lehre ergibt sich für Frankreich, für Deutschland und ganz Europa daraus, daß die Regierungen, daß die Kronen den Völkern den Polizeistaat schon so eingeimpft haben, daß sich ein Volk selbst seine Polizei macht, selbst inquirirt, selbst spürt und verdammt, wo Krone und Königthum längst unmöglich gemacht sind. Dieses Gist muß die Völker immer wieder in die Hände der Knechtschaft führen: Daran ist aber auch eine alte Erbsünde der Gesellschaft Schuld.
So wie der französische Adel Voltaire hätschelte, Rousscau's Schriften verschlang, mit d'Alembert sich ergötzte und in dem furchtbaren Ernst ihrer Lehren nur einen Zeitvertreib sah, ebenso behandelte Frankreich seine Socialisten und Communisten. Standen System und Ausführung noch so weit aus einander, die hungernde Masse war eine furchtbare Wahrheit. Man las George Sand und Genossen, ^hielt wohl die Democratie paeifique, ergötzte sich an der Proletariatsliteratur, an Sue's Schöpfungen, an Lamennais Drohungen, als sich aber die lebendigen 'Charaktere aus den dunklen Schattenrissen loSrissen, rief man den alten Polizeistaat wiederZherbei, um sie damit todtzuschlagen.
„Ledru-Rollin und Louis Blanc betheuerten ihre Unschuld," wie gemeine Verbre- cher^oder gekränkte edle Seelen. Das war keine Sprache für solche Männer, keine Sprache für die, die das namenlose Elend der Gesellschaft hinter sich hatten, die das heiße siedende Blut der Verzweiflung des Proletariats auf sich genommen hatten, um es zu vertreten oder zu rächen. Das ist ein Beweis, daß sie sich selbst nicht kannten, nicht kannten und wußten, was sie gethan hatten. Da war der Moment gekommen, auf die Rednerbühne zu eilen, und der Versammlung mit höhnenden, schneidenden Worten ihren schwarzen Undank ins glatte Anlitz zu werfen, da war es an der Zeit ein Bild der Zukunft zu entrollen, wo das ganze Molk seine Führer und ihr Unglück an der engherzigen, armseligen Bourgeoisie rächen wird, wo dieses falsche, höhnische, kalte Staatsleben, dieser konstitutionelle Spuck mit seinen Ministerportefeuilles, mit seinen nachgemachten Wachsfigurenparteiungen, falschen Aufregungen und
künstlichen Leidenschaften zusammenstürzen und ein endloses Gericht über die neuen Völkerbetrüger, über die diesmal bürgerlichen Schauspieler ergehen wird.
Was soll aber Deutschland, Oesterreich dabei thun? Soll es eine Tribune errichten und die französischen Volksvertreter gegen die neuen Sedlinitzky's in Paris vertheidigen? — Soll es Frankreich seine Revolution retten, indem es ihm zeigt, was es im Februar gethan hat, und nun zu thun gesonnen ist? Over sollen die deutschen Sozialisten die Städteverordneten und den König von Preußen bitten, sie sestzunehmen, damit sie keinen Schaden anrichten? Sie müssen sich nun geradezu selbst denunziren, oder es darauf ankoinmcn lassen, einem Cavaignac in Deutschland zu begegnen. Sollen wir uns nun nicht glücklich preisen, in Wien so viele konservative Clemente, so viel ächten Halbliberalismus zu haben, die ganze Sippschaft unserer alten Inquirenten-, Präsidien-, Hof- unb, sonstigen Räthe mit herüber gerettet zu haben. S'i^ werden uns gewiß vor allem Sozialismus und seinen Folgen retten. Wir bitten euch, holt Metternich zurück, sagt es aber vorher den Dynastien, daß sie sich keine Mühe darum geben sollen, ihr wollt es ja gerne selbst thun. (A-O.Z.)
Der Reichskriegsminister und sein Feldzug nach Wiesbaden.
Im Frankf. Journal vom 9. dieses finden wir ein Schreiben des Reichsministers von Peucker, welches derselbe nach Berlin gesandt haben soll, um sich wegen seines dort anstößigen Huldigungsbefehles an die Bundestruppen zu rechtfertigen. Unter Anderem wird darin gesagt: „Die unruhigen Zustände in Deutschland hätten jene Maaßregel nothwendig gemacht, um die Truppen immer zu sofortiger Einschreitung mit Blitzesschnelle und Überraschung bereit zu haben und die Aufstände der Anarchie mit aller Schärfe des Schwer tes niederzuschlagen; ferner jede sich darbietende Gelegenheit zu Auflösung radikaler Vereine zu benutzen und das Odium solcher Maaßregeln von den betreffenden Regierungen ab auf sich, auf die vom Lande (?) selbst gewählte Centralgewalt zu nehmen. - Wie wohlthätig die Schnelligkeit in solchen Fällen wirke, davon hätten wir ein schlagendes Beispiel hier in der unmittelbarsten Nähe. Es sei ein Aufstand in Wiesbaden ausgebrochen; die gejammte Bürgerwehr habe sich geweigert (?), die Aufständischen zu bekämpfen; sogleich habe man 2000 Mann mit 4 Kanonen und etwas Cavallerie dahin geschickt. Diese Colonne sei urplötzlich am folgenden Morgen daselbst erschienen (nachdem nämlich der ganze
Er und seine Söhne.
Von Wilhelm Müller,
(Fortsetzung.)
Europa, Asien waren bann fein Eigenthum, der neue Welttheil bebte vordem Unbesiegbaren, Afrika's Moder- grüfte konnten ihn nicht reizen. Wie jener Eroberer der Borwelt hob er seine Blicke zu des Himmels Dom, um dort noch Erden für seinen Ehrgeiz zu suchen, um dort zu herrschen, zu schaffen, zu vertilgen. Da rief aus seinem Traume ihn ein heiseres Lachen in die Wirklichkeit zurück. Unter dem Erkerfenster, von dem er niederschaute, stand ein Pöbelhaufe und starrte mit stumpfsinnigem, störrischem Staunen zu ihm hinauf. Der Sieger Aller wollte die Einzelnen gewinnen, er warf Gold unter sie, aber die Gestalten verschmähten seine Gabe, sie blieben unbewegt und musterten feindlich das Pygmäenbild, welches wagte ihr heiliges Land zu entwürdigen. Jetzt erklang aber-
das heisere Lachen, und auS dem Pöbelhaufen tauchte das Spukbild seines Lebens, jener Unheimliche wieder auf, der einst in Egyptens Gluthsonne ihm gegenüber stand, der in Flanderns Sümpfen ihn anfeindete. In dem nämlichen Augenblick schlugen dumpf tönend die Glocken an, und es ward plötzlich ein grelles Licht. Mos- kan brannte als Opferflamme für die Freiheit der Erde, un der Wandel des Glückes trat bei dem Mächtigen
Der Fall des Giganten rauschte über die Fläche der Erde und drang auch in das Asyl derjenigen, deren Herz er einst gebrochen. Sein Unglück gab ihrem Leben eine Seele wieder, ihr Muth, ihre Begeisterung kehrte neu verjüngt zurück. Bei dem Mißgeschick des Helden hatte sie vergessen, welch' ein Verrath mit ihrem Herzen, welch' ein Hohn mit ihren edelsten Gefühlen getrieben war. Alle Leiden, alle glühenden Thränen, selbst der Fall deS Vaterlandes waren dahin gesunken in Vergessenheit. Sie fühlte und empfand nur daS Weh des auS seinen Sonnenhöhen gestürzten Adlers; so edel, so göttlich schön und so schwach ist das weibliche Herz!
Ihrem Muthe, ihrer Liebe war es gelungen einzudringen in seine Kerkerinsel. Mit dem Vorgefühle des Himmels, welches jeder Mensch empfindet, wenn er einem geliebten Wesen recht viel verzeihen darf, lichtete Stepa- nida die dunkeln Tagen deS auf Elba Gefangenen, und diese Stunden, wo sein nun so sehr verarmtes Leben nur von eines Weibes Liebe erhellt wurde, waren vielleicht allein die rein menschlichen seines ganzen Daseins. Doch die besoldeten Späher des JnsclreicheS erlauschten bald was Stepaniba dem Verbannten war. Sie mußte fliehen, aber mit diesem zerrissenen Bunde, war der Um friebe wieder auf die Erde gerufen. Nicht wahrscheinlich ist es, bau der Corse nach seinem verlornen Herrscher- stäbe, nach seinen gefallenen Kronen wieder gegriffen, I hätte man ihm nur ein Wesen gelassen, das er lieben, I ein Herz, dein er vertrauen konnte. (étepaniba schied |
von ihm, aber nicht ohne Hoffnungen; auch ihr Inneres war empört, auch in des Weibes weichem Busen reiften jetzt stolze weltumwandelnde Pläne, auch sie heischte jetzt für ihren Knaben, für den Sohn des Herrschers Königskronen, für das keimende Wesen unter ihrem Herzen Fürstendiademe. O, wie anders entschied bas Geschick!
Der Verbannte sah die Unzufriedenheit der Franzosen, die nicht vergessen konnten, nicht vergessen wollten die Tage des Ruhmes, und noch einmal ergriff er das Steuerruder des Erdballes. Wie die erlöschende Lampe noch einmal hell auflodert, wie vergehende Erden den Wrltrn- bau leuchtend durchirren, wie der Sterbende noch einmal sich erkrâftigt, so erhob auch er sich wieder, um dann, nach umsonst vergeudeten Blüte, sein Dasein im fernen Dunkel zu vertrauern. Alle Mächte erhoben sich um den Einzelnen zu bekriegen; auf Waterloos Blutgefilden endete sein geistiges Sein, aber fein Leben nicht!
Und als dieses geschehen', lag Stepanida auf dem Schmerzenslager, nicdrrgcwvrfcn von der Folter der Scelen- leiden und von der Schwäche der nahenden Mnttcrhoff- nung; sie konnte nicht zu ihm eilen, konnte nur leiden wie er, und nur in diesem Qnalgesühke einten sich die beiden Unglücklichen, die sich auf Erden nie wieder sahen.
(Fortsetzung folgt.)