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Amt .Zeitung.

^âeiheLt und Aeeßt!"

^ LAA. Wiesbaden. Mittwoch, 16. August L8â8.

DieDreie Zeitung" erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags, in einem Bogen. Bestellungen darauf beliebe man zu machen in Wiesbaden in den Buchhandlungen von L Kisch er und £.' W. Ritter; auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern. Der Abonnements-Preis vom 1. Juli an beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fl. 45 kr., balbjährig 3 fl. 30 kr.; auswärts durch die Post bezogen innerhalb des ganzen Herzogtums Nassau, des Großherzogthums Hessen, der freien Stadt Frankfurt, der Landgrafschaft Hessen- Lombura sowie der Kurhessischen Provinz Hanau vierteljährig 2 fl. 15 kr.; halbjährig 4 fl. 30 kr, innerhalb aller übrigen Thurn- und TaxiS'schen Postbezirke 3 fl. -

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^ Krieg und Heer.

Wer den letzten Thaler hat, hat auch den letzten Soldaten.

Dieses Wort eines scharfsinnigen Staatsmanns (Pitt), war in den Märztagen so in Verkommenheit gerathen, so in den Hintergrund getreten, daß man nimmer an ein Wicderkommen dieser gräßlichen Redens­art hätte glauben sollen, allein die Zeiten ändern sich sie sind fortgeschritten wir sind stehen geblieben, wir haben den Soldaten noch, daneben aber auch den Söldling, mit diesem, trotz allem Schworen aus die Verfassung, innig verkörpert. Wie laßt sich der Söldling vom Soldaten trennen? Die Reform, die Licht will, beantwortet diese Frage ganz einfach, indem sie verlangt, daß der Gegensatz zwischen Volkswehr und Soldatenstand aufgehoben werde, aber die im Herkommen sich wieder festgesetzte Reaction, diese Reaction, die Nacht will, negirt dieses Verlangen des Zeitgeistes, eifert für die Beibehaltung der stehen­den Heere' und findet hierfür als Vertheidiger nicht blos Anhänger der Reaction, sondern auch manche inteUl- gente Anhängcrder Reform Ueberdies, was sogar in den jetzigen Zeitverhältnissen, welche geübte Heere durchaus bedeutungsvoll machen, dennoch auffallend ist, hat sich die Nationalversammlung für diese Ansicht neuerdings entschieden. Diese ehrlichen Freunde der Reform sahen in den stehenden Heeren merkwürdigerweise eine Erleich­terung des Volks sie haben das große Herz, mit erhabenem Gleichmuth über die ungeheuren Erhal­tungskosten dieser Massen mit der ihnen eigenthümlichen Beruhigung hinwegzuschcn, indem nämlich, wie sie sagen, der große Gewinn für die Gesammtheit in­sofern erreicht werde, als letztere den anstrengenden Waffenübungen enthoben und diese dafür verwendete Zeit für andere mehr nützliche Beschäftigung gewonnen sei.'

Diese lächerliche Behauptung einiger Freunde der Reform hat übrigens Wurzel gefaßt, sie ist zu einem Schlagwort der Reaktionäre geworden, die sich haupt­sächlich noch über dein in der jitzigen Thatsache gefallen, die sie jedem Andersdenkenden mit unverschämter Keck­heit an den Kopf werfen, daß doch wohl voraussicht­lich die Volkswehr niemals eine kriegerische Haltung, der aus ihr durch Wahl heroorgegangenen Befehlshaber- wegen, ordentliche Mannszucht, den Schwerpunkt und die Schnellkraft, welche den Sieg bedingen, gewinnen könne. Leider haben sie Recht und werden ewig Recht behalten , so lange nicht ein anderer Geist in diese jetzige Volksbewaffnung einschlägt, so lange dieser wichtige, Gegenstand wie bis sitzt aller obersten sachge­mäßen Leitung baar, seiner eignen beliebigen Leitung

und Entwickelung überlassen bleibt, so lange diese Sache als eine blose handwerksmäßige Turnübung betrachtet wird, so lange nicht die Kunst und Wissenschaft diesem neuen Institute Form gibt, Leben und Geist einhaucht.

Auch erst dann wird etwas wahrhaft Tüchtiges er­zielt werden, wenn die stehenden Heere aufgelöst sind, (wo­für allerdings die Zeit noch nicht gtfommeu zu sein scheint) und der Reaction keine Hauptmaschine zum Nieder­drücken mehr abgcben können. Die Frage über die Nothwendigkeit der stehenden Heere ist schon so oft in Anregung gebracht und erörtert, auch wenn man so sagen darf (wenigstens doch in der Theorie) eine Ver­ständigung erzielt. Ist man auch darin einig, daß die Auflösung derselben in jetziger Zeit verwerflich und un­bedingt Unsinn sei, so isi's dagegen anders in Friedenszcitcn, in denen ihre Forterhaltung nicht zu rechtfertigen wäre. Die Masse vermag sie trotz aller künstlichen Steigerung der Industrie nicht ferner mehr zu erhalten, sie erlahmet. denn die stehenden Heere ziehen nicht allein fast sämmtliche Production an sich, sondern verschlingen auch unzählige Arbeitskräfte, die kaum zu ersetzen sind.

Der Krieg, der sich im Norden kaum halb gedämpft, schon wieder entzündet und wer weiß, welche Folgen hat, wird bei unsern stehenden gut geübten Heeren, schwerlich lange Dauer haben und in diesem Sinne eine Begeisterung für diestehenden" wieder er­wecken, die man bei jedem andern Falle Ursache zu scheuen hätte. Schwerlich wird sich bei ihnen der Grad der Freiheit auf dem Höhepunkt der Märztage unge­schwächt erhalten, denn VolkswEführung und Gedan- kenmittheilung werden, deS täglichen unruhvolleu Wech­sels wegen, unsere Krieger dort nicht wie hier, kraft­voll umgeben.

Erwarten wir übrigens mit Mannhaftigkeit was die Zukunft bringen wird, ob Segen oder Fluch in der Zeiten Hintergrund liegt. Der Tempel des Janus ist geöffnet-, möge er sich bald, aber ehrenvoll schließen!!

Deutschland.

Wiesbaden, 15. August. So >ben eifahren wir aus zuverlässiger Quelle, daß bei unserem Ministerium eine Verfügung des Reichskriegsministers eingelaufen !st, wonach in Folge des neuesten Beschlusses der National-Versammlung unser Militärstand bis auf 2 Prozent der Bevölkerung vermehrt werden soll.

Truppmzahl wird sich auf diese Weise auf 0000 Mann steigern. __

Siele Truppen - Vermehi img soll schleunigst ausge- luhrt ,werden und wo möglich in 4 Wochen vollzogen

sein. Wie das auszuführen ist bei unserer leeren Staatskasse, wissen wir nfcht; ebensowenig als wir die Dringlichkeit dieser Maaßregel absehen können.

Sonnenberg im August. Eine große Wohlthat ist unserem von der Natur stiefmütterlich bedachten Orte durch die Verminderung des Wildes zu Theil gewor­den. Wir haben in unsern Waldwiesen in diesem Jahr über 100 Wagen Heu mehr erzeugt, als in frü­heren Jahren, wo das Wild vom Aussproffen des Grases an bis zur Erndte hecrdenweise Alles abwei- detc, und den armen Bewohnern nur die Stoppeln zu ärndten übrig blieb; nunmehr sind wir doch in den Stand gesetzt, im Frühjahr das Vieh vor Hunger zu bewahren, und nicht wie sonst die ganze Gegend durch­streichen zu müssen, um die nöthige Spreu und Stroh zusammen zu kaufen. Nie kann sich ein Land an seinen armen Bewohnern härter versündigen, als wenn es das schädliche Ungeziefer von Wild hegt, das nicht nur dem armen Bewohner seine saure Mühen im Felde zerstört, sondern zugle ch auch noch größern Schaden in den Waldungen verübt.

R Vom Taunus. Mit Befremden hat man ver­nommen, daß in unserer Provinz für Wehrbarmachung des Volks eher nichts geschehen solle, als bis desfall- sige definitive Bestimmungen der Reichsversammlung vorlägen. Vor einem wehrhaften Volke scheint man sich doch gewaltig zu wehren. Die Nationalversamm­lung mag beschließen, was sie will; soviel ist doch im Voraus gewiß: der Wehrmann muß marschiren und exercieren können; er muß also auch ein Gewehr haben, so ein gewöhnliches Soldaten- oder Commißgewchr. Daß diese Gewehre für ganz Deutschland bis auf's Haar gleiches Kaliber haben müssen, ist gar nicht ab­zusehen; denn dann würde man auch alle, selbst bte neu angeschafften Gewehre des Linienmilitärs für un­brauchbar erklären müssen. Der Fall, daß in einer Schlacht der Bruder Thüringer dem Bruder Pfälzer mit einer Patrone aushilft, dürfte sich nur selten ereig­nen und noch seltner, daß bei den ohnehin so gleichen Commißgkwehren das Blei nun gerade nicht in den Lauf ging. Also vor alleu Dingen Gewehre! Soll der Eifer für die hochwichtige Sache da, wo er sich wirklich findet nicht ei kalten, soll etwas aus dem Ding werden, dann Gewehre! Wenigstens sollte das 1te Aufgebot ungesäumt dieselben erhalten, indeß die beiden andern mit uniformen Piken oder Spießen zu aruüren wären. Daß das 2te und 3te Aufgebot zu Weilburg und Wiesbaden die dem Staate gehörigen Gewehre an das 1te Aufgebot anderer Orte abgeben muß, ist eine Sache die sich so sehr von selbst versteht, daß sie schon längst zur Ausführung hätte^kommen fol»

Er und seine Söhne.

Von Wilhelm Müller.

(Fortsetzung.)

Du bist ein Mädchen! rief der Oberst überrascht. Die Wärterin hat mir, ich weiß nicht warum, heute diese Kleider anzogcii, war die Antwort. Des Kindes Laute drangen wie wohlbekannte Töne in seine Seele, und dessen Züge verklärten sich immer mehr zu einer einst heiß geliebten Gestalt. Dein Famißename? forschte der Oberst weiter. Ach, jetzt schlug ein theurer, längst verklungener Name, der Name seiner Schwester, die Ein­zige, welche ihn nicht gehaßt hatte, an sein Ohr. Er­hielt seine Nichte in seinen Armen! Unter dem Gräuel der Verwüstung, unter den Verwundeten und Sterbenden, deren Wehcgcschrci wie ein endloser, nie verhallender Seufzer zu den Wolken erzitterte, war nur ein Glück­licher, der, dessen Herz so lange verwaist, nun die Toch­ter seiner einzigen Schwester in seinen Armen hielt.

Polen war nicht mehr! Jin Lande herrschte Ruhe, â " war die Ruhe des Grabes, der Friede des l' f * , Mehrzahl hatte sich dem Unvermeidlichen

* c""âe Unglückliche, denen das Vaterland Ubenoseelc war, vermochten nicht zn begreifen, daß Al- Ll T "S? '"' fr i«M-or an chr-m Un. '' '^ -ahtte» fort mit fort kille schmerzliche

Hoffnung; ihre Klagen, ihre Seufzer verhallten durch Monde und Jahre nicht und riefen selbst die Hoffnungs­losen zu neuen Frcihcitskampfe auf.

In diesen dumpfen Schauertagen war Stepanida er­wachsen. Ihrem Ohin hatte der Säbel eines Lesgiers Ruhe und Frieden gegeben: sie war seine Erbin, die Besitzerin seiner Gauen und zahlreichen Leibeignen; aber auch des Oheims Scelcnschmerz schien ihr anheim gefallen zu sein. Die Schmach ihres Vaterlandes hatte ihr Herz in den schönsten Tagen ihres Lebens mit jener kalten Erstarrung geschlagen, die bei Jugend und Schönheit uns wie der Odem einer fremden Welt anschanert. Ste­panida liebte ihr Vaterland doppelt heiß, weil es un­glücklich war. Sie und alle Diejenigen, welche noch eine Auferstehung, eine Erhebung des Landes hofften, warfen ihre Blicke auf jene Siegcsgcstalt, welche durch Thaten jetzt den Erdball in Erstaunen setzt. Napoleon, wähnten sie, würde mit der Sonne seines Ruhmes auch ihre Nacht erhellen. Unglückliche Betrogene! Kein Volk auf dem Erdenraumc ist von. diesem Ehrsüchtigen so hart getäuscht, so schrecklich in seinen Hoffnungen, in seinem Vertrauen hintergangen worden, als das der Polen. Er war ihr Ideal, ihr Messias, von dem sie glaubten, daß er das Verlorene aus der Gruft des Todes wieder ins Leben rufen würde. Sie gaben ihm das Blut ih­rer Helden, lind die Körper der erschlagenen Polen, wel­che für seinen Ruhm, für seine Größe gefallen, decken die Erde vom Tajo bis zur Wolga.

Stepanida erschien in Paris, um sich zu sonnen an dem Abglanze des Helden, von dem sic und alle ihre Landsleute die Wiedergeburt des Vaterlandes hoffte. Ihr romantischer Muth drang durch die ehernen Reihen "der Cohorten, welche sich um den Mächtigen drängten. Sie stand vor ihm und glaubte seine Geistesseele in ihren Busen cinzuathmcn. Mehr als von dem Adel ihrer Ge- stalt, mehr als von ihrer unentweihten Jngeudschvnhcit fühlte sich der Corse angcrèizt von dem Enthusiasmus für ihr längst gerichtetes Vaterland. In Scepanidcus Herzen ging eine neue Welt auf, sie gab sich mit Stolz, und mit der ganzen Gluth der Liebe jener Frauen Cie, von den Engeln ihre Tugend, von dem Menschen ihre Schwächen haben, dem Manne hin, der der Erste auf dem Erdenraume ivic der Erste des Jahrtausend s war, und der Glaube, daß durch dieses Opfer ihr Vaterland gerettet sei, stand fest an ihrer Seele. Arme Gefallene! nimmer reifen Seine freundliche Hoffnungen; das Mor­genroth jenes Tages, welchem Du entgegen zu schauen glaubtest, war nur das Wetterleuchten einer ewig fin­stern Stacht. Wie der Riefe Länder und Füstendiademe vernichtete, so brach er auch Dein weiches Herz; Du warst nur ein Spielzeug seiner Laune, nur das Opfer wallender Sinnenlust. Bald schwand auch Stepaniden der schöne Wahn, und die Wirklichkeit grinste sie höhnend an. Sie war verstoßen, vergessen, unbeachtet, denn so gering schätzte der Weltbezwinger das Weib, welches nur in seinen Armen schwach gewesen, daß er sic nicht ein-