„âeiheèL und NeeHL!"
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Wiesbaden. Donnerstag, 10» August
1818
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Deutschland
Wiesbaden, 9. August. Die gestrige, nur ganz kurze Ständesitzung war für das Publikum ohne Interesse, da die Berathungen über das Zehntgesetz auf heute verschoben und nur von der Petitionscommission über einige Petitionen berichtet wurde.
ff Frankfurt, 8. August. Brentano war gestern sogar in Gefahr, körperlich angetastet zu werden, denn Einer ergriff ihn am Arme mit der unzweideutigen Absicht, ihn von der Tribune zu reißen, v. Vinke, mit einem zweiten Schwung der Fantasie (der erste geschah in der Mainlust mit dem Fürsten von Thorn) sich in seine Corpöburschenjahre versetzend, brummte der Linken einen — H .. dös.. t — auf; dieß eine durch Zeugen verbürgbare Thatsache.
Das Volk hatte indeß eine von den preußischen Beamten verschiedene Meinung, und war der Ansicht, daß der Prinz von Preußen nicht mehr als eine Privatperson sei, und brachte daher gestern Nacht Brentano ein Ständchen, wobei Jtzstein und Simon feurige Hochs ausgcbracht wurden und gegen 3000 Menschen versammelt waren. — Der Bericht des Ausschusses hatte indessen die Aeußerung Brentano's gerechtfertigt, denn er hatte die ganze Schuld Heckers als einen Verrath an der Nation, d. h. deren Majorität, hingestellt; da aber der Prinz von Preußen sich auch gegen die Majorität der Nation vergangen hat, so war ein Vergleich nicht wohl so ungerechtfertigt.
Es ist eben daö Empörende dieser Königlich Preußischen Beamten und Landjunker, daß sie immer sich für das „Preußische Volk" auSgeben wollen. Jeder Unbefangene sieht indessen natürlich ein, datz dieß blos die Reaction ist, die sich hinter dem spezifischem alt- preußischen Particularismus verschanzt; daß das Volk aber, daö im März Barrikaden gebaut und die Freiheit errungen, in welcher aber auch die Bedientenseelen sich sonnen, sich nicht in seinem Nationalgefühl beleidigt glaubt, wenn die Linke verlangt, „Hecker solle nicht einem Prinzen von Preußen nachgesetzt werden.
In der Lesegesellschaft der Abgeordneten der Nationalversammlung (Westkndhalle) erlaubte sich der alte Jahn bedauerliche Ausfälle, welche ihm indessen eine verdiente Rüge zuzog, die er sodann ohne Murren ein- steckte. Er erklärte nämlich: Brentano müsse aus der Nationalversammlung gestoßen werden, dafür werde die Majorität schon sorgen; die Lücke schicke mit 20 kr. bezahlte Klatscher auf die Gallerten und wenn die Wirthschaft so foitdaure, so würden die Preußen den Andern es schon zeigen, links und rechts um sich hauen, bis sie Alles verschlungen hätten.
22 Frankfurt, 8. August. Die heutige Sitzung der Nationalversammlung war die stürmischste und er- eignißreichste vielleicht, welche wir bisher gehabt. Unter dem Vorsitze Soirons sah man mit gespannter Erwartung der Entwirrung der gestrigen Vorfälle ent- gegen.
Soiron verliesst einen von Vrnke und etlichen 170 unterzeichneten Antrag: daß die Nationalverfamm- lung die Aeußerung Brentano's mißbilligen solle, weil die Ehre eines deutschen Volksstammee dadmch verletzt worden sei.
Ein anderer Antrag geht auf Ruf zur Ordnung.
Ein fernerer von der Linken unterzeichneter Antrag geht dahin: daß, da in Folge der gestrigen Aeußerung Brentano's viele Mitglieder der Rechten sich gegen die Tribune gedrängt, sogar Thätlichkeiten, um den Redner von der Tribune zu reißen, Schimpfworte, Forderungen zum Duell sich erlaubt und dadurch die parlamentarische Sicherheit gefährdet hätten, — der Präsident ersucht werden solle, gebührend die Ordnung zu handhaben. $
Soiron will, nachdem er einige Gründe vorgc- bracht (daß die Nationalversammlung da sei, um Einigung hervorzubringen), Brentano zur Ordnung rufen. Blum ruft: „zuerst die Discusston", und zugleich bricht ein Sturm auf der Linken los, welche Alle zuerst die Diskussion verlangen. Der Vize-Präsident erklärt, er habe zuerst das Wort und dürfe nicht unterbrochen werden, Diskussion könne nachher stattfinden. Neuer Sturm auf der Linken — Soiron schwingt die Schelle — es hilft mchcs. Vogt ruft: „wer gestern in der Socratesloge mitdiscutirt hat, kann auch hier eine Diskussion anhören." — Auf den Gallerien bricht ein ungeheurer Beifallsturm los.
Fünfzig Hände erheben sich auf der Rechten, auf die Gallerien weisend. Der Vize-Präsident spricht hierauf, kann sich aber nicht vernehmlich machen, und erklärt die Sitzung für aufgehoben, und setzt seinen Pflanzerhut wieder auf. — Gleich darauf aber" ruft man, um 11 Uhr würde sie wieder eröffnet.
Die Mehrzahl der Abgeordneten erwarten in der Paulskirche die Wiedereröffnung der Sitzung ,und sind in lebhaft disputirenden Gruppen ve> theilt.
Es ist kein Zweifel, daß derScandal durch Soiron's Taktlosigkeit hervorgerufen wurde, denn dieser konnte, da er gestern das Wort nicht erlangen konnte, wohl zu Anfang der Sitzung zur Ordnung rufen, allein nachdem er die Anträge zugelassen hatte, mußte er auch eine Discussion zulassen.
Die Sitzung wird wieder eröffnet.
V. S.oiron: Sie haben meinen Ordnungsruf ge
gen den Abgeordneten Brentano gehört, aus den angeführten Gründen — neuer Tumult —, v. Soiron wiederholt diese Worte und fügt hinzu: und erkläre hiermit alle ferneren Einwendungen in dieser Sache für ferner unzulässig; die Versammlung fordere ich hiermit auf, ihre Beistimmung zu erklären. — Nein, — Nein, — stürmisches Nein — von der Linken. — Tumult auf den Gallerien.— Von der Linken springen Mehrere auf gegen den Präsidenten, u. A. Schlöffel, und wechseln heftige Worte gegen Soiron.
Da besteigt Gagern die Tribune und sagt, nachdem er sich Gehör verschafft: es handelt sich blos von dem Recht des Präsidenten, der motivirte Ordnungsruf kann kein Gegenstand der Diskussion sein. Wenn man sich verletzt glaubt, so muß man auf dem Wege der Ordnung eine schiiftliche Appellation an die Nat.- Vers. einreichen.
Soiron will hierauf Brentano das Wort geben — die Linke protestirt dagegen und will, da v.Gagern das Wort gehabt hat, daß auch andere Redner zugelassen werden. Soiron gibt nicht nach; er erklärt, wenn Brentano das Wort nicht wolle, so wird der nächste Redner kommen. Da besteigt Brentano die Rednerbühne — rauschender Beifall, Bravo und Händeklatschen von den Gallerien. Soiron fordert die Leute auf den Gallerien auf, welche da die Ordnung zu handhaben, die Ruhestörer zu.entfernen. Dies geschieht nicht, da es auch nicht möglich war, sie zu ermitteln; — hieraus fordert v. Soiron das ganze Publikum auf, sämmtliche Gallerien zu räumen. Dieß erregt heftigen Unwillen, da in der That fast keine Veranlassung dazu vorhanden war, denn bei vielen Gelegenheiten, sei es, daß v.Gagern oder Blum, v. Radowitz, Lichnowsky oder ein Anderer sprach, war schon ein zehnmal stärkerer Beifalltumult gewesen, als diesesmal. Es war deshalb die reinste Parteileidenschaft, eine Art von Wuth, welche Soiron zu dem Schritte veranlaßt hatte.
Die Räumung^ der Gallerie ging vor sich und eS dauerte eine volle Stunde, bis die Räume leer waren; selbst die Diplomaten, Gesandten und Ben'chtcrstatter mußten die Paulskirche verlassen; nur den Letztem wm de der Zutritt später wieder erlaubt. Während der Abwesenheit hatte die N.-V. auf einen Antrag beschlossen, daß die Sitzung nicht geheim sein solle. Die Berichterstatter wurden wieder zugelassen; und jetzt geht die namentliche Abstimmung darüber vor sich, „ob das Publikum wieder zugelassen werden solle oder nicht."
Der alte Jahn fügte seinem Nein bei: „Spielt nt$t Kämmerchen vermieden" (wahrscheinlich ein Volks-
Er un^ seine Söhne.
Von W i l h c.l m M ü l l e r.
(Fortsetzung.)
6.
Der Pariser Scharfrichter.
Ueber Frankreich lag noch immer drohend das blutige Unwetter. Die Tage des Schreckens und der Scptcm- bcrmvrde schienen wiederkehren zu wollen; die Sektionen waren in Zwietracht mit dem Nationalkonvent; riesenhaft hatte sich der Haß gesteigert, und jede Parthei sehnte sich durch Blut die Entscheidung herbeizuführen. Die Wahrscheinlichkeit eines Sieges wvi auf Seite der Scctivncu; sie zählten mehr denn vierzigtausend wohlbewehrte Kämpfer, indeß der Convent höchstens fünftausend Linientruppen zu seiner Vertheidigung hatte; zudem fehlte es diesen Kriegern an einem entschlossenen Fühler. In dieser Verlegenheit warf der bedrängte Convent sein Auge auf den Mann des neunten Thermidors und ernannte ihn zum Befehlshaber; doch Bar- ra» fühlte der Stunde Wichtigkeit und seine eigne Schwache; er konnte wohl auf der Tribune Tausenden dav -eben absprechen, aber nicht selbst das Schwert Heven, nicht die Reihen führen; er forderte deshalb zu hinein -Beistand jenen jungen General, der vor Toulon Zundel thaten geübt, dann aber abgesctzt, vergessen und
nun in Paris in Dürftigkeit lebte. Der Convent bewilligte Barras Forderung; Buonaparte wurde zweiter Befehlshaber, und hier tritt der Mann eines Jahr- tausendes eigentlich erst in die Weltgeschichte ein.
Der dreizehnte Vendemiaire, der Tag, an dem Buonapartes Stern aufzuleuchten begann, war da; das Heer, welches er befehligte, war bis zu achttausend Mann vermehrt, aber es flöste kein Vertrauen ein, keinen Glauben an den Sieg, cs war zusammengerottet aus Linicntrnppcn, gehaßten Polizeisoldaten, Gensd'armen und verkrüppelten Invaliden; mit diesen sollte eine fünffach stärkere Macht angegriffen und besiegt werden. Die einzige Aussicht eines Erfolges war, daß sie das schwere Geschütz inne, die Sektionen hingegen fast gar keine Kanonen hatten. Da donnerte in der Ferne das Geschoß, der bleiche General schwang sich auf sein Roß, bei den Lauten des Krieges endete seine krankhafte Erregung, er war ein Anderer geworden, ruhig, fest und kalt ordnete er das blutige Spiel und eilte dorthin, wo die höchste Gefahr drohte. Doch die neue Brücke war bereits von den Sektionen genommen, näher drängte sich der Feinde Menge, und ein entscheidender Augenblick dessen Folge kein Men- schenange ermessen konnte, trat ein. Kartätschen unter die Anführer, rief der Korse den Kriegern zu, die mit dem schweren Geschütz heran rapelten. Die Kanoniere hoben die Lunten, aber der Führer dieser Schaar stutzte bei den Lauten des Befehlenden; er erhob das Ange, und Todcs- graun des Zornes lind der Wuth deckte sein Antlitz.
Halt! donnerte er seiner Schaar zu, und aiS wollte er eine Meldung thun, trat er an den General und flüsterte ihm zu: Ich bin Korse wie Du, bin Jener, den Du als Knabe mißhandelst und der noch keine Genugthuung hat. Nimmer kämpfte ich unter Dir, nimmer für Deinen Ruhm; wohl aber will ich Dein gespenstiges Schreckbild fein und Dir überall entgegen treten, wenn Du unglücklich bist! Wieder wandte er sich zu seiner S aar und donnerte ihr entgegen: Rechts ab, Ihr freien Männer, den Unterdrückten zu Hilfe! Nicht ungewöhnlich war es in jener Sturmzeit, daß eines Einzigen Witte die Massen lenkte; die Männer gehorchten, die Kanonen wandten sich zu denen, gegen welche sie vor wenigen Augenblicken Todesbliyë geschleudert hatten. Der General mußte sich zurück ziehen und die Sektionen drangen vor. Aber es war nur der Sieg eines 'Augenblickes; der Verrath nutzte dem Erfolge nicht, denn das Mipgeichick, die Erbitterung stählte des jungen Führclv Herz und gab ihm wunderbare Kraft. Wie ein dämonisches Doppel- wesen erschien er überall, wo den St inen tri Untergang drohte; erbarmungslos und ohne Mitleid ließ er die Kartätschen gegen seine Gegner schmettern, und diese N'ichtachtnng der Menschlichkeit erwarb ihm den Sieg, erwarb ihm das gehâßige Beiwort des „Pariser Scharfrichters."
Einen andern Namen gab ihm Frankreich, einen silbern die Weltgeschichte, eh' noch wenige Jahren verflossen.