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Freit Zeitung.

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âeiüeLL und Recht

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Wiesbaden. Mittwoch, S. August

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Deuttch^ond

M Frankfurt, 7. August. Gestern wurde im Wäldchen, eine Stunde von hier, das erste Reichsfest, so nannte man es, gehalten. Und es war seines Na­mens vollkommen würdig, wenn das alte, gute Reich durch ein solches Fest bejubelt werden sollte. Eine starke Phantasie müßte der haben, welcher größere Lang­weile zu erdenken fähig wäre. Außer einigen Dorf­bewohnern, welche Theil nahmen, sah man auch nicht die geringste Fröhlichkeit bei diesen ReichSbürgern. Stumm, ernst, steif, aber geputzt stiegen die Leute in dem Walde einher. Von Singen, außer dem dazu be­stellten Lieder kränze, von lebhaften Gesprächen, von Redenhalten, war keine Rede. Das Höchste war, daß man einen Toast auf den deutschen Kaiser, wie der Reichsverweser allgemein genannt wurde, und der auch zugegen war, und auf das erste deutsche Reichsfest aus­brachte. Den Mangel an Unterhaltung zu ersetzen, dazu dienten zwei Puppenspiele.

Die heutige Sitzung in der Nationalversammlung war, wie man voraussehen konnte, sehr interessant. Soiron hatte den Vorsitz. Die glänzende Rede hielt Simon aus Trier, welcher mit großem Feuer, tiefen Gründen und glühender Begeisterungdie Sache der Menschlichkeit und des deutschen Volkes" vertheidigte. Selten noch ist eine solche Rede gehalten, eine solche Sprache geführt worden. Er bekannte sich offen zum ^Prinzip der Volkssouveränitat, offen als Republikaner. Seine Rede machte tiefen Eindruck und wurde mit stürmischem Beifall begleitet. Den größten Sturm aber rief Brentano hervor, der, erst kürzlich vom Krankenlager aufgestanden, zum erstenmale die Tribune wieder betrat. Er vertheidigte mit Wärme die badi­schen Republikaner, welche Ursache genug hatten, ihre unerfüllten Wünsche mit den Waffen in der Hand zu erlangen. Zuletzt verglich er Hecker mit dem Prinzen von Preußen, der eben so gut ein Hochverräter sei. Diese Aeußerung erregte den Unwillen der Rechten und ihres preußischen Adels, sie brüllte auf eine uner­hörte Weise. Die Linke ermahnte zur Ruhe; da dieß nichts half, so fing die Gallerte an Bravo zu rufen und Brentano Beifall zu klatschen. Der Präsident Soiron schellt wiederholt nnd anhaltend. Da die Ruhe nicht wiederkehrt, hebt er die Sitzung auf. Die Rechte stürmt auf die Rednerbühne zu und will Bren­tano Herunterreißen. Die Linke aber umringt denselben und vertheidigt sich noch einige Zeit gegen die Rechte. Die Unruhe und das Getöse dauert noch länger fort, bis endlich die meisten Mitglieder den Saal verlassen.

Der Ausschuß über die Hecker'fche Angelegenheit

und über die Petitionen und Anträge auf Amnestie der politischen Verbrechen erstattet zuerst Bericht und stellt den Antrag, über dieser Frage zur Tagesordnung über- zugehen. Denn jetzt könne noch keine Amnestie ertheilt werden, wo eine Verfassung noch nicht festgestellt, Ge­setz und Ordnung noch an lockeren Banden hängen. Die französische constituirende Versammlung hat nicht nach Beginn der Revolution, sondern erst rach zwei Jahren, als die neue Verfassung ausgestellt und vom Könige beschworen war, eine Amnestie erlassen. Was die Strafbarkeit des badischen Unternehmens um so mehr vergrößere, sei, daß in Baden vor allen Ländern zuerst die Forderungen des Volks bewilligt wurden und bei Ausbruch des Aufstandes die Wahlen zum Parla­mente schon ausgeschrieben waren.

Jtzstein erklärt im Namen Heckers, daß Letzterer keine Amnestie verlange (Bravo), aber die National­versammlung dringend bitte, die Unglücklichen, welche in den Gefängnissen und an der Schweizergrenze in Noth leben und leiden, zu befreien und zu amnestiren. Eisenmann stellt den Antrag, Amnestie zu erlassen für Alle, welche darum nachsuchen. Der Präsident verliest eine bedeutende Anzahl neu kingereichrer Peti­tionen um Amnestie, mit zahlreichen Unterschriften be­deckt.

Hagen. Es handelt sich bei der vorstehenden Frage nicht um das positive Recht; buff darf hierbei allerdings nicht in Rücksicht genommen werden. Wir Alle in der Nat.-Vers. sind hier versammelt, um das positive Recht zu vernichten und wollen auch heute es unbeachtet lassen (Oh! von der Rechten, Zischen, viel­faches Bravo.) Die heutige Angelegenheit ist eine Frage des Gefühls, eine Sache der Menschlichkeit. Wenn man sagt, daß Hecker eine Verfassung einzufüh­ren strebte, welche ein Hirngespinst ist, so ist Letzteres nicht Aller Meinung. Es sind sogar viele Männer in der Nationalversammlung, welche die Republik für die beste, schönste Staatsverfassung halten. Viele, welche selbst mit Heckers Ansichten âderkinstimmen, haben sich gegen seine Unternehmen ausgesprochen. Die Entwick­lung eines Volkes geht naturgemäß und unaufhaltsam fort; aber selbst den besten Zuständen, den edelsten Be­strebungen hängt immer ein Erdgeschmack an, weil auf unserer Erde nichts vollkommen ist. Deßwegen müssen auch Vergehen, welche bei dem Streben nach dem Wohle, der Einheit und Größe des Vaterlandes be­gangen wurden, nachsichtigt beurtheilt werden.

Die Nationalversammlung stützt sich auf das Prinzip der Volkssouverenität und jene Männer in Baden standen auf mit der Ueberzeugung, daß die Majorität des Volkes für sie sei. Haben sie geirrt, so fordert

die Billigkeit, nicht mit der ganzen Strenge des Ge­setzes gegen sie zu verfahren. Abgestimmt hat man in Baden nicht und es steht daher noch in Frage, ob die Majorität dagegen war. Hagen verliest hierauf eine Petition von Heidelberg, welche mit eindringlichen Worten um Amnestie bittet und mit 6000 Unterschrif­ten bedeckt ist. Ebenso eine Petition von 1400 Frauen. In einer Zeit der politischen Aufregung geschieht man­ches in der Uebereilung und Leidenschast, was zwar nicht gerechtfertigt werden kann, aber doch nach anderen Prinzipien beurtheilt werden muß. Die Nat.-Vers. soll daher in dieser Sache nicht zu strenge verfahren und nicht als Partei richten. (Lebhafter Beifall.)

Schoder aus Stuttgart erklärt gerade von dem Standpunkte der Volkssouveränitat aus den Aufstand in Baden für ein Attentat gegen das Volk. (Z schen auf der Gallerte.) Unglück ist gekommen über manche Familien, vielfachen Schaden hat Baden durch diese Empörung erlitten. Gründe für eine Amnestie sind also nicht vorhanden; aus Menschlichkeit aber, sagt Schoder, werde er einer Amnestie nicht entgegentreten. Hecker steht noch in drohender Stellung Baden gegen­über. Er hat noch nicht aufgehört die Revolution zu predigen und wird er amnestirt, so hat die Nat.-Vers. damit den Hochverrath geheiligt. Solche Männer, solche Anführer der Empörung dürfen nicht begnadigt werden, wer aber demüthige Reue und voll­ständige Sinnesänderung zeigt, dem soll Amnestie er­theilt werden. (Beifall der Rechten, lebhaftes Zschen.j

Simon aus Trier. Die Competenz der Nat.-V. in dieser Frage ist bestritten worden, allein Letztere ist keine spezielle, die nur für einen einzelnen Staat gilt, sondern eine allgemeine. Sie betrifft die Einheit Deutsch­lands und die Nat. - Vers, wird die Einheit nicht zum Werkzeuge der Unterdrückung machen wollen. (Anhal­tender stürmischer Beifall, einzelnes Zischen, der Präsi­dent mahnt zur Ruhe. Eine Stimme auf der Rechten verlangt Räumung der Gallerien.) Niemand wird zweifeln, daß wir eine große Revolution begonnen ha­ben und daß wir gerade jetzt dem alten System, das durch jene gestürzt wurde, eine Bewegung verdanken, die lediglich durch die Reaction hervorgerufen wurde. Amnestie muß ertheilt werden^ für das Vo k, welch s die Freiheit errungen hat. (stürmischer, lang anhal­tender wiederholter Beifall.)

Hr. Wiedemann, der Berichterstatter, hat darauf hingewiesen, daß bei der ersten französischen Revo­lution erst nach zwei Jahren eine Amnestie erteilt wurde. Wir aber wollen die französische, schreckliche Umwälmng nicht durchmachen, u. geschieht es dennoch, so wird Hr. Wiedemann und noch viele andere ihre

Er und seine Söhne.

Von Wilhelm Müller,

(Fortsetzung.)

Tage, Wochen verstrichen, keine Aenderung seines Schicksals trat ein; die Glocke rief abermals zum Gebete, Paskal schlich in das Gemach des Priors. Goldgier war des Obern furchtbarste Leidenschaft, gegen sein Gelübde sam­melte er Schätze und hatte doch nie genug; zudem war er kränklich, aber er ließ den Trank, der ihm Linderung geben sollte, oft viele Tage aus wahnsinnigem Geiz un­genossen stehen. Wie das Weltgericht will ich über ihm verfügen, murmelte Paskal, indem er seine Tropfen in den Trank goß, und dem Zufall die Entscheidung über­lassen. In vier und zwanzig Stunden ist die Mischung verdorben; wenn er den Kelch so lange ungeleert läßt, ist er gerettet. Er kehrte zurück, und nach langer Zeit schlief er ruhig bis zur Morgensonne. Auf dem Kreuz­gange begegnete er den Mönchen , die den Prior zu wecken eilten, der gegen Gewohnheit das Morgengebet verschlafen hatte. Sie fanden den Prior vor seiner ge- u^bten Truhe, in seiner erkalteten Lcichcnhand noch einen Seckel Gold haltend, das gebrochene Ange nach dem ge­leerten Kelch gerichtet.

. .^" dnsUben Zeit, wo man den Leichnam in die Erde lenkte, verschwand Paskal, nnd ward in der Gegend nicht ferner gesehen.

5.

Nacht im Lichte.

Keine Reue trat in Paskals Herz, sein Sehnen nack- Rache wurde durch die Unthaten nicht gestillt, denn Jener, der ihn einst als Knabe mißhandelte nnd beleidigte, war ihm noch nicht verfallen; auf ihn wälzte er die Schuld seiner eigenen Verbrechen, ihn klagte er Alles dessen an, was ihm Böses widerfahren. Nun aber kam ein furcht­bares Sterben über das Land und wandelte die freund­liche Erde zu einem Leichenacker. Manches Leid hätte Paskal lindern, oft dem Erkrankten ein rettender Engel sein können, er that cs nicht, der Gräßliche! er wandelte mitleidlos seinen Pfad, und die Klagen der Unglücklichen fanden in seinem Herzen keinen Wiederhall. Da trat er in eine Hütte, in der eine Sterbende furchtbar gegen des Todes Nahen kämpfte, ihre Angst, ihr Bangen, ihr Rücksehen zur Erde mehrte ihre Qual; zu ihres Lagers Füßen lag ihr Kind und hatte das Antlitz in die erkal­teten Hände der Mutter gedrückt. Während die Ster­benden mit der letzten Lebenskraft sich unruhig umher warf, lag die Tochter wie eine Todte und zuckte nur dann schmerzlich zusammen, wenn sic der Mutter Web- laut vernahm. Der Unglückliche hofft in dem Nahen jedes Menschen einen Retter; als Paskal in die Thürx trat, rief ihm die Tochter entgegen; So Du ein Mensch bist, so Du an Gott glaubst und es Dir möglich ist

zu helfen, erbarme Dich unsrer. Noch nie hatte Pas­kal auf eines Menschen Bitte gehört, aber der Schmerz, der in des Kindes Aufruf lag, bewegte selbst sein ver- steinteS Herz, alle heiligen Gefühle, die uns von der Gottheit überkommen, Liebe, Glaube, Hoffnung, einten sich in diesen Lauten. Paskal trat zu dem Bette der Kranken, aber hier war menschliche Rettung mehr mög­lich, dem Tode war das Opfer nicht zu rauben; das Kind hing mit Blicken , die keine Thränen mehr hatten an dem Verstummten. Zum erstenmal fühlte Paskal menschlich, er zögerte den trostlosen Ausspruch zu thun; die Tochter verstand ihn dennoch und wimmerte: Wir heischen keine Wunder, Mutter fordert keine Lebenslahre, sie bangt nur nach Sühnung, nur entlasten will sie sich dessen, was sie noch drückt, nur dem Priester beichten, nur mit der Vergebung Gottes entschlummern. Nur dieses Sehnen macht ihr das Sterben |o so glwer. Rube und Bewußtsein, rief Paskal, soll ihr wieder Uchen, und ich will teil $d0 um $tvn ^tuuVcu uutyultcu. ^-^ fühlte er seine Knie fest umschlungen und heiße Thränen bedeckten seine Künde, aber kein Wort des Dankes ver­mochte des Kindes Lippe zu stammeln. Er aber trat zu der Sterbenden und flößte ihr die Stärkung ein, und alsobald schwand die Todesangst von ihr; sie war ruhig und vermochte des Priesters Trost zu vernehmen. Und als Paskal nach der Beichte wieder in das Gemaeb trat, fegende eben die sterbende Mutter ihr zuriickbleiben- des Kind, sie lächelte demselben noch tröstend zu, scklos;