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Wiesbaden. Mittwoch, 2. August

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DieStete Zeitung" erscheint täglich in einem Bogen. - Bestellungen daraus beliebe man zu machen in Wiesbaden in den Buchhandlungen von H. Fischer und H W Ritter­auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern. - Der Abonnements- Pre,S vom 1. Juli an betragt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fl. 45 kr., halbjährig 3 fl. ,30 kr.; auswärts durch die Post bezogen innerhalb des ganzen Herzogthums Nassau, des GroßherzogthumS Hessen, der freien Stadt Frankfurt, der Landgrafschaft Hessen-Homburgs sowie der Kurhessischen Provin- Hanau vierteljährig 2 fl. 15 kr.; halbjährig 4 fl. 30 kr, innerhalb aller übrigen Thurn- und Taris'ichcn Postbezirke 3 fL - p

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Belgien rind der Katholicismus.

y Bad Soden, 30. Juli. Es ist eine kluge Tak­tik von Seiten der katholischen Ultra's bei dem Umsich­greifen des revolutionären Stürmes auf die katholischen Länder hinzuweisen und zu zeigen, wie hier durch das Gewicht der kirchlichen Institutionen und den wohlthä­tigen (?) Einfluß des Clerus der mächtige Strom des Umsturzes gehemmt und zur kräftigen Förderung der wahren Geistesfreiheit benutzt worden sei. Die Sache hat jedoch nicht viel für sich und ist bloss Phrasen- macherei; denn zählt man die von ter Revolution bis jetzt unberührt gebliebenen Länder, so wird sich das Resultat gewiß nicht zu Gunsten des Katholicismus entscheiden man sehe auf Frankreich, Ungarn, Ita­lien; ja es könnte sogar der Muhamedanismus und das ketzerische Griechenthum mit der Katholicität in die Schranken treten, wollte man die Religion zur Basis der Vergleichung nehmen. Indessen hat die Bewegung in ihrem Ursprung gar nichts mit der Religion zu thun ; diese ist erst bei den Wahlen hineingemischt wor­den ; sie hat aufgehört, im Gegensatz zum Mittelalter, das bestimmende Prinzip zu sein und viel wichtigere sind an die Stelle ter exclusiven Seligmacherei getreten. Wo Länder, die dem Namen nach katholisch sind, maß­gebend in der Politik erscheinen, da warfen sie sicherlich die Schranken einer beengenden Religion ab. Oder ist das protestantische England dadurch mächtig, daß es Millionen von Bibeln in allen Sprachen, auf den Strand der Südsie-Jussln wirft, um die Religion zu verbreiten? Oder dadurch, daß es die wichtigsten Punkte besetzt, Kanonen auspflanzt und Handelsverbindungen anknüpft? Aber man wendet mir Belgien ein! Aller­dings schien dieses Land eine Ausnahme zu machen, und unsere Leser erinnern sich vielleicht noch, wie in diesen Blättern die Besprechung des Programms des Nassauischen Zuschauers, wo dasselbe den schönen poli­tischen Aufschwung in Frankreich, Italien und Belgien, trotz des Katholicismus, behauptet, in Bezug auf's letztgenannte das Zugeständniß gemacht wu de, daß hier neben den freisinnigen Institutionen der Clerus eine bedeutende Rolle spiele, die sich aber in ter Nähe Frankreichs bald verlieren würde, da schon ein meik- licher Anfang des Verschwindens gemacht sei. Dafür bringen wir hier einen Beweis, den die Lenker des Nass. Zuschauers um so eher anerkennen werden, als er nicht von einem Correspondenten ter freien Ztg. ausgeht und noch obendrein französische Sympa­thien zu seinen Gunsten sprechen läßt. Denn das wird das französische Individuum der Hadamarer- Redaction wohl zugestehen müssen, daß das Hauptorgan einer Regierung, die an der Spitze der gewaltigsten Nation

der Jetztzeit steht, schon um äußerer Gründe willen Beachtung verdient, selbst wenn nicht, was hier aber der Fall ist, einer der gelehrtesten Mitarbeiter seine Meinung ausspräche. Autoritäten gelten noch immer etwas. Wir bitten nun die verehrten Mitarbeiter und Freunde des Nass. Zuschauers, die ja doch alle heim­licher Weise dieFreie Zeitung" lesen, um geneigte Aufmerksamkeit und fangen an den Artikel des franzö­sischen Journals in deutschem Gewände vorzuführen.

In einem Briefe über Belgien, den die letzte Nr. der revue des deux inondes publizirt hat, setzt der Verfasser, welcher sein Land glücklich preißt, den Be­wegungen des Continents entgangen zu sein, den Kampf der Parteien seit der Errichtung des Königthums aus­einander und resumirt in folgenden Ausdrücken den Bestand von den letzten Wahlen: Die Nation war in die Lage gekommen sich über die katholischen Präten­tionen auszusprechen. Dies ist in der That der Sinn des geizigen und politischen Strebens, welches sich bei den Belgiern geregt hat, seitdem sie zur Erkenntniß gekommen sind nach den Wirren, welcher aus dem Bruch mit Holland und dem Mangel an Gleichartigkeit unter teil Siegern hervorging. Die belgische Na­tion hat sich gänzlich, und dieses Mal für immer, von der Clerical-Partei losgemacht. Die belgischen Liberalen preisen sich glücklich deßwegen und wir sie auch; aber wir ziehen aus tiefem Ercig- eine andere Belehrung, als der Correspondent der Revue. Nach seiner Meinung ist dies der Beweis, daß Belgien es seinen Institutionen verdankt, dem Gegenstoß der Februar - Revolution entgangen zu sein; für uns aber ist es der Beweis, daß selbst ein Volk, welches wegen seiner in­nigen Anhänglichkeit an den Katholicis­mus zurückgeblieben ist, dem Andrang-des modernen Geistes nicht widerstehen kann."

Den. Fortschritt ter Civilisation in einem Lande 1 würde man sehr unrichtig beurtheilen nach den Insti­tutionen, die cs regicren. In dieser Beziehung würde England als sehr vorangeschrittcn erscheinen und cs ist nichts weniger, als das; Wien, vor dem Monat März, hätte man für sehr im Rückstand gehalten und dennoch war cs ganz bereit der ersten Aufforderung zu entsprechen. Ein solcher Fortschritt wird beui theilt nach dem stufenmäßigen Sichlossagcn von den Meinungen und Sitten ter Vergangenheit. Indem Belgien mit der clerialen Partei brach, hat cs mehr für die Revo­lution gethan, als durch dieses oder jenes seiner Ge- setze, auf die es stolz ist; aber zu, glauben, man könne dies Pfand geben und doch den Conscquenzen entgehen, das heißt man, sich in einer Täuschung wiegen, welche

allen neubekehrten Völkern, indem sie diese Stufe durch­schritten, eigen war; das heißt man, sich ein bil­den, die Meinungen unt Sitten der Ver­gangenheit aufheben zu können, ohneEtwas an deren Stelle zu sehen. Was der revolutio­näre Geist in seinem progressioen Jnstmct von Grund aus verlangt, ist, daß diese Lücke ausgefüllt werde, und sobald sie es nicht ist, bleibt die Gesellschaft im­merfort Erplosionen ausgesetzt. Dahin ist für die Zu­kunft das politische Problem in seiner ganzen Wirklich­keit für Frankreich gestellt; zu diesem Zwecke sind wir so gründlich und so ernsthaft aus unserer Ruhe gestört worben. Belgien hat das Vorspiel dazu beendigt, das so leicht war nach der philosophischen Bemühung des 18. Jahrhunderts und unterer ersten Revolution; deß­wegen ist sein Sieg so einfach und friedlich.

Nach der Vertreibung der Holländer, zu welcher der Clerus aus allen seinen Kräften beitrug, unterstützt er in der Constitution Alles das, was die Centralge- walt schwächte, und die Local-Gewalt erhöhte. Er glaubte bas Volk unbedingt leiten zu können und wollte deswegen, daß dem Volke ein reichlicher Theil von der Autorität überwiesen würde. Anfangs gelang ihm alles; er beherrfchte die Wahlen und ließ auf seine Anhänger die Regierung des Laubes übergehen; er beherrschte die Erziehung und schuf sich eine Generation, welche das geistliche Uebergewicht unterstützte und vergrößerte. So sah mau in Folge einer Revolution, die man für de­mokratisch hielt, sich ein katholisches Otaheiti bilden, von wo diese Partei alle mißliebige Doktrinen zu ver­drängen hoffte. Wer würde den Erfolg eines solchen Unternehmens nicht vorausgesagt haben? Ein König der die Revolution nicht liebte, und dessen Widerstand überbieß durch seine Eigenschaft als Protestant zu Nichte gemacht worden wäre; eine Bevölkerung, welche aus Ueberzeugung religiös, in der Hand seines Clerus zu sein schien, wohin konnte man mit solchen Elementen nicht gelangen? Eine gesunde politische Theorie würde gesagt haben, daß man nicht weit kommen würde; aber in Ermangelung einer Theorie, hat es die Erfahrung 1° eben gezeigt: das ganze Gerüst, dem Anscheine Naü, so mächttg, ist zusammengeftürzt und ein Volk, das für so devot erschienen war, hat die geistliche Autorität ab­geworfen. Das will besagen, daß Nichts heut zu Tage in Europa ein Volk vor bem Einfluß des modernen Geistes bewahren kann (Verkommenheit würden die Heuler sagen). Belgien, der Sonderbund, Alles was am meisten in die Doktrinen der Vergangenheit verstrickt zu sein schien, reget sich plötzlich und läuft hastig in bic Spur der Völker, welche ihm hier vorausgegangen sind. Das ist die Geschichte ganz Europa's. " Man

Ursprung des Wortespfiffig"!

Schwa n f.

Einst ging mit klingendem Geklappe Die umgekehrte Schellenkappe, Der Kirchenhanswurst und Andachtstörer, Der Rüthmacher der armen Gvttesverehrer, Der Glanjentwickler der Pharisäer und Reichen, Die prahlend blanke Münze zeigen, Der Schlummerwecker und Tugendzwiiiger, Der Bettelvügt mit dem längsten Finger, Die Reminiscenz an englische Reiter, An Seiltänzer, Gauckler u. s. w., Die im Bettelton' nach der Vorstellung Mitte Den Teller umgeben mit ertraer Bitte- Der Klingelbeutel herum im Kreise ünd schellte vor Jedem nach üblicher Weise.

Da fiel, das Sammlen war fern' noch vom Ende, Die Schelle herab von dem Instrumente. Sein Träger stutzt, was wird er ergreifen?

Er beginnt statt der Klingel wacker zu pfeifen, Und fürder durchwandernd baS Kirchenschiff Reicht er jedem den Beutel mit grellem Pfiff Drum wer, wie dieser in kritischen Lagen n )e ftn sich weiß vhne Zaudern und Zagen

Der wird seit dem, wie's jeder kennt ~ Posterpfiffig" genannt

Die Kirche, in welcher das Wort entstand, Liegt, so ich nicht irre, im Preußenland

Unb vbschvn hier diePfiffe" am besten gerathen So gedeihen fie wohl auch in andern Staaten.

Dr. Kremer.

Er und seine Sehne.

Von Wilhelm M i't l l e r.

(Fortsetzung.)

Vor dem dritten, entfernteren Fenster tauchten zuweilen Gestalten auf, die mein, von Egyptens Glutsande und Rußlands Schncefelbern, geschwächtes Ange nicht genau erkennen konnte, neugierig drängte ich mich durch die Menge dem Kampfe näher, da krachte es oben von dem Dache des Hauses, ich blickte auf und konnte nur noch den Schatten des Schützen verschwinden sehen. Lautlos sank der An-, sichrer des Regiments von der Kugel getroffen auf die blutbefleckte Erde. Die Blicke der Soldaten sprühten Ver­derben, aus ihren harten, verfinsterten Zügen floh die letzte Spur des Erbarmens; eine Generalsalve ertönte die Fensterscheiben klirrten, schrillten in Wehlanten wie lebende Wesen. Ein Windstoß vertrieb schnell die Rauchwolke, welche den gräßlichen Mord der llnselmlti- gen verhüllen wollte, meine Augen starrten nach den Fen­stern. Da stand noch das liebliche Franciibilo, ihr schönes

Gesicht umschattete ein tiefer Schmerz, aber nur einen Augenblick, dann kehrte die freundliche Milde zurück, sie schloss das Auge wie zu einem ruhigen Schlummer 'und sank nieder, hinter ter verbergenden Mauer. Aus der Brust des Jünglings quoll ein heißer Blutstrom auf Mörder hinab; er selbst aber lachte so laut und grell, als fühle er nicht, wie aus seiner offenen Herzwunde das Leben in das dunkele Jenseit eile. Dieses Verhöh­nen der eigenen Schmerzen war der gräßlichste Laut/rcn ich jemals der Menschenbrust entsteigen hörte, und wahr­lich, mein Ohr hatte manches Gräßliche vernommen. Das Lachen des Sterbenden schien nicht enden zu wol­len und vor seinem Blutstrvme traten die Unmenschen, welche ihn gemordet, scheu zurück. Nun Mf seine Hände das Eisengittcr, als wolle er es verderbend am die Umstehenden schleudern ; so blieb er regungslos stehen, die zornigftnstern Blicke auf seine Mörder bannend; aus seiner offenen Brust, in der kein Herz mehr sciflug, sie len nur noch langsam dunkle Bluttropfen auf die rotten und die Lebenden nieder, und als die Leichenfarbe sein Antlitz überzog, bekamen seine Züge eine grasse Achii- lichkeit mit jenem Wesen, das einst die Seele Frankreichs war. So stand er einst, dasselbe Auge, dieselben zusam- mengezvgeiitn Braunen, dieselbe gelbe, krankhafte Gesichts­farbe an der Spitze seiner Helden. Der Tod äffte die Lebenden mit dem Spnckbilkc des fernen Todten. Das Schreckliche, das so eben geschehen, schuf einen unwill­kürlichen Waffenstillstand; der furchtbare Todte, dessen