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Freiheit und Recht !"

^ g ^0 WLesba-e»t. Mittwoch, 26. Juli L8LR.

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Die ^rctc Zeituna" erscheint täglich in einem Bogen. Bestellungen darauf beliebe man zu machen in Wiesbaden in den Buchhandlungen von H. Fischer und H. W. Ritter; auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern. - Der Abonnements-Preis vom 1. Juli an beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fl. 45 kr., halbjährig 3 fl. 30 kr.; auswärts durch die Post beroaen innerhalb des ganzen Herzogthums Nassau, des Großherzogthums Hessen, der freien Stadt Frankfurt, der Landgrafschaft Hessen-Homburg, sowie der Kurhessischen Provinz Hanau halbjährig 4 fl 30 tr, innerhalb aller übrigen Thurn- und Taris'schen Postbezirke 5 fl. -

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Kammerbetrachtungerr.

I.

A L.-Schwalbach im Juli. Wenn man die scharfsinnigen Argumente, die der Abgeordnete Leis­ler gegen das Special-Votum Wenkenbachs 1. in der Sitzung unserer Stände vom 18. Juli vorbringt, auf­merksam durchliest, so weiß man nicht, ob man darüber lachen oder erstaunen soll, daß Herr Wenkenbach sich durch dieselben nicht hat überzeugen lassen. Es ist wirk­lich zum Verwundern, daß das Auditorium auf den Gallerien zu den logischen Schlüssen, durch die Herr Leisler so schlagend dargethan hat, daß Wenkenbachs Special-Votum Unsinn sei, nicht applaudirt hat, und dies beweist, daß dasselbe die Tiefe und Folgenchtigkeit derselben wohl nicht recht erfaßt hat. Jnd.ssen ließe sich für die Zukunft wohl etwas für die bessere logische Bildung der Gallerien thun, wenn Hr. Leisler sich dazu verstehen wollte, ein Privatissimum über Logik zu lesen, damit die Gallerien seine Argumentationen auch gehörig würdigen lernten.

Wie aber nur der Abg. Wenkenbach nicht begreifen kann, daß das am 4. März errungene Versammlungs- recht die speziellen Verfügungen im Betieff einzelner Ko, Porationen und Stände nicht aufheben konnte! Meint er etwa, es gäbe nach dem 4. März keine Kor­porationen und Stände mit besondern Rechten mehr, die wesentlich von den Volksrechten verschie­den sind? Wie kann er nur glauben, daß durch die Errungenschaften des 4. März der Korpsgeist der be­sondern Stände vernichtet worden sein sollte? Wie nothwendig es ist, daß die Grundrechte der Frei­heit auf das Militär nicht ausgedehnt und unter dem­selben ein strenger Cmps- Geist und eine eiserne Dis­ciplin erhalten werde, geht ja schon, wie Hr. L. scharf­sinnig b> merkt, daraus hervor, daß ja sonst auch die im Kriminalgericht verhafteten Verbrechrr das Versamm- lungs-echt beanspruchen könnten.

Sehen Sie denn, Hr. Wenkenbach, den schlagenden Beweis in diesem Beispiel nicht ein, das von Seiten des O ficiercoips eine Dankadresse wohl verdienen dürfte? Und wenn nun gar alle Justizbeamten Nassau's eine Versammlung in Paris halten wollt.», was würde ans unserer Gerechtigkeiispflege werden, die Hr. L. sich stets so sehr hat angelegen sein lassen? Da müßten ja and) die Advokaten Ferien halten! Sie, Herr Wenkenbach, mit Ihrem gefunten, volksfreundiichc» Verstand, glau-' ben freilich, es gäbe jetzt keine bevorrechteten Stände und Korporationen mehr, und sie müßten alle im Volke aiifgehen: aber Hr. L. beweist es Ihnen ja klar und deutlich, daß sie ausserhalb des Volkes und über dem­selben stehen und daher die Errungenschaften desselben

auf sie durchaus keine Anwendung finden können. Viele Leute von sogenanntem gesunden Menschen­verstand sind zwar der Ansicht, daß das Beispiel von den in Paris sich versammelnden Justizbeamten ein sehr schlechtes sei, da Beamtete von ihren Vorgesetzten na­türlich beurlaubt sein müssen, wenn sie etwas unterneh­men wollen, wodurch ihre Dienstverrichtungen eine Stö­rung erleiden; daß sie sich aber ungestört an jedem be­liebigen Ort versammeln dürften, wenn sie es un. beschadet ihrer Dienstpflicht thun können. Ferner wundern diese Leute vongesundem Menschen­verstand" sich darüber, daß Hr. Leisler die Versamm­lung grade in Paris und nicht in Neapel, Petersburg, Tobolsk 2c. abhalten lassen will!

Allein diese Leute urtheilen nur ihrem beschränkten gesunden Verstand" nach, und begreifen nicht eie Vcr- standestikfe, die in diesem Beispiel verborgen ist. Was den genannten Ort anbctrifft, so hat Hr. L. vielleicht nur diesen genannt, aus Furcht, die dort versammelten Juristen könnten unter Cavakgnac etwa Privatstudieu machen. In Bezug auf ihr Versammlungsrecht über­haupt muß es aber Hr. L., der, nebenbei gesagt, in der letzten Zeit sich viel mit dem Studium der Mechanik und Maschinenbaukunst befaßt haben soll, wohl am besten wissen, daß ein Beamteter nichts ohne Billigung seiner Vorgesetzten unternehmen darf, selbst wenn seine Dieustgeschafte dadurch nicht beeinträchtigt werden. Schien Ihnen, Hr. Wenkenbach, die Argumentation des Abg. L. geschmacklos, so hatten Sie allerdings Recht, seinen Kelch an Ihnen vorübergehen zu lassen. Allein Sic werden doch auch wohl zugeben müssen, daß Ihr nur gesunder Menschenverstand sich seinem Ho­hen Geiste unterwerfen muß; um so mehr, da Sie nur ein einfacher Abgeordneter sind, er aber, als Nepubli- kauerdes Vorparlaments (sic!), wohl nicht ohne trif- tiae Beweggründe seine frühere Ueberzeugung ver­bessert hat.

D e rr t f ch l a « d.

Wiesbaden, 23 Juli. Die Partei des s. g. ge­setzmäßigen Fortschritts in und außer der Kammer be­hauptete hier wie überall stets, sie gebrauche in dein Parteikampfe die anständigsten Waffen, sie führe den­selben überhaupt ruhiger und würdiger, indem sie von Persönlichkeiten abstrahire und sich rein an die Sache halte. Inwiefern dies in der jüngsten Zeit geschehen ist, kann Jeder leicht beurtheilen, der die Verhandlungen liest. Die «ache ist fast gänzlich aus den Augen ge­lassen worden und hauptsächlich von solchen, von denen inan eS am wenigsten erwarten sollte. Auch die Nass.

Allg. Zeitung nimmt das Lob des richtigen Taktes in hohem Grade für sich in Anspruch und behandelt an­dere Blätter ob der von diesen gebrauchten Waffen mit großer Geringschätzigkeit. Betrachten wir aber ein­mal ihr Auftreten gegen die Linke unserer Kammer.

Die zwei Hauptparteien in der Kammer sind in dem obersten Grundsatz und über die Stellung der Versammlung grundverschiedener Ansicht. Die Rechte geht davon aus, die Kammer sei auf verfassungs­mäßigem Wege zusammen gekommen, stehe auf dem Boden der bisher bestandenen Verfassung und der bis­herigen Gesetzgebung; Veränderungen davon könnten also nur aus dem bisherigen s. g. verfassungsmäßigen Wege vorgenommen werden. Die dermalige Kammer sei daher blos Me Fortsetzung der bisherigen Landes- repräscntation, nur in etwas anderer Zusammensetzung und habe deshalb auch keine weiteren Rechte als diese hatte.

Die Lüke, welche, wie ich hier schon bemerken will, nach der Nass. Allg. aus nur 5 Mitgliedern bestehen, soll, während sie doch 1012 zählt, davon ausgehend, daß eine Revolution stattgefunden und das Prinzip der Vvlkssouveräm'tät aufgestellt hat, und daß daher alle nicht vom Volke ausgegangenen staatsrechtlichen Insti­tutionen dem gesammten Volke oder seinen Repräsentanten, nicht aber dem Einzelnen gegenüber unverbindlich sind, betrachtet den bisherigen Zustand als einen rein provisorischen und die Ver­sammlung als dazu berufen, die durch die Revolution aufgestellten Grundsätze zur Ausführung zu bringen und daher in dem ihr angewiesenen engeren Kreise als constituirende, die also bei ihrer Thätigkeit nur an die von ihr selbst ausgegangenen oder gutgeheißenen Nor­men gebunden ist, nicht aber an die Gesetzgebung, welche uns zur Revolution genöthigt hat.

Obgleich ich nun glaube, daß die letztere Ansicht die allein richtige ist und daß nur aus diese Weise den Forderungen der Zeit und des Volkes Genüge geleistet werden könne, gebe ich doch gerne zu, daß Jemand anderer Ansicht sein, und also ein Streit über die an« geführten obersten Grundsätze stattfinden kann. Ein solcher Streit kann aber natürlich nicht dadurch erledigt werden, daß jede Partei sagt: ich allein habe Recht und von ihrem Standpunkte aus die Ansichten und Handlungen der anderen Partei beurtheilt und nun natürlich, namentlich bei kleinen Commissionen einiger Verdrehungen der Thatsachen zu den lächerlichsten Re­sultaten kommt, sondern nur durch direkte Widerlegung des Prinzips, namentlich durch die Nachweise, daß das Prinzip in seiner Consequenz zu einem Unsinn führe. Sie muß sich auf die Grundsätze, von denen die an-

Die fliehende Insel.

Eine S e e in a u n s s a g e von H. Smidt.

DaS Schiff steuerte auf der glatten Fläche des Oceans unter den südlichen Breiten. Fern von jeder Küste, und ganz außer altem Steuerkurse liegend, irrte es in der unendlichen Wüste umher. Die Mannschaft ging ernst und verschlossen neben einander auf und ab, dem Augen­blicke mit Entsetzen entgegensetzend, da ihnen das Ende der Vorräthe angcküudigt würde.

Die Sonne fiel in glühenden Strahlen lothrccht auf das Verdeck herab, und kochte den Harz und das Pech aus den klaffenden Fugen der an einander gefügten Bret­ter. Die Farbe, welche die Scitenwäude, die Masten und die Galerien zierte, bröckelte ab, und die Hitze spal­tete tic Rundhölzer. Das Verderben drohte immer ge­waltiger, immer unvermeidlicher.

Ein leichter Wind schwellte kaum die leichten Ober- Egel, und das Schiff brach sich nur zögernd Bahn durch cie mustallhelle Fluch. Man hörte vor dem Buge nicht /'' ^"'^' Nansweu, wenn die Wellen auseinander bre- unn, die lieblichste Musik für das Ohr des Seemanns; apig tunen einige Schaum blasen zu beiden Seiten vor­über , und ehe sie an der Hacke des Steuerruders zu- jammcn trafen, waren sie schon zerplatzt.

Auf dem Steuerbord deS Quarterdecks lag auf einem Ruhebette die Gestalt eines jungen Mannes in halbauf­gerichteter Stellung, und blickte forschend in die Ferne. Es war der Capitain, der von einer langen Krankheit wieder genesen, neuen LebenSmuth unter dieser tropischen Sonne schöpfte. Aber mit der wiedcrkehrenden Kraft, erwachte auch in ihm die Erinuerutig an die große Ge­fahr, worin er mit seinem Schiffe schwebte, und ein tie­fer Seufzer entrang sich seiner Brüst.

Der Wind hat uns verlassen für lange Zeit, ich fürchte für immer!" sprach der Steuermann, der neben dem Lager deS Capitaius stand. ES war ein sturmkal- ter Seemann, mit einer burchwetterten Physiognomie und grauem Scheitel, der die größte Zeit feines Lebens in diesen tropischen Breiten hingebracht hatte.

Dann lebe ich der Hoffnung," entgegnete mit schwa­cher Stimme der Capitain,daß irgend ein sonst unheil­volles Ereignis; rettend über uns^hercinbricht, und uns in den Abgrund zieht, ehe die Plage der HungerSnoth, oder die noch tausendmal schlimmere des Verdurstens uns heimsucht."

Das möge geschehen, nach der Einsicht und dem- Willen dessen, der von allen lebenden Wesen verehrt wird, den aber der Seemann am meisten in seiner furcht­baren Größe und Herrlichkeit sieht und erkennt!" ent­gegnete friedlich der Steuermann.Der Ocean ist reich an Wundern, und birgt in seinem Wellengrabe gar viele geheime Zauber. Bis wir aber dahin gelangen, will es

uns geziemen, die irdischen Dinge, die unserer Obhut anvertraut sind, mit all der Kaltblütigkeit und all dem Ernste zu berathen , den die Wichtigkeit derselben erfor­dert. Unser Wasservorrath neigt sich seinem Ende, und wenn wir den Leuten bisher auch die Ration verkürzt haben, so sollte doch eine neue Beschränkung ein tre­ten ..."

Nein!" rief der Capitain in fieberhafter Anstrengung und richtete sich von seinem Lager auf.Nein! Ihr bleibt ein Eisklump selbst unter Indiens Sonne und habt kein Mitleid mit den Verschmachtenden. Hättet Ihr, wie ich, Wochenlang in brennender Fiebcrglnth ge- lcgen, Ihr wüßtet, welche Wonne ein Wassertropfen ge­währt, der unsere brennende Zunge kühlt! Nein! Nein! Die Leute sollen trinken, trinken, bis der letzte Waper- tropfen aus den Fässern verschwindet! Dann wollen wir mit einander sterben!"

Er sank erschöpft auf sein Lager zurück, schloß die Augen und träumte von der jüngsten Vcrgangeuhcit. Er sah sich, den man weit und breit den schönen Robert nannte, unter den hohen Palmen einher wandern, wo­mit die Plantagen Südamerikas geschmückt sind, und ergötzte sich, wenn die Augen der lieblichen Mädci)cn über seine schöne Gestalt hinflogen. Manches Herz brach in Liebe und Verlangen, und flehte zur heiligen Mutter, den Jüngling ihrer Wahl ihr in die Arme zu führen.

(Fortsetzung folgt.)