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Wiesbaden. Dienstag, 23. Juli

Freiheit und Neeht!"

LGâ8.

Die ^reie Zeituna" erscheint täglich in einem Bogen. Bestellungen darauf beliebe man zu machen in Wiesbaden in den Buchhandlungen von H. Fischer und H. W. Ritter; auswärts her den zunächst gelegenen Postämtern. Der Abonnements -Preis vom 1. Juli an beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fl. 43 fr., halbjährig 3 fl. 30 kr.; auswärts durch die Post bezogen innerhalb des ganzen Herzogthums Nassau, des Großherzogthums Hessen, der freien Stadt Frankfurt, der Landgrafschaft Hessen-Homburg, sowie der Kurhessischen Provinz Hanau halbjährig 4 fl. 30 kr, innerhalb aller übrigen Thurn- und Taris'schen Postbezirke 5 fl. -

Inserate werden bereitwillig ausgenommen. Die Jnseratwns-Gebühren betragen für dlë vrerspaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.

Ein Wort über das deutsche Volk und die deutsche Sprache,

als sein wichtigstes Bildungsmittel.

Jean Paul sagt ganz richtig, daß Freiheit öf­terer Verstand, als Verstand Freiheit gibt, und wir hoffen, daß die Bildung des deutschen Volkes unter dem Einflüsse des Frekheitssottnenstrahls raschere Fortschritte macht, als unter dem früheren Drucke. Die Klagen ängstlicher Gemüther, als sei der große Haufe noch lange nicht reif, sind übertrieben; denn er ist auf dem Wege zur Reife, und nur der Ueber« gang ist geräuschvoll, bildet die Flegeljahrenzeit, in welcher das erwachte Bewußtsein der Kraft zu mancher voreiligen Handlung reizt. Nicht der Veistaud hat die Ketten gebrochen, sondern Verzweiflung; das Wort ist frei in Rede und Schrift und hat bereits die Seelen ans dem Schlafe gerüttelt, in welchen sie durch die . Zensur gebracht wurden. Auch der Landmann beküm­mert sich jetzt mehr um den Staat und seine Verfas­sung, wodurch er sich mehr und mehr ans theure Va­terland anschließen wird. Fast in jedem Dörfchen wird eine Zeitung von den Bauern gehalten und mit In­teresse gelesen; am Sonntage hört man sie in ihren Versammlungen die Ereignisse der Zeit besprechen.

Jeder, dem die Bildung Anderer am Herzen liegt, kann sich nur freuen über diese Erscheinungen, hat aber auch die Pflicht, das Seinige redlich beizutragen. Auf dem Lande schaaren sich die Bauern gern um ihren Lehrer; rechtfertigt nun ihr Vertrauen dadurch, daß ihr sie belehit, daß ihr ihnen freisinnige, aber rechtliche Grundsätze beibringt, daß ihr ihnen klaren Wein ein- schenkt!

An. die deutschen Zeitungen richte ich im Namen der Bauern die Bitte, ihre Mitarbeiter zu er­suchen, daß siedeutsch" schreiben. Der Bauer will und muß jetzt Zeitungen lesen, hat aber weder Franzö­sisch noch Lateinisch gelernt und hat auch nicht Zeit, ein Wörterbuch zur Hand zu nehmen, wenn er im Be­sitze eines solchen wäre.

Der ist kein echter Deutscher, der nicht spricht und schreibt, daß ihn jeder Deutsche verstehen kann.

Auch für unsere Herren Beamte ein Wort der Be­herzigung! Es sind jetzt vielleicht nur Wenige im Bauernstand, die nicht lesen können; aber die Schrei­bereien vieler unserer Beamten vermögen die Wenigsten herauszubuchsjabnen, weil die Schrift ost ganz mise­rabel ist, und werden auch die Worte endlich heraus, gekäuet; so ist der Sinn durch die Menge der latei­nischen Brocken dem Bauernschultheisen doch nicht im mindesten klar. Uebelnehmen kann man es nicht, wenn

solche bemalte Blätter mit der Bemerkung zurück­geschickt werden:Eingesehen und nicht verstanden."

Wer also ein Volksmann sein undheißen will, sei forthin deutsch in That und Wort.

Ueber Religionsfreiheit.

Gleiches Recht für Alle.

Bei dem Streben der katholischen Geistlichkeit, die verheißene Religionsfreiheit schon jetzt so recht nach ihrem Sinne zu benutzen und ihren Wünschen anzupassen, muß man auch von anderer Seite die Sache einmal näher ins Auge fassen, und da findet man, daß, wenn nur von oben bei der neuen Gesetzgebung unparteiisch ver­fahren wird, eine vollkommene Religionsfreiheit wirklich gar nicht übel ist.

Es wird Niemand läugnen können, daß bei wahrer Religionsfreiheit die Kirche vom Staat getrennt sein muß daß also auch folgerecht keine Staatskirche, d. h. keine vom Staat mehr als eine andere begünstigte Religionsgesellschast besteht, also auch alle Staatsange­hörige in dieser Beziehung ganz gleiche Berechtigung in allen auf das Staatsleben auch im entferntesten Bezug habenden Vorkommnisse haben.

Aus dem eben Gesagten folgert sich dann weiter: Da der Staat die katholischen und evangelischen Geist­lichen 2c. als Diener der beiden Staatskirchen, und folg­lich als Staatsdiener besoldet hat, so müßte er jetzt zwischen zwei Fällen wählen entweder er müßte alle Geistlichen 20. der bestehenden und sich noch bildenden Religionögesellschaften (und da sie sich ungehemmt bil­den können, werden sich nach und nach gewiß sehr viele bilden) besolden oder er müßte gar keine besolden.

Daß der Staat das Letztere wählen wird, dafür spricht sehr Vieles, denn

1) würde dadurch eine bedeutende Ausgabe gespart, die andernfalls mit jedem Jahre wachsen würde, da jede sich neu bildende religiöse Gemeinde Besoldung für ihren Geistlichan oder Religionslehrer re. verlangen könnte und wenn sie auch aus noch so wenig Mitgliedern be­stände.

2) Versteht es sich doch bei wahrer Religionsfrei­heit von selbst, daß nicht bloß mehrere zusammen (als Religionsgemeinde) einen Glauben haben dürfen, sondern daß auch jede einzelne Person für sich glauben darf, was sie will, wenn ihr Glaube nur nicht gegen die all­gemeinen Sittlichkeitsgesetze anstößt.

Kann man aber eine solche Person zwingen, einer ReligionsgeskUschaft, der sie nicht angehört, ihre Reli- gionslehrer und Priester re. bezahlen zu helfen? Was doch der Fall wäre, wenn diese Letzteren aus

Staatsmitteln, wozu ja Jeder seinen Theil an Steuern bezahlen muß, besoldet würden.

Und könnte man dasselbe einer Religionsgesellschaft zumuthen, die es ihrerseits nicht für nöthig fände, Geist­liche 20. zu haben?

3) Kann auch in dieser Beziehung gar kein Rechts­anspruch an den Staat geschehen, denn sobald ja die Kirchendiener keine Staatsliener mehr sind, ist der Staat ihnen, als solchen nicht mehr verpflichtet.

Wenn die Sache einmal so weit gediehen oder auch noch eher ist es eine unerläßliche Pflicht des Staars, daß er, in Berücksichtigung zukünftiger Ver­hältnisse auch das Kirchenvermögen von der Kirche trennt und den betreffenden politischen Gemein­den übergibt und zwar aus folgenden Gründen:

Das Kirchenvermögen, zum Beispiel das der katho­lischen Kirche, gehört bis jetzt der Gemeinschaft Derje­nigen an, die sich zu dieser Religionsmeinung bekennen, theils in allgemeinerer theils in engerer Beziehung.

Wenn das aber so fortbauern sollte, so wäre es möglich, daß einmal, wenn sich nach und nach der größte Theil der Mitglieder dieser Religionsgefillichaft zu andern gewendet, andere gegründet oder überhaupt getrennt hatten, daß dann einmal das ganze bedeutende Vermögen in einige Hände käme, während alle die an­dern nach und nach Ausgetretenen nichts davon hätten.

Da es nun gewiß Pflicht des Staats ist, dieses Unrecht zu verhüten, so bleibt ihm nur das übrig, daß er das sämmtliche Kirchenvermögen der betreffenden Reiigi onsgesellschaften davon trennt und aufgerechte und billige Weise an die politischen Gemeinden vertheilt, so daß dann jedem, er mag glauben, waS er will, die Vor­theile seines rechtmäßigen Antheils daran nicht entzogen werden können.

Freilich wird die Geistlichkeit, die seither mit diesem Vermögen so ziemlich ungestört machen konnte was sic wollte, ein Zetermordie bat über erheben, aber, so Gott will, wird der Staat sich nicht daran stören und das allgemeine Wohl seiner Bürger höher acht.n als dies.

Noch wird, um auch da den Grundsatz der Reli­gionsfreiheit zu wahren, nichts anders übrig bladen als die sog. Eivilehe einzuführen und den betreffenden Ehepaaren freiznstellen, ihrem Bunde nachher eine kirchliche Weihe geben zu lassen oder nicht. Damit wird dann wohl auch der alte Zank über die gemisch­ten Ehen eia seliges Ende finden.

Man sieht aus all dem, daß, wie gesagt, die Re- ligionssreiheit keine üble Sache ist und ich bitte nur euch, die ihr darin meiner^Ansicht seid, laßt auch den Ultramontanen ein wenig ihren Spaß daran laßt

Tscherkessien.

jAuâ den Gedichten von Theodor Creizenach.)

An des kaukasischen Gebirges Rande, Wo sich die Flur zum Pontus nieder neigt, Wohnt ein Geschlecht, das aus bem Quellenkunde Nur selten in Europa'« Niedrung steigt.

Die Birken rauschen auf dem schroffen Hügel, Das wilde Roß durchrennt den braunen Moor, Der Siler erhebt sich, und es schwingt den Flügel Der Weihe nach dem Hochgebirg empor.

Doch aus Lehmhütten, die er lässig baute

Im Hochgefühl der freien Manneskraft, Tritt gern hervor der schöne, stahlvertraute Tscherkeffe mit gehob'nem Lanzenschaft.

Und Frauen wandeln durch des Abhangs Wiesen, So wild, und doch mit jedem Reiz belehnt; Selbst von Arabiens Dichtern zart gepriesen Und von dem weichen Sultan hoch ersehnt.

Urfreier Stamm, welch' Loos ist dir beschicden? In deinen Wäldern rauscht'S geheimnißvoll, Als frügen sie sich leis, ob Streit, ob Frieden Um diese Welteugränze herrschen soll.

. Wirst du, entfernt von unseren Gezänken, Bewahren deine stolze Einsamkeit? Wirst du mit deinem frischen Leben tränken Die müden Adern einer schlaffen Zeit?

In deine Berge flnb nicht eingedrungen Die bunten Siebensachen unsrer Welt; Die düstern Kämpfe, die wir schwer durchrungen, Sie' fanden nicht den Weg in dein Gezelt.

Nie hat der trübe schleichende Gedanke

Die blühendrothe Wange dir gebleicht; Der Leidenschaften Gluth und das Geschwanke Der irren Meinung hat dich nie erreicht.

Unholde doch mit knechtisch dumpfen Sinne» Sind tückisch eingtbrochen in dein Zelt, Um von des Kaukasus beschneiten Zinnen Den Fluch zu tragen durch die Abendwelt.

Doch lauschet manches edle Herz in Trauer Dem Hilferufe, der vom Pontus winkt, Und fühlt mit Zagen, wie die beste Mauer Der Völkerfreiheit wanket und versinkt.

Louis Touronne.

Novelle aus den Zeiten der ersten französischen Revolution.

Von Hermann Schulze.

(Schluß.)

Ja, ja! Hunderte fielen hier in furchtbarer Son­nenhitze zum Vergnügen eines Einzelnen!"

Aber, mein Gott, woran denkst Du denn schon wieder?" fragte Amelie halb schmollend; halb traurig. Hast Du mich denn nicht mehr lieb?"

Ach, entschuldige, meine gute Amelie! Du fragtest mich etwas ... Ich bin so zerstreut.. - oder, richtiger gesagt, meine Gedanken concentriren sich so auf Eine» Punkt, daß ich nur für dieses Aug' und Ohr bin; ich werde nicht eher ruhen noch rasten," fuhr er mit gedämpfter Stimme fort,als bis die Selavcnkettcn zerbrochen sind!"

WaS sprachst Du denn aber vorhin von Hunderten, die hier gefallen wären?"

Das will ich Dir erklären," antwortete Touronne. Siehst Du hier diese herrlichen Anlagen, diese künst­lichen Wasserleitungen, diese plätschernden Springbrunnen, die einladenden BoSqnctS und schattigen Laubiugäuge und dort oben jene prachtvollen Gebäude? Wohlan, in allen diesen Zauberwerken, bei deren Anblick Dein kindliches Gemüth nur Wonne empfand, erblich meist