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Frm Zeitung.

M 128

Wiesbaden. Freitag, la. Juli

âeitzeit und Recht!"

ISSN.

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Eine Stimme aus Oesterreich.

Es ist gewiß von hohem Interesse, ein österreichi­sches Urtheil über die Beschlüsse der Nationalversamm­lung hinsichtlich der provisorischen deutschen Centralge­walt zu vernehmen. Die Allgemeine Oesterreichische Zei­tung, unstreitig das beste Wiener Blatt, was die Durchführung der demokratischen Grundsätze in der Monarchie und den innigsten Anschluß Oesterreichs an Deutschland vertritt, sagt darüber in einemdie Mo­narchisten und Demokraten zu Frankfurt am Main", betitelten Artikel, Folgendes:

Die monarchische Partei in Deutschland hat ihren Feldzug vollbracht, die Revolution vom März wäre von ihr nun so weit unter Dach gebracht. Sie griff weit aus, da sie im Dahlmann'schen Entwurf, von welchem nicht bekannt ist, inwieweit auch noch ein An­derer der Siebenzehn sich zu seiner Vaterschaft bekennt, das alte Kaisertum wieder erwecken wollte. Damals wehte poch in Deutjchland eine frische Seeluft und am dänischen Gestade leckten die Wogen das bleiche Papier deS VerfassungSentwurfes wieder weiß. Aus dem Gewogt der Parteien, nachdem die Mainzerfrage mit der Lupe beschaut, und die Genehmigung des seitdem noch nicht zu Stande gebrachten dänischen Friedens abge- lehnt worden war, erhoben sich die bekannten vier, le­benskräftig nur drei Programme. Seitdem scheint die monarchische Partei eine vielverzweigte Wirksamkeit ent­wickelt zu haben, bis es endlich dem edlen Heinrich v. Gagern gelang, durch eine kühne Schwenkung die bei- den äußersten Flügel sich einander nahe zu' bringen. Auf einer parlamentarischen Transaction, aus einer heißblütigen Ueberraschung beruht nun die Einheit und künftige Größe Deutschlands. Zwar suchten die lebendigeren Parteien sich alsbald aus dem Gefüge wieder zu lösen, aber rs gelang nicht mehr, Glockengeläute, Herolderuf von Gagkl'nS Lippen, der Donner des Geschützes verkündeten dem erstaunten Eu­ropa, daß Deutschland, dessen parlamentarischem Brauen es mit Neugierde zugrsehcn, mit gewohnter Gründlich­keit in einigen Monaten seine glorreiche Revolution wieder zu Grabe getragen habe.

Nachdem das deutsche Volk nun darüber beruhigt ist, daß es mit den republikanischen Bürgermeistern noch ein neun und dreißigstes Oberhaupt hat, wird daS Werk, seine Grundrechte zu formuliren, voi genommen werden. Auch eine Verfassung soll ihm zu Theil werden. Nun will man freigebig und gütig werden, die neue deutsche Freiheit ist ja jetzt soeben erfunden worden.

Schade nur, daß daS deutsche Volk und die mo­narchische Partei in Frankfurt nicht eben Eins sind. Es geht die Sage, daß die Mehrzahl desselben hinter der Schlachtlinie der Linken stehe. Nun, an ein Ende mußte die Frankfurter Versammlung einmal doch kom­men, und dieß ist ihr. im vollen Sinne des Wortes siegreich gelungen, zu bedauern ist es nur, daß ein großherziger Fürst die Frucht und daS Ansehen eines fast abgeschlossenen Lebens, der monarchischen Partei zum Goldflitter ihres neuen Krippenspieles leihen mußte.

Freilich vereinigte sich in ihm Bürgertugend, ge­boten dem Demokraten, und fürstliche Geburt, Mark und Balsam für die übrigen gekrönten und gesalbten Häupter. Sollte denn aber nicht der monarchischen Partei ein- leuchten, daß ein System, das nur mit Einer Persön­lichkeit möglich ist, eine politische Knabenthorheit ist. Denn entweder schuf sie ein Provisorium, dann be­nahm sie sich zu feie, lich-schwerfällig, oder sie rechnet, das Portal zur ernsten, festgestellten Zukunft Deutsch­lands gewölbt zu haben, und dann ist es sicher unhalt­bar, weil in längster Frist an den LebenSodem eines schwergeprüften greisen Mannes geknüpft. Das ist ge­schehen in dem Lande, wo Kant dachte und Herder schrieb ; freilich mußten die Oesterreicher hinauskommen, um die Politik zu gründen, und Deutschland die in Wien erfundene Theoriedes Aufgehens" beizubringen.

Selbstsüchtig ist die zarte Partei der neuen Metter- nichianer nicht. Oder glaubt sie, daß die Unverant­wortlichkeit des» ReichSverwesers, der nicht Kaiser ist,

ihn vor Abnützung bewahren wird. O! gewiß nichts aber für den Augenblick bedurfte es eines solchen Man­nes, und sie nahm keinen Anstand, ihn zu benützen, da sie ihn fand. Ihr ist Alles, auch fürstlich Geblüt, ein erwünschtes Mittel zum Zweck. Denn die Unver­antwortlichkeit eines Bürgerlichen wäre doch so kein rechter Damm gegen die Republikaner und Demokraten gewesen, und um mehr als um Dämme sorgt sich die Politik der neuen Monarchisten nicht. Das Princip der Volkssouveränität ist verletzt, die Demokratie beschränkt, und die Präsidentschaft, das republikanische Element nur durch eine versöhnende Hülle für die Fürsten gemildert. Die Thatsache und daS Prinzip fallen nicht in einem Schwerpunkte zusammen. Der Prä­sident heißt Reichsverweser und ist ein Fürst von Ge- bult. Verantwortlichkeit und demokratische Grundlage sind beseitigt, aber nicht principiell überwunden. Und doch reibt sich die Rechte fröhlich die Hände, während die Linke zum Volke spricht, das ihren Worten horcht.

Die Demokraten haben nun wenig mehr zu erwar­ten ; nachdem unter veränderter Gestalt das erste Haupt­stück von Dahlmann's Entwurf in die Scene gesetzt ist, wird der fernere großartige Plan der beiden Reichs­kammern auch beliebt werden, und daS deutsche Volk wieder, ein zweiter Atlas, ein Oberhaus von königlichen und fürstlichen Pair's zu tragen haben, das zwischen ihm und dem Himmel der Freiherr sein Kalmukenlager ausschlagen wird. Die Demokraten mögen nun zusehen, wie sie sich mit den Ministern, welche die Männer des Dankes sein werden, vergleichen, wir fürchten, die Ein­heit und Ruhe Deutschlands ist durch diese altweibisch­basenartige Politik mehr als je aufS Spiel gesetzt werden.

Nur ein Mittel gäbe cs für die Monarchisten, ihr Werk so recht fest zu rammen; Krieg mit Rußland oder Entfaltung außerordentlicher Thätigkeit nach Außen. Dann könnte es auch noch gelingen, das Amt des ReichSverwesers zu verherrlichen, und vielleicht auch noch die VolkSsouveränitat durch die Erblichkeit der hohen Würde in eine holländische Prunkstube zu verwandeln. Wir wollen sehen, wie sie ihr Werk entfalten und es zur vollen Blüthe bringen werden.

Die Chartisten Englands.

von Georg Julian Harney

(Fortsetzung aus Nro. 121.)

Die Mittelklasse sehnte sich nach Reformen. Es war, als ob ihr gleichzeitig einfiele, daß der Bewegung der alten Radikalen doch etwas Wahres zum Grunde liege und wenn sie sich bisher gefürchtet hatte, Hand in Hand mit den revolutionären Massen zu gehen, so suchte sie sich jetzt an die Spitze derselben zu stellen. Vergebens bemühte sich Hr. Hunt, seine Gewalt auf die Menge geltend zu machen; ein neues Geschlecht war inzwischen emporgewachsen und er hatte nicht mehr je­nen Einfluß auf die Söhne, den er einst auf die Väter gehabt hatte. Mogte er noch so energisch den Ruf für allgemeine Wahl erheben die ganzeliberale" Presse heulte ihn zu Boden und irregeleitet von einer Menge glattzüngigerRedner", die plötzlich auf, der politischen Bühne erschienen, stimmte bald der ganze große Hau­fen der Arbeiter den Schrei für die Ruffell'sche Reform- Bill an,für die Bill, die ganze B'.U und für nichts als die Bill."

Man bekam diese nur die Mittelklasse begünstigende Bill. In der That aber auch nichts weiteres an Re­formen. Wohl aber manches an Grausamkeit und Ty­rannei. Sobald sie zur Herrschaft gekommen war, än­derte die Mittelklasse ihren Ton, ihr ganzes Benehmen. Unwillig stieß sie die Leiter zurück, auf der sie empor- gestiegen war, indem daS erste unter der Reform-Bill gewählte Parlament Zwangsmaßregeln gegen Irland und Strafgesetze für die Armuth englischer Arbeiter pas- siren ließ. Außerdem denunzirte man die politischen Verbindungen der Proletarier und wandte AUeö an um die sogenannten Trades-UnionS, die Vereine der ver- I schikdenen Gewerke zu unterdrücken. Nathlos stand das

Volk da. Burdett war zu den Tory's übergegangen, Cobett starb und auch Hunt ging endlich den Weg alles Irdischen.

Eine starke Agitation gegen das neue Armengesetz, in der sich namentlich Richard Oastler, der Vertheidiger der Fabrikkinder, auszeichnete, veranlaßte zunächst ein abermaliges Erheben der Massen. An ihrer Spitze se­hen wir jetzt zuerst den Irländer Feargus O'Connor. In der Grafschaft Cork hatte man ihn für dasRe­form" - Parlament gewählt; da er indeß nicht die nö­thige Summe des Einkommens hatte, so mußte er auf seinen Sitz verzichten und warf sich nun in die Bewe­gung der Arbeiter, indem er nicht nur gegen das neue Armengesetz agitirte, sondern auch als Nachfolger Hunt'S für die Sache der radikalen Reform auftrat.

Die große Energie, welche er bei der Vertheidigung der wegen politischer Umtriebe angeklagten Dorchester- Arbeitcr und der Glasgow-Laumwollspinner entwickelte, machte thu bei der arbeitenden Klasse schnell bekannt und verschaffte ihm viele Anhänger. Sein Einfluß er­langte indeß erst ein entschiedenes Gewicht, als er im November 1837 denNorthern Star" gründete, jenes Journal, welches nun schon seit mehr als zehn Jahren die Demokratie und die sozialen und politischen Rechte des Volkes vertheidigt hat. DerNorthern Star" er­schien zuerst in Leeds, dem Hauptorte der Grafschaft Iorkshire. Im November 1844 verlegte man daS Blatt nach London. Freunde und Feinde erkennen es als das Organ der Chartistenbewegung an; sein Ein­fluss auf die arbeitende Klasse ist enorm.

Die Partei der Chartisten, welche Hinfort eine so bedeutende Rolle in der englischen Geschichte spielt, er­hielt ihren Namen von derCharter", von jenem Do- kument, welches im Mai 1838 von einem Comite von sechs Männern der Arbeiter-Association und von eben so viel Parlamentsmitgliedern entworfen wurde.

Unter letzter» war auch Daniel O'Connell, jener unsterblicheHumbug", jener größeste aller politischen Schwindler. Dieser Aufschneider unterschrieb die Charte mit dem Bemei ken, daß sich Jeder dafür erklären werde. Schurken ausgenommen, die dabei interessirt wären ein schlechtes StaatSsystem aufrecht zu erhalten und Narren, auf die weder Thatsachen noch Argumente Eindruck machen könnten. Wenige Monate nachher denunzirte indeß dieser Schuft die Chartisten und bot den Whigs fünfmalhundertausend Tiperary Jungens" an, um da­mit der chartistischen Bewegung ein Ende zu machen.

BiS zu seinem letzten Lebenslage verläumdete der unselige Mann die Chartisten in der niederträchtigsten Weise und rühmte sich sogar noch bei Gelegenheit der durch das Ministerium Peel gegen ihn erhobenen Un­tersuchung, mit der Heldenthat, sein meistes und bestes gethan zu haben, um die Unternehmungen der Char­tisten zu vereiteln. Er gab dies als Beweis seiner Loyalität gegenüber dem britischen Gouvernement an! War er nicht ein unvergleichlicher Schuft? Und den­noch verehrten ihn zehn Tausende von Narren in seinem eigenen Lande. Befriedigend ist es indeß, wenn man bedenkt, daß er seine Popularität überlebte. Seiner be­trogenen Schafe waren freilich zuletzt noch viele; gering war aber ihre Zahl in Vergleich mit der ersten Masse seiner Partei. Der alte Heuchler starb gerade zu rech, ter Zeit; hätte er ein wenig damit gewartet, so würde er rs selbst noch mit erlebt haben, wie feine Macht ge­brochen, seine Partei auseinander gejagt und seine Po­pularität so bald erloschen war.

Die Charte vereinigte nur in parlamentarischer Form, was For, Grey, ErSkine, Macintosh, Cartwright, Burdett, Hunt und andere so viele Jahre lang als die Prinzipien der Radikalreform vertheidigt hatten. Ihr Hauptpunkt ist die allgemeine Wahl, oder die Ausdehnung des Wahlrechtes auf einen Jeden, der 21 Jahre und darüber alt ist, Verbrecher und Verrückte ausgenommen. Ferner: DaS Bot irrn durch Bal­lo tage, oder geheimes Abstimmen. Drittens: Jähr, lichc Parlamente oder jährliche Wahl der Volks- Repräsentanten. Viertens: Keine Eigenthumsqua, lisikation, oder Zulassung aller für daS Unterhaus