Freit Ztitung.
„âeiheit and Uecht! “
M 119. Wiesbaden. Mittwoch, S Juli 1818.
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Die Rechte und Linke in der Rational- Dersammlung.
Ein Gefühl, der deutschen Nation gänzlich unwürdig, hatte sich über einen großen Theil unserer Bevölkerung verbreitet: die Angst, man hatte die Freud en- rufe des März schon ziemlich vergessen, man empfand nur das Drückende des Augenblicksnndließ die fegens-, reichen Folgen der Revolution, welche uns bei thätigem nnd zweckmäßigem Handeln die Zukunft bringen muß, aus den Augen. UeberaU erheben sich die BiSherigkeits- männer und Reaktionäre, welche, da sie doch nicht offen ihre Mißbilligung mit der llinwälzung an den Tag legen dürfen, diese letztere wenigstens dadurch möglichst aufzuhalten suchen, daß sie die thatkräftige und entschlossene Partei möglichst verdächtigen und in ihrem Auftreten lahmen.
Die j Nationalversammlung hat diesen über ganz Deutschland verbreiteten Geist auch nicht verläugnen können, auch in ihr sind die thatkräftigen und entschiedenen Männer, welche einsehen, daß der Umsturz ein revolutionärer und nicht einer mit H. obrigkeitlicher Bewilligung war, welche jetzt die alten überlebten Prinzipien durch neue, lebensfrische ersetzt und nicht blos die ersteren in zweiter verbesserter und' vermehrter Auflage neu aufgelegt haben wollen, in der Minderheit; gegen sie kämpft eine kleine Anzahl Männer, welche mit Bewußtsein und aus Ueberzeugung statt dieser glorreichen Umwälzung gern eine „naturgemäße Entwickelung" (Evolution) gesehen hätte, und welche jetzt noch grundsätzlich ein vollständiges Vernichten des alten Systems für gefährlich und unausführbar hält. Diese Männer bedenken aber nicht, daß ohne jenes „Niederreißen" — wie oft hat nicht die Linke in Rede und Schrift diesen Vorwurf hören müssen — ein Neubau haltbar nicht aufgeführt^ werdens kann. Dieser kleinen Zahl von Evolutionsmännern (der rechten Seite) schließt sich aber eine ungleich größere und für sich allein fast die Majorität der Nationalversammlung bildende Masse an, welche ohne durch ein festes Princip die stete Richtschnur ihrer Abstimmungen bilden zu lassen, dieselben vielmehr nach einem augenblicklichen Gutdünken, nach einer ihrer großen oder kleinen Rücksichten, nach ihrer „Nationalität" ü la Vinke, d. h. ob sie Preußen oder Baiern sind, nach dem Eindruck einer unmittelbar vorher gehörten Angst- oder Beruhigungsphrase und vor allem nach der Person des Antragestellers abgeben.
Gegen diesen Balast der Nationalversammlung mit Gründen anzukâmpfcn, ist vergeblich, an ihnen zerschellt jeder Bernunstsgrunk. Hiernach kann man sich die anfängliche Thatlosigkeit und die unbefriedigenden Beschlüsse — Mainz, Schleßwig - Holstein rc. — erklären,
hiernach erklärt sich auch das Resultat der Abstimmung über die provisorische Centralgewalt. Nachdem eine Woche hindurch über den Gegenstand gesprochen und das Alte stets wiederholt und die auch wieder aus „Rücksichten" vorgeschlagene Dreispaltigkeit glücklich beseitigt war, setzt die Rechte mit Hülfe dieser RücksichtsMänner die Unverantwortlichkeit des Reichsverwesers, sowie mit 277 Stimmen gegen 261 den traurigen Beschluß durch, daß der Reichsverweser nicht verpflichtet ist, die Beschlüsse der Nationalversammlung bekannt zu machen und zu vollziehen: Wenn wir nun auch zugeben, daß für die nächste Zeit eine derartige Weigerung nicht zu erwarten ist, so darf dieses noch nicht als Entschuldi- gungsgrnnd für das Aufgeben der vom deutschen Volke der Nationalversammlung beigelegten Souveränetät angeführt werden, das Princip ist nicht gewahrt worden.
Die Grundidee des 19. JahrhunderS'ist die Auf- Hebung aller Vorrechte, und wenn unsere Revolution beendet und der Zustand der wahren Ruhe (aber nicht der der Ohninacht) eingetreten sein wird, dann kann von keiner Unverantwortlichkeit eines Einzelnen, von keinem „über dem Gesetz stehen" mehr die Rede sein. Diese gemachten Fehler haften bis jetzt, waS wir schon in einer der letzten Nummern hervorgehoben haben, nur an einem Provisorium, sie lassen sich später wieder gut machen und dies ist die National-Versammlung dem Volke, falls sie die Gesinnung desselben aussprechen aber dieses nicht beherrschen will, schuldig.
Das deutsche Volk hat die Idee eines unverant- -wortlichen, erblichen Reichsoberhauptes, eines deutschen Kaisers, mit Unwillen zurückgewiesen und einReichs- verweser mit den ihm von der National-Versammlung beigelegten Eigenschaften ist nur der Vorläufer eines solchen. Die Zeit wo man Monarchien schuf, ist für Deutschland abgelaufen, die Zeit, wo sich Monarchien halten konnten, wird und muß in Deutschland bald vorüber sein, wenn wir in die Reihe der Völker eintreten wollen, welche frei und mächtig auf der Höhe der Civilisation stehen. „In 50 Jahren wird Deutschland Republik oder kosakisch sein" hat jener Mann gesagt, der auf einem Felsen im atlantischen Ocean starb, und hierin macht die Zeit jenen Propheten nicht zum Lügner.
Euch aber, die ihr in diesem Augenblicke noch die Macht oder besser die Gewalt habt, die Ihr glaubt, den Geist der Zeit mit Bajonneten, einem unverantwortlichen Reichsverweser und einem Kaiser aufhalten zu könn-u, Euch will ich an das Wort erinnern, waS Ga- liläi ausrief, als er von der Folter aufstand und Euch trotz Eurer vergeblichen Bemühungen, die Republik auf- zuhalten, zurufen: Sie kommt doch!
Wie man die Religionsfreiheit zu verstehen hat.
Der Junker burschte durch den Wald--- Der Abt wählt sich den edlen Firnewein rc.
Hadamar, 30. Juni. Uuwillkührlich tritt uns jetzt das Schiller'sche Gedicht vor die Seele, weil unser Zustand dem Rennen und Jagen gleicht zu der Zeit, als Vater Zeus die Welt getheilet: cs reget sich geschäftig Jung und Alt. Wir halten es für überflüssig zu untersuchen, wer jetzt die Ackersmänner, Junker, Aebte und Könige sind; soviel aber ist ausgemacht, daß auf dem weiten Erdenrunde, von Dalai-Lama an bis auf den kleinsten Dorfcaplan herab, die Aebte sich hcrvor- zudringen suchen, warum? weil sie durchaus keine Poeten. Man könnte glauben, den Dichter mit Recht tadeln zu dürfen, daß er die Rollen so vertheilt und den Firnewein den Aebten angewiesen, da dieser doch nebst der Liebe dem Dichter zu reserviern war; aber Zeus war es um den Hausfrieden bang und so nahm er den Poeten in den Himmel uns ließ die Aebte auf der Erde. War Schiller also kein gescheuter Mann? Blicken mir nun auf unsere jetzigen Aebte. Nachdem sie sich die berühmten Punkte des 4. März gehörig angesehen, stürzen sie sich mit Gewalt auf Nro. 9 und beuteln diesen auf eine höchst eigenmächtige Weise aus, ganz unbefümmert, ob es neben ihrer Wenigkeit nicht andere Leute gäbe, die auch etwas von dem haben, was man Religion nennt. Davon jetzt ein Fall, den wir gar gerne als patriotische Hadamarer unserm Landsmanne, dem Nassauischen Zuschauer, mitgetheilt hätten, wenn wir in seinen Augen Gnade zu finden hätten höffèn sönnen. — Ein junger Mann von hier, katholischer Confessio», wollte sich mit einem evangelischen Mädchen trauen lassen und begab sich, nachdem bereits von Seiten der Braut die nöthigen Schritte bei dem evangel. Geistlichen geschehen waren, zum kathol. Pfarrer Hartmann, um die Erlaubniß zur Copulation durch einen benachbarten kathol. Geistlichen zu erwirken. Der Pfr. Hartmann zeigte sich zwar nicht abgeneigt, die nöthigen Papiere auszufertigen, jedoch nur unter , olgcndcn Bedingungen, worüber ein Revers ausgestellt wurde: 1) daß die Kinder in der kathol. Religion erzogen werden müßten und 2), daß die Frau den Mann nicht gmn Uebertritt in die evangel. Kirche bewegen dürfe. Der Revers wurde unterzeichnet. Aber statt nun dem jungen Manne seine Heirathspapiere offen zu geben, händigte er ihm ein verschlossenes Schreiben ein an den mit der Trauung beauftragten Pfarrer in Elz, des Inhalts, dieser möge vor der Copulation auch noch der Braut das Versprechen der katholischen Kindererziehung in einem schriftlichen Reverse abnehmen; was denn auch
Jäger Stevans und sein Hund Poppy.
Eine wunderbare, traurige Geschichte.
' (S ch l u ß.)
Einmal fürchtete sein Herr sogar, Poppy sei toll geworden und setzte ihm eine Schaale mit Wasser hin — Poppy soff jedoch , denn er trank überhaupt gern. Vergebens brachten ihm aber die Kinder, die das große, gutmüthige Thier liebgewonnen hatten, allerlei Näschereien. — Ja — er fraß sie, blieb aber traurig und niedergeschlagen. Da empfing eines Tages sein Herr, der noch immer mit Amerika in Verbindung stand, eine Kiste von St. Lonis, öffnete sie — Poppy saß daneben — und nahm nach einander eins — zwei — drei — vier — fünf — sechs — sieben — acht — nenn geräucherte Hirschkeuleu heraus.
DaS war zu viel — alte wehmüthige Erinnerungen bestürmten das Herz des Hundes — er dachte des früheren Herrn, wie lieb der ihn gehabt — wie schändlich er ihn betrogen, wie fürchterlich er dafür gebüßt hatte, und schnell entschlossen einem Leben ein Ende zu machen, das ihm qualvoll und unerträglich wurde, stürzte er sich in den hinter dem Hause vorbcifließcndcn Strom. Das klebrige, zu schmerzlich es noch einmal zu wiederholen, ist ja jetzt bür* alle Zeitungen bekannt geworden; nur sei noch dies hier bemerkt, daß er der gierigen Fluth, leider todt, wieder entrißen wurde und ein ehrliches Begräbnis; erhielt. Armer Poppy — im fremden Lande
liegst du nun, in fremder Erde, und ein einziger Fehltritt war eS nur, der dich ans der Heimath trieb:
Aber dein Herr? waS wurde aus deinem armen alten Herrn? — Still und einsam kehrte der zu seiner Hütte zurück, und viele Monate lang blieb die Büchse unberührt und unbeachtet auf den beiden Pflöcken über der Thüre liegen. Der alte StevanS war krank geworden, ein hitziges Fieber hatte ihn aufs Lager geworfen, daS er nur dann und wann verließ, um zum nahen Bach zu kriechen und sich einen Trunk frischen WasscrS zu holen. Wie aber daS Frühjahr mit seinen neuen Blüthen und Knospen kam, wie nach dem langen Winterschlaf die Natur in frischer, neukräftiger Lust ersehnte, wie die Schwalben zu der Hütte zurückkehrte» und AlleS grünte unb blühte — als die Vögel zwitscherten und die wilden Truthühner draußen zu balzen anfingen — da wurde eS dem alten Mann zu weh, zu einsam in der sonst so freundliche» Hütte. Seine Büchse reinigte er vom Rost und Staub, sein Jagdgerâth holte er wieder hervor , sein Pferd sattelte er und weit, weit gen Westen zog er, den fernen Prairies» zu. Alles aber, was er auS der früheren Wohnung mitnahm in die neue Heimath, war ein Bärenfell, daS er zusammengc- rollt hinten am Sattel führte — dasselbe Bärenfell, das er damals erbeutet, als er zum letzten Mal mit seinem Hunde Poppy gejagt.
| Der Fluch.
Aus Gerstäcker's Misstsfippi-Bilderii.
Im fernen Westen der vereinigten Staaten von Nordamerika, wo der Arkansas den geschmolzenen Schnee der Felsengebirge dem Mississippi zuwälzt, lebte an dessen Ufern, unfern der Cadron-Mündung, ein junger Back- wovdSmann, der, dem Charakter seiner ganzen Raye folgend, hier mitten im Wald, von Indianern umgeben, die einsame Hütte aufgeschlagen hatte und fein kleines Feld so ruhig und furchtlos bebaute, als ob er sich inmitten der Civilisation und im Schutz der Gesetze befände.
Seine Frau (eine jener sanften schlanken Gestalten, die, der ganzen Welt unbekannt, wie liebliche Blumen im Walde blühen und weisen), seine alte Mutter und seine zwei Kinder, William, ein Knabe von acht, und Clara, ein Mädchen von zwei Jahren, bildeten den ganzen kleinen Familienzirkel. Sein aus wenigen Ackern Land beuchendes Feld, wo er etwas Mais zu Brot und Pfcrdcfutter zog, war bald bestellt, und die übrige Zeit hatte er seine Büchse auf der Schulter, und manche Hirschhaut, manches Fell voll Bärenfett oder Honig brachte er in seinem leichten Kanoe nach dem damals nur quS wenigen Häusern bestehenden Little Rock, dort sich Pulver und Blei, Salz, Kaffee und Zucker sowie die nöthigsten Kleidungsstücke für Frau und Kinder einzukaufen.
Obgleich er aber auch nichts für sich selber fürchtete