Amt Zeitung.
„âeiheit und Reeht!"
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Wiesbaden. Samstag, 1 Juli
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Die „Freie Bettung" erscheint täglich in einem Bogen. — Bestellungen darauf beliebe man zu machen in Wiesbaden in den Buchhandlungen von H. Fischer und H. W. Ritter; auswärts bet den zunächst gelegenen Postämtern. — Der Abonnements - Preis vom 1. Juli d. I. an beträgt halbjährig hier in Wiesbaden 3fl. 30 ; auswärts durch die Post bezogen innerhalb des ganzen HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS Hessen, der freien Stadt Frankfurt, der Landgrafschaft Hessen - Homburg, sowie der Kurhesfischen Provinz Hanau 4 ff 30 fr. inner- halb aller übrigen Thurn und TartS'schrn Postbezirken 5 fl. —
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Gegen die wohlgemeinten Bedenken über die Anfordernngen der Lehrer.
Von der Dill. Billiges Mißtrauen gegen die Ehrlichkeit der Absicht rufen die mancherlei Artikel hervor, welche in jüngster Zeit über Form und Wirken der letzten Lehrerversammlungen sogenannte „gerechte Bedenken" äußern.
Nur ein oberflächlicher Blick und eS bleibt kein Zweifel, daß solche von Geistlichen ausgegangen, welche hinter der Maske der Volksfreundlichkeit die Herrschaft nicht verschincrzcn können, die ihnen die pro- jektirte Schulreform wohl aus den Händen ringen dürfte.
Wir seien bei unseren Berathungen zu rrclusiv gewesen, ist der erste Vorworf, den man uns macht. — Es ist uns niemals eingefallen, eine Verwahrung gegen den Besuch unserer Versammlungen einzulegen. Dieselben waren öffentlich und davon ist sowohl in Dietz, als auch in Wiesbaden Gebrauch gemacht worden. Dagegen wollten wir keine mitwirkende Einmischung der Geistlichen, was sic uns freilich als große Vermkffknhkit auslegen mochten. Die Schule dankt der Kirche das Dasein, aber auch nur das nackte Dasein. Dieser ein besonderes Verdienst und fernere Rechte daraus herzulciten, wäre Thorheit. Das schwerste Stück Arbeit hat sie sich vom Halse geschafft, den Ar- bcits lohn aber, bis auf einige schmale Abfälle für sich behalten. So war die Schule nicht Tochter, sondern Magd der Kirche und wurde von ihr stets in diesem Sinne behandelt. Für eine freie Entwicklung war sie den Schulen, was der Bundestag in staatlicher Beziehung für Deutschland — ein Hemmschuh, dessen wir uns entledigen zu müssen glauben. Es werden in der Neuzeit viele Vorberathungen rücksichtlich der künftigen Gestalt der Kirche von den Geistlichen gepflogen. Wir find nicht im Entferntesten überrascht, hierzu keine Einladung erhalten zu haben, uns aber einzudrängen, würden wir jedenfalls mit dein Vorwürfe der Unanständigkeit büßen.
Trotz unserer geheimen Versammlungen aber, weiß man doch aufs Haar, waS in denselben zur Berathung gekommen. Uebngciis, ihr Herren! von Hörensagen lügt man und Vermuthungen führen irre. Es ist überhaupt ein sehr nutzloses Bemühen, für ungelegte Eier zu sorgen. DaS Ergebniß unserer Verhandlungen fommt erst in den nächsten Tagen zur Otffcntlichkeit, allein nicht als die neue SchulOrganisation, sondern als Wünsche für eine solche, die das Volk sicher von uns erwartet. Wir haben zu große Achtung vor diescm Volke, als daß wir ihm feine Rechte in einer Sache verkümmern wollten, die
ihm zusteht und die wir ihm getrost vertrauen dürfen; doch ihm rathend an die Hand zu gehen ist Pflicht, weil die Diener der Schule die Mängel derselben am besten kennen müssen, und bescheidene Wünsche auszusprechen war niemals eine Sünde
Daß wir bei diesen Wünschen das Interesse des Standes jenem der Schule vorgeschoben, gehört zu den Irrthümern, die nicht fehlen, wo man sich aufs Rathen legt. Wenn der Umstand aber auch der Wahrheit . nicht entbehrte, so wäre dagegen kaum was zu erinnern, da das Mißverhältniß eben so groß, wie allgemein gewürdigt ist. — Nach dem Titel „Staatsdiener" waren wir niemals lüstern. Bloß ein geistlicher Schulinspektor hat denselben in einer Petition an die Ständekammer für uns in Anspruch genommen. Wir erlassen ihm die Bemühung, weil wir es uns zur Ehre rechnen, bei dem Volke zu stehen, das demnächst unsere Sache durch seine Vertreter in die Hände nehmen und dabei gerne unsere Wünsche hören und beachten wird.
Wenn man unsere dienstliche Stellung als eine möglichst freie bezeichnet, so lautet das wie Ironie. Sollte eS aber Ernst sein, so entschuldigt sich der Irrthum mit der völligen Unkenntlich der nass. allgcm. Schulordnung und der Masse zum Theil geheimer Rescripte, welche unsere geistlichen Vormünder, mit wenigen würdigen Ausnahmen, im Interesse unserer Freiheit wohl auszubeuten wußten. Beispiele möchten die Sache in helleres Licht stellen, mich aber zu weit führen. Genug, Hundert Tausende deutscher Lehrer stehen auf und wollen Unabhängigkeit von einer herrsch- süchtigen Klerisei. Braucht man da noch nach Grund zu fragen? So schreit dann immerhin Zeter über unsere Verblendung, die nicht einsehen will, daß euer Joch sanft und eure Last leicht gewesen! — —
Nassauischer Landtag.
XII. Sitzung. vom 28. Juni.
(Schluß.)
Auf den Einwand Langs, daß hier diese Sache noch nicht erörtert werden dürfe, indem dieselbe der Natur der Sache nach in Form eines Amendements bei dem Gesetzentwurf für Einführung der Kapital- steuer zur Sprache kommen müsse, entgegnet der Antragsteller, daß besonders deßhalb, um. für die nächste Zukunft schon die Kapitalisten mit zu den Staatslaften beitragen zu lassen, er gerade jetzt den Antrag stelle; die Kapitalisten sollten schon für das Ne und 4te Simpel mit besteuert werden.
Reg.-Com. Werren. Die projektute Einkommen- steuer wird nicht simpel-, sondern jahrsweise erhoben werden. Gergens: Der Antragsteller möge dann den Antrag zurücknehmen, y. Eck: Kapital- und Einkommensteuer sollen fürs ganze Jahr, also auch noch für die verflossenen 2 Simpel erhoben werden. Schmidt: Dann hätte das Gesetz rückwirkende Kraft. Keim verweist die Antragsteller mit ihrem Anträge au die für diesen Gegenstand erwählte Commission.
Lang: Bei der Commission kann kein Antrag gestellt werden. Leisler: Das betreffende Gesetz spricht selbst für die Erhebung vom ganzen Jahr, also ist von wirkender Kaaft keine Rede und es ist gleichmütig, ob das Gesetz jetzt oder in 14 Tagen vorkommt. Schmidt zog den Antrag zurück, da er doch unzweifelhaft zurückgewiesen worden wäre.
Es werden nunmehr eine Menge von Petitionen verlesen, von denen nur eine Gegenstand einer Debatte wurde. Mehrere Schuhmachcrincister von L. Schwalbach führten darüber Beschwerden, daß die Bewohner aller Nachbarstaaten zum Verkaufihrer Arbeiten in Schwalbach zugelassen u. dadurch die Einwohner Schmalbachs sehr benachtheiligt würden. Im Verlaufe der Verhandlung hierüber machte Bertram, Siebert und Wimpf die Mittheilungen, daß dieß noch an manchen andern Orten geradeso der Fall sei, und daß man früher schon oft hiergegen, sowie gegen den Hausirhandel in der Kammer — aber immer vergeblich — gesprochen habe. Reg.-Com. Ler führt an, daß die Badeorte offenes Marktrecht hatten, mau also den Ausländern den Verkauf nicht ohne Zustimmung der Gemeinden verbieten könne. Ein Antrag von Lang hierüber, daß man nur solchen Ausländern, in, deren Heimath dieselbe Vergünstigung für die nassauischen Verkäufer statt fände, den ferneren Verkauf gestatten solle, wurde angenommen«
Weiter kam eine sehr gemüthliche Petition von einem Dorfe, dessen Namen ich unglücklicherweise nicht verstehen konnte, vor, worin von Aussaugungssystem, Hundesteuer, treuen Landständen, Abschaffung der Hebammen, Fasselochsen und Leichenbeschauer rc. gesprochen wurde, bei deren Verlesung mancher Abgeordnete und Zuhörer ein Lächeln nur schwer unterdrücken konnte. Keim fragt an, warum die zugesagte Portofreiheit für die Abgeordneten noch nicht vollständig ins Leben getreten sei; Siebert: Ob Schritte gethan seien den unentgeltlichen Eingang von Gewehren für die Natio- nalgarde ins Land zu bewirken und zweitens wie cs mit der angeregten Anfertigung von Gewehren im Lande selbst stehe.
Auf die zweite Anfrage gibt Reg. Ler die Erklärung, daß die Commission für Volksbewaffnung noch
Jäger Stevans und sein Hund Poppy
Eine wunderbare, traurige Geschichte,
(Fortsetzung.)
Wâu — wau! klaffte der Hund und kratzte mit der Vorderpfote das Knie des Alten, als ob er hätte sagen wollen — tm! mach' keinen Spaß — das ist häßlich! Dieser aber schob ihn zurück, ließ die Füße herunter, daß er aufrecht zu sitzen kam, und redete jetzt das aufmerksam zuhorchenve Thier auf folgende Weise an:
Poppy! seit vier Jahren, wo du noch ein ganz kleines Vieh warst, leben wir nun in inniger Freundschaft zusammen — ich habe dich nie geschlagen, außer damals, wo du, als wir einer Bärenfährte folgten, dem Kaninchen nachliefst, und später einmal wieder, da du nicht unter dem Baume weg wolltest, auf dem die wilde Katze saß, und ich doch nur eine Kugel mithatte. Hast du nicht immer satt zu essen bekommen? hat es dir je bei mir an etwas gefehlt? — haben wir damals, als ich in drei Tagen kein Stück Wild zUM Schusse bekommen konnte, nicht den letzten Bissen redlich getheilt und nachher zusammen gehungert? — kannst du etwas dagegen einwenden?
Poppy hatte indessen jeden anderen Fleck in der Stube, nur nicht seines Herrn Gesicht betrachtet, und schien sich keineswegs wohl und behaglich zu fühlen, ja er blickte sogar einmal wehmüthig nach der Thür hin
über, wie wenn er sagen wollte: „könnt ich nur hin- aus!" Obgleich die Thür offen stand, rührte er sich jedoch nicht von der Stelle — er hatte ein boseS Gewissen.
Poppy! fuhr der alte Mano nach kurzer Pause fort — Poppy! du bist ein.undankbarer, schlechter Hund — du hast mein Vertrauen mißbraucht, dich in meine Liebe eingcfchlichcn und jetzt stiehlst du. — Ja, Poppy, du stiehlst — siehst du daS lose Bret hier in der Kaminecke? Da kriechst du NachtS hinaus — du leugnest, fuhr er entrüstet fort, alS Poppy, fast wie unschuldig, aufstand und den bezeichneten Fleck beroch — du leugnest? So höre denn, waS ich, dem Rathe jenes Indianers zu Folge, heute von dir geträumt habe. Kaum hatte ich daS Tuch, daS deinen Traum aufgc- faugcu, unter dem Kopfe, als ich auch einschlief und mich in demselben Augenblicke auf eine mir unbegreifliche Art, mit dem halben Körper, und zwar den Kopf nach außen, in jene Kaminecke eingeklemmt fand, auS der ich - mich mit unendlicher Anstrengung befreite; meine Seite schmerzte mich, alS ich den Boden erreichte, nichtsdestoweniger lief ich aber, und zu meinem Erstaunen auf allen Vierem, an die Thür deS Rauchhanses, und zog hier, anstatt wie gewöhnlich mit der Hand, den vorgc- steckten Zapfen mit den Zähnen heraus. Poppy — ich schäme mich fast wieder zu erzählen, was ich dort gc- thau habe. Ich stieg auf den Salzarm, zerrte eine der geräucherten Hirschkeuleu von der-Stange und trug sie vor die Thür, steckte den Zapfen wieder, wie er früher
gewesen war , vor und trug die Keule, hier drüben bei der umgestürzten Rotheiche, ins Dickicht.
Seufzend hielt der alte Mann hier in seiner Erzählung einen Augenblick inne, und nickte vorwurfsvoll mit dem Kopse nach Poppy hinüber; dieser aber hatte nirgends Ruhe, er warf sich von einem Beine aufs andere, sah bald in diese, bald in jene Ecke, kraute ein paar Mal mit der Vorderpfote die Erde (ein Fußboden war in der einfachen Wohnung nicht gelegt) und blinzte mit sehnsüchtigen Blicken nach der offenen Thüre hm? getraute sich aber dennoch nicht, den Raum zu verlassen.
Dort, fuhr der alte Jäger melancholifch fort, indem er sich mit der flachen Hand zwei große Thränen aus den Augen strich — dort legte ich mich mit beiden Händen — mir kam'S vor, als ob ich Pfoten hätte drauf, und nagte das Fleisch von dein Knochen verscharrte dann daS übriggkblicbcnc unter dem Land und Moos und kehrte durch das Loch ch> Kamin biet in» Zimmer zurück, wo ich, um meine schändliche 4 bat zu verheimUclcen, das Bret, welches dir effniing von innen verstellte, wieder verschob, dann auf mein Lager ging mich hier einige Male auf eine höchst clgcnthinn- liche Art Herumdkehte und niederlegte. —
(Fortsetzung folgt.)