Mit Zeitung.
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„âeiheil und Neeht!"
M 11S Wiesbaden. Freitag, 30. Juni 183N.
jM?. Mit dem 1. Juli beginnt ein neues Halbjahr-Abonnement auf die täglich erscheinende „Freie Zeitung". Die Richtung, welche die Freie Zeitung vertritt, ist die durchaus freisinnige, deren Bestreben dahin geht, die vom Volk errungenen Freiheiten zum vollen Ausbaue zu bringen. - Daß das Streben der Redaction von vielen Seiten Anerkennung gefunden hat, dürfte wohl daraus hervorgehen, daß die „Freie Zeitung" seit der kurzen Zeit ihres vierteljährigen Bestehens sich schon jetzt einer Auflage von 2300 Exemplaren zu erfreuen hat.
Der Abonnements-Preis beträgt vom 1. Juli an halbjährig 3 fl. 30 kr. für die hiesige Stadt; auswärts durch die Post bezogen innerhalb des ganzen Herzogthums Nassau, des Großherzogthums Hessen, der freien Stadt Frankfurt, der Landgrasschaft Hessen-Homburg, sowie des Kurfürstenthum Hessen 4. fl. 30 kr., innerhalb aller übrigen Thurn- und Taris'schen Postbezirke 5. fl.
Bestellungen auf die „Freie Zeitung" bitten wir noch vor Ablauf dieses Monats zu machen und zwar für Wiesbaden in den Buchhandlungen von H. Fischer H. D. Ritter, auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern.
Bei der großen Verbreitung der „Freien Zeitung" eignet sich diefelbe vorzüglich zur Aufnahme von Anzeigen aller Art. — Die Jnferations-Gebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.
Die E^âition der dreien Zeitung.
Die israelitische Gemeinde Camberg an die israelitischen Gemeinden des HerzogthnmS, insonders an die zu Niederlahnstein.
„Ihr sollt Euere Brüder hören, Einen wie den Andern, und urtheilen, — kein Ansehen der Person gelte."
Indem wir uns anschicken, die in Nr. 99 d. Bl. von der israelitischen Gemeinde zu Niederlahnstein veröffentlichte Ansprache nach unserer Ansicht zu beleuchten, wollen wir im Voraus den allenfalls gegen uns zu erhebenden Vorwurf, wegen Angriffs auf Personen, von uns ablehnen, und kund thun, daß wir nur das Prinzip, nicht aber die dabei betheiligten Personen im Auge haben.
Die von der genannten Gemeinde Eingangs ihrer Ansprache in zu frappantem Style gegen ihre Schwe- stergcmeinden geschleuderten Vorwürfe übergehen wir, denn wir sind der Meinung, daß, wiewohl manche Gemeinde das so wichtige Ziel der religiösen Bildung ihrer Kinder nicht genugsam zu würdigen weiß, der bei weitem größte Theil derselben hingegen von dieser großen Aufgabe wohl durchdrungen ist, und darum sind eS auch nicht ihre Religionslehrer, die sic als solche verfolgen oder beseitigt wissen wollen. Jugendlehrer müssen wir haben, das wissen wir recht wohl, wenn unser Cultus Von mittelalterlichem Schutte gesäubert werden soll; Jugendlehrer wollen wir auch haben, und wollen darum die in den meisten Gemeinden nicht leichten Opfer zu deren Unterhaltung gern bringen.
Wir wollen zur Verbesserung dieses Standes unser Mögliches thun, und hoffen, ist einmal, wie wir mit den Niederlahnsteinern wünschen, jede sociale Scheidc- wand zwischen uns und unsern christlichen Mitbrüdern gefallen, daß man uns hilfreiche Hand bieten werde, um jene schwere Aufgabe lösen zu können.
Aber eben um dem Neligiouslehrer- Stand unsere möglichsten Kräfte widmen zu können, müssen wir andere minder wichtige Anforderungen ablehnen. Wozn noch neue Opfer für die Aufrechthaltung von 4 provisorisch bestehenden Bezirksrabbinaten? —
Wir haben schon gesagt, daß wir keine Persönlichkeiten im Auge haben; wir lassen gern Jedem die ihm gebührende Achtung ««gedeihen, und sprechen uns hier weder gegen Dunkelmänner, noch gegen Erleuchtete aus, wir bekämpfen blos die Sache. —
Merkt ihr Herren von Niederlahnstein denn nicht, daß, während ihr darauf denkt, eine im Judenthume scü dem Aufhören des jüdischen Staates weder da ge- weskne noch erforderliche geistliche Hierarchie hcrzustellen, euere christlichen Mitbrüder diefelbe durch Einführung von kirchlicher Synodal-Verfassung ihrem Standpunkte entrücken? —
Gesetzt: beiden Theilen gelänge ihr Bemühen, seid nicht Ihr es dann, die von Neuem eine Scheidewand aufsielle» ? Unb sehet ihr nicht ein, daß, wenn ihr euch bemühet, Synagoge und Neligionsschule zu identi- sicireii, ihr von vorne herein auf jede Hilfe für letztere von Seiten des Staates verzichten müsset, weil der Staat wenig oder gar nichts um Kirchensachen sich bekümmern wird. *—
„Aber," sagt ihr, „wir müssen doch in unserm Synagogen-Cultus auch fortfdjrcücn! Sehet," ruft ihr, wie wir fortgeschritten sind!" Wir wollen das gern glauben, wir wünschen euch auch Glück dazu. Aber denkt nicht, daß ihr allein die Zeit begriffen hättet, auch andere Gemeinden wußten bei ihrem Gottesdienste dem Bedürfnisse der Zeit zu entsprechen. An »»löblichen Ausnahmen in der Reihe der Gemeindeglieder selber wird es bei euch vielleicht ebensowenig wie in andern Gcmemden fehlen. Haben wir vielleicht weniger noch an der äußern Form gemodelt, — was auch nicht so
unerläßliche Bedingung des Fortschrittes ist, — so wußten wir doch längst schon der Hauptsache näher zu kommen, indem wir durch Aufnahme des deutschen Elements in den Gottesdienst und durch Vervollkommnung des letztern mittelst ansprechender und erbaulicher Predigten dem Erforderniß der Zeit huldigten.
Und haben das die Rabbiner uns gebracht? Mit Nichten! Die geistreichen und wahrhaft belehrenden Predigten unseres Religionslehrers, Hrn. Sonuenberger, seit dessen 8jähriger Dienstführung dahier, haben unsern Gottesdienst verschönert, eher noch, als von Rabbinern eine Rede war.
Und den Fortschritt in eurer Gemeinde — hat ihn euer würdiger und hochgeachteter Geistliche, Herr Dr. Höchstädter, bewirkt? Nein! sonst müßte es ja in den andern Gemeinden seines Bezirks nicht minder der Fall sein. Ja, wendet ihr ein, da waren nicht überall so befähigte Religionslehrer, wie unser Herr Mehler, und herrschte auch nicht überall derselbe entschiedene Sinn für Fortschritt. — Aber da haben wir ja eben deutlich, was uns noth thut.
Wir sehen daran,, von wo die Verbesserungen ausgehen, und durch Wen sie in Ausführung gebracht werden müssen. Ausgehen müssen sie von den Gemeinden selber durch eine inè Veben zu rufende Landes-Synode, was so von den Gemeinden selber ausgehet, wird in denselben sicher mehr Anklang finden; ausgeführt müssen sie werden durch unsere Religionslehrer, und damit das allenthalben geschehen könne, müssen wir die ^cranbik duug tüchtiger Lehrer erstreben, wozu uns der Staat durch Betheiligung derselben am Schullehrer-Seminar sicher behülflich sein wird. Ohne Synode werden die Rabbiner-, und wären es deren noch nrehr, als es sind, nicht Vieles bezwecken können; bei einer Synode, wozu vier? Etwa um jedes Jahr einmal in jeder Gemeinde eine Synagogen-Feierlichkeit durch Consirmation abzuhalten? dafür solche enormen Opfer? Viele Gemeinden werden sich schon überzeugt haben, wir haben eS zum öftern schon gesehen, und das erst vor Kurzem bei der Consirmation eines Taubstummen, daß diese Feierlichkeit ohne alles Zuthun eines Rabbinen stattfinden kann. Ist ja die Consirmation mehr Schul- als Synagogenact, und müssen ja auch die Religionslehrer den Conflrman- den-Unterricht ertheilen. Ist die Form wichtiger als der Geist?
Beweisen wir, daß wir für unsern Cultus gar keines Geistlichen bedürfen, dann dürfte es uns vielleicht gelingen, für einen allenfalls als ständiges Mitglied der Synode anzustellenden Landrabbiner aus anderweitigen Mitteln als aus unsern Beuteln eine Besoldung zu erhalten; denn Jener wäre dann Staatsdiener, weil er im Interesse des Staates fungirte. Von einer erleuchteten Regierung aber hoffen wir, daß sie uns keine Last aufbürden wird, die wir nicht verlangen, noch für uns als nothwendig erachten können, wie dies mit den nur versuchsweise, darum auch provisorisch eingerichteten Rabbinatöbezirke» der Fall ist.
Wir fordern alle israelitischen Gemeinden, die unsere Ansicht theilen, auf, mit uns bei der hohen Stände- kammer, wie bei der Regierung, diejenigen Schritte zu thun, die dem, was uns noth thut, entsprechen. „Wer Ohren hat, der höre. — Wer Augen hat, der jehe."
Deutschland.
Von der Lahn. Es ist wirklich beklagenswerth, in welcher Ausdehnung sich der Jagd-Unfug in der lktzten Zeit ausbreitet. — Nicht allein, daß durch das Jagen von Unsaubren eine Menge Unglücksfälle aller Art entstauben sind, eine große Zahl von Landleute»
ihre Zeit, um ein armseliges Stück Wild zu erhaschen, mit tagelangem Umherstreifen vergeuden, ihre nöthigsten Feldarbeiten dadurch vernachlässigen, und mühevoll hervorgezogene Bodenerzeugnisse Anderer, eines augenblicklichen Gewinnes wegen, niedertreten, sondern sie lassen sich auch noch schließlich barbarische Schindereien zu Schulden kommen, indem sie die alten Rehgeisen von ihren Jungen wegschicßcn und letztere damit einen schmählichen Hungertod oder dem gierigen Magen der Raub- thiere Preiß geben. Ein solch barbarischer, allem menschlichen Gefühl widerstrebender Vorwurf trifft unter andern auch einen Geistlichen im Amte Runkel, von welchem Stande man eine solche Handlungsweise am wenigsten erwarten sollte.
Usingen, 25. Juni. Durch unsern letzten Bericht über hiesige Zustände, hat sich Herr Stadtrath Franz Preiß dahier, in Betreff des ihm zur Last gelegten Betrugs 2C. veranlaßt gesehen, uns so lange für ehrlose Verläumder zu erklären, bis wir ihm jene Beschuldigungen bewiesen hätten. Für Usingen wäre es unnöthig nur ein Wort darauf zu erwiedern, da Jedermann das Thun und Treiben, so wie den Cbarakter des Herrn Preiß und seine Unwürdigkeik, Mitglied des Stadtraths zu sein, kennt; aber die Ehre dieses Blattes, welches jenen Bericht als Correspondenz auf- nahm, fordert den Beweis jener Beschuldigungen und wir wollen ihn darum auch dem Hrn. Stadtrath nicht vorcnthaltem —
Unsere erste Behauptung war die: Hr. Preiß habe für städtisch? Arbeiten, bei welchen er sich auf sehr sonderbare Weise das Amt des Lohnauszahlers, welches sonst nur der Stadtrechner zu thun hat, aneignete, den armen Arbeitern nicht den vollen Lohn, wie er von der Stadt bewilligt war, ausbczahlt, sondern einen Theil davon in die Tasche gesteckt und sich mithin eines förmlichen Betruges schuldig gemacht. Den Beweis hierfür wird das Herzl. Aint dahier selbst liefern, denn schon seit einiger Zeit ist Herr Preiß deßhalb in Untersuchung und wird die Richtigkeit unserer Behauptung, trotzdem, daß der Hr. Stadtrath gleich nach Erscheinen jenes Berichtes den betrogenen Arbeitern den verkürzten Lohn noch nachbrachte, erwiesen werden. Das Herzl. Amt wird jetzt einfach zu untersuchen haben, welchen Lohn Hr. P.eiß gleich nach der Verrichtung der Arbeit auszahlte und sich nicht damit begnügen, wenn die Arbeiter jetzt sagen, nachdem sie vielleicht noch mehr als ihren Verdienst in die Hände gedrückt erhielten, wir find befriedigt. — Vor öffentlichem Gerichte würde die Untersuchung besser gehen, aber dennoch wollen wir hoffen, daß Herzl. Amt der Sache gehörig auf den Grund sieht. — Sollte Herr Preiß mit diesem Beweis noch nicht zufrieden sein, so möge er sich an Herrn Zimmermeister Schweighöfer, einen anerkannten Ehrenmann, der uns entschuldigen möge, daß wir ihn in dieser Sache nennen müßen, wenden und von diesem kann er jedenfalls noch nähere Beweisgründe erfahren. —
Eine weitere Behauptung war die: der W Sur errath Preiß habe einen armen Auswanderer »bervortheilt. Der im vorigen Jahre nach Amerika ausgewanderte Chr. Söllner hat in einem Briefe mitgetheilt: Hr. Preiß habe ihm erst in der letzten Stunde seines Aufenthaltes zu Usingen sein Gele und zwar mit beden- tendem Abzug ausbezahlt. Er schrieb ferner: nur durch die Uebervorcheilung des Hrn. Preiß jer er in Noth gerathen und habe nur einen Fünffrankenthaler nach Amerika mitgebracht; Hr. Preiß mögb übrigens mit dem ihm abgezogenen Gelde anfangen, was er wolle, Segen würde es ihm doch nicht bringen. — Dieser Brief ist öffentlich vvrgeleskn worden, und verdient derselbe um so mehr Glauben, da der Schreiber durchaus nicht