Freie Zeitung.
•71g 39» Wiesbaden. Sonntag, N April 18L8.
âeiheit und NecHL!
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Wiesbaden, 8. April. Allein Anschein nach sind wir jetzt auf demselben Punkte angckommcn, wie Frankreich im Jahre 1830; ein kleiner Theil will die Republik, während die überwiegende Mehrzahl einen letzten Versuch mit der con- stitutioneUcn Monarchie zu machen beabsichtigt. — Möchten unsere Fürsten diese letzte Probe besser bestehen, als Louis Philipp; mochten sic begreifen, daß cs lediglich von der größeren oder geringeren Entschiedenheit, mit der sie den neuen Weg betreten, abhängt, wie lange das deutsche Volk ihnen noch darauf folgen wird. Diese Entschiedenheit muß sich aber nicht nur in einer Umgestaltung der inneren Politik, sie muß sich auch besonders in einem würdigeren Auftreten gegen das Ausland offenbaren. — Jin Lande selbst kann sich Vieles erst mit der neuen Organisation ändern; aber Vorarbeiten können doch auch jetzt schon gemacht werden. — Zu den letzteren gehörte insbesondere der Wechsel der Personen in der Umgebung der Fürsten, und bei den höchsten Stellen der Landesverwal- tung, wie die Entfernung unfähiger Subjecte, welche aus Rücksichten, die wir mit der Vergangenheit begraben wollen, «»gestellt wurden und das Mark des Landes ohne den geringsten Nutzen verzehren. Die Umgebung der Fürsten hat der Natur der Sache nach einen nicht unbedeutenden Einfluß auf die Handlungsweise derselben; haben doch Viele unter ihnen selbst eingcstandcn und sich gewissermaßen dadurch zu rechtfertigen gesucht, daß sie über den wahren Willen des Landes getäuscht, und über alle die Uebel , die plötzlich donnernd ihre Heilung forderten, im Dunkel gelassen worden seien. —
Nun wohlan! wir glauben ihnen darin: aber warum werfen sic die Brille, durch welche sie so falsch sahen, nicht weg? Warum besteht noch unverletzt dieselbe Camarilla, die alles Unheil heraufbeschwor und die Throne erzittern machte? Muß das Volk nicht mit Recht auf den Gedanken kommen, daß die Gesinnungen dieser Aristokraten und Reactionäre doch im Grunde die der Fürsten selbst sein müßten, weil cs ihnen sonst nicht so schwer fallen würde, dieselben zu verabschieden?
Das hier Gesagte gilt ebenso von den höheren Staats
beamten, deren reaktionäre Tendenz nach ihrem ganzen bisherigen Wirken nicht zweifelhaft sein kann. Wie will man ein neues Gebäude mit Kräften aufführen, die jeden Stein dazu nur mit verbissener Wuth fügen, deren höchster Wunsch es ist, daß dieses Gebäude nie zu Stande komme, oder wenn es denn gebaut werden muß, doch so schnell wie möglich wieder einstürze? Mir dünkt, ein ehrlicher Baumeister gebraucht solche Handwerker nicht!
Was endlich die erwähnten unfähigen Schmarotzerpflanzen anlangt, so sollte man von ihrem eigenen Ehrgefühl, wenn sie dies haben, billiger Weise erwarten, daß sie das Fortschicken nicht abwarten, sondern freiwillig abtreten, und dadurch das ihnen ja so sehr am Herzen liegende Interesse ihres Fürsten in Wahrheit fördern würden.
Dies einige Punkte der inneren Politik, durch deren Ausführung man zeigen könnte, daß man im Ernste mit der Ver- gangenpeit brechen und jeden Gedanken an Reaction aufgeben wolle.
Was die äußere Politik betrifft, so mache ich heute nur auf Schleswig aufmerksam, welches, dem einmüthigen Versprechen Deutschlands trauend, Deutschlands Fahne zu der [einigen machte. Das deutsche Volk jubelt dieser Erhebung zu; das deutsche Volk ist entschlossen, Alles dran zu setzen, seine Brüder zu schützen, es will jenem Räuber im Norden zeigen, daß man dem deutschen Aar ungestraft keine Feder ausrupfen kann. Anfangs schien es, als höre man die Stimme, die zum Handeln mahnt, als begreife man die Möglichkeit, die alte Achtung durch rückhaltlose Verfolgung nationaler würdiger Politik wieder zu erringen, als sehe man wie Italiens Fürsten ein, daß nur die Wahl bleibe, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen, oder unter ihrer furchtbaren Kraft zu erliegen. Hat die drohende Sprache Englands alle die schönen Worte, welche wir aus Berlin hörten, zu bloßen Worten gemacht? Wollen die Fürsten wieder ihre eigene Politik, getrennt von der des Volkes, verfolgen, und durch diplomatische Winkelzüge das bereits gezogene Schwert in die Scheide zurückschmeicheln?