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Freie Zeitung.

.« 80. Wiesbaden. Sonntag, 2. NprèL LGâ^.

âeihelt und Recht!

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5 Von der Weil, im März. Wie es bei der franzö­sischen Julirevolution von 1830 ging, wo man sich zuerst des Volkes bediente, um Karl X. zu verjagen, und dasselbe nachher leer ausgehen ließ, so scheint es auch jetzt in Nassau (und auch in manchem anderen Staate) gehen zu sollen. Wer hat unsere Revolution vom 4. März gemacht? Das Volk, die Bauern und Arbeiter waren es, die durch ihr mas­senhaftes, energisches Auftreten den Widerstand besiegten. Und was ist ihr Lohn? In materieller Beziehung Nichts! Nicht einmal die Abschaffung des Zehntens wurde für nöthig befunden. Im Gegentheil man fügt zu den alten noch neue Lasten hinzu; man legt den ausgemcrgclten Schultern des Volkes noch die Muskete auf. Anstatt das stehende Heer in ein wahrhaftes VolkSheer zu verwandeln, führt man eine Bürgergarde ein und läßt das kostspielige stehende Heer un­angetastet daneben bestehen. Im gegenwärtigen Augenblick ist freilich eine solche Umwandlung nicht möglich; aber man hätte dieselbe, wenn man daran dächte, doch von vornherein in Aussicht stellen müssen. Es ist jedoch nirgends die Rede davon. Die Folge davon ist, daß sich unter dem Bauern­stand eine immer steigende Verstimmung und Erbitterung zeigt. Man glaubt sich betrogen, man verwünscht und verflucht den bisherigen Lenker der Bewegung, man fordert immer drin­gender materielle Erleichterung, vor Allem sofortige Abschaf­fung des Zehntens und aller auf dem Grund und Boden haftenden mittelalterlichen Lasten. Freilich antwortet man von Seiten der sich so nennenden Volksführer das geht nicht, damit würde ja das Eigenthum angegriffen, man muß diese Rechte ablösen. Aber, wenn man denn einmal an dem Eigenthumsrecht" sich festklainmern will, hat man denn ganz und gar die Geschichte vergessen? Wie ist denn der Zehnten entstanden? Hat man denselben nicht mit Gewalt eingeführt? Haben die tapfern Sachsen nicht 30 Jahre lang gegen Karl den Großen gekämpft um diese ungerechte Belastung von sich abzuwcflc»? und mußten nicht Ströme Blutes vergossen wer­den, um den Zehnten in Deutschland einzuführen? Ja nur durch rohe Gewalt wurde das durchgesetzt, was man jetzt

einheiliges Recht" zu nennen wagt! Was geschahe daher zur Zeit der Reformation in dem großen deutschen Bauern­kriege von 1524. Vor Allein forderten die Bauern in ihren 12 Artikeln Abschaffung des Zehntens; sie protestirten feier­lich gegen dieses so genannteRecht." Und wiederum er­stickte man die Stimme der Gerechtigkeit in Strömen von Blut; durch die unmenschlichsten Strafen, durch Gräueltha- ten, welche ewig das Buch der Weltgeschichte beflecken wer­den, schlug man den Protest der Verzweifelnden nieder! Es war schon damals, als ob man denselben zum Hohne hätte antworten wollen: Ihr müßt den Zehnten erst ablösen! Der Bauernstand kroch wieder in sein Joch und löste im Schweiße seines Angesichts an seinem Zehnten ab. 324 Jahre lang haben die Bauern seitdem an ihrem Zehnten abgelößt, 324 Jahre lang haben sie ihre mit Blut und Thränen ge­düngten Garben gebracht. Und nun sollen dieselben noch einmal eine lange Reihe von Jahren hindurch in Geld ihren Zehnten ablösen! Haben die Zehntberechtigten nicht 324 re­spektive 1000 Jahre lang Zeit gehabt, sich von dem Ertrag des Zehntens Kapitalien zu sammeln? Und nun fordern die­selben das Kapital noch einmal in baarem Gelde, um den Landmann bis auf den letzten Blutstropfen auszusaugen? Ist das nicht ein Hohn sonder Gleichen? Eine Freiheit, die das französische Völk schon vor einem halben Jahrhun­dert sich errungen hat, will man jetzt noch nicht einmal dem deutschen Volke gewähren, wo cs sich doch eigentlich schon um ganz andere Dinge, um die Aufhebung der Armuth über­haupt, handelt! Und wenn man denn gar keinen Funken von Nechtsgefühl mehr hat, erfordert es nicht schon die allercin- fachste politische Klugheit, daß man die große Masse des deutschen Volkes durch eine solche materielle Erleichterung für die Sache der Freiheit und des Fortschrittes gewinnt, daß man auf diese Weise die Brücke zwischen der Reaktion und der neuen Ordnung der Dinge abbricht? Doch der Wider­stand der Aristokraten, mögen sie auch die Maske der Volks- freunde vor sich nehmen, wird vergebens sein; die letzte Stunde des mittelalterlichen Feudalwesens hat geschlagen.