Freie Zeitung.
•^ 28« Wiesbaden. Freitag, TL. März 18^8.
âeiheit und AccA!
Die freie Zeitung erscheint täglich in mindestens einem halben Bogen. — Bestellungen darauf beliebe man zu machen in Wiesbaden in den Buchhandlungen von H. Fischer und H. W. Ritter; auswärts-bei den zunächst gelegenen Postämtern. — Der Abonnements-Preis vom 1. März bis 1. Juli d. I. beträgt hier in Wiesbaden 2 Gulden; auswärts durch die Post bezogen innerhalb des ganzen Herzoffbums Nassau des Großhcrzogthums Hessen, der freien Stadt Frankfurt, der Landgrafschaft Hessen-Homburg, sowie der Kurhessischen Provinz Hanau 2 fl. 4u fr. innerhalb aller übrigen Thurn und Taris'schen Postbezirken 3 fl. —
Inserate werden bereitwillig ausgenommen. — Die Jnserations-Gebühren betragen für die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.
-+- Ueber das Verhältniß der Nassauischen Behörden und Staatsdiener zn der gegenwärtigen Gestaltung der Dinge.
(Fortsetzung des in Nr. 18 erschienenen Artikels.)
Eine fernere Folge des angenommenen falschen-Systems — auf Bureaukratie und übertriebener Centralisation beruhend — ist die ins Unendliche ausgedehnte, in steter Progression begriffene Akten machcrei! Nachdem man den ersten falschen Schritt gethan hatte, nämlich die Behandlung -und Entscheidung der Geschäfte denjenigen, unter deren Augen sich dieselben entwickeln, zu entziehen, mußte man es natürlich als Ideal des Büreaulismus aufstellen, auf dem Papier und mittelst der Aktenfabrikation riu vollständiges und getreues Abbild des Lebens zu geben, und hierdurch den im Centrum sitzenden Beamten ein gehörig durchknetetes Material zu liefern, was dann von denselben ohne alle Rücksicht auf Zeit-, Orts-, Personen- und so viel andere Verhältnisse und Eigenthümlichkeiten über den einen Leisten der angenommenen Verwaltungsgrundsätzc geschlagen wurde!
Das Resultat dieser Verfahrungsweise haben wir erlebt, und leider immer noch vor Augen; wir halten es daher fast für überflüssig zu erwähnen, daß es eben so unmöglich ist, durch Akten ein auch nur annähernd getreues Bild des Lebens zu geben, als von der Stellung aus, tu welcher sich die Beamten zu den Ceutralbehörden befinden, die Verhältnisse in allen Theilen des Landes richtig zu beurtheilen; wir wollen nur das hervorheben, daß bei, natürlich oft genug, vorgekommenen ganz unläugbaren, und trotz sorgfältigster Knebelung der Presse und Bewahrung des sogenannten- Dienstgeheimnisses dennoch zur Oeffentlichkeit durchgedrun- gcnen groben Mißgriffen die herrschen dem Büreaukraten, d. h. die an den Centralstellen — weit enterns an der Unfehlbarkeit des Systems oder gar der eigenen hohen Person irgend zu zweifeln — ohne Bedenken alle Schuld sofort auf die dienenden Büreaukraten, d. h. die an den Lokal- stellen und deren mangelhafte Aktenmacherei — und zwar in einer bekanntlich an nichts weniger als Urbanität erinnernden
Weise — wälzten, und die Letzteren dadurch zu einer immer größeren Verschwendung von Papier, Tinte, Zeit und Arbeitskraft anspornten. Um sich einen richtigen Begriff von solchen Produkten büreaulistischer Weisheit machen zu können, lese man z. B. Verfügungen der Hofgerichte über Vorlage von Concurs- und Vormundschafts-Tabellen, und man wird in vielen Fällen im Zweifel sein, ob man mehr staunen soll über die daraus Hervorleuchtendc kindisch-alberne Pedanterie oder die 'an reinen Despotismus gränzende Arroganz der Helden der Büreaukratie; darüber aber wird aller Zweifel entschwinden, daß das heilige Wort Arbeit, d. h. eine der Menschheit Nutzen schaffende Kraftanwendung, mißbraucht wird, wenn man die durch derartige Verfügungen hervorge- rufene Geschäftigkeit;o nennen wollte!
Es liegt nun in der Natur der Sache, daß durch diese Art der Geschäftsbchandlung die Akten zu Massen von stau- nenöwerthem Umfange anschwellen müssen, daß daher nicht nur zu deren unmittelbaren Anfertigung und demnäch- stigen Benutzung eine große Zahl Beamter erforderlich ist, sondern daß auch eigne registrirende, kontrollirende, kalku- lirende, revidirende u. s w. Beamten geschaffen werden mußten, wenn man nicht in diesen Papicrinassen förmlich untere gehen wollte.
Dieses allerdings nicht zu laßende, jedoch lediglich durch die Falschheit des Systems ver, -gerufene Bedürfniß einer großen Zahl sogenannter Arbcurr gab nun wiederum den willkommenen Vorwand ab, die Zahl eer Angestellten weit über das wirkliche Bedürfniß hinaus zu vermehren, also Sinekuren zu schaffen; dies ist namentlich bei den Central Behörden der Fall, und haben die Stellen bei denselben au^ noch das Angenehme, daß man nicht mit dem Publikmn u direkte Berührung kommt, also weder der Verlegenheit aus gesetzt ist, sich in seiner Hohlheit und Ignoranz durchschauen ju lassen, noch auf baldige Erledigung der Geschäfte gedrängt zu werden; daß man aber bei allem dein ohne Rücksicht auf die an den Lokalstellen im eigentlichen Sinne des Worts dienenden Angestellten flugs zu den höheren und höchsten Stellen, als fruges consumere uaiiis befördert wird.