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Freie Zeitung.

e^? 26« Wiesbaden. Mittwoch, 28. März BS^S.

âeiheit und Recht!

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Ueber die Nothwendigkeit von Bildungs­vereinen.

O Vom Tâuntts, 26. März. Wir haben durch unsere Re­volution vom 4. März wichtige Güter errungen. Einen wah­ren Werth haben dieselben jedoch nur dann, wenn sie nicht blos aus dem Papier stehen, sondern in das Leben des gan­zen Volkes kindringen. Geschieht dies nicht, so lernt das Volk seine Güter weder schätzen noch gebrauchen, und thut nichts zu deren Vertheidigung, so daß dieselben, sobald sich der politische Wind dreht, ihm wieder entrissen werden können. Auf welche Weise läßt sich aber diese Absicht erreichen? Vor allen Dingen muß die große Masse des Volkes durch ma­terielle Vortheile z. B. durch sofortige Aufhebung des Zehn­tens und aller auf dem Grund und Boden haftenden Lasten für die neue Ordnung der Dinge gewonnen werden; dies kann durch Eine durchgreifende Maßregel, wie oben die ange­führte ist, geschehen. Sodann muß das Volk zu höherer Bil­dung erhoben werden; dies ist ein langsau eres und schwieri­geres Geschäft. Es fragt sich zuförderst: wer soll das Volk bilden? Die Kirche in ihrer verknöcherten Gestalt, in welcher sie längst von der wahren Bildung des Jahrhunderts über­flügelt worden ist, hat sich dazu als unfähig erwiesen, sie hätte sonst in der mehr als 30jährigen Friedenszeit, in wel­cher sie so ziemlich allein das Feld behauptete, doch irgend welchen sichtbaren Erfolg zu Stande bringen müssen, indessen wo Etwas von der modernen. Bildung in die Masse des Volks eingedrungen ist, da ist dies, nur in Opposition gegen die Kirche geschehen. Die Schule, in knechtischer Abhängig­keit von dieser verknöcherten Kirche gehalten, hat eben so ihre Unfähigkeit ;u höherer Volksbildung beurkundet. Wo das jüngere Geschlecht einer Gemeinde von dem Geiste der Zeit ergriffen ist, da stammt dieser neue Geist nicht aus der Schule, sondern aus dem Leben, aus dem Verkehr mit den Städten u. s. w. Es soll damit nicht in Abrede gestellt werden, daß nicht einzelne geisteskräfnge Männer in Kirche und Schule hier und da im Geiste der Zeit unter dein Volke gewirkt ha­ben, aber diese wackern Volksmänner haben dies nicht als,

' Diener der Kirche und Schule gethan und thun können, son­dern vielmehr trotzdem, daß sie Kirchen- und Schuldiener waren, oft nicht ohne beständige und sehr begründete Furcht vor ihren Vorgesetzten. Heil allen diesen Edlen! Die Zeit ist endlich gekommen, wo sic wieder frei aufathmen können und wo man sie aus ihrer Verborgenheit hervorziehen und auf ihren Posten stellen wird! Doch damit ist der Kirche und Schule noch nicht geholfen, es bedürfen diese erstarrten Institute einer'durchgreifenden, einer radikalen Umgestal­tung. Doch dies wird so schnell nicht gehen. Wer soll bis dahin für die Bildung des Volkes wirken, was durchaus noth­wendig und keinen Augenblick mehr zu verschieben ist? Es kann dies nur durch Ein Mittel geschehen durch freie Bil­tz ungsver eine. Wir haben endlich dasRecht der freien Vereinigung" errungen, wohlan laßt uns diesen schönen Ge­brauch von demselben machen. Die Zeit der Autoritäten ist ohnehin auf immer vorbei, nur wo das Element der Frei­heit herrscht, kann wahre Bildung erzielt werden. Es darf in solchen Bildungsvereinen nicht mehr das Wort der Be­lehrung deshalb gelten, weil der Mann, der es ausspricht, etwa ein Pfarrer oder Lehrer ist, sondern nur weil und wenn derselbe die besten und überzeugendsten Gründe vor­bringt. Es Parf in solchen Vereinen nicht einer sich zum ausschließlichen Lehrer aufwerfen, dem die Andern schweigend glauben müssen, wie cs in der Kirche ist, sondern cs muß Jedem, der es vermag, gestattet sein, lehrend aufzutreten, und Jedem der es vermag, seine Einwürfe gegen die Ansichten des Lehrenden vorzutragen. Es muß überhaupt die dialo­gische Form mit der des zusammenhängenden Vortrags wech­seln. Nur auf diese Weise kann Leben und Fortschritt in diese Vereine kommen. Was den Stoff betrifft, so gehört Alles in das Bereich solcher Bildungsvereine, was eben die allgemeine menschliche Bildung fördert, mithin nicht allein religiöse, sondern auch politischen und socialen Fragen und zwar muß, wenn ein wahres Interesse daran geweckt werden soll, von vornherein eine ganz freie, d. h. kritische Stellung gegen alle diese Fragen eingenommen werden. Denn Bildung heißt Fortschritt, und ein Fortschritt kann nur ge-