Freie Zeitung.
^N 21. Wiesbaden. Freitag, 2». März 1S4S.
âeihert und Recht!
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Was kann uns drohen?
Die inneren Verhältnisse der Republik Frankreich nehmen besonders in der Hauptstadt ein immer traurigeres Ansehen. Handel und Industrie stocken vollständig und man berechnet, daß in 4 Wochen 100,000 arbeitslose Handwerker in Paris sein werden, die täglich einen Frank erhalten und so.bis zur Nationalversammlung etwa 3 Millionen kosten würden. Die nationale Diskontobank verlangt 20 Millionen Frs., die zu % aus Staatspapieren, zu % aus städtischen Fonds und zu % aus Subskriptionen gezogen werden sollen. Die Staatspapiere aber stehen auf halbem Werth, die Stadt hat selbst nicht so viel, als sie braucht, und die Subskriptionen bringen wenig ein, bis jetzt höchstens 2 Millionen. Weiter soll ein Nationalanleihen von 100 Millionen gemacht werden, wozu aber wieder die Leute, welche sich bei den 20 Millionen der Diskontobank betheiligt haben, betragen sollen. Man fürchtet, nicht mehr als 10 Millionen zu erhalten. Die Regierung hat dagegen nichts einzüsHcn, als die Krongüter, Staatswaldungen, die Juwelen und edlen Metalle der Civil- liste. Aber für alle diese Güter finden sich jetzt keine Käufer, das Geld fehlt. Wohin soll der Zustand führen, wenn nicht der monopolistische Egoismus in reichem Maaße beisteuert? Eine Menge Kapitalisten und sonstige Bürger haben der Regierung eine freiwillige Erhöhung ihrer Steuern um 25 Prozent angeboten; von den Einzelnen ist das sehr viel, kann aber der Regierung nur helfen, wenn es im ausgedehntesten Maaße nachgeahmt wird.
Die Demokratie pacisique sagt, daß selbst eine Majorität der Nationalversammlung Frankreich keine Monarchie würde aufbürden können, worauf die Presse antwortet:
„Wenn es sich aber dennoch begäbe, wenn der Mangel an Arbeit so groß, das Elend so allgemein, die Schwäche der Gewalt so offenkundig geworden wäre, daß die konstitui- rende Nationalversammlung, kraft des Dekretes der provisorischen Regierung gewählt, der Anarchie nicht anders ein Ziel setzen zu können vermeinen sollte, als durch Herstellung des Königsthums vermittelst Proklamation der Regentschaft —
würde man dann die Majorität ins Wasser werfen oder mit Kartätschen erschießen?
Wenn nun solche Möglichkeiten von den Pariser Blättern besprochen werden, kann der Stand der Dinge nicht glänzend sein. Hierzu kommen noch Uneinigkeiten unter den Mitgliedern der provisorischen Regierung, Ledru Rollin hat in einem Circular alle Beamten der Republik aufgefordert, dahin mit allen Kräften zu wirken, daß nur die entschiedensten Republikaner (d. fr.. Ztg.) in die Nationalversammlung gewählt würden, gegen welche Einmischung der Regierung in den Wahlakt sich viele Stimmen erhoben haben, so auch der Elsasser Al. Weill in einem sehr kräftigen und geistreichen Schreiben an Em. Girardin. Er sagt unter unterm : weil die Reforme, der National und die Demokratie pac. je- ocn für einen Verräther des Vaterlandes erklärt Haden, der nicht Republikaner sei:
Ich weiß, daß sie (die Republik) die Vernunft und das Recht für sich haben und deßhalb bin ich von jeher Republikaner gewesen, aber bis jetzt besteht sie nur aus dem stärksten Grunde, d. h. durch das Glück der Waffen und der Gewalt. Wird sie nun auch durch die Majorität anerkannt, was ich nicht bezweifle, so hat doch die Minorität das entschiedenste Recht (le droit absolu) zu denken, was sie will. Dieses Recht habt ihr unter der Monarchie verlangt. Weil sie es versagte, ist sie gefallen. Ihr braucht nur das Beispiel der Monarchie zu befolgen, um nach demselben unerbittlichen Gesetz der Logik ;u fallen.
Hierauf hat Lamartine den Erlaß Ledru Rollin's geradezu aufgehoben und die Wahlen sollen unabhängig und frei vor sich gehen, aber aus Allem geht hervor, daß die Einigkeit hei den verschiedenen Partheien droht aufzuhörcn, wie auch schon die Nationalgardc und die arbeitende Klasse durch Demonstrationen ihre Spaltung an den Tag gelegt haben. Ich fürchte, ich fürchte, der Hunger und die Zwietracht im Innern wird Frankreich dahin führen, einen auswärtigen Krieg als Heilmittel uu^ufu^eiL. Hunger und Zwietracht des Volkes sind andere Gründe, als die philosophirende Menschenliebe Lamartine's, und dürsten leicht andere Wirkungen