Freie Zeitung.
JW. 20» Wiesbaden. Donnerstag, 23. März 1848.
âeèHeit und Recht!
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Wir find immer höflich gewesen
„L’aristocrate ne se corrigera jamais"
Es ist erstaunlich, wenn auch nicht unbegreiflich, in wel- j cher ungeheuren Unwissenheit manche Männer höchsten Ranges, über den Zustand und die Wünsche des Volks befangen i sind. Manche jener hohen Herren — hoffentlich nicht alle ; -j- sehen in dem. armen mühseligen und beladenen Volke nur ein Lastthier, welches von Gott dein Herrn geschaffen ist, um zu schwitzen und zu arbeiten, damit die gnädigen Herrn in allen ersinnlichen Lüsten schwelgen und sich — wie der liebe Gott in Frankreich — ihres Lebens freuen können. — Damit sie nun in ihrem ewigen Jubel nicht t>ur$ das. Aechzen, Krächzen, Heulen und Jammern des armen hungernden Volles gestört wurden, hatten sie die Censur eingeführt und weil nun Alles wegen dieses Maulkorbs schwieg, bildeten sic sich ein, es befände sich alles wohl. — Wenn aber doch I edle, hochherzige , tapfere Männer auftraten, die das arme hungernde Volk über sein Elend aufklärten und es zum Widerstande begeisterten, dann sperrte man sic ein, man mißhandelte sie so lange, bis sie verrückt wurden oder sich den Hals mit Glasscherben abschnitten. — Um dieses zu können, hatte man die geheimen Hofgerichte eingeführt. So war alles wohl durchdacht, die Rollen ausgetheilt- und wohl bestellt. — Wie aber das geduldigste Lastthier ungeduldig wirv, wenn ihm der Sattel zu sehr ins rohe Fleisch reibt und drückt, so konnte es auch das arme hungernde Volk nicht ewig und immerwährend aushalten. Als daher am ewig denkwürdigen vierten März daS Volk, das heißt: „der arme Conrad und Bundschuh" des neunzehnten Jahrhunderts in hellen Haufen in Wiesbaden einrückte, um zu erlangen, was es erlangt hat, da sagte ein hoher Herr auf dem Rathhause zu Wiesbaden zu einem Mitgliede deS Sicherheits - Comitë's : „WaS will denn dieses Volk, wir sind doch immer höflich gewesen." — Da that das ehrenwerthc. Mitglied des Sicherheits-Comitä's den Mund auf und sprach:. „Ja, ihr Herren! höflich seid ihr immer gewesen, aber ihr habt uns die Haut über den Kragen ge--
zogen." Darob erschien der hohe Herr verblüfft, denn er hatte nie eine solche männliche Sprache gehört. — Wohl überzeugt, daß dieser hohe Herr und seines Gleichen sich in die neue Ordnung nicht finden können und es auch ganz vergeblich ist, sie darüber belehren zu wollen, wende ich mich an das arme hungernde Volk und wiederhole ihm hier die berühmte Galgemcdc des RegicrungsrathS Flamin im letzten Theil des HesperuS von Jean Paul! „Seht, hier neben dem „Richtschwert bin ich so fest und froh wie ihr und ich habe „doch nur Einen Nichtswürdigen aus der Welt geworfen. „Ihr könntet Blutigel, Wölfe und Schlangen und einen „Lämmergeier zugleich fangen und einsperren — ihr könntet „ein Leben voll Freiheit erbeuten oder einen Tod voll Ruhm. „Sind denn die tausend aufgerissenen Augen um mich alle „staarblind, die Arme alle gelähmt, daß keiner den langen „Blutigel sehen und wegschleudern will, der über euch alle „hinkriecht und dem der Schwanz abgeschnitten ist, damit „wieder der Hofstaat und die Collegien hinten daran saugen? „Seht, ich war sonst mit dabei und sah wie man euch schin- „det — und die Herren vom Hofe haben eure Häute an. „Seht einmal in die Stadt: gehören die Paläste euch oder „die Hundohütten? Die langen Gärten in denen sie zur Lust „herumgehen, oder die steinigen Sieder, in denen ihr euch „todt bücken müsset? Ihr arbeitet wohl, aber ihr habt nichts, „ihr seid nichts, ihr werdet nichts — hingegen der faullen- „zende todte Kainmerherr da neben mir ....." So weit dic unsterbliche Galgenpredigt Flamms, welche Jedermann auswendig lernen sollte, welche in Kupfer gestochen und unter das Volk vertheilt werden sollte. Wenn dieses geschieht, so vergesse. man nicht, dem hohen Herrn, „der immer so höflich war", ein Freiexemplar zu schicken.
S i d n ech.
8 Der in Nr. 16 der freien Zeitung mit der Ueber? schrift: Deutsches Parlament! versehene Artikel veranlaßt unS vorläufig nur zu folgenden kmzcn Bemerkungen, indem wir