Einzelbild herunterladen
 

Beilage zurFreien Zeitung" Nr. 19.

Folgenden Aufruf hat der Obrist Ler Wiesbadener Na- tionalgarde an diese erlassen:

Wehrmänner!

Als Dank für das ehrenvolle Vertrauen, womit Ihr mich an die Spitze der Bürgcrbewaffnuug der Hauptstadt gestellt habt, empfanget mein Versprechen, daß ich alle meine Kräfte der Erfüllung der hohen Aufgabe widmen werde, welche mir durch Eure Wahl geworden ist.

Waffenbrüder! Unsere Stärke liegt in unserer Ordnung! Laßt uns durch die schleunigste Organisation und Einübung unsere volle Wirksamkeit für die hohen Zwecke der Volksbe­waffnung sichern.

Wir wollen den Beweis liefern, daß williges Zusammen­wirken, unter der Leitung selbstgewählter Anführer mit Be­geisterung vereinbar ist, daß die Einsicht und der Wille freier Bürger, sich selbst die Gesetze zu gebeu nud zu halten weiß, welche die Bedingung des ehrenvollen Bestehens jeder bewaff­neten Macht sind.

Dann wird uns die Zeit der Gefahr und des Handelns gerüstet und zu jeder Krafteutwicklung fähig finden: Wir wer­den den hohen Beruf, ein Muster der Waffcutüchtigkeit für die Volkswehr des ganze» Landes zu sein, erfüllt haben.

Wehrmänner! Erhaltet mir Euer Vertrauen und zählet unter allen Umständen auf mich, wie ich auf Euch zähle.

Wiesbaden am 20. März 1848.

Goedeke.

Die Volksversammlung zu Offenburg

am 19. März 1848.

Bereits unterm 12. September v. I. stellte die Versamm­lung zu Offenburg die Forderungen des Volkes fest.

Sie verlangte damals schon unter andern namentlich eine volksthümliche Wehrverfassung, eine gerechte Besteuerung, Aus­gleichung des Mißverhältnisses zwischen Arbeit und Kapital und Abschaffung aller Vorrechte. Die Regierung hat diesen Forderungen mit Hochverrathsprozessen geantwortet, allein ! das Volk hat sie beim Zusammentritt des Landtages erneuert und nach dem gewaltigen Umstürze im Westen mit gesteigerter Kraft auf deren Erfüllung gedrungen. Diesem unwidersteh­lichen Drange nachgehend, haben dieselben Regierungsmänner, welche die Redner der Offenburger Versammlung vom 12. September mit Hochverrathsprozessen verfolgt hatten, Zuge­ständnisse gemacht, deren Halbheit nur schlecht den Hinterge- , danken verhüllte, bei günstiger Gelegenheit, wie in den dreißiger Jahren die abgedrungeuen Zuguständnisse zurückzunehmen und I in ihr Gegentheil zu verkehren.

Das Volk hat erkannt, daß die ihm zu Theil gewordenen Zugeständnisse nickt der staatsmännischen Einsicht und dem gu­ten Willen der Machthaber, sondern den gewaltigen Bewe- j gungen des Volkes der äußeren Anregung der französischen Revolution und den Kundgebungen vom 1. und 2. März d. 3- zuzulchreibcu seien.

Jeder denkende Freund des Vaterlandes erkennt klar und deutlich^, daß in den Pariser Fcbruartagen nur der Anfang einer Völkerbewegung gemacht wvrden sei, welcher mit unab­

weisbarer Nothwendigkeit seine Fortsetzung in allen Staaten Europa 's erlangen müsse.

Der Kampf der Volksherrschaft und 'der Einherrschaft hat begonnen. Deutschland, seit Jahrhunderten das große Schlachtfeld aller staatlichen und kirchlichen Kämpfe, wird auch jetzt wiederum den Zusammenstoß zwischen dem despotischen Nordvsteu und dem freigesinnten Südwesten Europas am schwersten empfinden. Darum thut es noth, daß unser Vater­land bei Zeiten eine feste Stellung seinen auswärtigen und inneren Feinden gegenüber einnehme.

Es verlangt vor allen Dingen:

Ein deutsches Parlament,

welches im Großen seine Verhältnisse nach Innen und Außen kräftig ordne und frei gestalte, und dessen erste Aufgabe sein wird, der deutschen Nationalität und Selbstständigkeit Aner­kennung zu verschaffen.

Was insbesondere unser badenschen Angelegenheiten be­trifft, so erklärt die Volksversammlung von Offenburg:

1. Mehrere Mitglieder der Regierung und der größte Theil der Beamten besitzen das Vertrauen des Volkes nicht, weil Einzelnen der gute Wille, Anderen die erforderliche Kraft fehlt.

Das Volk kann kein Vertrauen in Männer setzen, welche vor wenigen Wochen noch als revolutionär be­kämpften, was sie theilweise jetzt selbst zugestanden haben.

Es läßt sich nicht täuschen durch das Vorschieben li­beraler Persönlichkeiten.

Anstößig ist dem Volke namentlich der Einfluß, welchen der Markgraf Wilhelm seit langer Zeit auf die Staatsge­schäfte überhaupt lind das Militärwesen insbesondere aus­geübt hat. Nicht minder anstößig ist ihm der Einfluß einiger Personen aus der nächsten Umgebung des Groß- Herzogs, welche man mit dem Namen Camarilla zu be­zeichnen pflegt.

11. Das Volk hat kein Vertrauen zu der ersten Kammer der Ständeversammlung, da dieselbe aus Privilegirteu be­steht, welche ihren Sonderinteressen das Wohl des Vol­kes stets geopfert haben. Das Volk verlangt Abhülfe gegen diesen Uebelstand vermittelst einer Revision der Verfassung.

III. Das Volk hat kein Vertrauen zu einer großen Anzahl der Mitglieder der zweiten Kammer, da dieselben durch Wahlbeherrschung lind Wahlverfälschung unter dem Ein­fluß der Censur und der Polizei gewählt wurden, und sich als blinde Werkzeuge in den Händen jeden Ministe­riums erwiesen haben. Das Volk verlangt den Rück­tritt der reactionären und gesinnungslosen Partei der zweiten Kammer.

IV. Das Volk besitzt durchaus keine Bürgschaften für die Verwirklichung seiner Forderungen und die Begründung eines dauerhaften Zustandes der Freiheit. Es muß sich diese Bürgschaften selbst verschaffen.

Demzufolge bildet sich:

1) I» jeder Gemeinde des badenschen Landes ein bater- ländischer Verein, dessen Aufgabe ist, für die Be­waffnung, die politische und sociale Bildung des Vol-