Einzelbild herunterladen
 

Ji» AAè Wiesbaden. Dienstag 21 März 18418.

Freiheit und Recht!

Die Freie Zeitung erscheint täglich in mindestens einem halben Bogen. Bestellungen darauf beliebe man zu machen in Wiesbaden in den Buchhandlungen von H. Fischer nnd H. W. Ritter; auswärts bei den zunächst ge­legenen Postämtern. Der Abonnements-Preis vom 1. März bis 1. Juli d. I. beträgt hier in Wiesbaden 2 Gulden; auswärts durch die Post bezogen innerhalb des ganzen Herzogthums Nassau, des Großherzogthums Hessen, der freien Stadt Frankfurt, der Laudgrafschaft Hessen-Homburg, sowie der Kurhessischen Provinz Hanau

2 fl. 40 kr.; innerhalb aller übrigen Thurn Sf Taxis'schen Postbezirken 3 fl.

Inserate werden bereitwillig ausgenommen; und da die Freie Zeitung schon jetzt die größte Verbreitung im Lande gefunden hat, so sind Anzeigen darin jedenfalls von bedeutendem Erfolge. Die Insertions-Gebühren be­tragen für die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.

Folgender Brief Welckers an den Präsidenten unserer Ständrkämmer, Hergenhahn, muß für uns im Augenblick von dem größten Interesse sein, da er die Ansichten eines der besten und volkstümlichsten Staatsmannes von ganz Deutschland enthält:

Karlsruhe, den 13. März 1848.

Erlaube, mein theurer Freund, daß ich in größter Eile meine Antwort Deiner Anfrage auf demselben Blatte gegen­über stelle.

Zu 1. Eine eigne achtzehnjährige Beobachtung unserer indirekten Wahlen und ihre Vergleichung mit den würtem- bergischen direkten Wahlen hat meine schon frühere Ueber» zeugung befestigt, daß der Natur der Sache nach die indirek­ten Wahlen entschieden den Vorzug verdienen, natürlich jedoch nur, wenn sie gut eingerichtet sind, wie im Wesentlichen bei uns in Baden.

Hier wählen alle Gemeindebürger und staatsbürger­lichen großjährigen Einwohnkr in jedem Ort, die nicht in persönlicher unmittelbarer Abhängigkeit sind (in größeren Ge­meinden in mehreren Abtheilungen) Wahlmänner, die eben­falls keine andere Qualität, also keinen Census zu haben brauchen. Diese Wahlmänner wählen dann den Deputaten.

Dieses System gewährt folgende Vortheile:

1) Es nehmen so alle Staatsbürger wenigstens mittelbar an der Wahl der Landesvertreter Theil. Sie fühlen sich in ihren natürlichen Rechten'befriedigt und politisch oder mora­lisch gehoben.

2) Die Wahlmänner fühlen sich durch das Vertrauen ihrer Mitbürger und ihre besondere politische Wichtigkeit noch mehr gehoben und politisch und patriotisch angeregt.

3) Die Wahlmänner (32 bis 106 bei uns in den verschie­denen Collegien) können Wochen lang von ihren Collegen und von beiden politischen Parteien belehrt und besprochen werden, und können verständig überlegen, während über eine große

Masse die Verblendung und Leidenschaft des Augenblicks leichter siegt.

4) Bei den indirekten Wahlen kann der fatale Census diese Kränkung der Aermeren auch beim activen Wahlrecht entbehrt werden. Bei den passiven beschränkt der Census vollends die Freiheit des Volks und der Wähler in der Wahl nach ihrem Vertrauen. Wir in Baden haben zwar leider einen Census für die passiven Wahlen. Aber es wird dieser Census völlig illusorisch, da Jeder um geringes Geld ein Weinpatent lösen, und dadurch sich wählbar machen kann.

Gott zum Gruß und brüderlichen Handschlag in der neuen Freiheit. Dein

Welcker.

± Ueber das Verhältniß der Nassauischen Behörden und Staatsdienern zu der gegenwärtigen Gestaltung der Dinge.

Es hat sich als eine unwiderlegliche Thatsache der neue­ren Zeit ergeben, daß unsere Behörden gerade in den Ver­hältnissen und Perioden, wo ihre Thätigkeit recht eigentlich hätte sich entwickeln sollen, sogut wie in Ohnmacht versun­ken waren, namentlich einen auffallenden Mangel an Vor­aussicht der zunächst bevorstehenden Ereignisse und in der Crisis selbst eine grenzenlose Rath- und Thatlosigkeit an den Tag gelegt haben.

Wir hatten dieß betrübende Schauspiel sowohl bei der vorigjährigen Theuerung, als auch, in noch weit höherem Maße, bei den bedeutenden Ereignissen der jüngsten Tage.

Es kann daher nicht auffallen, daß die natürliche Folge jener Thatsache jetzt ebenfalls eingetreteu, daß nämlich das, ohnehin niemals in sehr hohem Grade vorhandene Vertrauen zu den Behörden und den dieselben bildenden Staatsmännern nicht nur auf das Tiefste erschüttert, sondern so gut, wie nicht mehr vorhanden ist.