Freie Zeitung.
â HA, Wiesbaden. Mittwoch 15. März ISIS.
âerheit und NeehL!
Die Freie Zeitung erscheint täglich in mindestens einem halben Bogen. — Bestellungen darauf beliebe man zu machen in Wiesbaden in den Buchhandlungen von H. Fischer nnd H. W. Ritter; auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern. — Der Abonnements-Preis vom 1. März bis 1. Juli d. I. beträgt hier in Wiesbaden 2 Gulden; auswärts durch die Post bezogen innerhalb des ganzen Herzogtums Nassau, des Großherzogthums Hessen, der freien Stadt Frankfurt, der Landgrafschaft Hessen-Homburg, sowie der Kurhessischen Provinz Hanau 2 fl. 40 kr.; innerhalb aller übrigen Thurn Sf Taxis'schen Postbezirken 3 fl. —
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§ (Fortsetzung). Eine, in den Versammlungen weiter zur Erörterung gekommene Frage, über welche eine Einigung der Ansichten ebenfalls nicht erzielt wurde, war die: ob indirekte oder Urwahlen? oder direkte Wahlen? ob mit oder ohne Census?
Auf den ersten Blick scheint es nach dem Prinzipe der Gleichberechtigung aller Staatsbürger kaum zweifelhaft, daß alle Großjährigen ohne alle Rücksicht auf ihre sonstigen Verhältnisse, namentlich Vermögensbesitz, die ebenfalls an keine Bedingungen als die Staatsbürger-Qualität gebundene direkte Abgeordnetenwahl vornehmen sollen.
Bei näherer Beleuchtung steigen indessen den Besonneren erhebliche Zweifel gegen die Richtigkeit dieses Satzes auf. Es ist eine leider nicht zu bestreitende Wahrheit, daß >das unglückliche Lebensverhältniß eines Menschen, in Folge dessen er im beständigen Kampfe mit der drückendsten Noth ist, den nachtheiligsten Einfluß auf seine Moralität und seinen Charakter ausübt, und ihn, der jeden Augenblick sich über Beschaffung der absolutesten Bedingungen seiner und der Sei- nigen Existenz zu kümmern hat, beinahe nothwendig für alle über dielen Kreisen hinansliegenden höheren Interessen indifferent macht, so daß es also einem solchen unglücklichen Manne einen moralischen Kampf kosten wird, seine Stimme demjenigen zu geben, der ihm auch nur eine geringe Erleichterung seiner drückenden Lage gewährt. Man denke nur an die keineswegs geringe Zahl förmlicher Bettler und solcher Leute, welche regelmäßig aus der Armenkasse unterhalten werden! welcher Besonnene wird wohl wünschen, daß Solchen ein Einfluß auf die Wahl der Abgeordneten zuge- standen würde, der ihnen doch nach jenem Prinzipe nicht entzogen werden könnte.
Zu diesen durch die socialen Lebensverhältnisse Demo- rallsirten kommt nun noch eine weit größere Schaar, welche dies aus eigener Schuld sind, und die sicher, um ihrer Träg
heit und Genußsucht fröhnen zu können, kein Bedenken tragen werden, ihre Stimmen dem Meistbietenden zu verkaufen; es kommt hierzu ferner noch eine zwar weit höher stehende, jedoch ebenfalls moralisch für nichts weniger als frei zu haltende sehr zahlreiche Menschenklasse, nämlich diejenigen, deren ganzer Nahrungsstand von der Willkür eines Andern abhängig ist, z. B. Fabrikarbeiter, bei welchen es gar nicht einmal einer eigentlichen Bestechung, sondern nur verständlicher Andeutungen ihres Brodherrn bedarf, um dieselben unbedingt zum Stimmen nach dessen Willen zu bewegen. Die Rücksicht auf solche Verhältnisse — und es gibt noch eine große Zahl ganz analoger — hat bei besonnenen und wohlmeinenden Staatsmännern schon längst die Ueberzeugung begründet, daß ein ganz absolutes aktives und passives Wahlrecht eine nichts weniger als demokratische (die allgemeinen Interessen fördernde) Einrichtung vielmehr das leichteste und sicherste Mittel sey, um der Geldaristokratie und andern verwerflichen Tendenzen die Gewalt in die Hände zu spielen, daß also mit einem Worte: das ganze Prinzip auf Täuschung beruhe.
Um nun auch das Prinzip der Betheiligung allen Staatsangehörigen in dem Wahlakte zu retten und jene evidenten Nachtheile zu vermeiden, ist man auf die Idee der indirekten Wahl, oder die Wahl der Wähler verfallen. Statt aller weiteren Kritik dieser Einrichtung wollen wir hierüber eine Stelle aus Dahlmann's Politik (die man wohl unbedenklich als Autorität in solchen Sachen gelten lassen wird) wortgetreu einrücken:
„Man spielt dadurch (durch Zwischenwahl) die Entscheidung aus der Hand der Leidenschaft in die der Glcich- gültigkeit und schließlich in die der Intrigue. Weil mim die lärmende Unordnung vermieden hat und reinliche Wahlprotokolle zu lesen bekommt, bildet man bequem sich ein, eS gehe Alles mit rechten Dingen unter den Wählern zu, aus