rtk Zeitung.
Wiesbaden. Sonntag 12 März 18L8.
âeiHeiL und NerhL!
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An die Nassauischen Auswanderungslustigcn.
(Gilt auch allen Andern! D. R.)
O Vom Taunus, 7. März. — Die Nacht ist vergangen, der Morgen ist angebrochen! Das heldenmütige Volk von Frankreich hat das Joch der Knechtschaft zerbrochen und das Banner der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hoch erhoben. Alles, was bisher durch ganz Europa hindurch unterdrückt, verlassen und hülflos war, erhebt nun wieder das Haupt und überlaßt sich den schönsten Hoffnungen. Auch ihr, meine Nassauischen Mitbürger, habt bisher unter schweren Leiden geseufzt, und gar Mancher von euch fleißigen Bauern und Handwerkern hat den Lohn seiner Arbeit nicht gefunden. Dir, die wir eure Leiden kannten und mitfühlten, wir haben deßhalb denjenigen unter euch, welche ihre Blicke nach dem freien republikanischen Amerika richteten, wo der Arbeiter noch der Früchte seines Fleißes theilhaftig wird, stets zur Auswanderung dorthin gerathen, ehe vielleicht auch bei uns die Noth und Verarmung eine so gräßliche Höhe erreichen würde, wie jetzt in dem unglücklichen bejammcrnswerthen Schlesien. Nicht als ob wir daran verzweifelt hätten, daß es endlich unter uns besser werden würde; aber auf eine so schnelle Wendung der Dinge, wie sie jetzt eingetreten ist, hatten wir nicht gerechnet. Wir hatten gedacht, cs müsse erst in Frankteich (denn ohne Frankreich hätten wir unsere Knechtschaft nicht brechen können!) noch schlimmer werden, ohne es dort und damit zugleich in ganz Europa zu einer Aenderung der Dinge kommen werde. Wir hatten ferner erwogen, daß man dadurch Vergleichungen zwischen den hiesigen und den nordamerikanischen Verhältnissen anstellen und so immer allgemeiner zu einem klaren Bewußtsein von unsern Uebelständen gelangen werde. Darum suchten wir den Auswanderungszug iiRmer im Gang zu erhalten. Dies Alles hat sich nun mit Einem Male geändert, gedankt sei's dem thörigten Uebcrmuthe des altersschwach gewordenen Louis Philipp!
Veränderte Umstände verändern aber die Sache. Jetzt, ihr leidenden Mitbürger, rathen wir euch nicht mehr zur Auswanderung. Jetzt bitten und beschwören wir euch: „An's Vaterland, ans theure, schließt euch an": Jetzt muß und wird euch geholfen werden! —' Ihr antwortet freilich: Preßfreiheit, Volksbewaffnung, Schwurgericht u. s. w., das Alles kann uns Armen und Nothleivenden nichts nützen. Dadurch bekommen wir kein Brod! — Ihr habt recht! Unmittelbar wird dadurch eurer Noth nicht abgcholfen; aber eS sind
dies doch Einrichtungen, welche mittelbar euch nützen werden. Ein freies öffentliches Volksleben ist vor allen Dingen nothwendig, damit die tiefen Schäden und Leiden des Volkes nur einmal an's Licht kommen. Und das Recht der freien Vereinigung (Association), welches uns zugcstandcn ist, wirh, wenn es eine Wahrheit wird, bald die wichtigsten Erfolge zu Wege bringen. Mitbürger, wir sind noch nicht am Ende. Wir haben kaum erst begonnen. Und hat nicht auch das französische Volk, das in all diesen Dingen unser Vorbild ist, sich zuerst jene Götter, welche man die konstitutionelle Charte nennt, erringen müssen, bevor dasselbe die größte Frage der Zeit, welche cs jetzt so entschlossen und muthig anpackt, vornehmen konnte, — die große Frage, wie der Armuth abge- Holfen, wie die Tyrannei des Geldes gestürzt und die Arbeit, die heilige weltgestaltende Macht, auf den Thron gehoben wird?
Die großen Fragen aber, deren Lösung in der Geschichte Frankreichs in verschiedene Perioden vertheilt ist, sie werden, weil die; übrigen Völker mit der französischen Nation, welche die Erfahrungen für alle machen mußte, zugleich klug geworden sind, jetzt alle zusammen mit Einem Male gelöst werden.
Darum, theure Brüder und Mitbürger, nur noch einen Augenblick Geduld! Nur noch ein paar Jahre, nur noch Ein Jahr, ja nur noch bis zum nächsten Herbste Geduld! Bis dahin werdet ihr cs schon scheu, es wird bei uns so gut, wie in Amerika; ja es muß bei uns besser werden, als es dort ist, wo doch eigentlich keine organisirte, das heißt vernunftgemäß gegliederte und gegen alle Gefahren gesicherte Gesellschaft besteht, wo eigentlich nur das der Vortheil ist, daß das große ungeheure, noch schwach bevölkerte Land seine unermeßlichen Reichthümer über die Menschen ausschüttct. Oder wo ist in Nordamerika ein Königspalast für die „Invaliden der Arbeit," wie so eben das cbic französische Volk den Tuilericnpalast zu diesem schöncn Zwecke bestimmt hat? Es kann in Nordamerika freilich der Fleißige nicht so leicht verarmen, weil in dem ungeheuern Lande die vollkommenste Freiheit ist; aber wer durch besondere Unglücksfälle arm und arbeitsunfähig wird, der ist auch dort so verlassen und hilflos, wie er nur in irgend einem Lande Europas sein kann. Denn nur das Geld gilt Etwas bei ben Amerikanern. Aber gerade die Macht des Geldes, des Kapitals, zu brcchen, das ist der innerste Kern und der tiefste Sinn der großen welthistorischen Bewegung, die mit der französischen Umwälzung in ganz Europa begonnen hat. Es ist eine sociale Nevo-