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mehr und mehr bewährt gefunden. Wenn diesmal in der Forderung außerordentlicher Mittel zur Deckung der Staatsausgaben ein Anlaß zu besonders eingehender Erwägung der Finanverhältnisse liegt, so dürfte es doch kaum geboten erscheinen, auch in Bezug auf alle einzelnen Theile des Budgets, welche im Laufe der Jahre bereits viel­fältig erörtert worden sind, zu dem früheren zeitraubenden Wege der Kommissionsberathung zurückzukehren.

Bei den selbstständigen Entschließungen der Landesvertretung über den geschäftlichen Gang der Session wird überdies der Wunsch, den bc- deutcndenOrganisationsgeseßen, welche dieThronrede angekündigt hat, eine möglichst eingehende und förderliche Berathung zu widmen, erheblich ins Gewicht fallen.

Je dringender die Anbahnung neuer Organisationen auf dem Gebiete der kommunalen Einrichtungen und der Verwaltung seit Jahren verlangt worden ist, desto mehr werden alle gemäßigten Parteien sich mit der Regierung in dem Bestreben vereinigen, die Session in dieser Beziehung nicht fruchtlos verlaufen zu lassen.

So umfassend aber die Aufgaben des Landtags sind, so wird derselbe bei der Regelung seiner Thätigkeit doch zugleich die Rück­sicht auf den nachfolgenden Reichstag nicht außer Acht lassen können. Nicht blos für die einzelnen Mitglieder des Landtags und des Reichstags, sondern für die gesammte Entwickelung unseres öffentlichen Lebens ist es von Wichtigkeit, daß die Thätigkeit der gesetzgeberischen Versammlungen nicht wie seit­her den größten Theil des Jahres ausfülle. Der Eifer der Betheilig- tcn sowohl, wie das Interesse der Bevölkerung an den parlamentari­schen Berathungen läuft Gefahr, bei einer zu langen Dauer der jähr­lichen Sessionen zu erschlaffen.

So lange nicht eine Vereinfachung und Verschmelzung der poli­tischen und parlamentarischen Einrichtungen in Aussicht zu nehmen ist, durch welche die bisherige Häufung legislativer Sessionen ver­ringert wird, muß das allseitige Interesse und Bestreben sich dahin richten, die einzelnen Sessionen nicht über Gebühr und Nothwendig­keit auszudehnen.

Als wichtige Rücksicht kommt diesmal noch hinzu, daß im kommen- den Jahre doppelte Neuwahlen, für das Abgeordnetenhaus sowohl, wie für den Reichstag bevorstehen. Um so mehr werden diejenigen, welchen eine gesunde politische Entwickelung am Herzen liegt, ihr Augenmerk darauf richten, daß nicht durch eine übermäßige Aus­dehnung der parlamentarischen Sessionen das politische Interesse ab­gestumpft werde.

(Weitere nationale Kundgebungen aus Baden.) Die hochherzige Thronrede des Großherzogs von Baden hat seitens der dor­tigen Landetzvertretung Erwiderung in gleichem Sinne gefunden.

In der Adresse der Ersten Kammer heißt es:

»Von ganzer Seele stimmen wir dem patriotischen Gedanken bei, welchen Eure Königl. Hoheit bei diesem Anlaß von Neuem als den Leitstern Ihrer Politik ausgesprochen haben. Auch wir betrachten die Neugestaltung Deutschlands und zunächst die nationale Einigung der süddeutschen Staaten mit dem norddeutschen Bunde als eine Grund­bedingung für die Sicherheit dieser Staaten, für die Gesundheit und Wohlfahrt der ganzen deutschen Nation und für die friedliche Ent­wickelung von Europa. Wenn gleich seit zwei Jahren kein entschei­dender Fortschritt in dieser Richtung geschehen ist, so ist doch das Be­dürfniß dieser Einigung inzwischen gewachsen und die Einsicht in ihre Nothwendigkeit hat sich in den politisch denkenden Kreisen weiter verbreitet. Wir freuen uns, zu erfahren, daß das gemeinsame Ver- theidigungssystcm von ganz Deutschland durch neuere Verabredungen eine größere Festigkeit erhalten hat, und sind stolz darauf, zu hören, daß unsere badischen Truppen heute schon von dem erhebenden Ge­fühle beseelt sind, der verbündeten Norddeutschen Armee in Folge der­selben Wehrverfassung, gleicher Ausbildung und Leistungsfähigkeit als ein gleichberechtigter Hecrestheil würdig beitreten zu können. In der Organisation des deutschen Zollvereins, in dem Zollbundesrathe und dem Zollparlament erkennen mir eine werthvolle Einrichtung für einen beschränkten Kreis unserer gemeinsamen wirthschaftlichen Interessen und zugleich eine Bürgschaft der künftigen Einigung auch in den übrigen nationalen Angelegenheiten.«

Bei der Berathung dieser Adresse äußerte sich der Minister des Acußern von Freydorf über die Frage der deutschen Einigung wie folgt:

»@8 ist Angesichts wiederholter Kundgebungen vom Throne wohl überflüssig, die Versicherung zu wiederholen, daß wir fortan bestrebt sein werden, die nationale Einigung des Südens mit dem Norden Deutschlands zu verwirklichen.

Wir werden's erreichen. Wir haben in unseren Tagen gesehen, daß Italien eine straffere Einigung fertig gebracht hat, als die, welche wir anstreben, einen Einheits-, nicht nur einen Bundes- staat. Italien hat dies Ziel erreicht, unter Führung eines Königs, der ursprünglich nur über 4| Millionen Einwohner herrschte / es hat dies Ziel erreicht, obgleich es sich für seine Bestrebungen nur auf das Recht der Nationalität berufen konnte. Deutsch- land steht an Macht und an nachhaltiger Kraft des Vol­kes nicht hinter Italien zurück. Während Italien 1000 Jahre rück­wärts niemals ein Einheits- oder auch nur ein Bundesstaat war,

kann sich Deutschland auf eine Geschichte von 1000 Jahren berufen, in denen es ein deutsches Reich, dann einen Bundesstaat bildete.

Italien ist trotz aller Hindernisse zum Einheitsstaat durch- gedrungen. Unser Ziel ist weit näher gesteckt, wir wollen einen deutschen Bundesstaat, und nach diesem näheren Ziele haben wir weit weniger Hindernisse zu überwinden.

Es ist in der Thronrede gesagt, daß in der Frage der nationalen Einigung kein entscheidender Schritt geschehen. Doch hat der natio­nale Gedanke nicht nur in der Idee, sondern in der Wirklichkeit, in gemeinschaftlichen Einrichtungen, Verträgen, Gesetzen, erhebliche Fort­schritte gemacht.

Eine der begründetsten ältesten, dringendsten Forderungen des deutschen Volkes ist diejenige eines gemeinschaftlichen Rechts, einer einheitlichen Gesetzgebung für ganz Deutschland. Die Forderung wurde erstmals vor 50 Jahren in diesem Hause gestellt. Diese For­derung kehrte in den 30er und 40er Jahren so dringend wieder, daß selbst der Bundestag Hand anlegen und vermittelst schwerfälliger Kommissionsberathungen, deren Ergebniß wieder von der Zustimmung von 35 Regierungen und noch mehr Kammern abhing, einige ge­meinschaftliche Gesetze schaffen mußte.

Dies Gcsctzgebungswerk schreitet in den neu geschaffenen, gesetz­geberischen Organen des Norddeutschen Bundes rascher und energischer voran. Die süddeutschen Staaten' haben die Wahl, entweder ihre 8 Millionen Deutsche von der Wohlthat eines einheitlichen Rechts auszuschließen, oder aber, die Gesetze, sowie sie aus dem Norddeutschen Bundesrath und Parlament hervorgegangen, ihren Ständen zur Zu­stimmung vorzulegen. DaS ist eine sehr scheinbare Wahrung der Souveränetät und man wird wohl über kurz oder lang zu der Ueber­zeugung kommen, daß es eine angemessenere, souveränen Staaten würdigere Stellung ist, diese Gesetze im erweiterten Bundesrath und Parlament zu berathen, ihre Interessen und Ansichten rechtzeitig gel­tend machen zu können, statt diese Gesetze, so wie sie Norddeutschland beschlossen hat, mit nur scheinbarer Wahrung des eigenen Gesetz- gebungsrechts, hinzunehmen.

Man tadelt uns, daß wir einer Verbindung mit dem Nord­deutschen Bunde zusteuern, und nicht vielmehr uns mit den andern süddeutschen Staaten ins Benehmen setzen, um einen Südbund zu gründen.' Ich bitte doch, mir zu sagen, mit wem ich ins Benehmen treten soll, nachdem sowohl der leitende Minister in Bayern, wie der württembergische Staatsminister vor ihren Ständen und mit sehr guter Begründung sich gegen den Südbund ausgesprochen, diesen für eine Unmöglichkeit erklärt haben. Man will den Südbund zu einem Bindeglied zwischen Oesterreich und dem Norddeutschen Bunde machen. Alle Politiker, welche nach Herstellung eines einheitlichen mächtigen Deutschlands strebten, erkannten vor Allem das Bedürfniß, den stö­renden und schädlichen Dualismus (den Doppclcinfluß Preußens und Oesterreichs) zu entfernen. Dies ist 1866 durch endgiltiges Ausscheiden Oesterreichs aus Deutschland zum Heile beider Theile geschehen.

Wir werden nicht die Hand bieten zur Wiedereinführung des Dualismus in Deutschland. Dagegen stand seit 1848 auf dem Pro- gramm aller derjenigen Patrioten, welche die deutsche Frage durch ein Ausscheiden Oesterreichs und durch Einigung der übrigen heutigen Staaten unter Preußens Führung lösen wollten, ein inniges Freund­schafts- und Bundesverhältniß mit Oesterreich. Dies wird um so eher zu Stande kommen, wenn die süddeutsche Frage aus der Welt geschafft ist. Schon heute aber wird jeder gute Deutsche jedes Zeichen einer freundschaftlichen Annäherung zwischen Oesterreich und dem Nord­deutschen Bunde mit Freude begrüßen.«

Unser König hat den Geburtstag der Königin (am 30.) mit Ihrer Majestät und der Großherzoglichen Familie von Baden, wie alljährlich, auf dem Lande gefeiert. In den letzten Tagen empfing der König in Baden-Baden den Besuch des Fürsten Karl von Rumänien (Prinzen von Hohenzollern). Heute (Mittwoch) ist Se. Majestät zur Eröffnung des Land­tags nach Berlin zurückgekehrt, wird sich aber demnächst nach Baden zurückbegeben, um dort mit seiner erlauchten Gemahlin noch bis gegen Ende Oktobers zu verweilen.

Unser Kronprinz hat sich am Sonntag (3.) nach Baden- Baden begeben, um sich von seinen erlauchten Eltern zu ver­abschieden und dann seine Reise über Wien nach dem Orient anzutreten.

Heute (6.) Abends gedenkt Se. Königliche Hoheit in Wien einzutreffen.

Der Besuch unseres Thronerben am Kaiserlichen Hofe ist mit Recht überall als ein bedeutsames An­zeichen dafür aufgefaßt worden, welchen Werth die beiderseitigen Regierungen auf die erneute Bethä­tigung freundschaftlicher Beziehungen legen. In solchem Sinne ist der Besuch diesseits in Aussicht genommen und in gleichem Geiste von Sr. Majestät dem Kaiser-König Franz Joseph entgegenkommend begrüßt worden.

Verantwortlich: E. Liedtke in Berlin.

Berlin, Druck und Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei (R. v. Decker).