Da in diesem Jahre die Einberufung des preußischen Landtages für einen sehr frühen Termin, und zwar nach den vorläufigen Festsetzungen für den 4. k. M, in Aussicht genommen ist, so fehlt es an genügender Zeit für die herkömmlichen längeren Sessionen der Provinzial- und Kommunalland- tagc. Es werden daher, voraussichtlich gegen Ende des laufenden Monats, nur kurze Sessionen derjenigen ständischen Körperschaften stattfinden, deren Zusammenberufung zur Erledigung dringlicher Angelegenheiten erforderlich ist. In Hannover werden die Provinzialstände, so wie in Kassel und in Wiesbaden die Kommunalstände über die Angelegenheiten der Landes-Kreditkassen in Berathung treten. Die Provinzialstände Schlesiens werden die Maßregeln in Erwägung zu nehmen haben, durch welche die Umwandelung der ständischen Provin- zial-Institute im Sinne der Selbstverwaltung bewerkstelligt werden soll. Nach den getroffenen Anordnungen sollen die Sessionen der Provinzial- und Kommunalstände thunlichst noch vor Ablauf des Monats geschloffen werden.
(Die Frankfurter Ausweisungen.) In Sachen der vorgeblichen Auswanderer aus Frankfurt a. M., welche sich in einzelnen Kantonen der Schweiz ein Scheinbürgerrecht erkaufen, um der Wehrpflicht in Preußen zu entgehen, hatte auch der frankfurter Magistrat sich veranlaßt gefunden, eine Vorstellung an den Minister des Innern zu richten und die Zurücknahme der von der dortigen Polizeibehörde angeordneten Ausweisungsmaßregel nachzusuchen.
Es unterliegt keinem Zweifel, daß dieses Gesuch ohne Erfolg bleiben wird.
Zunächst wird man fragen, ob es überhaupt für angemessen zu erachten ist, daß der frankfurter Magistrat als Sachwalter für Personen austritt, welche den Pflichten und dem Staatsver- bande ihrer Heimat den Rücken kehren, um den Schutz des Auslandes in Anspruch zu nehmen. Ueberdies ist für jeden Unbefangenen erkennbar, daß die Staatsregicrung lange genug jenem unpatriotischen Treiben gegenüber Nachsicht geübt hat. Es konnte ebensowenig den dortigen städtischen Behörden, wie der Staatsregierung ein Geheimniß sein, daß jene Personen bei ihrer Schein-Auswanderung keinen anderen Zweck verfolgten, als sich einen Freibrief gegen die Militärpflichtigkeit zu erkaufen, ohne den Vortheilen des fortgesetzten Aufenthaltes in der bisherigen Heimat zu entsagen. Andererseits^ konnten die beteiligten Fannlten, welche für ihre jugendlichen Söhne die Entlassung aus dem preußischen Unterthancnverbande nachsuch- ten, füglich wohl wissen, daß dieselben mit ihrem Staatsbürgerrecht auch das unbedingte Recht auf den Wohnsitz im alten Heimathlande verlieren. Die Langmuth, mit welcher die Staats- regierung sich bisher jeden Einschreitens enthielt, ist wohl nur aus der Hoffnung zu erklären, daß innerhalb der Stadt Frankfurt selbst und namentlich im Schooße der städtischen Behörde der Ernst deutsch-patriotischer Gesinnung zur Geltung kommen, und jenem verwerflichen Treiben Einhalt thun würde. Da diese Hoffnung sich getäuscht findet, so hat schließlich die frankfurter Polizei-Behörde von dem Ausweisungs-Rechte Gebrauch gemacht, welches jeder Regierung nach allgemeinen völkerrechtlichen Grundsätzen gegen Ausländer zusteht, falls dieselbe nicht durch besondere Verträge beschränkt ist. Es kann derStaats- regierung nicht zugemuthet werden, das Verfahren der frankfurter Polizei-Behörde zu mißbilligen und dadurch einen Mißbrauch zu fördern, der eben so sehr dem Ansehen der Staatsgesetze, wie den Rechten der übrigen Staatsbürger zu nahe tritt.
Uebrigens darf man mit Befriedigung darauf Hinweisen, daß die öffentliche Meinung, wie in der Schweiz, so auch im übrigen Europa das Verfahren der preußischen Regierung als vollkommen gerechtfertigt anerkennt. In jüngster Zeit haben namentlich die angesehensten Blätter der englischen Preffe sich entschieden dahin ausgesprochen, daß Personen, welche in einem fremden Lande ein Heunathsrecht erkaufen und dennoch in ihrem Geburtslande wohnen bleiben, einen Betrug gegen beide Länder begehen und von bieden Theilen zur Rechenschaft gezogen werden dürfen. Preußen, weit entfernt, sich einer Rechtsverletzung nach irgend einer Seite hin schuldig zu machen, habe vielmehr große Schonung geübt und eine besondere Rücksichtnahme auf die Schweiz kundgegeben, da es auch die Schein-Auswanderer als wirkliche Ausländer behandelt und somit selbst das mißbräuchlich erworbene schweizerische Bürgerrecht anerkennt.
(Rinderpest.) Die neuesten Nachrichten über den Stand der Rinderpest lauten von allen Seiten günstig. Im Regierungsbezirk Frankfurt ist die Tilgung der Seuche soweit vorgeschritten, daß der Kreis Lebus vollständig, der Kreis Landsberg mit Ausschluß eines kleinen Seuchenbezirks und der nördliche Theil des Kreises Sternberg mit Ausschluß eines abgegrenzten Gebiets wieder für den gewöhnlichen Verkehr freigegeben werden konnten. — In der Provinz Preußen ist seit der Mitte des Monats August kein neuer Erkrankungsfall vorgekommen, und es ist daher die Pest auf die wenigen ursprünglichen Seuchenheerde beschränkt geblieben.
Mit Rücksicht auf diese günstigen Verhältnisse ist die Freigebung des Viehtransportes unter den früher erwähnten Bedingungen auf weiteren Linien der Ostbahn angeordnet worden, und zwar auf den Strecken Kreuz-Berlin nebst Küstrin-Frankfurt, Bromberg-Warlubien und auf der Linie Bromberg-Thorn, soweit dieselbe im Regierungsbezirk Bromberg verläuft.
(Urtheil des Auslandes über das preußische Heerwesen). Die diesjährigen großen Uebungen der preußischen Armee erfreuen sich besonders lebhafter Aufmerksamkeit von Seiten des Auslandes. Aus den bedeutendsten Militärstaaten sind Hochgestellte und durch Sach- kcnntniß ausgezeichnete Offiziere erschienen, um im Gefolge Sr. Majestät des Königs den Manövern beizuwohnen. Das angesehenste englische Blatt, die »Times», bringt aus kundiger Feder eingehende Berichte, in welchen folgende Stelle enthalten ist:
»Es ist wirklich wunderbar, die Fortschritte zu sehen, welche das preußische Heer seit 1866 gemacht hat. Die damals gemachten Erfahrungen sind augenscheinlich für die preußischen Heerführer nicht verloren gegangen. Weit entfernt vielmehr von dem Gedanken, daß der Erfolg eine Bürgschaft der Vollkommenheit sei, sind sie eifrig bemüht gewesen, die Fehler ihres Heerwesens hervorzusuchen und zu verbessern, und man_ muß es anerkennen, ihre Anstrengungen in dieser Richtung sind mit Erfolg gekrönt worden. Man könnte vielleicht einwenden, es sei nicht ganz unparteiisch, das dritte Armeecorps als Muster dessen hervorzuziehen, was die ganze preußische Armee sei, indem jenes Corps von einem Prinzen kommandirt wird, der selbst bei Friedensübungen unter den Vorposten auf Stroh schläft, der als ein hervorragender Offizier bekannt ist und dreimal mit gutem Erfolg eine große Armee vor dem Feinde kommandirt hat,' allein selbst mit solchen Vortheilen kann das dritte Armeecorps den übrigen Heerestheilen nicht so weit überlegen sein Die Kavallerie, welche aus Mannschaften rekrutirt ist, die von Kindesbeinen an die wilden Pferde in den Ebenen von Westpreußen getummelt, geht über Hindernisse in einer Weise, welche die Bewunderung und den Neid der berittenen Corps einer Nation erregen muß, die den Ruhm ihrer Reitergeschicklichkeit als Erbstück betrachtet. Der Infanterist trägt seinen schweren Tornister und marschirt unter einer Last von im Ganzen 60 Pfd. nicht nur während dieser Uebungen täglich viele Meilen zum Sammelplatz, sondern betheiligt sich auch dabei an diesen Manöverkämpfen und rennt über durchschnittenes Terrain, Sturzacker und Kartoffelfelder in einer Weise, welche den fremden Zuschauer mit Ueber- raschung erfüllt. Dabei sieht man niemals Nachzügler und nach einer verlorenen Schlacht oder einem gefährlichen Rückzüge gewahrt man den Soldaten mit Spate und Schaufel bereit, die Schwäche an Zahl aufzuwiegen und durch taktische Ge- schicklichkeit die Vortheile wiederzugewinnen, welche ihm durch die Ueberzahl entrungen wurden. Allein obschon die Preußen sich für gute Soldaten ansehen, so ruhen sie doch darum nicht auf ihren Lorbeeren, sondern suchen täglich und stündlich sich weiter zu vervollkomm- nm. Keine Mühe wird gespart, die Erfahrungen der größten wie der kleinsten Nation werden benutzt, um etwas Nützliches zu lernen, und vom Prinzen bis herab zum Gemeinen strebt Jeder, seine militärische Tüchtigkeit täglich zu vermehren. Der König geht mit gutem Beispiele voran. Es ist in der That eine wunderbare Nation.«
Die Beziehungen zwischen der türkischen Regierung und dem zur Pforte im Lehnsverhältniffe stehenden Vizekönig von Aegypten haben seit einiger Zeit eine gewisse Spannring angenommen. Die Pforten - Regierung glaubte in dem Verhalten des Vizekönigs Anzeichen zu finden, daß derselbe über das Maß der ihm eingeräumten Selbst- ständigkeit hinaus nach völliger Befreiung von der Ober-Lehns- Herrlichkeit der Türkei strebe, und hat schließlich bestimmte Forderungen gestellt, von denen sie die Fortdauer der dem Vizekönig bisher zugestandenen Vorrechte abhängig macht. Mehrfach ist die Ansicht laut geworden, es sei von Seiten des Vizekönigs eine ablehnende Antwort und in Folge dessen ein ernstes Zer- würfniß zwischen der Türkei und Aegypten zu besorgen. In den bisherigen Nachrichten von zuverlässiger Seite findet diese Be- sorgniß zur Zeit keine Bestätigung. Man darf vielmehr auf eine friedliche Regelung der bezüglichen Verhältnisse hoffen, und diese Hoffnung wird durch die Thatsache verstärkt, daß alle Großmächte in dem Wunsche übereinstimmen, die Ruhe int Orient ungestört zu erhalten.
Verantwortlich: & Liedtke in Berlin.
Berlin, Druck und Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Mfbuchdruckerei (N. v. Decker).