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Siebenter Jahrgang. ,

Die friedliche Lage Europas.

Bei der jüngst erfolgten Vertagung des britischen Parla­ments gab die Königin Viktoria in der an die Landesvertre­tung gerichteten Abschiedsbotschaft die Versicherung, »ihr Ver­trauen in die Fortdauer des Friedens sei im Laufe des Jahres erhalten und befestigt wordene

Diese Versicherung hat mit Recht einen günstigen Eindruck auf die allgemeine Stimmung in Europa, wie in Großbritan­nien gemacht, nicht nur well sie in unzweideutige und be­stimmte Worje gefaßt ist, sondern auch weil die englische Regierung seit längerer Zeit eine so unparteiliche und ruhig beobachtende Haltung den schwebenden Streitfragen gegenüber eingenommen hat, daß sie zu einem unbefangenen Urtheil vor- zugßweise befähig: und durch keinerlei Nebenabsicht veranlaßt erscheint, den Ausdruck desselben durch eine berechnete Färbung zu trüben. Ganz besonderes Gewicht aber erhält die Kund­gebung des englischen Kabinets dadurch, daß sie in den allge­meinen Verhältnissen Europas, wie in den eigenthümlichen Zu­ständen der leitenden Mächte volle Bestätigung findet.

In der That, auf die Erschütterungen des Jahres 1866 ist nicht nur ein dreijähriger Zeirraum ununterbrochenen Friedens gefolgt/ auch die Aufregung und die Unsicherheit, welche mit jeder Neugestaltung verbunden sind, treten augenscheinlich immer mehr zurück. Das öffentliche Urtheil befestigt sich in der Ueberzeugung, daß bei der gegenwärtigen Lage der Dinge die Bahn friedlicher Entwickelung für die euro­päischen Länder frei liegt/ auf der politischen Tagesord­nung steht augenblicklich keine Streitfrage, welche zu der Be° sorgniß ernster Verwickelungen oder gar eines 'kriegerischen Zu- fammenstoßes Anlaß gäbe, und die Regierungen, welche auf den Gang der Ereignisse einen vwrwiegenden Einfluß üben, würden mit den Wünschen und Bedürfnissen der von ihnen vertretenen Völker in entschiedenen Widerspruch gerathen, wenn sie sich der Aufgabe entzögen, jedes dem Friedensstande Gefahr drohende Zerwürfniß nach Kräften zu verhüten oder zur Be­seitigung etwa entstehender Mißhelligkeiten aufrichtig die Hand zu bieten.

Die Stellung Englands unter den Großmächten findet sich, wie schon angedeutet, mit den Anforderungen der gegen­wärtigen Lage in vollem Einklang. Mehr und mehr kommt bei den leitenden Geistern, wie bei der Bevölkerung des Insel- reiches der Grundsatz zur Geltung, daß die Förderung des nationalen Wohls nicht in einem Zuwachs an Macht und Ein­fluß, sondern in dem Streben nach inneren Verbesserungen und in dem Aufschwünge des wirthschaftlichen Lebens, unter Wah­rung friedlicher und freundschaftlicher Beziehungen nach außen hin, zu suchen ist. In jüngster Zeit sind namentlich durch die Umgestaltung der Wahlgesetze, durch die Miß­stände in Irland und durch die vielfach der Regelung bedürf­tigen Verhältnisse der Kolonien an die englische Politik ernste Ausgaben hcrangctretcn, zu deren glücklichen Erledigung die Fortdauer des allgemeinen Friedens als unerläßliche Vor­bedingung erscheint. Unverkennbar haben die britischen Staats­männer ihre Bestrebungen auf diese Ziele hin gerichtet, und sie verschließen sich nicht der Erkenntniß, daß ihnen für ihr Frie- denswerk kaum eine wirksamere Unterstützung zu Theil werden kann, als daß Erstarken und die Freundschaft Deutschlands.

In ziemlich verwandter Lage befinden sich Italien und Rußland. Beide Staaten bedürfen der kräftigsten und nach­haltigsten Anstrengungen, um ihre inneren Angelegenheiten und namentlich ihre Fwanzverhältnisse in eine gedeihliche Ordnung zu bringen/ sie sind daher mit ihren wichtigsten Lebens- inlercssen auf die Erhaltung des Friedens hingewiesen unb würden dieselben in empfindlicher Weise schädigen, wenn sie kriegerische Verwickelungen herausbeschwören oder begünstigen wollten. Was im Besonderen die russische Regierung betrifft, so hat sie sich offenbar bemüht, durch ihr Verhalten den oft gegen sie gerichteten Verdacht abzuwehren, als ob sie an der gewaltsamen Umwälzung des Morgenlandes und an einer umfassenden Gebietsabrundung durch Zertrüm­merung des türkischen Reiches arbeite. Kaiser Alexander hat seit seiner Thronbesteigung die geistige und sittliche Hebung seiner Völker zum höchsten Ziel seines Strebens gemacht, und keinerlei

Hinneigung zu einer den Weltfrieden bedrohenden Politik ehr­geiziger Vergrößerungssucht gezeigt. Bei den jüngsten Zer­würfnissen zwischen Griechenland und der Türkei, welche schon zu einem Abbruch des diplomatischen Verkehrs ge­führt hatten und die Gefahr eines kriegerischen Zusam- mcnstoßes nahe legten, fand das Petersburger Kabinet Gelegenheit, thatsächliche Beweise füt seine Friedfertigkeit zu geben. Rußland vereinigte sich mit den übrigen Mächten, um durch billige Vorschläge den Streit zwischen Pforte und Griechen­land beizulegen, und grade dem gemeinsamen Bestreben der Mächte ist es zu verdanken, daß die unternommene Vermitte­lung schnell zuni gewünschten Ergebniß führte.

Bei Beurtheilung der Aussichten in die Zukunft wendet sich begreiflicher Weise die Aufmerksamkeit besonders auf die im Mittelpunkt Europas gelegenen Mächte: Frankreich, Oesterreich und Preußen. Es lag in der Natur der Dinge, daß durch die gewaltigen Ereignisse des Jahres 1866 und die in Folge derselben unvermeidlichen Umgestaltungen die gegen­seitige Stellung der drei genannten Mächte mancherlei Schwan­kungen und Anfechtungen erfahren mußte. Grade die Empfin­dung eines solchen, noch vielfach ungeklärten Verhältnisses, welche bei einzelnen Zwischenfällen noch in erhöhte Spannung versetzt wurde, unterhielt eine dauernde Unruhe in den Gemüthern und ließ dieselben von der Besorgniß drohender Kriegsgefahr nicht frei werden. Indessen ist der Friedensstand zwischen den drei Mäch­ten ungestört geblieben; die neue Gestaltung Deutschlands hat nicht nur im Völkerrechte, sondern auch im öffentlichen Bewußtsein festen Boden gewonnen, und die allseitig wieder­holte Betheuerung friedfertiger Absichten konnte umsoweniger ihren Eindruck verfehlen, als man nicht darüber im Zweifel war, daß allen Theilen die Fortdauer des Friedens zu Stätten komme.

In Frankreich haben sich freilich zuweilen noch Stim­men hören lassen, welche im Geiste einer überwundenen Ver­gangenheit für die französische Politik das Recht in An­spruch nehmen, über die Entwickelung der deutschen Verhält­nisse Aufsicht und Vormundschaft zu führen. Glücklicher Weise sind diese Stimmen, deren Anmaßung das Nationalgefühl des deutschen Volkes mit Entschiedenheit zurückweist, auch in Frank­reich ohne tiefer greifende Wirkung verhallt. Die fähigsten und einflußreichsten Führer aller Parteien haben für das Recht der deutschen Nation, wie für die Vortheile eines freund­schaftlichen Einvernehmens mit dem Nachbarvolk ein offenes Verständniß gezeigt, und aus den jüngsten Wahlen für den gesetzgebenden Körper ist eine Mehrheit hervorgegangen, welche sich zu der Losung:Friede mit Deutschland" als zu einem leitenden Grundsatz für die auswärtige Politik Frankreichs be­kennt. Der Kaiser Napoleon selbst hat bei allen Gelegen­heiten feierlich seine Achtung vor dem Recht der Nationali­täten ausgesprochen und die Versicherung gegeben, daß seine Bemühungen auf die Erhaltung des Friedens gcrichlet seien. Die jüngste Wendung, welche in den inneren Zuständen Frankreichs eingetreten ist, erscheint ganz besonders geeignet, dem Glauben an die friedlichen Absichten des Kaisers eine festere Grundlage zu geben. Durch die einer nahen Verwirk­lichung entgegengehende Umgestaltung des Staatsgrundgesetzes, welche der Volksvertretung einen gewichtigen Einfluß auf die Lei­tung der öffentlichen Angelegenheiten zuweist, ist eine Bewegung angebahnt, welche zunächst alle Aufmerksamkeit der Regierung und alle Kräfte der Nation ausschließlich in Anspruch nimmt. Inmitten einer solcher Entwickelung, an deren Gelingen nur bei Fortdauer des Friedens zu denken ist, muß die öffentliche Meinung in Frankreich um so dringender den Beruf fühlen, die Eingebungen unberechtigten Ehrgeizes niederzuhalten.

Augenscheinlich wird die auswärtige Politik Oesterreichs durch die Thatsache gekennzeichnet, daß die leitenden Geister sich noch immer nicht von den Ueberlieferungen der Zeit vor 1866 frei machen und in die Neuordnung der deutschen Verhältnisse hineinsinden können. Daraus erklärt sich ein unentschiedenes, zweideutiges Verhalten, welches zwar mit lebhaften Betheue- rungen für den Friedensstand eintritt, aber häufig in Geleise einlenkt, die zu einem entgegengesetzten Ziele führen müssen/ daraus erklärt sich, daß die Beziehungen zwischen Oesterreich