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Vrovinjial - Correspondenj. 21. Zu« E.

Siebenter Jahrgang.

Die Beurlaubung des Minister-Präsidenten Grafen von Bismarck

bildet fort und fort den Gegenstand widersprechender Erör­terungen in den Tagesblättern: abgesehen von den Ver­muthungen, welche daran in Betreff der zukünftigen Entwicke- lung der preußischen Regierungsverhältnisse geknüpft werden, wird schon die augenblickliche Bedeutung des Urlaubs sehr ver­schieden aufgefaßt und dargestellt.

In denselben Blättern, welche jüngst behaupteten, es han­dele sich gar nicht blos um einen Urlaub, sondern um den völligen und dauernden Austritt des Grafen Bismarck aus dem preußischen Staats-Ministerium, findet sich jetzt dagegen die ebenso bestimmte Versicherung, schon mit dem vorübergehen­den Urlaube sei es gar nicht so ernst gemeint, vielmehr werde Graf Bismarck auch jetzt an allen bedeutenderen Entschließun­gen des Staats-Ministeriums durch mündliches oder schriftliches Benehmen betheiligt bleiben.

Es ist leicht zu erkennen, daß diese widersprechenden Deu­tungen lediglich für die Zwecke der politischen Parteierörterun- gen aufgestellt werden, daß denselben dagegen eine ruhige Wür­digung der thatsächlichen Verhältnisse nicht zu Grunde liegt.

Die wirkliche Bedeutung der gegenwärtigen Beurlaubung des Minister-Präsidenten ergiebt sich einfach und klar aus der Allerhöchsten Ordre, durch welche dieselbe ausgesprochen worden ist: der Wortlaut dieser Ordre läßt erkennen, daß die Be­urlaubung als eine vorübergehende, für die Zeit ihrer Dauer aber als eine vollständige aufzufassen ist. Dieselbe ist erfolgt »in Hoffnung auf die baldige völlige Wiederherstellung und den damit verbundenen Wiedereintritt in den ganzen Um­fang der Geschäfte- bis dahin aber ist Graf Bismarck nicht blos »von dem Vorsitze im Staats-Ministerium», sondern auch »von der Bethelligung an den Berathungen desselben» ausdrücklich entbunden worden. Wäre dies nicht beabsichtigt gewesen, hätte vielmehr die Stellung des Minister- Präsidenten zu den wichtigeren Entscheidungen des Staats- Ministcriums während seiner zeitweiligen Entfernung von Ber­lin ganz dieselbe sein sollen, wie in früheren Jahren, so wäre überhaupt die förmliche und feierliche Entbindung von den Ge­schäften im Staats-Ministerium ebenso wenig nöthig gewesen, wie eine solche in Bezug auf die Geschäfte des Grafen Bismarck als Bundeskanzler ausdrücklich erfolgt ist.

Es kam, wie an dieser Stelle von vornherein angedeutet wurde, eben darauf an, dem Staatsmanne, dessen Kraft und Gesundheit durch die fortgesetzte Wahrnehmung der verschiedenen Stellungen an der Spitze des preußischen Staats-Ministeriums, der Verwaltung des Norddeutschen Bundes und des Zollbundes ernstlicher Gefährdung ausgesetzt schien, in der Erfüllung seines Berufes bis auf Weiteres Erleichterung zu verschaffen, soweit es das Staatsinteresse irgend gestattet, deshalb sollte er nicht nur der Sorge für die laufenden Geschäfte des Staats- Ministeriums, sondern auch der fortgesetzten Theilnahme, Für­sorge und geistigen Verantwortung in Bezug auf die nächsten Aufgaben der inneren preußischen Staatsverwaltung überhoben werden, während er die Leitung der Bundesverwaltung in dem Maße, wie es während eurer Beurlaubung geschehen kann, auch jetzt wahrnimmt.

Es ist bereits darauf hingewiesen worden, daß die Abwesen­heit des Grafen Bismarck sich über den Beginn der nächsten Landtagssession hinaus ausdehnen dürfte/ es folgt hieraus, daß die Vorbereitungen der wichtigen Vorlagen, welche für diese Session in Aussicht zu nehmen sind, ohne Mitwirkung des Minister-Präsidenten stattfinden werden.

Die wesentliche und grundsätzliche Uebereinstimmung der Auffassungen und Bestrebungen, welche zwischen dem Grafen Bismarck und den Mitgliedern des von ihm geleiteten Mini­steriums von jeher obgewaltet hat, bürgt dafür, daß bei den Gesetzesvorlagen, welche in seiner Abwesenheit vorbereitet und dem Landtage unterbreitet werden, der Geist und die Richtung, welche für unsere gesammte Politik unter dem überwiegenden Einflüsse des Minister - Präsidenten maßgebend waren, auch jetzt zur Geltung gelangen werden.

Die volle und ausschließliche Fürsorge und Verantwortung für diese Arbeiten aber fällt zur Zeit den übrigen Ministern zu.

Die Bahnen und Aufgaben unserer inneren Entwickelung im Zusammenhang mit der neuen Stellung Preußens sind im Großen und Ganzen klar vorgezeichnet, und es besteht inner­halb der Regierung keine Meinungsverschiedenheit darüber, daß jene Aufgaben im möglichst innigen Einverständnisse mit der Landesvertretung zu erfüllen sind.

Dieses Einverständniß vorzubereiten und zu erleichtern, darauf ist das Bestreben der Regierung auch jetzt in jeder Be­ziehung gerichtet: es ist zu wünschen und zu fordern, daß alle diejenigen, welchen eine ersprießliche Entwickelung unserer inne- ren Verhältnisse am Herzen liegt, die Regierung in diesem Streben unterstützen.

Die Hohenzollern «nd die Volksschule.

Unter diesem Titel ist jüngst") eine kleine Schrift erschienen, welche sich als »Beitrag zum richtigen Verständniß des preußischen Volksschulwesens» ankündigt.

Die Einleitung des Schriftchens lautet wie folgt:

»Preußen ist das Land der Kasernen und der Schulen», so hat man behauptet, und wir wollen diesen Saß gelten lassen, wenn man damit sagen will: Preußen hat es verstanden, die rechten Mittel zu finden und zu pflegen, um seine Stärke und seine Intelligenz zu befördern. Zwar wissen wir sehr wohl, daß die Stärke eines Volkes nicht allein auf der Menge seiner Soldaten und seiner Kasernen, gleichwie die Intelligenz des Volkes nicht allein auf der Menge seiner L-chulmcister und seiner Schulen beruht/ aber das ist unzweifelhaft, daß eine Armee, die allezeit kriegstüchtig erhalten wird und zur Ver­theidigung des Vaterlandes jederzeit bereit ist, eine starke Stütze des Staates und ein Zeichen seiner Kraft ist, und deshalb ist es wohlgethan, der Heeresmacht und ihrer Ausbildung fort und fort die sorgsamste Pflege und Aufmerksamkeit zuzuwenden und für diesen Sweet auch Opfer zu bringen. Ebenso ist es unzweifelhaft, daß die Schule die Ausgabe hat, Intelligenz und wahre Bildung im Volke zu verbreiten, und darum ist es wohlgethan, die Entwickelung des Schulwesens in seiner ganzen Ausdehnung von der Universität bis zur geringsten Dorsschulc zu fördern und auf diese Weise die Wege zu bahnen, auf welchen wahre Bildung alle Glieder des Volkes nach und nach durchdringt. Meint man es in diesem Sinne, so hat man vollkommen Recht: Preußen ist das Land der Kasernen und der Schulen. Ja, diese beiden Insti­tute stehen in Preußen nicht blos unvermittelt wie zwei, wenn auch noch so starke, doch leblose Säulen nebeneinander, sondern sie haben sich beide gegenseitig durchdrungen: in die Kaserne ist die Schule ein- gekehrt Du kannst Dich in jeder Kaseme davon überzeugenund in der Schule waltet der militärische Geist des Gehorsams und fester Zucht. Der Geist, der beide durchdringt, ist der Geist treuen Fleißes und strenger Gewissenhaftigkeit in der Ausbildung des Verstandes und Herzens und der Geist freudigen Gehorsams in wahrer Freiheit und heiliger Liebe zu König und Vaterland. So sind in der That in Preußen das Heer und die Schule zwei Pulsadern des Volkes, in denen sein Herzblut rinnt/ wollte man die eine unterbinden, so würde die an­dere verdorren. Wollte man ihre feste Organisation lockern, so könnte dies nur geschehen zum Schaden des ganzen Volkes. Wenn es dagegen wahr ist, daß Preußen noch eine große Aufgabe zu erfüllen, daß es einen deutschen Beruf hat, so wird es diese Aufgabe nur erfüllen können in der ferneren Pflege dieser beiden charakteristischen Merkmale seiner Eigenthümlichkeit, des Heeres und der Schule.

Wie aber hat sich Preußen zu dieser Eigenthümlichkeit hindurch- gebildet? Die Antwort liegt nahe für Jeden, der nur einigermaßen mit der preußischen Geschichte bekannt ist. Alles Gute und Große, was von jeher in Preußen geschehen ist, das ist geschehen unter dem Vor­gänge seiner Fürsten und Könige und unter der freudigen Zustimmung und Mitwirkung ihres Volkes. Der König voran, das Volk ihm nach und mit ihm! Das ist von jeher die Ordnung in der Ent­wickelung alles Guten, Großen und Heilsamen in der Geschichte Preußens gewesen/ und darin liegt auch die Antwort auf die obige Frage. Daß Preußens Fürsten und Könige die eigentlichen Schöpfer unseres Heeres, ja, daß sie silbst stets die ersten Soldaten derArmec und ihre Kriegsherren gewesen sind, ist allgemein bekannt, und zwar gilt dies vornehmlich von dem glänzenden Heldengeschlechte der Hohen- zollern. Nicht weniger haben sich die Fürsten aus diesem Geschlechte von jeher die Pflege einer wahrhaft gediegenen Geistesbildung ihres Volkes zur Aufgabe gemacht, haben wissenschaftliche Bestrebungen

*) Hannover, bei Carl Meyer.