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sagen feststiht, nicht leugnen, aber er sagt zu seiner Entschuldigung, er habe dieselbe nur aus Haß gegen die Preußen gethan. Von dem Gerlch. wurde der Mörder von vorn herein mit ausgesuchter, fall ehrender Schonung behandelt. Der Präsident tadelte zwar seine Thor, belobte aber die Gefühle, aus denen sie hwvorgegangen »Wir Alle, sagte er, Haffen die Preußen und erwarten mit Sehnsucht die Stunde der Vergeltung.« Der Staatsanwalt bat die Geschwornen, »mildernde Umstände« für den Angeklagten zuzulaffen, — eine gänzliche Freisprechung würde be­denklich sein, man dürfe njcht vergessen, sagte er vorsichtig, daß noch 6 Provinzen vom Feinde besetzt und allen Berges- tungsmaßr egeln ausgefetzt seien. — Der Vertheidiger des Angeklagten aber, einer der ersten Advokaten, sagte: kein französisches Schwurgericht werde einen braven Burschen, der das Unglück det> Vater­landes zu lebhaft empfunden habe, veruriheilm. »Er h a sse d i c Pr c u ß e« sagte er, — wer haßt sie nicht? Dieser Haß ist unsere Hoff- nung, dieser Haß ist unsere Ehre. In diesem Augenblicke sind die Preußen für uns keine Menschen, sie sind nur unsere Feinde.« Der Präsident des GerichtS wiederholte mit augenscheinlicher Zustimmung diese Aeußerungen des Advokaten und die Geschworenen sprachen nach einer Berathung von wenigen Minu­ten den Angeklagten frei. Der Meuchelmörder wurde vom Publikum beglückwünscht und als Held gesellet.

An demselben Tage, wo dieses unwürdige Schauspiel vor einem französischen Gerichte spielte, empfing der Präsident der Republik die Abgesandten der chinesischen Regierung, die ihm melden sollten, daß die Uebelthäter, welche im vorigen Jahre französische Unterthanen in China gemordet hatten, ihre gerechte und schwere Strafe erhalten haben. Herr Thiers erwiederte diese Mittheilung in einer Rede, in welcher er die Chinesen darüber belehrte, wie jede Nation der andern gegenüber den Anspruch erheben dürfe, daß Verbrechen, die gegen ihre Ange­hörigen begangen werden, mit voller Strenge bestraft werden. Er fügte hinzu: „Die Pflicht der Regierungen ist es, nicht bloß die Vergehen der Volksmenge zu strafen, sondern auch ihre Leidenschaften zu mäßigen, ihre Vorurtheile zu bekämpfen und die Stimme der Vernunft und der Menschlichkeit zur Geltung zu bringen."

Die Pflichten, welche das Oberhaupt der französischen Re­publik den Chinesen aus Herz legte, werden mit größerem Recht den Franzosen selbst zu verkünden und eindringlich zu empfeh­len sein.

Deutsche Gerichte haben es ihrerseits am Beispiele strenger Gerechtigkeit nicht fehlen lasten: ein bayerscher Soldat, der im August d. 3- einem Franzosen, mit dem er getrunken hatte, dann ermordete, ist von einem bayerschen Gericht zum Tode verurtheilt worden.

Die ehrlose Haltung der französischen Bevölkerung und der französischen Gerichte kann aber nicht blos ein Gegenstand ernster Betrachtungen sein, sie ist für uns von der dringendsten praktischen Bedeutung.

Wie der Staatsanwalt in Paris daran erinnerte, daß noch sechs Departements vom Feinde besetzt seien, so müssen wir unserer braven Truppen in Frankreich gedenken, deren Sicher­heit aufs Höchste gefährdet ist, wenn die französischen Geschwor­nen nicht blos, sondern auch die höchsten richterlichen Beamten solche nichtswürdigen Grundsätze zur Beschönigung des Mords an Deutschen verkünden können.

Hafer Kn-ser, welcher von dem neulichen Unwohlsein vollständig wiederhergestellt ist, hat _am Sonntag (26.) dem feierlichen Gottesdienste zum Gedäch niste der Verstorbenen in der Garnisonkirche beigewohnt und am Montag (27.) in hergebrachter Weise die Eröffnung des Landtages der Monarchie vollzogen. Am Donnerstag (30.) gedenkt Se. Majestät sich zur Jagd nach der Göhrde in Hannover zu begeben und am Sonnabend (2. Dezember) von dort nach Serien zurückzukehren. An dem­selben Tage wird auch die Kaiserin Augusta in Berlin zurückerwartet, welche sich von Coblenz (am 27. November) zunächst nach Castel begeben hat und dort mit begeisterten Kundgebungen empfangen worden ist.

Der Reichskanzler Fürst v. Bismarck ist seit acht Tagen unwohl und hat deshalb weder den jüngsten Verhand­lungen des Reichtags, noch der Eröffnung des Landtags bei­wohnen können.

Der Reichstag hat seine Arbeiten in der vorigen Woche noch nicht erledigen können. Außer den zahlreichen sonstigen Gegenständen der Berathung nahmen die Verhandlungen über den bayrischen An- trag wegen strafrechtlicher Verfolgung politischer Agitationen von Geistlichen mehrere volle Sitzungen in Anspruch. Der Kampf wurde namentlich zwischen dem bayrischen Minister von Lutz und den libe­ralen Abgeordneten aus Bayern einerseits und den Vertretern der katholischen Partei andererseits mit großer Schärfe geführt.

Das sogenannte Festungsrayon-Gesetz, welches für alle be­festigten Städte von großer Wichtigkeit ist, wurde auf Grund einer Vereinbarung zwischen der Regierung und der ReichsiagS-Aymmisston fast ohne weitere Erörterung angenommen.

Die Regierung hat dem Reichstage noch, ein Gcfitz vorgelegt, nach welchem den Kreisen und sonstigen Kommunalverbänden die Kosten der den Familien einberufener Landwehr- und Reserve-Mannschaften gewährten Unterstützungen aus den Beträgen der von Frankreich zu zahlenden Kriegslontribution erstattet werden sollen.

Die wichtigste Aufgabe, welche für den Reichstag zu erl-digen bleibt, ist die Beschlußnahme über den Militär - E tat. Auf Grund der darüber mit den, Kommiffarim des Reichstages gepflogenen V-r- Handlungen hat sich die Regierung bereit finden lassen, eine Bcwllli- ganz in der Höhe, wie sie für daS Jahr 1872 berechne» war, as Pauschsumme für jedes der drei nächsten Jahre 1872, 1873 und 1874 anzunehmen.

Die Berathungen darüber werden in den nächsten Tagen statt» finden.

Der Schluß des Reichstages wird daher nicht vor Ende dieser Woche eintreren können.

Volkszählung im Deutschen Reiche.

Am I. Dezember wird im ganzen Deutschen Reiche Volkszählung gehalten.

Zu diesem Zwecke wird am30. November jedcmHaus- stand ein Zählbrief zugehen, in welchem so viele Zädl- karten enthalten sind, als der Hausstand Personen zählt. Jeder Familienvorstand wird von der Obrigkeit aufge­fordert, für sich und für jeden Angehörigen scinesHaus- standes (für jedePerson auf einer besonderenKarte) den vollständigen Namen, sowie das Geschlecht, das Alter, das Reiiglonsbekenntniß, den Stand u s. w. aufzuschrei» ben, — am 1. Dezember aber den Zählbrief mit den aus­gefüllten Karten zurückzugeben.

Um die Volkszählung richtig und zuverlässig durchzuführen, haben sich überall einsichtige und patriotische Männer zur Theilnahme an dem Zählungsgeschäfte bereit finden laffm, erfüllt von der Ueber» zeugung, an einer wichtigen Aufgabe für unser ganzes Staatswesen mirzutvirken.

Die Volkszählung ist in der That eines der sichersten Mittel für jedes Volk, seine Verhältnisse und den Stand seiner Entwickelung kennen zu lernen.

Die Volkszahl ist zunächst das Maß der Stärke und der Kraft der Nationen.

Aber nicht blos die Zahl des Volkes im Allgemeinen wird bei der angeoedneten Zahlung festgestellk, sond-rn gleichzeitig werden aller­lei Nachrichten über die Bewohner des^Staats eingerogen, deren ge­naue Ermittelung von großem Interesse für die G-sammtbeit und vom größten Nutzen für eine gute und vcrsorgllche Verwaltung ist

All- diese einzelnen Eingaben werden nun gesammelt und einer eigends bogn eingesetzten Behörde in Berlin, dem Statistischen Bureau, übersandt, welches die Aufgabe Hai, dieselben sorgfältig zu ordnen und daraus Alles zu schöpfen, was für die allgemeinen Zwecke der Staatsverwaltung und der Staarswiffenschaften erwünscht ist.

Bei allen gebildeten Nationen finde: die Volkszählung willige Unterstützung in den einsichtigen Vollsircisen.

Auch bei uns ergeht an Jedermann in Stadt und Land die Mahnung, an seinem Theile das gemeinsame Werk durch sorgfältige und genau« Ausfüllung der einzelnen Zählblättchen zu fördern. Wer mit solchen Dingen nicht Bescheid weiß, wird bei einem Nachbar, beim Pfarrer oder Lehrer leicht Hülfe finden. Jeder denke daran, daß die Mühe der ungewohnten Arbeit für den Einzelnen nur sehr gering, der Nutzen für die Gesammtheit aber ein sehr großer ist.

Möge daS schließliche Ergebniß der Volkszählung vom 1. Dezember 1871 Zeugniß dafür oblegen, daß Deutschland nicht blos durch die Macht und den Glanz seiner Waffen, sondern auch durch den Unternehmungs­geist, dengleiß und die Tugenden seiner Bürger die hohe Stellung unter den übrigen Staaten verdient, die es jetzt einnimmt.

Verantwortlich: E. Liedtke in Berlin.

Berlin, Druck und Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei (R. v. Decker).