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Lothringen ihrerseits Bedingungen in Bezug auf die Einfuhr französischer Waaren gegenüber, denen schlechterdings nicht Folge gegeben werden konnte, ohne die Zollverhältnisse des neuen Reichslandes und des gesammten deutschen Zoll­gebietes in Verwirrung gerathen zu lassen. — Der Beschluß der Nationalversammlung beruhte augenscheinlich auf mehr­fachen Täuschungen sowohl über die Stellung Deutschlands zur Sache, als auch über die finanzielle Lage Frankreichs, welche, wie man erwähnte, der Regierung allenfalls eine sofor­tige wirkliche Zahlung der vierten halben Milliarde gestatten würde. Vergeblich trat Herr Thiers diesen Irrthümern ent- schieden entgegen und versicherte, daß er die erforderlichen Zah­lungsmittel nicht beschaffen könnte, ohne den Geldmarkt in die tiefste Zerrüttung zu stürzen. Deshalb halte er es für Pflicht, auf Vorschläge einzugehen, welche nur finanzielle Bürgschaften statt der wirklichen Zahlung in Anspruch nehmen und Frank­reich den Vortheil bieten, daß die Räumung von sechs Depar­tements unmittelbar erlangt und das Okkupationsheer um 30,000 Mann und 12,000 Pferde vermindert werde. „Solche Anerbietungen zurückzuweisen (sagte Herr Thiers) sei ein wah­rer Frevel."

Nichtsdestoweniger faßte die National-Versammlung jenen Beschluß, durch welchen das beabsichtigte Uebereinkommen zu­nächst vereitelt wurde. Die Verhandlungen zwischen den beider­seitigen Regierungen sind jedoch bald darauf wieder ausgenom­men worden,' von deutscher Seite sind die Bedingungen, unter welchen die von Frankreich gewünschte frühere Räumung der betreffenden Departements allein zulässig ist, sowohl in finanzieller Beziehung, als auch in Betreff der ferneren Zulassung Elsässtsch-Lothringischer Erzeugnisse in Frank­reich bestimmt und klar bezeichnet worden. Die französische Regierung, welche aus einen günstigen Ausgang der Verhandlungen Behufs früherer Befreiung französischen Ge°' bietes von der deutschen Okkupation nach wie vor entscheidenden Werth legt, scheint entschlossen, die Sache unter ihrer Ver­antwortung zum Abschluß zu führen, und hat zur Beseitigung der noch obwaltenden Bedenken, namentlich in Betreff der finanziellen Bürgschaften, den Finanz-Minister Pouyer- Quertier mit Vollmachten zu direkten Verhandlungen mit dem Reichskanzler Fürsten von BäsmarcL versehen.

Erinnerung an den Oktober L8VG. Gambetta'S Proklamation nach seiner Ankunft inTours am 10. Oktober 1870.

Mitbürger! Auf Befehl der Regierung der Republik habe ich Paris verlassen, um Euch zugleich mit den Hoffnungen, von denen Las Volk von Paris erfüllt ist, die Anweisungen und Befehle derjeni- gen zu übermitteln, welche sich der Aufgabe unterzogen haben, Frank­reich von den Fremden zu befreien.

Paris, welches seit siebzehn Tagen belagert ist, bietet das Schau­spiel dar, wie mehr als 2/000,000. Menschen, welche alle Zwistigkeiten vergessen, um sich um die Fahne der Republik zu schaare», die Vor- auSsicht des eindringenden Feindes zu nichte zu machen, welcher auf Zwietracht im Innern rechnete. Die Revolunon hatte in Paris weder Geschütze noch andere Waffen gefunden. Jetzt sind in der Stadt 400)000 bewaffnete Ratienatgarden, 100,000 Mobilgarden und 60,000 Mann reguläre Truppen. In den Werkstätten werden Ge- schütze gegossen, die Frauen fertigen täglich eine Million Patronen an. Jedes Bataillon der Nationalgarde hat zweiMitrailleusen,' auch wird sie mit Feldgeschützen versehen, um Ausfälle gegen die Belagerer machen zu können. Die Forts sind mit Marine-Truppen besetzt und mit vortrefflichen Geschützen versehen, welche »on den besten Artille­risten der Welt bedient werden. Bis jetzt hat ihr Feuer den Feind Verhindert, auch nur das kleinste Erdwerk aufzurichten. Die Enccintc, welche am 4. September nur mit 500 Kanonen besetzt war, hat jetzt Leren 3800 mit ausreichender Munition. Hinter der einen Enceinie Sifiirt noch eine andere, von Barrikaden gebildete, deren Bau die ariser zur Vertheidigung der Republik jetzt wieder ausgenommen haben.

Es ist keine Illusion — Parisistu nein nehm bar! Es kann weder Lurch Gewalt noch durch Ueberraschung erobert werden. Zwei andere Mittel blieben den Preußen: der Ausstand und die Hungertnoth: aber weder zu dem einen, noch zu dem andern wird es in Paris kommen. Da die Stadt mit dem Nöthigen versehen ist, so ist sie im Stande, dem Feinde lange Monate hindurch Trotz zu bieten.

Große Pflichten werden Euch dadurch auferlegt. Die erste dieser Pflichten ist, daß Ihr keinen anderen Gedanken habt, als den Krieg. Die zweite besteht darin, daß Ihr in brüderlichem Entgegenkommen Euch den Befehlen der republikanischen Regierung fügt, welche durch Las Recht der Nothwendigkeit geschaffen ist, und keinen anderen Ehr­

geiz, keine andere Leidenschaft hat, als Frankreich dem Abgrunde zu entreißen, an welchen es die Monarchie geführt hat,' sobald das ge­schehen ist, wird die Republik fest begründet und geschützt sein gegen alle Verschwörer und Reaktionäre.

Ich habe mein Mandat übernommen, ohne mich an die Schwierig­keit oder den Widerstand, der meinen Bemühungen entgegengesetzt werden könnte, zu kehren, und obwohl eS kaum möglich sein dürfte, durch Thätigkeit das zu ersetzen, was durch den Mangel an Zeit er­schwert wird.

An Mannschaften fehlt es nicht. Was gefehlt hat, ist entschiedener Entschluß und Konsequenz in der Ausführung des Planes. Wir müssen alle unsere Hülfskräfte, und diese sind unermeßlich, an­spannen. Wir müssen die Erstarrung der Landbevölkerung verschwin­den machen, wir müssen aufircten gegen die tolle Furcht, wir müssen den Partisanenkrieg vervielfältigen, wir müssen dem Feinde Fallen und Hinterhalte legen, müssen ihn beunruhigen, müssen mit einem Worte einen nationalen Krieg anfangen.

Die Republik ruft die Mitwirkung Aller an. Sie wird alle Fähigen verwenden. In Gemäßheit t^rer Tradition wird sie auch junge Leute zu Führern machen. Der Himmel wird aufhören, unsere Gegner zu begünstigen. Die Herbstregen werden kommen, und, zurückgehalten bei Paris, weit entfernt von ihrer Heimath, beunruhigt von uns, werden die Feinde dezimirt werden durch unsere Waffen, durch den Hunger, durch die Natur.

Nein! es ist nicht möglich, daß der Genius Frankreichs sein Antlitz auf immer verhüllt habe, daß die große Nation sich den ihr zukommen- bm Platz in der Welt durch die Invasion von 500,000 Menschen nehmen läßt. Erheben wir uns in Massen,' laßt uns lieber sterben, als die Schmach einer Zerstückelung Frankreichs erdulden,' trotz alles unseres Unglücke bleibt unS noch das Gefühl der Einheit und Uniheil­barkeit der französischen Republik.

Ruhmreicher als je wird das belagerte Paris jene unsterbliche Devise ausrechterhalten, welche ganz Frankreich ihm nachsprechen wird: Es lebe die Nation, es lebe die eine und untheilbare Republik.

Kirchliche Versammlnng in Berlin. Die Theilnahme des deutschen Volkes war in den letzten Wochen vielfach auf große Ver­sammlungen gerichtet, in welchen wichtige kirchliche Fragen verhan­delt wurden. Großentheils warm es Fragen kirchlichen Kampfes, theils innerhalb der einzelnen großen Kirchengemeinschaften, theils von Kirche zu Kirche. In diesem Augenblicke ist in Berlin eine große Zahl evangelischer Männer auS ganz Deutschland.versammelt, deren Be­rathungen nicht auf kirchlichen Zwist, sondern auf die Vereinigung aller ernsten evangelischen Christen zu gemeinsamem Schaffen auf religiösem und sittlichem Gebiete gerichtet sind. Die großen Aufgaben, welche sich die Versammlung stellt, sind in den Gegenständen der hauptsächlichen Vorträge bezeichnet: »Was haben wir zu thun, damit unserem Volke ein geistliches Erbe auS den großen Jahren 1870/71 verbleibe?« Ferner: »Die Gemein­schaft der evangelischen Landeskirchen im deutschen Reich«, endlich: »Die Mitarbeit der evangelischen Kirche an den sozialen Aufgaben der Gegenwart«.

Es kann nicht fehlen, daß die Versammlung, welche die bedeutendsten Männer aller Zweige der deutschen evangelischen Kirche in sich faßt, eine mächtige Anregung zur wirklichen ernsten Mitarbeit der kirchlichen Kreise an den großen sittlichen und sozialen Ausgaben der Gegenwart gebe, und daß die Berathungen dem deutschen Volke zum Segen gereichen.

Unser Kaiser ist am 6. d. M. von Baden-Baden ab" gereist und über Rastatt, Karlsruhe, Bruchsal, Mannheim und Frankfurt a. M., wo. überall Sr. Majestät von Seiten des Volkes ein enthusiastischer Empfang zu Theil wurde, Sonnabend den 7., Vormittags in erfreulichstem Wohlsein wieder in der Residenz eingetroffen.

Am Dienstag (10.) wohnte Se. Majestät der Eröffnungs­sitzung der evangelischen Versammlung in der Garnisonkirche bei. — Unmittelbar daraus versammelte der Kaiser den Minister- rath zu einer Konsellssitzung um sich, um einige wichtige An­gelegenheiten mit Bezug auf die bevorstehende Reichstagssession zur Entscheidung zu bringen.

Unser Kronprinz hat mit der Kronprinzessin und der Großherzogin von Baden am 4. d. M. die Schlachtfelder von Weißenburg und Wörth besucht. Se. Kaiserliche und König­liche Hoheit wird zur Eröffnung des Reichstages nach Berlin kommen.

Der Reichskanzler Fürst von Bismarck ist Freitag, den 6., aus dem Lauenburgischen hierher zurückgekehrt.

Der Reichstag ist durch Kaiserliche Verordnung zum (Montag) 16. d. M. einberufen und wird von Sr. Majestät dem Kaiser eröffnet werden.

Verantwortlich: E. Liedtte in Berlin.

Berlin, Druck und Verlag der Königlichen Schelm« Lber<S°ibuchdruckerei (R. v. Decker).