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^ 38. Provinzial * Correspondenz. 20. S-pt-mb-r istl

kenntet Jahrgang.

Eine Botschaft des franzSsischen Msgrerungs-Dber- Hanptes an die Mationsl-BersammlANg.

In einer an die National-Versammlung zu Versailles ge­richteten Kundgebung hat der Präsident der französischen Re­publik, Herr Thiers, sich über die allgemeine Lage des Landes ausgesprochen. Es handelte sich zunächst darum, den Nachweis zu führen, daß der Nationalvertretung eine Pause in ihren Berathungen gestattet sei, und dieser Nachweis konnte selbst, verständlich nur gelingen, wenn der Blick auf ihre bisherigen Arbeiten und auf die Thätigkeit der Regierung zu einem be- friedigenden Ergebniß führte.

Herr Thiers erinnert nur an bekannte Thatsachen, indem er die schwierigen Aufgaben herzählt, an deren Bewältigung die Wirksamkeit der National-Versammlung und der Regie­rung sich zu erproben hatte. Zwei Kriege standen am Beginn ihrer Laufbahn: der Krieg gegen Deutschland und der Krieg gegen die in Paris zur Herrschaft gelangten Kommunisten. Mit Recht betont Herr Thiers vorzugsweise den Bürgerkrieg und die tiefen Wunden, die derselbe geschlagen hat. Im äußern Kriege fand Frankreich einen Gegner, der zum Kampfe heraus- gefordert worden und bereit war, die Waffen niederzulegen, sobald er die Sühne für die ihm zugefügte Unbill erlangen konnte,' im Inneren aber wüthete mit Raub, Brand und Mord ein unversöhnlicher Feind, der Widersacher aller staatlichen, gesetzlichen und sittlichen Ordnung. Es muß unstreitig als das Hauptverdienst der Rational - Versammlung und der von ihr eingesetzten Obrigkeit gelten, daß sie mit Entschlossenheit zu den Maßregeln griffen, die erforderlich waren, um mit dem auswärtigen Gegner Frieden zu schließen und den inneren Feind zu Boden zu schlagen. Wenn trotz der Opfer eines allzulange fortgesetzten Krieges und eines in Zerstörungs­lust schwelgenden Aufstandes die Hülfsquellen Frankreichs nicht versiegt sind, sondern bereitwillig die Mittel bieten, um die entstandenen Kosten und Schäden auszugleichen, sonst unleug­bar viel erreicht. Aber noch viel mehr bleibt zu erreichen. Es gilt, dem Frieden mit Deutschland durch gewissenhafte Erfül­lung der übernommenen Verbindlichkeiten und durch sorgfältige Pflege freundschaftlicher Beziehungen Festigkeit und Dauer zu geben/ es gilt, im Innern regelmäßige und haltbare Einrich­tungen zu schaffen und, wie Herr Thiers selbst sagt, Ordnung in die Geister zurückzuführen, nachdem sie nothdürftig auf dem Gebiete der Thatsachen hergestellt ist. Indem der Präsident der französischen Republik hier keineswegs mit vermeintlich glän­zenden Erfolgen prahlt, sondern nur von Anstrengungen und Versuchen spricht, bewahrt er sich das Verdienst eines nüchter­nen und einsichtigen Urtheils.

Man hat es Herrn Thiers zum Vorwurf gemacht, daß er in seiner Kundgebung die Frage: ob Republik oder Mon­archie? auf die Tagesordnung stellt und sich doch nicht hcr- beiläßt, eine Lösung vorzuzeichnen oder auch nur anzudeuten. Der Vorwurf ist nicht zutreffend. Nicht durch die Präsidial- Botschaft, sondern durch dic Ratur der Dinge ist jeneFrage ge­stellt, welche alle Geister im tiefsten Innern bewegt. Wenn aber das Land selbst im Unklaren über die Bahn ist, die es zu betreten hat, wenn die National-Versammlung ssch nicht berufen fühlt, eine bestimmte Richtung einzuschlagen, so bleibt Herrn Thiers innerhalb des ihm angemessenen Wirkungskreises keine andere Befugniß, als den Rechtsstand der Gegenwart festzu­halten und die Zukunftsfrage als eine offene zu behandeln. Freilich hat die Stimmung des Landes schon einen unzwei- heutigen Ausdruck bei den Wahlen für die National-Versammlung gefunden: die überwiegende Mehrheit der Volksvertreter besteht aus entschiedenen Anhängern der monarchischen Staatsform. Aber die Herstellung eines Thrones und die segensvolle Dauer eines Herrscherhauses verlangen festere Grundlagen, als die nur halb ausgesprochenen Wünsche eines Volkes,. in dem der Sinn für geschichtliche Ueberlieferung und politische Treue tief gesunken ist,' sie verlangen bessere Bürgschaften, als die unent­schlossenen Neigungen einer Mehrheit, welche nur in der Ueber- zeugung vondcn Vorzügen monarchischer Ordnung übereinstimmt, aber sich im Hader über die Person des zu berufenden Herrschers zerfleischt. So lange diese Verworrenheit in den Geistern

herrscht und durch die Fehler der Thronbewerber noch gesteigert wird, so lange ist Frankreich auf eine Politik des Hinhaltens und Versuchens angewiesen. Die Stunde der Entscheidung kann erst schlagen, wenn die Verhältnisse und die Personen reifer ge- worden sind.

Die Präsidial-Botschaft des Herrn Thiers entspricht offen­bar den Thatsachen und Bedürfnissen der Gegenwart, indem sie überall auf Trümmer und unfertige Zustände hinweist und an die dadurch bedingten Pflichten mahnt. Die erste Auf­gabe Frankreichs ist die Rettung aus dem Abgrund politischer und wirthschaftlicher Zerrüttung. Man muß .es Herrn Thiers als Verdienst anrechnen, daß er diese Erkenntniß offen aus- spricht und in seiner Kundgebung auf alle Reizmittel ver­zichtet, welche anmaßenden oder kriegslustigen Leidenschaften zur Ermuthigung dienen könnten. Ordnung, Freiheit und Wohlergehen: das sind die Ziele, die er den Bestrebungen des Landes vorzeichnet, und jedes verständige Urtheil wird hin­zufügen, daß diese Ziele nur auf dem Wege einer aufrichtigen Friedenspolitik zu erreichen sind.

ErinneruKgen «As dem Vorjahre.

LM. September L8SG. Vollständige Einschließung von Paris.

Depeschen aus dem deutschen Hauptquartier.

I. Aus dem großen Hauptquartier vom 20. September.

Nach den vorbereitenden Bewegungen der letzten Tage ist am 19. durch einen Vormarsch sämmtlicher Corps die vollständige Cernirung von Paris ausgeführt worden Se. Majestät der König recognos» cirten im Laufe des Tages die Nordost-Front der Befestigungen.

v. Podbielski.

II. Aus einigen Telegrammen des Königs an die Königin, vom 20. September.

Gestern früh die Meldung, daß die feindliche Position nördlich St. Denis bei Pierrefitte beim Erscheinen unserer Truppen verlassen ist. Soeben die Meldung, daß gestern Nachmittag das 5. Corps und 2. bayerische Corps nach Seine-Uebergang bei Villeneuve St. Georges südlich Paris drei Divisionen des Generals Vinoy auf den Höhen von Sceaux angegriffen, mit Verlust von 7 Kanonen und vielen Ge­fangenen geschlagen und hinter die Forts auf Paris zurückgetrieben haben. Mein 7. Regiment wieder viel Verluste. Fritz war zugegen. Das Wetter ist seit 8 Tagen prächtig.

III.

. FerrisreS, den 20. September.

Bei der Cernirung von Paris folgende siegreiche Gefechte: Am 17. warfen Theile der 17. Brigade feindliche Bataillone nördlich des Waldes von Brevannes über den Haufen. Am 18. kleines Gefecht bei Bicstre,' am 19. Zurückwerfung des Feindes aus der verschanzten Stellung daselbst durch 5. preußisches und 2. bayerisches Corps bis hinter die Forts, wobei ihm 7 Geschütze abgenommen wurden. Dies­seitige Verluste verhältnißmäßig sehr gering. In Versailles 2000Mobil- garden gefangen. Ssores, das diesseits Garnison verlangte, wurde besetzt. v. Podbielski.

IV. Fcrrisres, den 23. September.

Vor Paris nichts Neues. Pariser Journale vom 22. gestehen über den Kampf am 19. ein, daß vier französische Linien - Divisionen an demselben Theil genommen, in voller Flucht zurückgegangen sind, und die Panique bis in das Innere der Stadt hineingetragen haben. Sie erheben gleichzeitig die Mobilgarde, die nichts gethan hat, auf Kosten der Linie, welche sie mit Schmähungen überbäufen.

' So eben meldet Großherzog von Mecklenburg: Toul hat sich heut um 54 Uhr nach achtstündiger Beschießung mit den Bedingungen der Kapitulation von Sedan ergeben. v. Podbielski.

Die Unterhandlungen über die Zollverhältnisse Elsaß- Lothringens sind, nachdem sie schon einem befriedigenden Ergebniß nahe gerückt schienen, auf ernste Hindernisse gestoßen. Zwischen den Bevollmächtigten Deuffchlands und Frankreichs war ein Ueberein- kommen verabredet, welches den gewerblichen Erzeugnissen deS neuen Reichslandes die gewohnten Absatzwege nach Frankreich bis zum Schlüsse des Jahres 1871 zollfrei und bis zum 1. Juli 1873 durch er­mäßigte Tarifsätze offen erhalten sollte. Dagegen waren Frankreich nicht nur Zollbegünstigungen für die Einfuhr über die elsaß - lothrin­gische Grenze, sondern wichtige Erleichterungen in Betreff der Occupa- tionsverhältnisse geboten. Trotz der Vortheile, die in dem hier ange- deuteten Abkommen für Frankreich in Aussicht standen, hat die Na­tionalversammlung zu Versailles dem vorgelegten Vertragsentwürfe nur mit Abänderungen zugestimmt, die zu Gunsten Frankreichs noch weitere Zugeständnisse in Anspruch nehmen.