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rund um Sedan. — Garde, viertes, fünftes, elftes, zwölftes Corps und Bayern. — Feind fast ganz in die Stadt zurückgeworfen.

Wilhelm.

». September. Kapitulation von Sedan. Kaiser Na- Poleon ergiebt sich mit seiner ganzen Armee als kriegs- gefangen.

Schreiben des Kaisers Napoleon an König Wilhelm.

Mein Herr Bruder!

Da ich in der Mitte meiner Truppen nicht habe sterben können, bleibt mir nur übrig, meinen Degen in die Hände Eurer Majestät niederzulegen. Ich bin Euer Majestät

wohlgesinnter Bruder

Napoleon.

Antwort des Königs an Napoleon.

Mein Herr Bruder!

Indem Ich die Umstände bedauere, unter welchen wir uns be­gegnen, nehme Ich den Degen Ew. Majestät an und ersuche Sie, einen Ihrer Offiziere bezeichnen zu wollen, welcher mit den Voll­machten ausgerüstet ist, die Kapitulation der Armee zu verhandeln, welche sich unter Ihren Befehlen so tapfer geschlagen hat. Meinerseits babe Ich den General v. Moltke zu diesem Zweck bezeichnet. Ich bin Ew. Majestät

wohlgesinnter Bruder

Wilhelm.

Depesche des Königs an die Königin.

Vor Sedan, 2 September, 42 Uhr Nachmittags. Die Kapi­tulation, wodurch die ganze Armee in Sedan kriegsgefemgen, ist soeben mit dem General Wimpffen geschlossen, der an Stelle des verwundeten Marschall Mac Mahon das Kommando führte.

Der Kaiser hat nur sich selbst Mir übergeben, da er daS Kom­mando nicht führte und Alles der Regentschaft in Paris überläßt. Seinen Aufenthaltsort werde Ich bestimmen, nachdem Ich ihn ge­sprochen habe in einem Rendezvous, das sofort stattfinder.

Welch' eine Wendung durch Gottes Führung!

Wilhelm.

Aus einem Schreiben des Königs an die Königin.

Vendressc, südlich von Sedan, 3. September 1870.

Du kennst nun durch meine Telegramme den ganzen Umfang des großen geschichtlichen Ereignisses, das sich zugetragen hat. Es ist wie ein Traum, selbst wenn man es Stunde für Stunde hat ab­rollen sehen!

Wenn ich mir denke, daß nach einem großen glücklichen Kriege ich während meiner Regierung nichts Ruhmreicheres mehr erwarten konnte und ich nun diesen weltgeschichtlichen Akt erfolgt sehe, so beuge ich mich vor Gott, der allein mich, mein Heer und meine Mitver- bündeten auscisehen hat, das Geschehene zu vollbringen, und unS zu Werkzeugen Seines Willens bestellt hat. Mur in diesem Sinne vermag ich das Werk aufzufassen, und in Demuth Gottes Führung und Seine Gnade zu preisen.

Nun folge ein Bild der Schlacht und deren Folgen in gedrängter Kürze.

Die Acwce war am Abend des 31. und am 1. früh in den vor­geschriebenen Stellungen angelangt, rund um Sedan. Die Bayern hatten den linken Flügel bei Bazeilles an der Maas, daneben die Sachsen gegen Moncelle und Daigny, die Garde gegen Givonne noch im Anmarsch, das 5. und 11. CorpS gegen St. Menges und Fleig- neu$; da hier die Maas einen scharfen Bogen macht, so war von St. Menges bis Donchery kein Corps ausgestellt, in diesem Orte aber Württemberger, die zugleich den Rücken gegen AuSfälle von Mcziöres deckten. Kavallerie-Division Graf Stolberg in der Ebene von Don­chery als rechter Flügel. In der Front gegen Sedan der Rest der Bayern.

Der Kampf begann trotz dichten Nebels bei Bazeilles schon früh am Morgen, und es entspann sich nach und nach ein sehr heftiges Gefecht, wobei Haus für Haus genommen werden mußte, was fast den ganzen Tag dauerte, und in welches die Erfurter Division Schöler saus der Reserve, 4. Corps) eingreifen mußte. Als ich um 8 Uhr auf der Front vor Sedan eintraf, begann die große Batterie gerade ihr Feuer gegen die Festungswerke. Auf allen Punkten entspann sich nun ein gewaltiger Geschützkampf, der stundenlang währte, und wäh­rend dessen von unserer Seite nach und nach Terrain gewonnen wurde. Die genannten Dörfer wurden genommen...... Der heftige Widerstand des Feindes fing allmälig an, nachzulaffen, was wir an den aufgelösten Bataillonen erkennen konnten, die eiligst aus den Wäldern und Dörfern zurückliefen. Die Kavallerie suchte einige Bataillone unseres 5. CorpS anzugreifen, die vortreffliche Haltung bewahrten; die Kavallerie jagte durch die BataillonS-Inter- vollen durch, kehrte dann um und aus demselben Wege zurück, was sich dreimal von verschiedenen Regimentern wiederholte, so daß das Feld mit Leichen und Pferden besäet war, waS wir Alles von unserm Standpunkte genau mit ansehen konnten.

Da sich der Rückzug des FeindeS auf vielen Stellen in Flucht auflöste und Aller, Infanterie, Kavallerie und Artillerie in die Stadt und nächste Umgebung sich zusammendrängte, aber noch immer keine Andeutung sich zeigte, daß der Feind sich durch Kapitulation auS

dieser verzweifelten Lage }it ziehen beabsichtige, so blieb nichts übrig, alS durch die genannte Batterie die Stadt bombardiren zu lassen,' da es nach 20 Minuten ungefähr an mehreren Stellen bereits brannte, was mit den vielen brennenden Dörfern in dem ganzen Schlachikreise einen erschütternden Eindruck machte — so ließ ich das Feuer schweigen und sendete den Oberst - Lieutenant von Bronsart vom Gencralstabe als Parlamentär mit weißer Fahne ab, der Armee und Festung die Kapitulation an- tragend. Ihm begegnete bereits ein bayerischer Offizier, der mir meldete, daß ein französischer Parlamentär mit weißer Fahne am Thore sich gemeldet habe. Der Oberst-Lieutenant von Bronsart wurde eingelassen, und auf seine Frage nach dem General en chef ward er unerwartet vor dem Kaiser geführt, der ihm sofort einen Brief an mich übergeben wallte. Da der Kaiser fragte, was für Aufträge er habe, und zur Antwort erhielt: »Armee und Festung zur Uebergabe aufzufordern«, erwiderte er, daß er sich dirserhalb an den General von Wimpffen zu wenden habe, der für den blessirten Mac Mahon so eben das Kommando übernommen habe, und daß er nunmehr seinen General-Adjutanten Reille mit dem Briefe an mich absenden werde. Es war 7 Uhr, als Reille und Bronsart zu mir kamen,' letzterer kam etwas voraus, und durch ihn erfuhren wir erst mit Bestimmtheit, daß der Kaiser,anwesend sei. Du kannst Dir den Eindruck denken, den es auf mich vor Allem und Alle machte! Reille sprang vom Pferde und übergab mir den Brief seines Kaisers, hinzufügend, daß er sonst keine Aufträge habe. Roch ehe ich den Brief öffnete, sagte ich ihm: »Aber ich verlange als erste Bedingung, daß die Armee die Waffen niederlege.«

' Meine Antwort war, daß ich die Art unserer Begegnung beklage und um Sendung eines Bevollmächtigten ersuche, mit dem die Kapi­tulation abzuschließen sei. Nachdem ich dem General Reille den Brief übergeben hatte, sprach ich einige Worte mit ihm als altem Bekannten, und so endigte dieser Akt. — Ich bevollmächtigte Moltke zum Unterhändler und gab Bismarck auf, zurückzubleiben, falls po­litische Fragen zur Sprache kämen,' ritt dann zu meinem Wagen und fuhr hierher, auf der Straße überall von stürmischen Hurrähs der beranzichenden Trains begrüßt, die überall die VolkShymne an- stimmten. Es war ergreifend! AlleS hatte Lichter angezündet, so daß man zeitweise in einer improvisirten Illumination fuhr. Um 11 Uhr war ich hier und trank mit meiner Umgebung auf das Wohl der Armee, die solches Ereigniß erkämpfte.

Da ich am Morgen des 2. noch keine Meldung von Moltke über die KapitulationSverhandlungen erhalten hatte, die in Donchery statt- finden sollten, so fuhr ich verabredctermaßen nach dem Schlachtfeld um 8 Uhr früh und begegnete Moltke, der mir entgegenkam, um meine Einwilligung zur vorgeschlagenen Kapitulation zu erhalten, und mir anzeigte, daß der Kaiser früh 5 Uhr Sedan verlassen habe und auch nach Donchery gekommen sei. Da derselbe mich zu sprechen wünschte und sich in der Nähe ein Schlößchen mit Park befand, so wählte ich dies zur Begegnung. Um 10 Uhr kam ich auf der Höhe vor Sedan an; um 12 Uhr erschienen Moltke und Bismarck mit der vollzogenen Kapitulations- Urtunde,' um 1 Uhr setzte ich mich mit Fritz in Bewegung, von der Kavallerie-Sjabswache begleitet. Ich stieg vor dem Schlöß­chen ab, wo der Kaiser mir entgegen kam. Der Besuch währte eine Viertelstunde,' wir waren beide sehr bewegt über dieses Wiedersehen. — Was ich Alles empfand, nachdem ich vor drei Jahren Napoleon auf dem Gipfel seiner Macht gesehen hatte, kann ich nicht beschreiben.

. Nach dieser Begegnung beritt ich von 43 bis 48 Uhr die ganze Armee vor Sedan.

Der Empfang der Truppen, das Wiedersehen des dezimirten Garde-Corps, das Alles kann ich Dir heute nicht beschreiben,' ich war tief ergriffen von so vielen Beweisen der Liebe und Hingebung.

Nun lebe wohl mit bewegtem Herzen am Schlüsse eines solchen Briefes. Wilhelm.

Unser Kaiser hat den Jahrestag der Schlacht bei Sedan nicht vorüvergehen lassen, ohne in dankbarer Anerkennung die Leistungen der deutschen Truppen und ihrer trefflichen Führer zu ehren. Auch bei Tafel brächte der Monarch »dem treuen und ruhmreichen Heere, dem Patriotismus und der Opferfreudigkeit der Bevölkerung in allen deutschen Landen und allen Denjenigen, die zu den ent- scheidenden Erfolgen des vorjährigen FeldzugeS mitgeholfen haben«, ein Lebehoch.

Nachdem der Kaiser seine Badekur beendet, sollte die Abreise von Gastein am 6 erfolgen und zwar zunächst nach Salzburg, wohin Kaiser Franz Joseph sich zur nochmaligen Begrüßung seine« erlauchten Oheims begeben hat. Fürst BiSmarck wird bei der Zusammenkunft der Monarchen in Salzburg anwesend sein, während in der Begleitung de» österreichischen Kaisers neben dem Reichskanzler Grafen Beust auch die Minister-Präsidenten der beiden österreichischen ReichShälften, Graf Hohenwart und Graf Andraffy, sich einfinden werden.

Man darf mit Zuversicht erwarten, daß die wiederholten Begeg­nungen der beiden Herrscher und die Besprechungen ihrer leitenden Staatsmänner zur Befestigung des guten Einvernehmens zwischen Deutschland und Oesterreich dienen werden.

yex-ntivortlich r E. Lirötk in Berlin.

Berlin, Druck und Verlag der Königlichen Geheim« Oher-Hosbuchdruckerei (R. V. Decker).