seines feindlichen Corps gemeldet. Als aber die Hälfte der Armee über die Mosel gegangen war, griffen die Preußen uns mit beträchtlichen Streitkräften an. Sie wurden nach vierstündigem Kampfe mit großem Verlust zurückgewiesen.
Telegramm des Kaisers vom 15.
Alles ist zu einer großen Schlacht vorbereitet, und zwar so, daß ich zunächst für einen Sieg, der vielleicht entscheidend sein wird, bürgen kann.
16, August. Im gesetzgebenden Körper zu Paris machte Marschall Palikao folgende Mittheilung:
Die Preußen haben darauf verzichtet, die Rückzugslinie unserer Armee zu durchbrechen und die Vereinigung unserer Armeen zu verhindern.
1», August. Offizielle Depeschen von Marschall Dazaine:
Gestern während des ganzen Tages habe ich eine Schlacht geliefert. Wir blieben in unseren Positionen. Ich unterbrach meine Bewegung auf einige Stunden, um meine Munition zu ergänzen.
" Der Feind hatte beträchtliche Streitkräfte entfaltet und versuchte verschiedene Angriffe, welche kräftig abgewiesen wurden. Gegen Abend erschien ein neues Armee-Corps, welches unsern linken Flügel abzuschneiden suchte. Wir haben überall unsere Stellung behauptet und dem Feinde beträchtliche Verluste beigebracht, auch unsere Verluste sind erheblich. Um 8 Uhr war der Feind auf der ganzen Linie zurückgewiesen.
18. August. Im gesetzgebenden Körper gab Palikao folgende Erklärung ab: Die Nachrichten vom Kriegsschauplätze lauten gut. Die Preußen haben einen Waffenstillstand nachgesucht, um ihre Todten zu beerdigen/ sie haben auch ihren Vormarsch auf Bar- Ic-Duc eingestellt.
Chalons, 30. August, Abends. Der Kaiser hat gestern zu Pferde mehrere Armee - Corps besucht. Ueberall umringten ihn die Soldaten und verlangten, vorwärts zu marschiren.
Am Napoleonsfeste war im Lager von Chalons folgender Tagesbefehl bekannt gemacht worden:
»Mobilgarden. Der 15. August ist gewöhnlich ein Tag der Freude für ganz Frankreich. Aber für Euch, wie für alle Diejenigen, welche ein Herz für Frankreich in ihrer Brust schlagen fühlen, giebt es keinen Freudentag mehr, so lange der Feind den Boden des Vaterlandes beschimpft. Man wird Euch Waffen geben. Wir wollen sie schnell ergreifen, um mit ihnen unsere Brüder zu rächen, deren Blut bei Forbach und bei Reichshoffen gestoben ist. Sie sind wie Helden vor dem Feinde gefallen. Möge ihr letzter Ruf vor dem Tode auch der Eure sein: »Es lebe Frankreich! Tod den Preußen!«
Die Ansprache blieb ganz ohne Wirkung, und die Mobilgarden zeigten nicht die mindeste Kampfeslust, sondern verlangten mit lautem Geschrei, nach Paris zurückgeführt zu werden.
Ueber die Zustände im Lager von Chalons schrieb ein englischer Berichterstatter:
»Der Anblick des Lagers ist im höchsten Grade merkwürdig. Truppen rücken ein, Truppen rücken aus. Munitionswagen rasseln durch die Straßen/ Karren, Kanonen, Esel, Pferde, Mannschaften, Frachtfuhrwerke, Transporte mit Verwundeten und versprengte Ausreißer in großer Zahl, Alles das zusammen, untermischt von einem lärmenden Geschrei, in welchem die Lieder aufgehen, die man allenthalben hört, erzeugt ein unaufhörliches gewaltiges Getöse ohne Ruhepause. Obschon in drei Tagen die Wogen einer geschlagenen Armee, gefolgt von den Heerschaaren des grimmigen Feindes, hereinbrechen mögen, obschon jeder Mann in Frankreich das fühlt und weiß, sind die Ausschweifungen ebenso groß und Vergnügungen eben so begehrt, wie nur je. Am 13. gingen eine Reihe Truppenzüge nach Pont-L-Mouffon, kehrten aber eilig zurück, als sie den Ort von den Preußen besetzt fanden, welche sie mit Kugeln empfingen. In Chalons ging wieder das Gerücht, es sei in Paris Revolution ausgebrochen und Personen, die mit den Verhältnissen vertraut waren, äußerten die Ueberzeugung, die Hälfte, wenn nicht der ganze Schwärm der Mobilgarden würde sofort nach Paris ausreißen und sich durch Nichts abhalten lassen, wenn sich die Nachricht bestätigen sollte. Ueberhaupt, wenn man Alles zusammen nimmt, kommt man zu dem Schlüsse, daß nur die Armee dem Kaiser noch ergeben ist, sonst aber auch Niemand mehr.« 81. August. Marschall Mac Mahon räumt das Lager von Chalons.
Ueber die Aufhebung des Lagers wurde in einem französischen Blatt berichtet:
»Ich betrat das Lager am 21. gegen 6 Uhr Abends. Der Himmel war bedeckt und der Wind, welcher heftig wehte, trieb Staubwolken vor sich her, die bis zu einer ungeheuren Höhe emporwirbelten und bisweilen erst in einer Entfernung von 2—3 Kilometer wieder nieder- fielen. Nachdem ich das Schlachtfeld des Attila durchschnitten und 8—10 Kilometer der Ebene durchmessen, erreichte ich den Theil des Lagers, welcher sich rechts von dem Römischen Wege befindet. Die Zelte waren aufgeschlagen und breiteten sich bis in unabsehbare Ferne aus/ aber Todesstille herrschte überall. ES war wirklich schaurig. Man konnte sich in eine der alten Städte versetzt glauben, deren Einwohner durch einen Einfall der Barbaren vertrieben und Hals über Kopf geflohen wären. Die Bildsäulen und Denk
mäler, welche die Soldaten errichtet hatten, waren alle zertrümmert, und der Boden war mit Trümmern von Gyps und Steinen bedeckt. In der Eile des Abmarsches, vielleicht auch um das Gewicht ihres Gepäckes zu vermindern, hatten die Soldaten einen Theil ihrer Wäsche und ihrer Fußbekleidungen zurückgelassen. Tausende Paar Schuhe, Gamaschen, Hemden, Bürsten, Wichsbüchsen ic. lagen auf der Erde vor den Zelten umhergestreut. Ueberall Spuren des hastigen Abmarsches und der Verwüstung. Die Gemüthsbewegung, welche mich ergriff, war stärker als mein Wille, so daß ich die Thränen nicht zu- rückhalten konnte. Nach einem Marsch von einer halben Stunde erreichte ich das Dorf Mourmelon. Dort war nur noch ein kleines Truppendetachement und einige Einwohner, welche ihre Möbel in größter Eile auf Wagen luden. Auf der Post und dem Telegraphenamte hatte man die Papiere und überflüssig gewordenen Register verbrannt. Die Truppen hatten das Lager Morgens um 8 Uhr mit einer Eskorte von 3—4000 Bagagewagen verlassen, welche auf einer Strecke von sechs Meilen den Weg versperrten. Es war fast Nacht, als ich das Lager verließ und mich der Armee anschloß. Eine Schwadron Kürassiere stand am Ende des Lagers auf dem Römischen Wege. Links von dem Wege erstreckten sich sehr gleichmäßig gesäete Tannen- gehölze. Plötzlich gegen 8^ Uhr sahen wir 2 Kilometer von dem Lager von einem Hügel auS, welcher die Ebene beherrscht, ein röthliches Licht hinter dem Gehölz aufleuchten und eine ungeheuere Flamme zum Himmel aufsteigen. Bald erhoben sich weiter rechts neue Flammen und der Brand nahm eine erschreckende Ausdehnung an. Es hatte den Anschein, als wenn der Horizont in einer Ausdehnung von mehreren Meilen in Flammen stände. Hat man das Lager angesteckt, um die Preußen zu hindern, sich dort einzurichten, oder hat man sich damit begnügt, ganz einfach Feuer in das Gehölz und an die Stroh- und Heuschober, welche man wegen schleunigen Abmarsches und Mangels an Transportwagen unmöglich mitnehmen konnte, zu legen? Freilich nach den Befehlen, welche Tags zuvor den Beamten von der Telegraphie und anderen Staats - Etablissements gegeben waren, sie sollten ihre Mobilien in kürzester Frist fortschaffen, um sich nicht dem auszusetzen, daß sie verbrannt wurden, hat man Ursache anzunehmen, daß die Vernichtung des Lagers für den Fall, daß das Heer sich in die Nothwendigkeit versetzt sähe, eine strategische (d. h. rückgängige) Bewegung iu machen, vorher bestimmt gewesen sei.« In der That waren die Magazine mit der Fourage von den abziehenden Truppen Mac Mabons verbrannt worden/ nur die Zelte, Lazaretbe und das Kaiserliche Quartier standen noch. Dagegen hatte man 10,000 Paar Schuhe mit verbrannt, so daß ein Theil der Mobilgarde hinterher barfuß gehen mußte.
»5. August. Depesche aus dem deutschen Hauptquartier zu Dar-le-Duc.
Seit unsern Siegen bei Metz und der Einschließung der Franzosen in der dortigen Stellung sind unsere zu letzterer nicht erforderlichen Truppen in raschem und ununterbrochenem Vorrücken begriffen. Chalons ist von denselben besetzt, ihre Spitzen stehen bereits zwischen dort und Epcrnay.
In Gastein nimmt die Badekur unseres Kaisers ihren regelmäßigen Fortgang. Für den Erfolg derselben spricht die augenscheinliche Rüstigkeit des Monarchen, der außer den täg- lichen Spaziergängen auch weitere Ausflüge in die Umgegend unternimmt.
Auch für die Kräftigung und Erfrischung des Reichskanzlers Fürsten Bismarck erweist die Kur in Gastein sich von günstiger Wirkung, obgleich der hohe Staatsmann den größten Theil des Tages in unermüdlicher Thätigkeit den Obliegenheiten seines amtlichen Berufes widmet. Der Verkehr des Deutschen Reichskanzlers mit dem österreichischen Kanzler Grafen Beust, der schon in der vorigen Woche Gastein verlassen hat, war ein sehr lebhafter und freundschaftlicher.
Den Zusammenkünften in Wels, Jschl und Gastein hat die Theilnahme der Bevölkerung sich mit der Hoffnung zugewendet, daß die Begegnungen der Herrscher und der leitenden Staatsmänner dazu dienen werden, den Beziehungen zwischen Deutschland und Oesterreich den Charakter aufrichtigen und festen Einvernehmens zu verleihen. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß diese Hoffnung in den Thatsachen ihre Bestätigung gefunden hat, obwohl offenbar zum Abschluß förmlicher Verträge keine Veranlassung vorlag. Das freund- fchaftliche Verhältniß zwischen den Regierungen Deutschlands und Oesterreichs ist durch die von beiden Seiten offen bekannte Ueberzeugung gesichert, daß ihr Einverständniß gleichzeitig dem Wohl beider Reiche, wie der Erhaltung des allgemeinen Friedens in Europa zu Gute kommt.
Der Bundesrath des Deutschen Reiches, welcher seine Sitzungen für einige Zeit unterbrochen hatte, wird voraussichtlich in der Mitte des Monats September wieder zusammentreten, um seine regelmäßige Thätigkeit aufzunehmen.
Verantwortlich; E. Liedtke in Berlin,
Bnlin, Druck und Öttlag 6« Königlichen Scheimm Vbkr-Losbuchdrucknei (R. d. Dicker).