^ 34. Provinjial- Correspondenj. 23. August w7i.
Neunter Jahrgang.
Zum Andenken an die Kämpfe bei Metz.
Der jüngst abgelaufenen Woche gehören die Gedenktage jener schweren und blutigen Schlachten an, welche in der Umgebung von Metz geschlagen wurden. Nach den Vorkämpfen von Weißenburg, Wörth und Spicheren, welche den Krieg so glücklich für Deutschland eingeleitet hatten, standen damals die beiderseitigen großen Heeresmassen sich gegenüber und alle Welt empfand, daß die Folgen ihres Zusammentreffens von entscheidendem Einfluß aus den Verlauf des ganzen Feldzuges sein müßten. Ruhm und Sieg der deutschen Fahnen waren der Lohn heldenmüthiger, meisterhaft geleiteter Anstrengungen — darüber ließen die im Geiste strengster Wahrheitsliebe gehaltenen Botschaften des königlichen Oberfeldherrn keinen Zweifel —; aber unter dem unmittelbaren Eindruck der erschütternden Ereignisse, im Hinblick auf die mit vaterländischem Blute reichlich getränkten Lorbeern war nicht überall das Auge frei genug, um das ganze Gewicht des errungenen Erfolges sofort richtig zu schätzen. Erst allmälig im Ueberblick über den Zusammenhang des Feldzuges ohne Gleichen klärte sich das öffentliche Urtheil und gelangte zu der Erkenntniß, daß durch jene Schläge der deutschen Waffen die Hauptkraft des kriegsmächtigen Frankreichs rettungslos gebrochen war.
Schon die Tage vom 4. und 6. August 1870 hatten dem Feldzuge eine bedeutungsvolle Wendung gegeben. Wenn auch durch die glänzenden Erfolge der Kämpfe von Weißenburg, Wörth und Spicheren zunächst nur die vorgeschobenen Flügel der feindlichen Streitmacht gelähmt wurden, während der Kern der französischen Armee noch unberührt stand, so trat doch die Wucht der ersten deutschen Siege alsbald zu Tage. Es zeigte sich, daß der ganze Feldzugsplan des Feindes über den Haufen geworfen und seine bisherige Zuversicht gebrochen war. Von der tiefen Erschütterung im feindlichen Lager zeugt schon die Fassung einer Depesche, in welcher der Kaiser Napoleon in. unter dem 6. August nur kleinlaut die Hoffnung auszusprechen wagte, daß „noch Alles wieder in das rechte Geleise kommen könnte". Nicht bloß der Gedanke eines Einbruches in deutsches Gebiet war völlig beseitigt, sondern die französischen Feldherrn er? unten bald, daß sie nicht mehr im Stande seien, ihre eigenen C nzlande zu decken.
Inzwischen ^ogen die deutschen Heeressäulen schnellen, aber gemessenen Schrittes in Frankreich ein , von der Begeisterung der ersten Waffenthaten und von dem freudigen Bewußtsein getragen, das Vaterland gegen die Gefahr eines feindlichen Anfalles geschützt zu haben. Die erste und zweite deutsche Armee unter General von Steinmetz und dem Prinzen Friedrich Carl rückten westwärts in breiter Linie von der Saar aus gegen die Mosel vor, während die dritte Armee unter dem Kronprinzen, deren Stellung um viele Meilen nach dem Südosten zurücklag, rüstig ihren Vormarsch auf die gemeinsame Operationslinie an der Mosel vollzog und am 11. August nach Ueberschreitung der Vogesen schon die Verbindung mit den anderen Heereskörpern erreicht hatte. An demselben Tage war auch das königliche Hauptquartier nach St. Avold auf fran- een Boden verlegt worden. Jetzt waren alle Vorbe- ngen erfüllt, um die französische Hauptarmee zu umfassen und ihr eine entscheidende Schlacht zu liefern, wenn sie zum Standhalten veranlaßt werden konnte.
Nach längerem Schwanken hatte der Feind beschlossen, der eisernen Umarmung der deutschen Heere aus dem Wege zu gehen. Marsckall Bazaine, welchem der Oberbefehl über die gesummten französischen Streitkräfte übertragen war, fand es gerathen, seine noch unverletzte, aus Kerntruppen bestehende Armee von Metz aus nach dem Westen zurückzuführen. Auf diesem Wege sollte sie Gelegenheit finden, sich mit den Heereskörpern zu vereinigen, die der Marschall Mac Mahon inzwischen zu sammeln bemüht war, und mit der Sicherheit überlegener Zahl auf einem Vortheilhaft gewählten Kampfplätze den deut- schen Streitkräften die Stirn zu bieten. Unter den obwaltenden Umständen war der Plan unzweifelhaft vorsichtig und wohlberechnet/ aber mit der Ausführung desselben wurde zu lange gesäumt. Von deutscher Seite hatte man die Absichten des Feindes durchschaut und wenige Tage genügten, um seine Schachzüge zu durchkreuzen. Mit genauer Noth gelang es
noch dem Kaiser Napoleon, ungehindert von Metz aus nach Chalons zu gelangen.
An jenen heißen und blutigen Tagen hatten die deutschen Truppen nach allen Richtungen hin die schwierigsten Proben ihrer Leistungsfähigkeit abzulegen, und sie bewährten sich in der Prüfung durch Thaten, welchen die Kriegsgeschichte aller Zeiten Nichts Gleiches an die Seite zu stellen hat. Es galt, dem Feinde einen viele Meilen weiten Vorsprung abzugewinnen, durch welchen er schon unerreichbar für einen wirksamen An» griff schien/ es galt, auf jedem Punkte, wo er Stand hielt, den Kampf anzunehmen, ohne Rücksicht auf die Ueberlegenheit seiner Zahl und die Festigkeit seiner Stellungen. So war die Vor- fchrift und so war die Ausführung: über alle Hindernisse siegten die deutschen Heere durch Wunder der Marschfähigkeit, des Heldenmuthes, der Ausdauer, und der königliche Dank, der ihnen auf den ruhmvollen Schlachtfeldern zu Theil wurde, war ein wohlverdienter. Die meisterhafte Heeresleitung konnte mit sicherer Hand ihre Pläne vorzeichnen und durchführen, weil ihr Vertrauen auf die Tüchtigkeit der Armee sich überall bewährte.
Die Kette der Gefechte und Schlachten begann am 14. August, als die Truppen Bazaine's den Abmarsch von Metz nach dem Westen antreten sollten und die noch auf dem östlichen Moselufer befindliche Nachhut der französischen Rheinarmee zum Abzüge ausbrach. Kaum war die Bewegung im deutschen Lager erkannt, so erfolgte auch ein Angriff (bei Courcelles), zuerst von der Vorhut des VII. Armee-Corps, welche dann von der 13. und 14. Division und von Abtheilungen des I. Armee-Corps kräftig unterstützt wurde. Der Feind zog aus der Festung Verstärkungen heran, wurde aber überall zurückgeworfen, und der weittragende Erfolg des Tages war eben, daß Bazaine sich veranlaßt fand, den Abmarsch seiner Truppen zu verzögern. Dadurch gewann Prinz Friedrich Carl die nöthige Zeit, um nach Ueberschreitung der Mosel mit einem Therl seiner Streitkräfte die abrückenden Franzosen zu umgehen und ihnen am 16. August (bei Vionville) den Weg zu verlegen. Ungeheuer waren die Anstrengungen, groß die Opfer/ aber der Erfolg war vollständig und über alles Lob hinaus ehrenvoll. Das in. Armee-Corps hielt wie eine Mauer viele Stunden lang gegen den übermächtigen Andrang der Bazaine- schen Streitmassen Stand, bis das X. Armee - Corps und einige andere Truppentheile in den Kampf mit eingreifen konnten/ die Kavallerie zeichnete sich dur h unermüdliches, todesmuthiges Anstürmen gegen die feindlichen Heeressäulen aus, und nach zwölfstündiger Schlacht musie die stolze französische Rheinarmee vor einer weit schwächeren Truppen- macht weichen und den Rückzug antreten. Endlich am 18. August bei Gravelotte wurde das Schicksal der Bazrinefchen Armee besiegelt. König Wilhelm selbst übernahm der Oberbefehl und führte die Schaaren der I. und II. Armee zur Entscheidungsschlacht. Von beiden Seiten wurde mit bewundernd- werther Tapferkeit und Standhaftigkeit gekämpft: unser König gab auch den Widersachern das ehrendste Zeugniß/ aber ein vollständiger Sieg krönte die Anstrengungen der deutschen Waffen. Die heißeste Arbeit des Tages war besonders den Sachsen und den preußischen Garden zugefallen, und das Pommersche Armee-Corps brach am späten Abend durch unwiderstehlichen Bajonettangriff die letzten Kraftanstrengungen des Feindes. Mit Recht konnte der heldenmüthige König vom Schlachtfelde aus schreiben: „Das war ein neuer Siegestag, dessen Folgen noch nicht zu ermessen sind."
Erst später ward der Erfolg dieser heißen Kämpfe, der Lohn schwerer Opfer allen Augen offenbar: die beste Armee Frankreichs war gelähmt und unrettbar verloren/ sie trat aus der Gefangenschaft in der Festung Metz nur in wirkliche Kriegsgefangenschaft/ die Vereinigung Bazaine's und Mac Mahons war vereitelt, und deshalb konnte der Schlag bei Sedan so fchnell, so sicher und so wirkungsvoll geführt werden/ ja der Fall von Metz wurde beschleunigt, weil die großen Lebens- mittel-Vorräthe der Festung für so ungeheuere Truppenmassen nicht lange ausreichen konnten. Von allen diesen Umständen hing das Schicksal des Fcldzuges, das Ergebniß des Friedensschlusses ab, und so wird es denn in der vaterländischen Geschichte heißen: „Das theure Blut ist nicht vergebens geflossen."