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Neunter Jahrgang.
Die Kaiser-Zusümmellkunft.
Zu herzlicher Begrüßung haben Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Joseph sich soeben auf österreichischem Boden zusammcn- gefunden. In der freudigen Theilnahme, welche sich in allen Kreisen der Bevölkerung für dieses Ereigniß kundgiebt, offenbart sich das Bewußtsein, daß die Umarmung der Herrscher nicht bloß den Ausdruck persönlicher Freundschaft enthält, sondern auch als Unterpfand für die guten Beziehungen zwischen den beiden Nachbarreichen zu gelten hat.
Das Verhältniß zwischen Deutschland und Oesterreich bedurfte einer Klärung, die sich nicht ohne tiefgreifende Erschütterungen und Umgestaltungen vollziehen ließ. Nachdem der Wettkampf um die Leitung der deutschen Angelegenheiten erledigt war, bekannte Preußen sich sofort zu der Ueberzeugung, daß einem freundschaftlichen Einvernehmen zwischen Deutschland und Oesterreich in den Verhältnissen beider Länder kein Hinderniß entgegenstehe, und die preußische Staatsleitung zeigte sich von dem Wunsche beseelt, den Friedensschluß zu einem aufrichtigen und dauernden zu machen. Indessen hatte der Präger Vertrag, welcher unter der Mitwirkung ungünstiger Einflüsse zu Stande kam, vielfach unfertige Zustände und unklare Verhältnisse zurückgelassen, welche dazu angethan waren, die innere Festigkeit des geschloffenen Friedens auf ernste Proben zu stellen.
An trüben Voraussagungen hat es denn auch im Laufe der jüngsten Jahre nicht gefehlt. Unter Hinweis aus verein- zelte ungünstige Anzeichen ward die Besorgniß laut, Oesterreich sei entschlossen, bei erster Gelegenheit im Bunde mit Frankreich einen Rachekrieg gegen Preußen zu unternehmen und jeden Falls gegen den Anschluß Süddeutschlands an Norddeutschland mit bewaffneter Hand Einspruch zu erheben. Andererseits wurde die Verdächtigung verbreitet, die erste Lebensäußerung des Deutschen Reiches unter Führung Preußens werde der Krieg gegen Oesterreich sein.
Durch die Thatsachen sind alle derartigen Ankündigungen in erfreulicher Weise Lügen gestraft worden. Während der ganzen Dauer des Krieges zwischen Deutschland und Frankreich ist Oesterreich aus den von gesunder Einsicht vorgezeichneten Grenzlinien ruhiger Neutralität nicht herausgetreten, und die Herstellung des Deutschen Reiches unter Preußens Führung hat zu keinerlei Zerwürfniß mit Oesterreich, sondern unmittelbar zu einem Austausch von Freundschaftsbeweisen geführt.
Es ist von hohem Werthe, daß gerade die Vollendung des deutschen Einheitswerkes zum Ausgangspunkte für die An- Näherung zwischen den beiderseitigen Regierungen wurde. Vor Abschluß der bezüglichen Vereinbarungen war vöm Kanzler des Norddeutschen Bundes schon der österreichischen Regierung angekündigt worden, daß ihr eine im Geiste aufrichtigen Entgegenkommens gehaltene Mittheilung über die bevorstehende Neugestaltung der deutschen Verhältnisse zugehen werde. Daraus hatte Gras Beust geantwortet: „die Regierung Oesterreich-Ungarns werde die angekündigte Mittheilung so günstig aufnehmen , wie es von Seiten Preußens nur immer gewünscht werden könne." Es erfolgte dann unter dem 14. Dezember v. 3- von Versailles aus die in Aussicht gestellte Eröffnung, welche ausdrücklich durch den Wunsch Preußens begründet wird, „mit dem mächtigen und befreundeten Nachbarreiche Beziehungen zu pflegen, welche der gemeinsamen Vergangenheit ebenso, wie den Gesinnungen und Bedürfnissen der beiderseitigen Bevölkerung entsprechen", und in welcher der Bundeskanzler schließlich die Hoffnung auSdrückt, „daß Deutschland und Oesterreich-Ungarn mit den Gefühlen des gegenseitigen Wohlwollens auf einander blicken und sich zur Forderung der Wohlfahrt und des Gedeihens beider Länder die Hand reichen werden". In der Antwort des österreichischen Kanzlers vom 26. Dezember v. I. wird versichert, daß die Preußische Regierung in der Kundgebung jener Hoffnung nur dem Ausdruck der Empfindungen Oesterreichs zuvorgekommen sei, daß in allen maßgebenden Kreisen Oesterreich-Ungarns der aufrichtigste Wunsch vorherrsche, mit dem mächtigen Staats- Wesen, dessen Gründung sich nunmehr vollziehe, die besten und freundschaftlichsten Beziehungen zu pflegen und daß diese Ge-
( sinnungen auch in der Person des Kaisers einen erhabenes Schützer und Förderer finden.
So ward die Wiederauferstehung des Deutschen Reiches auch zugleich die Geburtsstunde der Wiederannäherung zwischen Deutschland und Oesterreich. Im Hinblick aus einen wichtigen Abschnitt der deutschen Geschichte kam das Bedürfniß freundschaftlicher Beziehungen zwischen den beiden Regierungen zum entschiedenen Ausdruck, und die Kundgebungen jener Zeit erhalten jetzt ihre feierliche Bestätigung durch die Zusammenkunft der Monarchen. In dem herzlichen Händedruck, welchen Kaiser Franz Joseph mit dem Oberhaupt des Deutschen Reiches tauscht, besiegelt er die Versicherung, persönlich ein „Schützer und Förderer" des guten Einvernehmens mit Deutschland zu sein, während ihm die volle Erwiederung freundnachbarlicher Gesinnungen zu Theil, wird.
Die Annäherung zwischen Deutschland und Oesterreich wird in ihrem Werthe keineswegs dadurch vermindert, daß sie nicht für die Zwecke eines förmlichen Bündnisses erfolgt. Vielmehr hat man Wesen und Bedeutung des neuen Verhältnisses zwischen beiden Reichen grade darin zu erkennen, daß es nicht durch eine zwingende Nothwendigkeit der politischen Lage, sondern durch die Verwandtschaft der Gesinnungen und Bedürfnisse begründet ist. Das Einverständniß zwischen Deutschland und Oesterreich —, weit entfernt, eine Gefahr oder eine Drohung für andere Mächte in sich zu schließen, — entspricht lediglich dem beiderseitigen Verlangen nach dauernder Förderung der gemeinsamen Wohlfahrt. In allen zwischen beiden Regierungen ausgetauschten freundschaftlichen Kundgebungen findet sich die Zuversicht ausgesprochen, daß ihre Eintracht zu einer festen Stütze für den Frieden Europa's werden wird, und die thatsächlichen Verhältnisse, wie der persönliche Charakter der Herrscher, umgeben diese Verheißung mit Bürgschaften, über deren Gewicht die öffentliche Meinung Europa's nicht in Zweifel sein kann.
Erinnerungen aus Sem Vorjahre.
Armerbefehle und Proklamationen beim Einrücken in Frankreich.
8. August L8V«. Armeebefehl des Königs.
Soldaten! Die Verfolgung des nach blutigen Kämpfen zurück- gedrängten Feindes hat bereits einen großen Theil unserer Armee über die Grenze geführt. Mehrere Corps werden heut und morgen den französischen Boden betreten Ich erwarte, daß die MannSzucht, durch welche Ihr Euch bisher ausgezeichnet habt, sich auch besonders auf feindlichem Gebiete bewähren werde. Wir führen keinen Krieg gegen die friedlichen Bewohner des Lande?, eS ist vielmehr die Pflicht jedes ehrliebenden Soldaten, das Privateigenthum zu schützen und nicht zu dulden, daß der gute Ruf unseres Heeres auch nur durch einzelne Beispiele von Zuchtlosigkeit angetastet werde. Ich baue auf den guten Geist, der die Armee beseelt, zugleich aber auch auf die Strenge und Umsicht aller Führer.
Hauptquartier Homburg, den 8. August 1870.
Wilhelm.
Armeebefehl des Prinzen Friedrich Carl.
Soldaten der II. Armee! Ihr betretet den französischen Boden. Der Kaiser Napoleon hat ohne allen Grund an Deutschland den Krieg erklärt, er und seine Armee sind unsere Feinde. Das französische Volk ist nicht gefragt worden, ob es mit seinen deutschen Machbaren einen blutigen Krieg führen wollte,' ein Grund zur Feindschaft ist nicht vorhanden. Seid dessen eingedenk den friedlichen Bewohnern Frankreichs gegenüber,' zeigt ihnen, daß in unserem Jahrhundert zwei Kulturvölker, selbst im Kriege mit einander, die Gebote der Menschlichkeit nicht vergessen. Denkt stets daran, wie Eure Eltern in der Heimath es empfinden würden, wenn ein Feind, was Gott verhüte, unsere Provinzen überschwemmte. Zeigt den Franzosen, daß das deutsche Volk nicht nur groß und tapfer, sondern auch gesittet und edelmüthig dem Feinde gegenüber ist.
Aus dem Armeebefehle des Generals von Steinmetz.
Soldaten der I. Armee! Auf Befehl Sr. Majestät des Königs wird die erste Armee morgen die französische Grenze überschreiten. Laßt uns diesen ersten Erfolg unserer bisherigen Anstrengungen beim Betreten des feindlichen Gebietes mit einem unserer weisen Allerhöchsten Kriegsherrn ausgebrachten Hurrah begrüßen. Für gutes Verhalten in dem uns bevorstehenden Kampfe mit einer uns völlig ebenbürtigen Armee bürgt mir Eure Vaterlandsliebe, Euer Muth und Euer gerechter Stolz, die Euch verbieten, die Beleidigung, welche ein anmaßm